01. Rückkehr zur Pegasus-Galaxie by ulimann644
Summary: Fast ein Jahr ist vergangen, seit ATLANTIS zur Erde flog, um den Angriff eines verbesserten Basisschifs der Wraith abzuwehren. Bei diesem Abwehrkampf sind viele der Systeme von ATLANTIS stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Doch statt eine rasche Reparatur der Stadt in die Wege zu leiten, hat Richard Woolsey insgeheim beim Internationalen Komitee dafür Werbung gemacht, die Kernsysteme der Antiker-Stadt auszubauen, um sie besser studieren zu können. Das jedoch liegt wiederum weder im Interesse von Teyla Emmagan und Ronon Dex, noch in dem von Lieutenant-General Jack O´Neill, dem Leiter des Homeworld-Command. Darum greift O´Neill zu einer List.
Als permanente Bedeckung für die Stadt sollen diesmal die irdischen Schlachtkreuzer AUSTERLITZ, SUN TZU und JEANNE D´ARC die Reise mitmachen. Im Zuge dieser Entwicklung wird Generalmajor Alexandra Degenhardt, von der Deutschen Lufwaffe, etwas überraschend, vom IOA zur neuen Leiterin der Stadt ATLANTIS ernannt. Die energische Endvierzigerin, die sich bereits im Krieg gegen die Ori, als Kommandantin der AUSTERLITZ, einen Namen gemacht hat, begibt sich umgehend ans Werk um die Rückkehr zur Pegasus-Galaxie einzuleiten.
Categories: Stargate Atlantis Characters: Antiker, Chuck, Elizabeth Weir, Jennifer Keller, John Sheppard, Other Character, Own Character, Radek Zelenka, Rodney McKay, Ronon Dex, Teyla Emmagan, Wraith
Genre: Keine
Challenges: Keine
Series: SGA - Der Wraith-Krieg
Chapters: 11 Completed: Ja Word count: 44191 Read: 172 Published: 20.11.21 Updated: 20.11.21
Story Notes:
Bei dieser SGA-Serie setze ich etwa ein Jahr nach den Ereignissen der letzten TV-Serien-Episode an. Wobei ich den Kanon insofern erweitert habe, dass nun auch Japan und Deutschland im IOA vertreten sind (was bei Entscheidungen eine Verschiebung der Mehrheiten zur Folge hat). Denn mir war das Ganze (leider US-Serien-typisch) viel zu sehr USA-lastig (oder besser lästig).
Ich fand, etwas mehr Multikulti kann nicht schaden. Also wird ATLANTIS diesmal nicht von einem US-Militär (oder Zivilisten/Zivilistin) kommandiert. Auch wird der Schutz der Stadt hier weniger von USAF-Kreuzern gewährleistet, sondern von zwei Kreuzern der EU und der chinesischen SUN TZU. (Letzerer Kreuzer ist zwar namentlich genannt worden, doch leider gab es keine weitergehenden Infos dazu.) Die SUN TZU wurde zwar in der letzten Episode offensichtlich ziemlich zerrupft aber ich gehe davon aus, dass man den Kreuzer retten konnte und geborgen hat. Allerdings wird zu Beginn dieser Episode noch fleißig an der SUN TZU geschraubt.
Demzufolge werden (allein mit den Kommandanten der drei BC-304-Schlachtkreuzer) einige neue Charaktere die Bühne betreten (die aber zwangsläufig nicht alle gleich in der ersten Episode ausgedehnt handeln können). In dieser ersten Episode habe ich deshalb mein Augenmerk zuerst einmal auf die Kommandantin der SUN TZU gerichtet.
Ansonsten dachte ich mir, dass es Spaß machen könnte Jeanie mit auf die Reise zu nehmen (was bestimmt tolle Geschwister-McKay-Twists zulassen wird) um sie gelegentlich mit Ronon (der wie Teyla ein eigenes Team bekommen wird) auf die Reise zu schicken. Auch das Gespann wird bestimmt für einige tolle Momente sorgen können. Leider noch nicht in dieser ersten Episode.
Für diese Serie bin ich davon ausgegangen, dass man in Area-51 (bzw. dessen Nachfolger) endlich auch mal Erfolge vorweisen kann. Aus den verschiedenen Beutetechniken hat man also sowohl Plasmakanonen für die BC-304-Schlachtkreuzer entwickelt, als auch Handwaffen, die auf dieser Technik basieren und dem Blaster den Ronon besitzt mindestens ebenbürtig sind. Es ist also (anders als in den TV-Serien) nicht weiterhin permanent auf der Stelle getreten worden.

1. Prolog by ulimann644

2. Ankunft auf ATLANTIS by ulimann644

3. Doppelter Einsatz by ulimann644

4. Unterweisungen by ulimann644

5. Alte Freunde by ulimann644

6. Aufbruch by ulimann644

7. Auf falschem Kurs by ulimann644

8. Götter der Nacht by ulimann644

9. Erstkontakt by ulimann644

10. Gestrandet by ulimann644

11. Epilog by ulimann644

Prolog by ulimann644
Author's Notes:
STARGATE-UNIVERSE is a related Trademark by MGM
Original-TV Series created by Brad Wright and Robert C. Cooper
PROLOG


Die schlanke, beinahe zierlich wirkende Frau sah den Dreisterne-General der amerikanischen Luftwaffe finster an. In ihren dunklen Augen loderte dabei ein gefährliches Feuer, dass nur selten so stark in Erscheinung trat wie gerade in diesem Moment. Dabei wirkte sie in ihrem eleganten, dunklen Kostüm, mit der makellos weißen Bluse darunter, eher wie eine Geschäftsfrau die am Ende eines langen Tages im Büro froh war, die Füße hochlegen zu können und bei einem Glas Rotwein ihre Ruhe zu haben.
Der General kannte die Frau jedoch gut genug, um zu wissen, dass dieser Eindruck gar nicht weiter an der Realität vorbeiging. Er hatte die sehnige Frau mit den asketischen Gesichtszügen bereits im Kampf erlebt. Im gedämpften Licht der Beleuchtung in diesem Büro wirkte ihr Gesicht beinahe so, als sei es aus Bronze.
Lieutenant-General Jonathan Jonah O´Neill, den seine Freunde zumeist einfach Jack nannten, hielt dem Blick der Frau stand. Er lehnte sich hinter seinem ausladenden Schreibtisch, auf dem sich Berichte in einem Ablagebehälter stapelten, in seinem schwarzen hochlehnigen Ledersessel zurück. Seine bereits früh ergrauten Haare vermittelten dabei eine Seriosität, die der hochgewachsene Mittfünfziger mitunter vermissen ließ. Überwiegend dann, wenn ihn Irgendetwas oder Irgendjemand nervte, was nicht gerade selten der Fall war. Oft, so wie in diesem Moment, war ihm anzumerken, dass er der Zeit nachtrauerte, in der er es noch gewesen war, der andere Leute genervt hatte.
Schließlich seufzte O´Neill schwach. Er sah die Frau und den Hünen, der neben ihr saß, mit seinen braunen Augen beinahe bittend an. Mit einem ironischen Unterton in der Stimme erklärte er dann, ein wenig süffisant wie es schien: „Ich kann Sie und Ronon sehr gut verstehen, Teyla. Ich kenne niemanden, der Mister Woolsey nicht würde umbringen wollen, wenn er fast ein ganzes Jahr mit ihm zusammen gewesen wäre, so wie Sie beide. Andererseits haben Sie sich selbst vor Richard Woolseys Karren spannen lassen.“
Zum ersten Mal meldete sich der grimmige blickende, kräftige Mann von Sateda zu Wort, als er irritiert fragte „Was?“
O´Neills Augenbrauen zogen sich zusammen. Dann begriff er, warum Ronon gefragt hatte und er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Vergessen Sie das. Was ich damit sagen will ist: Sie hätten NEIN sagen sollen, als Woolsey Ihnen beiden anbot, als Gesichter der Außerirdischen von Pegasus von Konferenz zu Konferenz zu reisen.“
„Richard Woolsey versprach uns, dass er sich für eine rasche Rückkehr von ATLANTIS in die Pegasus-Galaxie einsetzen wird, wenn wir ihn unterstützen“, hielt die Athosianerin dem General entgegen. „Darum sahen wir keinen Grund ihm den Gefallen abzuschlagen.“
„Woolsey hat uns angelogen“, knurrte Ronon anmerkend. „Wir haben erfahren, dass er nie vorhatte sich für eine rasche Rückkehr von ATLANTIS einzusetzen. Viel mehr hat er vor die Stadt auseinandernehmen zu lassen. Aber dazu hat er nicht das Recht. Weder er, noch das verdammte Internationale Komitee. ATLANTIS gehört den Völkern der Pegasus-Galaxie und nicht dem Komitee, noch den Menschen dieser Galaxie.“
Als der Sateder geendet hatte, hob sich die rechte Augenbraue des Generals leicht. Er hatte noch nie eine derart lange Rede dieses Mannes gehört. Noch hatte er damit gerechnet. Sich im Sessel vor beugend legte O´Neill seine Hände auf die dunkle Schreibtischplatte und erwiderte: „Sie haben Richard Woolsey wirklich abgekauft, er würde sich für Sie verwenden? Ich sage Ihnen beiden etwas: Richard Woolsey interessiert sich nur für Richard Woolsey.“
„So viel ist uns jetzt auch klar“, grollte der Sateder finster.
„Deshalb sind wir nun hier, General“, übernahm Teyla Emmagan das Gespräch. „Wir möchten, dass man uns zurückbringt, zur Pegasus-Galaxie. Wir haben lange genug die Hände in den Schoß gelegt. Wer weiß, wie es inzwischen in unserer Heimat aussieht.“
Jack O´Neill hob seine Hände leicht an. Er sah ernst von der Frau zu Ronon Dex und erwiderte dann: „Ich verstehe Ihren Wunsch, möglichst rasch wieder nach Hause zu kommen. Doch ich bitte Sie beide um etwas Geduld. Maximal um vier Wochen Geduld, um genau zu sein. Ich habe bereits Maßnahmen ergriffen, die Richard Woolsey einen dicken Strich durch die Rechnung machen dürften. Mir gefällt nämlich der Gedanke, dass ATLANTIS zerlegt wird ebenso wenig wie Ihnen beiden.
Teyla sah überrascht zu Ronon und wieder zu O´Neill. Diesmal mit einem lauernden Gesichtsausdruck.
O´Neill grinste schief und beeilte sich damit fortzufahren: „Ich habe vor zwei Tagen mit den Mitgliedern des Komitees gesprochen. Insbesondere mit den beiden neu hinzugekommenen deutschen und japanischen Vertretern dieses Gremiums. Ich habe durchblicken lassen, dass ich schon bald, für das amerikanische Militär, den alleinigen Anspruch auf ATLANTIS erheben werde. Denn die Stadt befindet sich immerhin seit fast einem Jahr in US-amerikanischem Hoheitsgewässer.“
„Das klingt nach einer List“, bemerkte Ronon Dex.
„Weil es eine ist!“, gab Jack O´Neill ironisch zurück. „Das Internationale Komitee, allen voran natürlich Russland und China, werden das nicht zulassen wollen. Ich konnte Mister Gronau, dem besagten deutschen Vertreter des IOA, begreiflich machen was auf dem Spiel steht. Er wird also dem bald erfolgenden Antrag zustimmen, dass ATLANTIS zur Pegasus-Galaxie zurückkehren soll. Er besitzt zudem einen guten Draht zu Jean Lapierre, dem französischen Vertreter. Der Antrag wird also mit einer knappen Mehrheit abgesegnet werden. Selbst dann, wenn die Japanerin nicht mitspielt, was mich jedoch überraschen würde. Ich rechne noch in dieser Woche mit einer Entscheidung, denn ich habe ebenfalls durchblicken lassen, dass ich meinen Antrag rasch umgesetzt sehen möchte.“
Teyla Emmagan grinste hintergründig. „Das klingt nach einem guten Plan.“
Diesmal hoben sich beide Augenbrauen des Generals. „Weil es einer IST.“
Während Ronon Dex bei den beschwörenden Worten des Generals zufrieden seine Hände über die Lehnen seines Sessels rieb, kam Teyla Emmagan auf das Naheliegende zu sprechen. „Mit welcher Besatzung wird ATLANTIS nach Pegasus aufbrechen? Ich meine, Mister Woolsey wird sich kaum erneut für den Posten des Kommandanten zur Verfügung stellen. Dieser undurchsichtige Ränkeschmied bewirbt sich ja gerade für den Vorsitz beim IOA. Die anderen Mitglieder der Crew haben sich inzwischen in alle Winde verstreut, um Colonel Sheppard zu zitieren. Er meinte das, als wir uns das letzte Mal gesehen haben.“
O´Neill lehnte sich wieder im Sessel zurück. „Die Crew von ATLANTIS wird signifikant aufgestockt werden. Die Stadt verfügt jetzt über drei… Zett-Dingsbums-Dinger. Außerdem werden drei Schlachtkreuzer auf ATLANTIS stationiert um die Stadt zukünftig adäquat schützen zu können. Die französische JEANNE D´ARC, die chinesische SUN TZU und die brandneue deutsche AUSTERLITZ, eine BC-304-Variante der Europäer. Sie ist etwas widerstandsfähiger, als die bisherigen BC-304-Schlachtschiffe und sie hat etwas mehr Wumms, was Antriebe und Waffen betrifft. Dafür wird an der SUN TZU immer noch herumgeschraubt, nachdem sie im letzten Gefecht gegen das verstärkte Wraith-Basisschiff schwer beschädigt wurde. Das können die Chinesen notfalls auch noch unterwegs glattbügeln, falls sie es in den nächsten vier Wochen nicht hinkriegen sollten.“
Erstaunt über diese Eröffnung sahen sich die beiden Außerirdischen an. Als sie wieder zu O´Neill sahen erklärte dieser: „Mit Lieutenant-Colonel Sheppard gibt es keine Probleme. Er ist immer noch der Militärische Leiter auf ATLANTIS, auch wenn er mich mehrmals verzweifelt um seine Ablösung gebeten hat. Der wird Augen machen, wenn er die Neuigkeiten erfährt. McKay könnte Probleme bereiten. Der war ziemlich ungehalten, als er vor acht Monaten die Brocken auf ATLANTIS hingeschmissen hat. Gelinde gesagt. Ich habe seine Schwester kontaktiert, die ich diesmal unbedingt mit dabei haben will.“
Ronon Dex lachte amüsiert. „Wenn Rodney McKay davon erfährt, dass seine kleine Schwester ihn ersetzen soll, dann wird er unter die Decke gehen, schätze ich.“
Der General grinste breit: „Na, das hoffe ich doch. Ich rechne damit, dass McKays Ego nie zulassen wird, sich von Miss McKay den Rang ablaufen zu lassen.“
„Ich dachte, Rodneys Schwester würde Miller heißen?“, warf Teyla ein.
„Sie hieß Miller“, verbesserte Jack O´Neill und sein Blick umwölkte sich etwas. „Nach ihrer Entführung, bei der ihr von einem Verbrecher Naniten gespritzt wurden, hing bei denen Zuhause wohl der Haussegen mächtig schief. Soweit ich das mitbekommen habe. Kaleb Miller ist am Ende vermutlich nicht damit klargekommen, dass er sich von seinem beschaulichen Leben verabschieden muss, da Jean zu einer Geheimnisträgerin geworden ist. Soweit mir bekannt, lebt er mit der gemeinsamen Tochter, Madison, seit einem halben Jahr in England. Die Scheidung der Millers ging vor einem Monat erst über die Bühne.“
„Das ist traurig“, bemerkte Teyla Emmagan. „Bei uns Athosianern gilt die Familie als etwas Heiliges, müssen Sie wissen.“
„Haben Sie sich deshalb von Kanaan getrennt?“, warf Ronon Dex wenig taktvoll in die Runde und erntete dafür einen beinahe mörderischen Blick der Frau. Als Dex fragend zu O´Neill sah, bemerkte er den unwilligen Blick des Generals.
„Darüber reden wir ein anderes Mal“, beschied Teyla dem Sateder. Sich wieder auf den General konzentrierend fragte sie: „Sie rechnen also damit, dass Rodney mit dabei sein wird und im Zuge dessen auch seine Verlobte?“
Jack O´Neill nickte zustimmend. „Ja. Doktor Jennifer Keller kennt sich in der Pegasus-Galaxie bestens aus und sie hat bewiesen, was sie als Leitende Ärztin kann. Doktor Zelenka hingegen können wir vergessen. Der Kerl hat mir gestern eine glasklare Abfuhr erteilt. Er war wohl ziemlich sauer, dass ich nicht ihn als Leitenden Wissenschaftler vorgesehen habe. Sein genauer Wortlaut war: Bei zwei McKays auf ATLANTIS kann ich mich gleich aufhängen. Vermutlich hat er damit Recht.“
Teyla Emmagan musterte den General scharf, als sie meinte: „Die wichtigste Position haben Sie bisher nicht angesprochen, Sir. Wer wird Kommandant auf ATLANTIS?“
Das Gesicht von O´Neill erfuhr eine Veränderung, so als habe er in eine Zitrone gebissen. „Dieser Punkt meines kleinen Plans hat sich nicht so toll entwickelt, wie ich gehofft hatte. Da bereits Sheppard als hochrangiger Militär der USA mit dabei ist, bestand das Internationale Komitee darauf, dass der Kommandant diesmal ein Europäer werden soll. Man hat mich noch nicht darüber unterrichtet, wer es werden wird, aber ich habe läuten gehört, dass es sich um einen Generalmajor der Deutschen Luftwaffe handeln soll. Das IOA ist einstimmig der Meinung, dass es einen Flaggoffizier auf ATLANTIS braucht, bei dem neuen Konzept, drei Schlachtschiffe permanent auf der Stadt zu stationieren. Ich hatte gehofft man würde mich dafür vorsehen, doch der Präsident selbst hat das verhindert. Dass keinem Zivilisten die Leitung der Stadt in die Hand gegeben wird, liegt unter anderem an dem Versprechen, das Mister Woolsey dieser neu gegründeten Pegasus-Koalition so leichtfertig gab. Nämlich, sich stärker im Krieg gegen die Wraith zu engagieren. Präsident Obama hat darauf bestanden, dass wir das gegebene Versprechen unbedingt einhalten. Im Zuge dessen hat er auch seine Amtskollegen, soweit sie in das STARGATE-PROGRAMM involviert sind, davon überzeugt, obwohl die Königin von Deutschland nicht begeistert reagiert haben soll.“
Sich wieder im Sessel vor beugend legte O´Neill seine Hände auf die Platte des Schreibtisches und erhob sich langsam. „So, nun kennen Sie meinen Plan und das was in den nächsten Wochen passieren wird. Ich muss Sie beide wohl nicht darauf hinweisen, dass das alles strengster Geheimhaltung unterliegt.“
Wie auf ein geheimes Kommando erhoben sich Teyla Emmagan und Ronon Dex.
Der Sateder brachte es auf den Punkt, indem er lakonisch antwortete: Nein!“
Der General lächelte ironisch. „Also schön, wir verstehen uns, wie ich sehe. Bestellen Sie Mister Woolsey bitte keinen schönen Gruß von mir, wenn Sie ihn das nächste Mal sehen. Ich werde Sie kontaktieren, sobald die Entscheidung des IOA offiziell ist, damit Sie dann so rasch wie möglich nach ATLANTIS zurückkehren können.“
Die beiden Außerirdischen verabschiedeten sich von O´Neill, der ihnen sehr lange nachsah. Schließlich wandte sich der General seufzend ab. Die Berichte warteten auf ihn.

* * *


In demselben Moment, an einem anderen Ort, stieß ein Mann mittleren Alters gereizt aus: „Na, die haben vielleicht Nerven, Jennifer.“
Fassungslos ließ Doktor Meredith Rodney McKay den Brief sinken, der ihm und seiner Verlobten vom STARGATE-COMMAND eben per Kurier zugestellt worden war. Dabei sah er zum Durchgang, der zum Wohnzimmer des Hauses führte, das sie seit rund einem halben Jahr gemeinsam bewohnten. Seit sie sich sicher waren, ihre Zukunft gemeinsam zu gestalten.
„Hast du etwas gesagt, Rodney?“, rief die Frau zurück. Sie saugte gerade und hatte ihn offensichtlich nicht verstanden.
McKay schritt in der Diele etwas auf den Durchgang zu und hob seine Stimme in dem Moment an, in dem Jennifer Keller den Staubsauger abschaltete.
„Ich sagte, die Typen vom STARGATE-COMMAND haben vielleicht Nerven!“
Irritiert wegen des überlauten Zurufs sah die Ärztin, mit gerunzelter Stirn, zu ihm in die Diele. „Warum schreist du denn so laut, Rodney?“
Erst jetzt realisierte der Physiker, dass es wieder still im Haus war und etwas irritiert deutete er mit seinem linken Daumen zu ihr. „Na, ja… Äh… Der Staubsauger…“
„Was ist damit?“
„Er war eben noch an.“
Jennifer Kellers Augenbrauen hoben sich leicht. „Doch jetzt ist er aus.“
„Ich weiß“, gab Rodney McKay unwillig zurück. „Aber eben war er noch an.“
Die Ärztin deutete mit dem Zeigefinger in das Wohnzimmer hinüber. „Soll ich ihn wieder für dich einschalten, Rodney?“
„Was? Nein, was redest du denn da?“
Bevor die Situation vollkommen konfus werden konnte, oder schlimmer, Jennifer den höllisch lärmenden Staubsauger wieder einschalten konnte, hielt der etwas beleibte Mann den Brief in die Luft. „Das STARGATE-COMMAND hat uns dieses Schreiben zukommen lassen. Die wollen doch tatsächlich, dass wir wieder bei Denen anheuern.“
„Na, die haben vielleicht Nerven.“
Rodney McKay schnippte mit den Fingern der Linken. „Das hatte ich schon gesagt. Aber irgendetwas muss da passiert sein. Denn wir sollen nicht bei der Demontage helfen, sondern wir sollen an einer erneuten Expedition zur Pegasus-Galaxie teilnehmen.“
Ungläubig kam Jennifer Keller zu ihrem Verlobten ins Wohnzimmer. „Versuchst du gerade mich zu veralbern, Rodney?“
„Wie? Äh… Nein. Hier, lies selbst.“
Rodney reichte der Ärztin den Brief und sie überflog hastig den Text. Als sie den Brief schließlich sinken ließ leuchteten ihre Augen. „Aber das ist doch prima!“
Erneut irritiert sah McKay die Frau, in die er sich vor über einem Jahr verliebt hatte, an und fragte: „Meinst du das ernst? Erst wollen die ATLANTIS zerlegen und dann plötzlich doch nicht. Das sind Wendehälse. Einer, wie der Andere.“
Während der Physiker das sagte, warf die Ärztin einen genaueren Blick auf den Text und rief aus: „Hast du gesehen, wer außer dir noch für den Posten des Leitenden Wissenschaftlers vorgeschlagen wurde, falls du ablehnen solltest?“
„Nein, wen interessiert das?“
Die Ärztin überging die Frage und sagte, mit einer besonderen Betonung in der Stimme: „Interessiert es dich auch dann nicht, wenn es eine gewisse Jean McKay ist.“
Die Stimmungslage des Mannes änderte sich schlagartig. Er riss Jennifer den Brief förmlich aus der Hand und starrte auf den Text. Dann sagte er fassungslos: „Die wollen Jeanie dabei haben? Wer, beim STARGATE-COMMAND, ist denn auf diese völlig irrsinnige Idee gekommen? Sind die noch ganz bei Trost?“
Jennifer Keller nahm ihrem Verlobten den Brief aus der Hand und sah ihn eindringlich an. Sie wusste um die geschwisterliche Rivalität, was ihre Fähigkeiten als Physiker betraf. Sie wusste auch darum, dass Rodney dazu neigte übertrieben besorgt zu sein wenn es um Jeanie ging. Besonders, seit sie sich wieder besser verstanden.
„Ich weiß gar nicht was du hast, Rodney. Deine Schwester ist doch eine hervorragende Wissenschaftlerin.“
„Ja und sie hat eine kleine Tochter, die sie braucht“, erwiderte McKay heftig. „Will sie das Mädchen etwa diesem Kaleb überlassen? Noch dazu für ein ganzes Jahr? Außerdem ist diese Reise viel zu gefährlich für Jeanie.“
„Diese Reise ist für JEDEN zu gefährlich“,beruhigte ihn die Ärztin und legte ihre Arme um ihn. „Auch für uns Beide. Aber das hält uns nicht ab, oder?“
Überrascht sah Rodney seiner Verlobten in die Augen. „Du meinst, wir sollten…?“
„Ja, Rodney, das meine ich. Es sei denn du willst deiner Schwester den Posten überlassen, für den im Grunde nur du wirklich der Richtige bist.“
Kritisch musterte McKay die Ärztin und fragte misstrauisch: „Versuchst du gerade mich zu beeinflussen, Jennifer?“
Lachend gab die Frau ihm einen Kuss bevor sie belustigt erwiderte: „Aber sowas von, mein Schatz. Komm schon. Sag einfach Ja.“
McKay seufzte entsagungsvoll, wobei er jedoch ein schwaches Lächeln nicht ganz unterdrücken konnte. Rasch küsste er ihre Nasenspitze bevor er leise sagte: „Ja!“
Ankunft auf ATLANTIS by ulimann644
1.

ANKUNFT AUF ATLANTIS


Lieutenant-Colonel John Merian Sheppard stand am Geländer des kleinen, vorspringenden Balkons, im Torraum auf ATLANTIS uns sah auf das Treiben hinunter, das unter ihm herrschte. Mittlerweile hasste der Enddreißiger diesen Anblick, denn die vielen Menschen, die momentan in seiner Stadt herumwimmelten, waren dabei sein Zuhause zu zerlegen. Ein Zuhause, das normalerweise in der Pegasus-Galaxie hätte weilen sollen.
Vor knapp einem Jahr war ATLANTIS jedoch zur Erde geflogen, um den Angriff eines beinahe unzerstörbaren Basis-Raumschiffes der Wraith abzuwehren. ATLANTIS war während der Schlacht beschädigt worden und hatte vor der Westküste der USA landen müssen. Seitdem lag die Stadt, durch einen unsichtbar machenden Schild vor neugierigen Blicken gut geschützt, in der Bucht von San Francisco.
Anfangs hatte John Sheppard es fast als Verrat angesehen, als Rodney McKay das Handtuch geworfen hatte und kurze Zeit später auch Radek Zelenka. Mittlerweile verstand er sie besser und er wünschte sich, man hätte ihm erlaubt das ebenfalls zu tun.
Der Lieutenant-Colonel in der schwarzen Uniform des ATLANTIS-Team-Militärs richtete sich zu seinen vollen 1,88 Metern Körpergröße auf und warf einen langen Blick über die Schulter, zu Lieutenant Amelia Banks. Sie war mit die Einzige aus der Mannschaft, die bei der Landung der Stadt, vor knapp einem Jahr, dabei gewesen war. Sie und ihr Kamerad, Ensign Chuck O´Connor.
Zusammen mit ihm versahen die Beiden, momentan allein im Kontrollraum, ihren Dienst. Kein Vergleich zu dem Gewimmel, dass hier geherrscht hatte als sich ATLANTIS noch in der Pegasus-Galaxie befand.
Deprimiert blickte der schwarzhaarige Lieutenant-Colonel wieder auf die, durch den Gate-Raum hastenden, Männer und Frauen unter sich. Überwiegend Wissenschaftler aus aller Herren Länder. Fast zehn Monate lang hatte er erfolgreich verhindern können, dass das IOA seine Pläne verwirklichen konnte, ATLANTIS nach und nach zu zerlegen, um die Technik besser studieren zu können. Doch seit etwa vier Wochen war hier der Teufel los. In diesem Moment verfluchte er Richard Woolsey, der zugunsten seiner politischen Karriere dieses unwiederbringliche Monument antikerischer Genialität zu opfern gedachte.
Von Draußen schien die tiefstehende Herbstsonne in den Raum, doch Sheppard wäre es lieber gewesen es hätte aus Kübeln geregnet. Das hätte sehr viel besser zu seiner gegenwärtigen Stimmung gepasst. Er fragte sich wie lange es dauern mochte, bis diese Stadt nur noch ein lebloses Gerippe sein würde. Tot. Nie wieder zu den Sternen fliegend.
Der einzige Lichtblick in den letzten Monaten war, dass er sich wieder regelmäßig mit seiner Ex-Frau Nancy traf. Zwar waren sie weit davon entfernt wieder ein Paar zu sein, doch John befand, dass sie sich inzwischen fast besser verstanden, als während ihrer Ehe. Vielleicht rührte dies daher, dass Nancy es mittlerweile akzeptierte, wenn er zu Fragen schwieg, deren Beantwortung ein Verstoß gegen die militärische Geheimhaltung gewesen wäre. Nancy vermied solche Fragen ihrerseits und so waren sie sich, zumindest auf freundschaftlicher Ebene, wieder sehr nahe gekommen.
Es schien John Sheppard, rückblickend betrachtet, immer noch wie ein kleines Wunder, dass Nancy und er sich momentan so großartig verstanden. Sie hatte es sogar geschafft seinen Bruder Dave und ihn dazu zu bewegen, aufeinander zuzugehen und sich zu versöhnen. Etwas, das er ihr nicht so schnell vergessen würde.
Seit einigen Monaten wirkte das Verhältnis zwischen Nancy ihrem Lebensgefährten Grant hingegen etwas angespannt. John Sheppard verzichtete jedoch darauf das bei Nancy zu thematisieren, oder irgendwelche wilden Vermutungen anzustellen. Er bedauerte diese Entwicklung, denn er wünschte Nancy nichts Schlechtes. Auch wenn Grant, den er vor einem halben Jahr kennengelernt hatte, nicht ganz sein Fall war. Dass er Nancy nur Gutes wünschte war, trotz der Trennung von ihr, nie anders gewesen.
Was Dave betraf, so dauerte es eine Weile bis sein älterer Bruder begriffen hatte, dass sein Fernbleiben in den Jahren, in denen er in der Pegasus-Galaxie gewesen war, nichts mit ihm oder ihrem, im letzten Jahr verstorbenen, Vater zu tun gehabt hatte. Als sie sich auf der Beerdigung ihres Vaters wiedersahen, hatte Dave anfangs wohl vermutet, er habe es auf das Geld abgesehen. Doch seit sie sich danach einige Male getroffen hatten hatte Dave schnell bemerkt, dass dies nie seine Intention gewesen war. Natürlich war es seinem Bruder schwergefallen zu akzeptieren, dass er ihm die wahren Gründe nicht verraten durfte. Inzwischen hatte Dave wenigstens so viel Verständnis aufgebracht, um nicht mehr nachzuhaken, wenn er sich zu gewissen Fragen seines Lebens ausschwieg. Was hätte Dave andererseits auch gedacht, wenn er ihn mit den Fakten konfrontiert hätte?
Sheppard seufzte schwach. Er ahnte, dass General Jack O´Neill nicht ganz unbeteiligt daran war, dass er momentan hier versauerte. Vermutlich hatte O´Neill deshalb verweigert, dass er seinen Posten hier aufgab, damit er einen Trumpf besaß, den er gegen die Mitglieder des Internationalen Komitees verwenden konnte, die ATLANTIS am liebsten schon viel früher auseinandergenommen hätten. Je länger der Lieutenant-Colonel darüber nachdachte, desto größer schien ihm die Wahrscheinlichkeit dafür zu sein.
John Sheppard riss sich von diesen Gedanken los als ihn Amelia Banks aus dem Kontrollraum ansprach. „Sir, ein Anruf von General Jack O´Neill.“
Wenn man an den Teufel denkt, dachte Sheppard spöttisch während er sich umwandte. Laut erwiderte er: „Legen Sie das Gespräch in mein Büro, Lieutenant. Eine sichere Leitung!“
„Natürlich, Sir!“
Sheppard eilte in das Büro, das drei Jahre lang von Elizabeth Weir benutzt worden war, bevor es erst Colonel Samantha Carter und anschließend Richard Woolsey zur Verfügung gestanden hatte. Momentan nutzte er es. Der Colonel beeilte sich, am Schreibtisch Platz zu nehmen. Rasch aktivierte er sein Computerterminal und sah wenige Augenblicke Später in das markante Gesicht des Dreisterne-Generals.
John Sheppard rang sich ein Lächeln ab und erkundigte sich, so freundlich es ihm möglich war: „Guten Morgen, Sir. Was kann ich für Sie tun?“
Die Miene des Generals verriet nicht wirklich was O´Neill dachte, als er spitz erwiderte: „Warum fragen Sie mich eigentlich nicht, was ich für Sie tun kann? Wenigstens der Abwechslung halber.“
Sheppard entging nicht, dass der General seine Aufforderung anscheinend ernst meinte. Darum spielte er notgedrungen mit und fragte: „Also schön, General O´Neill. Was können Sie für mich tun?“
Beinahe verschmitzt grinsend erwiderte O´Neill: „Sehen Sie, es geht doch.“ Er wurde fast übergangslos ernst und eröffnete dem Lieutenant-Colonel: „Vorige Woche habe ich den Vertretern des IOA eröffnet, dass ich gedenke ATLANTIS für das US-Militär sicherzustellen. Es gab daraufhin einen ziemlichen Aufruhr dort.“
Sheppards Augen öffneten sich deutlich. „Und ich kann auch verstehen warum, Sir.“
Wieder lächelte der General beinahe lausbubenhaft. „Sehen Sie, das dachte ich mir. Natürlich hat das Internationale Komitee Mord und Brand geschrien. Jetzt wollen die, dass ATLANTIS so schnell wie möglich startbereit gemacht wird, um wieder in Richtung der Pegasus-Galaxie aufbrechen zu können. Ich informiere Sie vorab darüber, Sheppard. Noch dazu höchst inoffiziell. Die Bestätigung wird im Laufe des Nachmittags bei Ihnen eintreffen. Da vermutlich jede Stunde zählen wird, um ATLANTIS startklar zu kriegen, informiere ich Sie jedoch bereits im Vorfeld, damit Sie diese Hyänen, die dabei sind ATLANTIS zerlegen, schon jetzt rausschmeißen können. Ich habe bereits einen Großteil der ersten ATLANTIS-Expedition zusammengetrommelt. Die Ersten werden bereits morgen Früh bei Ihnen eintrudeln. In zwei Wochen werden zudem drei Schlachtschiffe der BC-304-Serie bei Ihnen eintreffen. Bis dahin werden Techniker, die ich von Area-51 abstelle, die drei Vertiefungen der Außenbereiche von ATLANTIS mit Andockklammern für diese Schlachtschiffe versehen. Diese drei Kriegsschiffe werden Sie mitnehmen, als permanente Bedeckung für ATLANTIS.“
Für einen Moment sah Sheppard sprachlos auf den Bildschirm, bevor er schließlich meinte: „Schön, General. Wer übernimmt das Kommando auf ATLANTIS?“
General O´Neill schien nur auf diese Frage gewartet zu haben, denn wie aus der Pistole geschossen antwortete er: „Ein deutscher Generalmajor. Wer genau das sein wird, hat man mir immer noch nicht gesagt. Dieser General wird auf jeden Fall auch den Oberbefehl über das gesamte Militär auf ATLANTIS übernehmen. Das schließt den Befehl über den Einsatz der drei Schlachtschiffe mit ein. Darum diesmal auch ein Flaggoffizier.“
John Sheppard kratzte sich am Kinn und kniff die Augenlider etwas zusammen. „Mich wundert es, dass man Ihnen dieses Kommando nicht angeboten hat, Sir.“
„Raten Sie mal wen noch.“
O´Neill sah Sheppard ziemlich säuerlich an. „Ich vermute, dass das IOA sich dachte, ein hochrangiger amerikanischer Offizier auf ATLANTIS sei mehr als genug. Sie bestanden auf einen Europäer. Europa fühlt sich seit geraumer Zeit schon vernachlässigt, nehme ich an. Die drei europäischen Mitglieder bestanden auf einen Anführer aus ihren Reihen und Russland schloss sich ihrer Meinung an. Japan ebenfalls, nachdem feststand, dass der Flaggoffizier ein Deutscher sein würde.“
„Das werden die Europäer und Japaner aber anders sehen, sobald ihnen die Wraith an die Wäsche wollen“, prophezeite Sheppard zynisch. „Alte Seilschaften, Sir?“
Der General schüttelte den Kopf. „Das wohl weniger. Aber die Deutschen sind in Japan immer noch gut angesehen. Im Gegensatz zu uns Amerikanern.“
„Kann man denen, nach Hiroshima und Nagasaki, wohl auch nicht verübeln.“
O´Neill kam wieder auf das eigentliche Thema zurück. „Ich weiß zwar nicht, wer es sein wird, aber ich weiß, dass der Generalmajor bis 18:00 Uhr bei Ihnen aufschlagen wird. Sie werden also wohl vor mir erfahren, um wen es sich handelt. Das wäre so weit Alles von meiner Seite. Die Liste der Personen, die zur Expedition gehören werden sende ich Ihnen im Laufe des Tages. Ach und Colonel: Wenn Sie wissen, wer dieser ominöse, deutsche Generalmajor ist, dann erwarte ich unverzüglich einen Bericht von Ihnen, damit das ganz klar ist zwischen uns. O´Neill, Ende.“
John Sheppard fand gerade noch die Zeit, sich zu verabschieden, als der General die Verbindung auch schon unterbrochen hatte. Für einen Moment lang starrte er auf das rotierende ATLANTIS-Logo auf dem Bildschirm und versuchte das eben Gehörte gedanklich zu sortieren, bevor er sich erhob. Es gab jetzt ein ganze Menge für ihn zu tun.

* * *


Die Sonne war schon vor Stunden am westlichen Horizont im Meer versunken, als Lieutenant-Colonel John Sheppard beschloss Feierabend zu machen. Es war 19:30 und der angekündigte Generalmajor war nicht erschienen. Da er General O´Neill nicht hatte erreichen können, beschloss er ihn am kommenden Tag davon in Kenntnis zu setzen. Er informierte Amelia Banks, bevor er aus dem Kontrollraum schritt um sein Quartier aufzusuchen.
O´Connor war bereits abgelöst worden. Bis zu ihrer Ablösung würden hingegen noch über vier Stunden vergehen. Ihr Dienst endete erst um Mitternacht. Doch bereits jetzt freute sich die siebenundzwanzigjährige Frau darauf, nach Feierabend endlich mal wieder durch die langen Gänge der Stadt wandern zu können, ohne dass ihr einige Dutzend Leute dabei permanent vor den Füßen herumliefen.
Sie fragte sich indessen, warum dieser deutsche Generalmajor nicht aufgekreuzt war. Sie hatte einmal gehört, dass die deutsche Pünktlichkeit sprichwörtlich sei. Doch bei diesem Generalmajor schien dies nicht zuzutreffen.
So verbrachte sie einen ruhigen Abend in dem Kontrollraum, bis sie, zehn Minuten vor Mitternacht, überraschend ein Funkanruf erreichte. Banks meldete sich und eine sonore Männerstimme erwiderte: „Hier spricht Oberst Maximilian Klingenschmied, von der AUSTERLITZ. Ich habe den neuen Kommandanten von ATLANTIS an Bord meines Schiffes. Wir sind bereit den Generalmajor zu ihnen herunter zu beamen. Anbei entschuldigen wir uns für die Verspätung, aber die AUSTERLITZ hatte auf dem Weg zur Erde einige technische Probleme, die eine pünktliche Ankunft verhindert haben.“
„Verstanden, Oberst“, bestätigte Banks und verwünschte die Tatsache, dass Sheppard nicht hier war. „Wir sind bereit, den Generalmajor zu empfangen. Lieutenant Banks, Ende.“
Kaum war die Verbindung unterbrochen versuchte Amelia Banks den Colonel über den Kommunikator zu erreichen. Doch vergeblich. Vermutlich hatte Sheppard ihn abgeschaltet. Sie wusste, dass er nach Dienstschluss sein tägliches Lauftraining absolvierte. Vermutlich schlief er längst.
Banks gab es auf und wandte sich an den Sergeant, der Chuck abgelöst hatte. „Sie bleiben an den Kontrollen. Ich gehe hinunter in den Gate-Raum, um den Generalmajor zu empfangen, wenn er hier erscheint.“
Damit lief Amelia Banks eilig die Treppen hinunter, damit nicht gleich der Eindruck von Schlampigkeit bei dem neuen Kommandanten der Stadt entstehen konnte. Schlimm genug, dass nur ein einfacher Lieutenant da war um den Generalmajor zu empfangen.
Die nur 1,62 Meter große Frau hatte es gerade eben geschafft die Ebene, auf der auch das Stargate lag, zu erreichen, als sie auch schon von einem grellweißen Blitz geblendet wurde. Aus diesem hellen Gleißen heraus materialisierte eine menschliche Gestalt. Sie und einige Kisten und Taschen.
Amelia Banks war auf verschiedene Szenarien vorbereitet gewesen, doch nicht darauf eine hochgewachsene, blonde Frau in elegantem Kostüm anzutreffen.
Die schlanke Frau sah nicht älter aus, als Ende dreißig. Nur die lebhaft wirkenden, braunen Augen erzählten von einer Lebenserfahrung, die zu deutlich mehr Jahren gehörte. Sie schien weit über 1,70 Meter groß zu sein. Zudem trug sie hohe Absätze, so dass sie Amelia Banks deutlich überragte. Das lange Haar, das ihr bis in den Rücken fiel, trug sie offen.
Amelia Banks zögerte, bevor sie etwas unsicher fragte: „Ma´am? Ich bin Lieutenant Amelia Banks. Mir wurde ein Generalmajor angekündigt? Wer sind Sie?“
Die Frau richtete ihren Blick auf Banks und die Gate-Technikerin bemerkte in diesem Moment, dass diese Frau es gewohnt war Befehle zu erteilen. Nichtsdestotrotz erwiderte sie freundlich, wenn auch mit einem etwas harten Dialekt: „Ich bin Generalmajor Alexandra Degenhardt, Lieutenant Banks. Ich fürchte, ich muss mich für die Unpünktlichkeit entschuldigen. Ach – bitte sagen Sie nie wieder Ma´am zu mir. Ich mag diesen Ausdruck nicht. Der Begriff Sir ist okay für mich, oder Generalmajor oder kurz General, wenn Ihnen das lieber ist, Lieutenant. Sie sind also momentan der Diensthabende Offizier?“
„Ja, Sir. Colonel Sheppard hat vor einer halben Stunde Feierabend gemacht, nachdem Sie nicht erschienen sind. Ich werde versuchen ihn so schnell wie möglich zu erreichen.“
„Nein!“, wehrte die blonde Frau schnell ab. „Lassen Sie ihrem Vorgesetzten seinen verdienten Feierabend. Ich hatte ohnehin nicht vor heute noch umwälzende Probleme mit dem Colonel durchzugehen. Das hat Zeit bis morgen Früh. Wenn Sie mich einfach zu meinem Quartier führen würden wäre ich Ihnen sehr dankbar, Lieutenant.“
„Natürlich, General.“ Amelia Banks warf einen Blick auf eine größere Kiste. „Gehört die auch zu Ihrem Privatgepäck, Sir?“
Alexandra Degenhardt lächelte kopfschüttelnd. „Nein, darin befindet sich ein Gerät, dessen Zweck ich mit dem Leitenden Wissenschaftler durchgehen werde, sobald er sich auf ATLANTIS befindet. Wir lassen das vorerst hier stehen. Wenn Sie vielleicht nur eine der beiden Reisetaschen nehmen könnten?“
Amelia Banks nickte lächelnd und hob sich die etwas größere der beiden Taschen auf die Schulter. „Bitte folgen Sie mir, Sir.“
Während sich die neue Kommandantin von ATLANTIS der dunkelblonden Amerikanerin anschloss, erkundigte sie sich launig bei ihr: „Sie haben mit einem Mann gerechnet, schätze ich.“
„Uns wurde ein Kommandant angekündigt“, bestätigte Banks. „Vielleicht hätte man im Vorfeld von einer Kommandantin reden sollen.“
Ein feines Lächeln umspielte den Mund der Deutschen. „Erwarten Sie stets das Unerwartete, Lieutenant.“
Amelia Banks hielt mit ihrer Begleiterin vor dem Quartier, das vor dem Generalmajor bereits von Weir, Carter und Woolsey bewohnt worden war. Sie fuhr mit der Hand über das Paneel der Türsteuerung und die beiden metallenen Schotthälften fuhren mit einem leisen Zischen auseinander. „Da sind wir. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, General?“
Die blonde Frau schüttelte den Kopf. „Nein, vielen Dank, Lieutenant Banks. Ich werde mich in diesem Quartier noch ein wenig häuslich einrichten und mich danach zu Bett begeben. Morgen wird es ein langer Tag werden, denke ich. Einer von vielen in den nächsten Wochen, so wie es den Anschein hat.“
Amelia Banks stellte die Tasche im Quartier der Kommandantin auf den Boden. Danach sah sie die Frau an und meinte, beinahe entschuldigend: „Fast hätte ich es vergessen, Sir. Willkommen auf ATLANTIS.“
„Vielen Dank, Lieutenant. Gute Nacht.“
„Gute Nacht, Sir“, gab Banks zurück und verließ rasch das Quartier.
Drinnen sah sich Alexandra Degenhardt aufmerksam um. Erst nach fast einer Minute wandte sie sich einer der Reisetaschen zu und entnahm ihr vorsichtig den dunkelblauen Dienstanzug, den sie schließlich über eine der Kommoden legte. Dort würde er nicht zerknittern bis zum nächsten Morgen. Danach untersuchte sie das Quartier. Mit Erleichterung erkannte sie, dass es hier einen großzügig dimensionierten Sanitärbereich gab.
Nach einer ausgiebigen Dusche schlüpfte sie in ein dünnes Nachthemd, löschte das Licht und begab sich zu Bett. Schläfrig dachte sie noch daran, dass hier ab morgen so Einiges anders werden würde. Einige Momente später war sie bereits eingeschlafen.

* * *


Alexandra Degenhardt erwachte etwa eine halbe Stunde bevor der Wecker klingeln konnte, den sie auf das kleine Nachttischchen gestellt hatte. Sie kam für Gewöhnlich mit fünf bis sechs Stunden Schlaf aus. Mit einem ironischen Grinsen auf den vollen Lippen stellte sie fest, dass es bereits halb Sieben durch war. Für sie eine ungewöhnlich späte Zeit aufzustehen.
Schwungvoll warf sie die Bettdecke zur Seite und schwang ihre langen Beine aus dem Bett. Sie hatte sich vorgenommen einen guten Eindruck zu machen, bei ihrem ersten Auftritt als Kommandantin der Stadt. Also beeilte sich die Frau ins Bad zu kommen, wo sie sich länger Zeit ließ, als gewöhnlich. Schon weil es eine Weile dauerte, bis sie ihr langes Haar zu einem Zopf geflochten hatte. Im Dienst trug sie ihr Haar so gut wie nie offen.
Dabei stand sie nackt vor einem großen Spiegel, in dem sie sich kritisch musterte, obwohl es dazu keinen Grund gab, denn ihr straffer Körper wirkte nicht wie der einer annähernd fünfzigjährigen Frau. Im Vergleich zu vielen jüngeren Frauen machte sie im Bikini eine tadellose Figur. Einerseits trieb sie seit ihrer Kindheit viel Sport. Andererseits hatte sie sich stets sehr gesund ernährt.
Sie lächelte ihr Spiegelbild etwas spöttisch an und sagte leise zu sich selbst. „Na ja, du siehst noch ganz gut aus, für dein Alter.“
Das war eine glatte Untertreibung, doch Alexandra Degenhardt hatte noch nie zur Selbstbeweihräucherung geneigt. Sie war es gewohnt mit Realitäten klarzukommen. Den angenehmen wie den unangenehmen Realitäten und Realität war nun einmal, dass sie keine Fünfunddreißig mehr war. Auch, wenn sie fast dafür durchgegangen wäre. Doch damit haderte Alexandra Degenhardt nicht. Sie war weitgehend zufrieden mit sich.
Einen Moment später fokussierte sie sich wieder auf das, was heute vor ihr lag. Leichtfüßig schritt sie in den Wohnraum hinüber und zog sich an. Der Dienst von Colonel Sheppard begann um 08:00 Uhr Ortszeit, wie sie dem Dossier von General O´Neill über die Stadt ATLANTIS entnommen hatte. Zu diesem Zeitpunkt sollten auch alle Mitglieder der zukünftigen Führungs-Crew dieser Stadt hier sein. Das ließ ihr noch reichlich Zeit zum Frühstücken und dazu, sich vielleicht zuvor noch etwas hier umzusehen.
Nachdem sie sich rasch ihre legeren Trainingssachen angezogen hatte, machte sie ordentlich das Bett und legte ihre Uniform darüber, die sie nachher tragen würde. Nur dieses eine Mal. Danach würde sie die neue Uniform der ATLANTIS-Expedition tragen.
Gut gelaunt verließ Alexandra Degenhardt ihr Quartier und machte sich, im leichten Dauerlauf, auf den Weg.
Sie hatte zwar einige Tage lang die Pläne der Stadt studiert, die O´Neill ihr hatte zukommen lassen, doch zwischen Theorie und Praxis klaffte eine weite Lücke, wie sie sehr schnell feststellte. Auf dem Weg zur Kantine musste sie irgendwo falsch abgebogen sein und nun stand sie in einem sechseckigen Verteilerbereich, der ihr nicht geläufig war und von dem aus zwei weitere Gänge abzweigten. Da es wenig Sinn ergab, einen dieser beiden Gänge zu benutzen, in denen sie sich vermutlich hoffnungslos verlaufen hätte, blieb ihr Nichts weiter übrig, als den Gang zurückzulaufen, den sie eben erst gekommen war.
Unterwegs hielt Alexandra Degenhardt an, um sich mit ausgestreckten Armen gegen eine der Wände zu lehnen und ihre Wadenmuskeln etwas zu dehnen.
„Entschuldigen Sie. Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“
Die blonde Frau sah überrascht auf. Sie war vollkommen in Gedanken gewesen und hatte die Anwesenheit des hochgewachsenen, schwarzhaarigen Mannes nicht gemerkt, bis er sie so plötzlich ansprach. Sich leicht von der Wand abstoßend sah sie in die grün-grauen Augen des sympathisch wirkenden Mannes. Langsam näherte sie sich ihm und blieb zwei Schritte vor ihm stehen. Mit einem kurzen Blick auf silbernen Ahornblätter auf seinen Schulterklappen fragte sie: „Sie sind vermutlich Lieutenant-Colonel John Sheppard?“
„Nennen Sie mich John“, bot der Mann Alexandra Degenhardt freundlich lächelnd an. Er musterte sie dabei einen Augenblick zu lange, wie sie befand.
„Angenehm, John. Mein Name ist Alexandra.“
John Sheppards Blick konzentrierte sich endlich auf die Augen der Frau, bevor er sich bei ihr erkundigte: „Sie gehören zur Expedition, nehme ich an?“
Alexandra Degenhardt nickte. Diese Unterhaltung mit Sheppard begann ihr Spaß zu machen. Darum sagte sie ausweichend: „Ja, ich werde in drei Wochen dabei sein, wenn es losgeht. Ich bin erst seit kurzer Zeit hier und habe mich wohl verlaufen. Eigentlich wollte ich zur Kantine. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir den Weg dorthin zeigen würden.“
„Na, dann kommen Sie mit.“
Alexandra Degenhardt schritt neben dem Lieutenant-Colonel durch den Gang und beobachtete ihn unauffällig von der Seite. Diese kurze Musterung fiel zu ihrer Zufriedenheit aus. Sheppard schien einer jener eher unaufgeregten Offiziere zu sein, die nicht so stocksteif und zackig durchgeformt waren, wie viele seiner amerikanischen Kollegen. Den meisten von denen war sie im Nato-Hauptquartier in Brüssel begegnet. Alexandra Degenhardt wertete dies als Zeichen dafür, dass Sheppard tatsächlich eine Menge haarsträubender Einsätze hinter sich hatte. So, wie es in seiner Dienstakte stand.
Es dauerte nicht lange bis sie, über eine breite Treppe, die Kantine erreichten. Während sie gemeinsam zum Frühstücksbuffet schritten erkundigte sich die Frau bei ihrem Begleiter: „Was können Sie mir empfehlen, John?“
„Also, ich stehe auf die Truthahn-Sandwichs“, gab Sheppard prompt zurück. „Die sind wirklich lecker.“
„In Ordnung, dann probiere ich das mal. Schmeckt der Kaffee?“
„Nicht die Bohne“, spöttelte der Mann. „Aber das ist vermutlich wieder einmal reine Geschmackssache. Vielleicht sollten Sie ihn probieren.“
Die Frau legte sich zwei der abgepackten Sandwiches auf ihr Tablett und stellte eine Tasse schwarzen Kaffee dazu. Dabei meinte sie hoffnungsvoll: „Ich hoffe nicht, dass der Kaffee wirklich so schlimm ist. Ohne Kaffee bin ich nämlich aufgeschmissen.“
Sheppard, der sich lediglich eine Flasche Mineralwasser nahm, machte ein zweifelndes Gesicht. „Na, ich weiß nicht. Sie entschuldigen mich bitte.“
„Aber ich hatte gehofft Sie leisten mir Gesellschaft, Lieutenant-Colonel“, protestierte Alexandra Degenhardt.
„Dazu fehlt mir leider die Zeit“, gab Sheppard mit Bedauern in der Stimme zurück. „Wissen Sie, wir erwarten einen Generalmajor, der seit gestern Abend überfällig ist. General O´Neill wird wissen wollen, dass er noch nicht eingetroffen ist.“
Damit entfernte sich der Mann rasch.
„Einen Moment mal, John!“, rief Alexandra Degenhardt hinter ihm her, die das Missverständnis nun aufzuklären gedachte, doch Sheppard winkte ab und rief über die Schulter: „Nicht jetzt, Alexandra.“
Und schon war er weg, dachte die Frau amüsiert. Für einen Moment war sie unentschieden, ob sie ihm folgen sollte. Doch dann zuckte sie mit den Schultern und nahm an einem der Tische, in der menschenleeren Kantine Platz. Sie probierte einen Schluck von ihrem Kaffee und verzog angewidert das Gesicht. Dieser Kaffee war schlicht das Letzte.

* * *


Nach seinem Gespräch mit O´Neill verließ John Sheppard verwirrt sein Büro. Der General hatte ihm versichert, dass der Generalmajor seit gestern Abend auf ATLANTIS weilte. Der Befehlshaber der AUSTERLITZ hatte dies vor wenigen Minuten auf Anfrage bestätigt.
Als der Lieutenant-Colonel, eine knappe halbe Stunde später, wieder aus seinem Büro stürmte, schritt ein junger Ensign auf ihn zu, der momentan im Kontrollraum Dienst tat. Er hatte um Mitternacht Amelia Banks abgelöst. Sheppard wusste kaum mehr über diesen schlaksigen dunkelblonden Mann, als dass er Enrico Gonzales hieß.
Der Spanier, der bis vor wenigen Augenblicken eine Etage über dem Kontrollraum Systemchecks vorgenommen hatte, wirkte erleichtert, als er seinem Vorgesetzten meldete: „Gott sei Dank, da sind Sie ja, Sir. Ich hatte bereits versucht Sie über den Kommunikator zu erreichen aber Sie haben sich nicht gemeldet.“
„Weil das Ding noch in meinem Quartier liegt“, erwiderte Sheppard ungeduldig und forderte drängend: „Also, was haben Sie auf der Pfanne, Ensign?“
„Nun, Lieutenant Banks informierte mich, bei der Ablösung, dass die neue Kommandantin von ATLANTIS gestern gegen Mitternacht hier eingetroffen ist. Sie hat Generalmajor Degenhardt willkommen geheißen und zu ihrem Quartier gebracht.“
„Warten Sie mal, Ensign“, stoppte Sheppard den Redefluss des Südländers. Ihm schwante etwas, und zwar so rein gar nichts Gutes. „Haben Sie eben Kommandantin gesagt? Der Generalmajor ist also eine Frau?“
„Ja, Sir“, bestätigte der Spanier. „Generalmajor Alexandra Degenhardt.“
„Ach du Schande!“, entfuhr es John Sheppard. Damit eilte er zur Treppe, ohne sich weiter um den Spanier zu kümmern, der ihm verständnislos hinterher sah. Der Lieutenant-Colonel hatte die Treppe bereits erreicht, als er dem Spanier noch zurief: „Weitermachen!“
Immer zwei Stufen auf einmal nehmend hastete Sheppard die Treppe hinunter und lief dann in Richtung der Kantine. Vielleicht traf er die Frau, die er so zwanglos beim Vornamen genannt hatte, noch dort an. Dabei dachte er: Na, toll! Da läuft mir die neue Kommandantin von ATLANTIS über den Weg und ich habe nichts Besseres zu tun, als ihr zu sagen: Nennen Sie mich John. Danach lasse ich sie auch noch in der Kantine stehen. Wirklich ganz toll!
Die Kantine war leer, als John Sheppard sie erreichte. Der Mann überlegte, dass die Kommandantin höchstwahrscheinlich ihr Quartier aufgesucht hatte. Die Vermutung, dass sie den Dienstplan von ATLANTIS durch General O´Neill übermittelt bekommen hatte, lag dabei nahe. Fraglos würde die neue Kommandantin von ATLANTIS sich vor Dienstbeginn umziehen. Bei ihrer ersten Einsatzbesprechung wollte sie bestimmt einen guten Eindruck bei ihren zukünftigen Untergebenen hinterlassen.
Rasch verließ der Mann die Kantine wieder und schritt eilig zu den Quartieren der Führungsmannschaft, die auf der Ebene des Gate-Raumes lagen. Das Quartier des Stadt-Kommandanten hatte er bereits viele Male zuvor aufgesucht, weshalb er mit schlafwandlerischer Sicherheit eine Minute später vor dem Schott dieses Quartiers ankam. Er atmete tief durch und klopfte gegen das Schott. Mit Meldekontakten hatten es die Antiker nicht so gehabt.
Ein klares Herein drang aus dem Innern des Quartiers.
„Also schön“, seufzte Sheppard zu sich selbst. „Hole ich mir eben den ersten Anschiss von dieser Frau ab.“
Damit wischte er mit seiner rechten Hand über das Öffnungspaneel, neben dem Eingang zum Quartier. Die beiden Schotthälften glitten vor ihm zur Seite und entschlossen trat er ein. Unangenehme Dinge vor sich herzuschieben brachte nichts.
Alexandra Degenhardt stand vor dem großen Spiegel des Wohnraumes und richtete ihre Uniform, wobei sie ihm den Rücken zu wandte.
Sheppard beobachtete unwillkürlich ihre sportliche Figur und kam zu dem Schluss, dass er sie vorhin wohl um Einiges jünger geschätzt hatte, als sie tatsächlich war. Auch aus dieser Warte vermittelte die Frau den Eindruck eher in seinem Alter zu sein.
Die Frau schien offensichtlich fertig umgekleidet zu sein. Sie und prüfte momentan lediglich noch einmal den korrekten Sitz ihrer Uniform.
Sheppard schmunzelte unmerklich, als er sie dabei ertappte, wie sie am Kragen ihrer Uniformbluse herum zupfte. Allein das war ein Zeichen dafür, dass dieses neue Kommando für sie alles Andere war, als normal.
Endlich wandte sie sich zu John Sheppard um und dieser nahm Haltung an und salutierte. „Es tut mir leid, Sie vorhin nicht erkannt zu haben, Ma´am. Ich bekam leider eben erst die Meldung, dass Sie bereits auf ATLANTIS sind.“
Alexandra Degenhardt erwiderte den militärischen Gruß. Weniger eckig und mit deutlich eleganterer Armbewegung, als der Lieutenant-Colonel. Dabei musterte sie ihn für einen Augenblick eindringlich, bevor sie den rechten Arm wieder sinken ließ um ihm, beinahe verschmitzt lächelnd, die Hand zu reichen. „Ich habe es versäumt mich Ihnen vorhin korrekt vorzustellen. Aber ich konnte unmöglich die Gelegenheit verstreichen lassen, zu erfahren was für ein Mensch sie sind. Ich meine abseits militärischer Gepflogenheiten, Lieutenant-Colonel.
Sheppard ergriff die angebotene Hand und sah der Frau etwas überrascht in die Augen, als sich ihre Finger, gleich einem Schraubstock, fest um seine legten. Seine Hand nach diesem festen Händedruck massierend meinte er: „Das haben Sie bestimmt sehr lange geübt, Ma´am.“
John Sheppard hatte bereits zuvor bemerkt, dass die blonde Frau ihr Gesicht verzogen hatte, bei seiner Meldung. Diesmal wieder. Gleich darauf sagte sie: „Bitte benutzen Sie nie wieder dieses Wort, Ma´am, John. Ich mag es nicht. Sprechen Sie mich im Dienst mit General oder auch mit Sir an. Außerhalb des Dienstes sind wir ja bereits bei den Vornamen.“
Etwas ungläubig fragte Sheppard: „Sir?“
Die Frau schmunzelte fein und legte ihre Hände auf den Rücken. „Nun ja, Sie haben mir vorhin angeboten Sie John zu nennen und ich habe das auch so angenommen. Obwohl ich die Ältere bin. Was mich betrifft: Ich bin dafür, dass wir dieses Arrangement beibehalten, sofern wir nicht im Dienst sind oder unter uns, so wie gerade jetzt.“
Sheppard fand rasch wieder zu sich. „Sehr gerne… Alexandra. Ich muss sagen, das überrascht mich jetzt etwas. Ich dachte immer, Deutsche wären so bis ins Mark korrekt.“
„Oh, das stimmt auch“, beschied ihm die Frau. „Das werden Sie bestimmt schneller feststellen, als es Ihnen lieb ist. Aber man muss es damit nicht übertreiben, oder?“
„Da bin ich ganz Ihrer Meinung.“
Alexandra Degenhardt lächelte verbindlich. „Sehr schön. Bis um 08:00 Uhr ist es noch fast eine halbe Stunde, John. Ich würde diese Zeit gerne nutzen, um mit Ihnen im Büro etwas zu besprechen. Etwas, das ich geklärt haben möchte, bevor die übrige Führungs-Crew auf ATLANTIS eintrifft.“
John Sheppard nickte. „Natürlich.“
Sie verließen das Quartier der Frau und begaben sich hinauf zur Kommandoebene, wo Ensign Gonzales rasch aufsprang, als er erkannte wer da zu ihm hereinkam.
„Weitermachen!“, sagte die Frau mit beruhigendem Tonfall zu dem Spanier. Damit schritt sie an dem Ensign vorbei und folgte Sheppard über den Verbindungssteg, der zum Kommandanten-Büro führte. Dort angekommen sah sich die Frau um.
„Das also ist Ihr Büro, Lieutenant-Colonel?“
„Ja“, bestätigte ihr Begleiter, während sich die Frau aufmerksam umsah. Dann sah sie ihn über die Schulter hinweg an und meinte bestimmt: „Ab morgen nicht mehr.“
Sheppard nickte. „Das versteht sich von selbst.“
Alexandra Degenhardt umrundete den Schreibtisch. Er wirkte aufgeräumt und die Frau ahnte, dass sich Sheppard bereits am Tag zuvor darauf vorbereitet hatte dieses Büro zu räumen. Nachdenklich nahm sie in dem Sessel hinter dem Schreibtisch Platz und deutete dabei auf eine der bequemen Sitzgelegenheiten vor dem Tisch. „Bitte, nehmen Sie Platz.“
Es kam John Sheppard etwas befremdlich vor, diesen Satz wieder hier zu hören. In den letzten Monaten hatte er sich daran gewöhnt hier allein zu schalten und zu walten.
Kaum hatte der Mann sich gesetzt, da beugte sich Alexandra Degenhardt in ihrem Sessel vor, faltete ihre gepflegten Hände und legte sie auf die Schreibtischplatte. „Ich will nicht lange um den heißen Brei herum reden, John. Ich habe Ihre Dienstakte sehr aufmerksam studiert. Besonders natürlich diesen dunklen Punkt, während Ihres Dienstes in Afghanistan.“
Die Miene des Mannes erstarrte. „Mit Verlaub, Sir. Sie waren nicht dabei. Es handelte sich um eine Notsituation, in der...“
„Danach habe ich Sie nicht gefragt.“
Ein sanftes, irgendwie beruhigendes Lächeln umspielte die dezent geschminkten Lippen der Frau. „Hören Sie, ich habe nicht vor Sie für irgendetwas zu verurteilen. Ich muss lediglich wissen, ob wir möglicherweise irgendwann dienstlich Probleme miteinander bekommen werden. Deshalb würde ich gerne Ihre Version der Ereignisse hören. Dienstakten geben zumeist nicht die wahre Natur der Geschehnisse wieder. Vertrauen Sie mir bitte.“
Die Gesichtszüge des Lieutenant-Colonels entspannten sich sichtlich. Zunächst zögerlich, dann sicherer werdend erzählte er der Frau, was sich seinerzeit in Afghanistan ereignet hatte. Als er, entgegen seinem direkten Befehl, seinen Kameraden das Leben retten wollte. Allerdings hatte sein Freund es nicht geschafft zu überleben. Etwas, das ihm selbst heute noch gelegentlich Albträume bereitete.
Nachdem er geendet hatte, sah ihn Alexandra Degenhardt eindringlich an und für einen Moment schoss Sheppard der unsinnige Gedanke durch den Sinn, dass diese braunen Augen in der Lage waren direkt in seine Seele hineinzusehen. Schließlich entspannte sich die Miene der Frau wieder und sie sagte leise: „Es tut mir leid um Ihren Verlust. Ich denke, ich kann verstehen was Sie damals zu dieser Befehlsverweigerung bewegt hat. Sehen Sie, ich entstamme einer Familie mit einer langen Militärtradition. Deshalb weiß ich, dass es Situationen geben kann in denen ein guter Offizier, vor Ort, entscheiden muss, ob ein gegebener Befehl sinnvoll ist, oder eben nicht.“
„Es freut mich, dass Sie das so sehen.“
Die Frau nickte ernst. „Wir beide werden so verbleiben, John: Sollten Sie jemals einen meiner Befehle verweigern und damit Recht haben, dann werde ich Sie für einen Orden vorschlagen. Sollten Sie hingegen einen meiner Befehle verweigern und damit Unrecht haben, so werde ich Sie einsperren lassen und eigenhändig den Schlüssel wegschmeißen. Was denken Sie also? Gilt diese Abmachung zwischen uns beiden?“
Der Mann grinste schief, denn dieser Vorschlag hatte so seine Tücken. „Ich denke, damit komme ich klar. Allerdings hätte ich da auch eine Frage an Sie.“
Die Augenbrauen der Frau hoben sich etwas. Sie schob den Sessel etwas zurück, legte die Arme auf die Sessellehnen und schlug das rechte Bein über das linke. „Nur zu, John. Was wollen Sie wissen?“
Der Mann druckste etwas herum, bevor er geradeheraus fragte: „Warum hat man ausgerechnet Ihnen das Kommando über ATLANTIS anvertraut? Ich meine, warum hat sich das Internationale Komitee nicht für jemanden mit mehr… Nun ja… Erfahrung auf ATLANTIS entschieden?“
Die blonde Frau biss sich auf die Unterlippe und Sheppard fürchtete bereits mit seiner Frage etwas zu weit gegangen zu sein. Doch dann nickte sie und erwiderte: „Ich denke, es kommt gerade bei dieser Expedition darauf an, wie man den Begriff Erfahrung auslegen will. Ungeachtet dessen gibt es auf ATLANTIS bereits einen Mann der sich bestens auskennt. Nämlich Sie. Sehen Sie, im Gegensatz zur ersten Expedition werden drei Schlachtkreuzer der DAEDALUS-KLASSE permanent unter meinem Oberkommando stehen. Ich habe, im Krieg gegen die Ori, das Kommando über die AUSTERLITZ geführt. Später dann, nach meiner Beförderung zum Brigadegeneral, sogar das Kommando über die komplette Dritte Taktische Flotte. Mag sein, dass ich in Bezug auf die Routinen in ATLANTIS im Vergleich zu Colonel Samantha Carter oder Mister Richard Woolsey ein paar Defizite habe. Aber ich versichere Ihnen eins - von der Einsatzstrategie einer Schlachtschiff-Gruppe verstehe ich dafür etwas mehr, als genannte zwei Personen. Bei dieser Mission werden wir, vielleicht mehr als jemals zuvor, darauf angewiesen sein uns zu ergänzen. Allzu viel Redundanz können wir uns diesmal leider nicht erlauben. Was meine Kompetenz in Bezug auf ATLANTIS betrifft: Da zähle ich auf Sie. Sie werden mir im Zuge der Mission beibringen was ich wissen muss.“
Die Worte der Frau ließen Sheppard verlegen werden. Entschuldigend erwiderte er: „Ich wollte Ihre Kompetenz nicht in Frage stellen, Alexandra. Natürlich werden Sie meine vollste Unterstützung haben.“
„Darauf verlasse ich mich.“
Alexandra Degenhardt warf einen schnellen Blick auf ihre große, auffallende Herren-Armbanduhr und stellte erstaunt fest: „Wir haben ja bereits kurz vor 08:00 Uhr. Es wird höchste Zeit den Konferenzraum aufzusuchen. Man wartet bestimmt schon auf uns.“
Doppelter Einsatz by ulimann644
2.

DOPPELTER EINSATZ


Nur mühsam gelang es Doktor Jennifer Keller, ihren Verlobten davon abzuhalten, zur anderen Seite des großen Besprechungstisches zu stürmen, um ein ernstes Wort mit Jeanie zu reden. Mit seiner neun Jahre jüngeren Schwester, Jean McKay. Würde man nicht jeden Moment mit dem Erscheinen des neuen Kommandanten von ATLANTIS rechnen, so hätte er es sicherlich auch getan, denn er hatte vor wenigen Augenblicken erst erfahren, dass seine kleine Schwester diesmal mit zur Pegasus-Galaxie reisen würde.
Rodney McKay sah unwillig zu seiner Verlobten, als ihr Griff um seine Hand unter dem Tisch immer fester wurde und er zischte Jennifer leise zu: „Hör auf, meine Hand so fest zu drücken. Ich werde Jeanie sowieso erst nach der Besprechung den Kopf abreißen.“
„Es ist ihr gutes Recht mitzukommen, Rodney“, zischte die schlanke, blonde Frau leise zurück. „Du kannst nicht für sie bestimmen.“
„Ja… das… klären wir später noch“, gab sich Rodney McKay nicht so schnell geschlagen. Dabei riss er den Blick schließlich von seiner Schwester los, um ihn über die übrigen Anwesenden schweifen zu lassen.
Die Zivilisten unter den Anwesenden kannte er. Im Vorfeld hatte er gemeinsam mit Jennifer die beiden alten Kampfgefährten, Ronon Dex und Teyla Emmagan, begrüßt. Der Sateder hatte ihn etwas schief angesehen, als er sich erkundigt hatte was mit seinen Haaren passiert war. Denn aktuell trug Dex sein Haar nicht viel länger, als er selbst. Im Gegensatz zu Ronon hatte sich Teyla kein bisschen verändert, seit er sie zuletzt gesehen hatte.
Neben den beiden Freunden und seiner Schwester befand sich auch noch Doktor Mike Branton mit ihnen in diesem Raum. Als Physiker und Computerspezialist würde er eng mit seiner Schwester zusammenarbeiten. Beide sollten sich den Posten von Radek Zelenka teilen, der diesmal offenbar nicht dabei sein würde.
Der Mann mit dem Vollbart und den dunklen, intelligenten Augen stand zwischen Jeanie und einem der drei anwesenden Stabsoffiziere, die Rodney McKay nicht geläufig waren. Anhand der Uniform des Mannes mutmaßte McKay jedoch, dass es sich um Oberst Maximilian Klingenschmied handeln musste. Den Befehlshaber der E.U.S. AUSTERLITZ. Eines der drei Schlachtschiffe, die ATLANTIS auf seiner Rückreise in die Pegasus-Galaxie mit sich führen würde.
Neben dem bereits ergrauten, wuchtigen Deutschen wirkte die zierliche Asiatin, in dem stahlblauen Ausgehkostüm der Chinesischen Luftwaffe, beinahe verloren. Auf den Schulterklappen trug sie drei goldene Sterne, die von zwei schmalen, goldenen Balken eingefasst waren. Rodney McKay vermutete, dass es sich bei ihr um die Kommandantin der P.L.A. SUN TZU handelte und dass ihre Rangabzeichen die eines Colonels waren. Zwischen den übrigen Anwesenden wirkte diese Frau, mit dem fein geschnittenen Porzellan-Gesicht und den weißen Handschuhen an den Händen, fast schon surreal.
Zu ihrer anderen Seite stand eine hagerer, hochaufgeschossener Colonel der Französischen Luftwaffe. Bei ihm handelte es sich offensichtlich um den dritten Raumschiffskommandanten in der Runde. Jean-Babtiste de Lamarck - der Befehlshaber der E.U.S. JEANNE D´ARC.
Rodney McKay hatte, vor seiner und Jennifers Abreise hierher, in Erfahrung gebracht, dass die drei Schlachtkreuzer der DAEDALUS-KLASSE momentan in einem hohen Erdorbit kreisten. Sobald die Andockklammern für diese drei Schiffe bereit waren würden sie, in einer Nacht und Nebelaktion, auf ATLANTIS landen. Sie erst im All aufzunehmen wollte man nicht riskieren, da es nicht sicher war, ob es beim Andocken nicht zu irgendwelchen Problemen kommen würde. In einem solchen Fall musste der Fehler erst behoben werden und das ließ sich auf der Erde wesentlich einfacher bewerkstelligen, als im Weltall.
Rodney McKay wurde aus seinen Betrachtungen gerissen, als sich eine der Lamellen-Wände des Konferenzraumes öffnete und John Sheppard zu ihnen herein kam. In seiner Begleitung befand sich eine Frau, deren Uniform jener von Oberst Klingenschmied glich. Im Gegensatz zum Obristen trug sie statt des silbernen Eichenlaubs und Sternen goldenes Eichenlaub und zwei goldene Sterne auf den Schulterklappen ihrer Uniform. Diese Frau also würde die kommende Expedition nach Pegasus leiten.
Wenigstens kein grimmig dreinschauender Typ mit Stoppelfrisur, dachte McKay finster. Er hatte sich, in den letzten Jahren, ein ziemlich tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber solchen übertrieben zackigen Militärs zugelegt.
Gemeinsam mit der hochgewachsenen, blonden Frau schritt John Sheppard zum Kopfende des gewaltigen Tisches, der einen Großteil dieses Konferenzraumes einnahm. Ein Relikt von Richard Woolseys Zeit auf ATLANTIS.
Missbilligend auf das Ungetüm von Tisch blickend sah Generalmajor Degenhardt im nächsten Moment in die Runde und es wurde still im Konferenzraum.
Alexandra Degenhardt räusperte sich bevor sie mit klarer, durchdringender Stimme sagte: „Guten Morgen, Ladies and Gentlemen. Ich bin Generalmajor Alexandra Degenhardt. Einige von Ihnen kennen mich bereits. Diejenigen von Ihnen, die mich noch nicht kennen, werden in den nächsten Tagen und Wochen eine riesengroße, verdammte Überraschung erleben. Denn die Zeit, die uns bis zum Start von ATLANTIS zugebilligt wurde, ist knapp bemessen. Das bedeutet, dass Sie alle hier das, was ich Ihnen bis zum Aufbruch abverlange, in Rekordzeit ausführen werden. In den nächsten drei Wochen werden Sie arbeiten bis zum Umfallen. Falls wer in der Gewerkschaft ist: Vergessen Sie es. Hier auf ATLANTIS werden für die nächsten drei Wochen keine geregelten Arbeitszeiten gelten. Sie werden sich in den Dienst der Sache stellen, sofern Sie nicht gerade schlafen, essen, zur Toilette gehen oder vor Erschöpfung zusammengebrochen sind.“
Generalmajor Degenhardt ließ die Worte kurz wirken und wandte sich den drei Kommandanten der Raumschiffe zu. „Sie Drei werden aus den Mitgliedern der Schiffs-Crews Arbeitskommandos zusammenstellen, die ebenfalls, unter Anleitung, auf ATLANTIS mit anpacken werden. Behalten Sie nur die geringstmögliche Besatzungsstärke an Bord Ihrer Raumschiffe aufrecht. Im Anschluss an diese Besprechung werden Sie drei mich und Lieutenant-Colonel Sheppard zu einer Besichtigung der zukünftigen Landeplätze und der für die Crews angedachten Quartiere begleiten.“
Die drei Kommandanten bestätigten und Alexandra Degenhardt fuhr fort: „Doktor McKay, Sie werden die gesamte Aktion, zusammen mit Ihrer Schwester und Doktor Branton, vom Kontrollraum aus leiten.“
Rodney McKay wollte einen Einwand erheben, doch die Deutsche unterbrach ihn mit einer herrischen Geste und sagte scharf: „Nicht jetzt, Doktor McKay. Vermutlich werden Sie selbst sehr oft in den verschiedenen Bereichen der Stadt mit Hand anlegen müssen. Die Techniker, die diese Stadt bisher zerlegen sollten, haben leider in den letzten Wochen ganze Arbeit geleistet, wie mir Lieutenant-Colonel Sheppard versicherte.“
Mit einem finsteren Blick zu seiner Schwester, den sie unwillig zurückgab, bestätigte Rodney McKay: „Verstanden, Ma´am.“
Alexandra verzog grimmig die Lippen, bevor sie erklärte: „Ach ja. Das gilt für Sie alle, Ladies and Gentlemen. Ich wünsche, dass mich Niemand mit dem Wort Ma´am anspricht. Bitte benutzen Sie meinen Rang oder Sir. Informieren Sie dahingehend auch Ihre Besatzungen, beziehungsweise ihre Einsatzteams.“
Die Anwesenden wechselten vielsagende Blicke untereinander während sich der Generalmajor nun an Teyla Emmagan und Ronon Dex wandte. Anders als die Athosianerin, die wieder ihr dunkles Kostüm trug, hatte sich Ronon Dex für die hellgraue Uniform des Militärs von Sateda entschieden, die man auf der Erde nach seinen Angaben für ihn angefertigt hatte. Für solche offiziellen Anlässe wie eben diesen hier.
„Teyla Emmagan, ich bitte Sie, sich in den nächsten Wochen um die Koordinierung der Arbeitskommandos, vom Kontrollraum aus, zu kümmern. Sie werden dabei eng mit Lieutenant Banks und dem übrigen Kontrollraum-Personal zusammenarbeiten. Ich weiß, dass Sie ähnliche Aufgaben schon während der letzten Jahre übernommen haben.“
Teyla Emmagan bestätigte lächelnd und Alexandra Degenhardt wandte sich dem Sateder zu. „Ronon Dex, Sie werden bitte Colonel Sheppard zur Hand gehen. Sie werden in den nächsten Wochen quasi als sein Adjutant fungieren. Den Berichten des IOA habe ich entnommen, dass Sie eine militärische Ausbildung auf Sateda genossen haben. Sie sind dieser Aufgabe also gewachsen, nicht wahr.“
„Das bin ich… Sir“, erwiderte Dex ungewohnt nervös wirkend. Man merkte ihm an, dass er solche Zusammenkünfte nicht mochte.
Generalmajor Degenhardt nickte ihm aufmunternd zu, bevor sie zu Jennifer Keller sah. „Sie, Doktor Keller, werden sich in der Krankenstation einen ersten Überblick verschaffen und sich auf die Ankunft weiterer Ärzte und Sanitäter vorbereiten. Natürlich müssen Sie auch darauf vorbereitet sein zu reagieren, falls es in der nächsten Zeit zu Erkrankungen oder, Gott bewahre, zu Unfällen auf ATLANTIS kommen sollte. Sie haben lange hier gedient und kennen die Abläufe besser als ich.“
Nachdem Jennifer Keller bestätigt hatte, legte Generalmajor Degenhardt die Spitzen ihrer gespreizten Finger auf die Tischplatte und sah jeden Einzelnen der Anwesenden für einen Augenblick an, bevor sie meinte: „Wenn es dazu keine Fragen gibt, dann bitte ich Sie, sich umgehend an die Arbeit zu machen. Wir müssen uns die Zeit kurz halten.“
Die Lamellentüren des Konferenzraumes öffneten sich.
Während die anwesenden Männer und Frauen den Konferenzraum verließen, wandte sich Alexandra Degenhardt an John Sheppard und sagte eindringlich zu ihm: „Wenn dieser verdammte Monstertisch morgen immer noch hier im Konferenzraum steht dann sind Sie gefeuert, Lieutenant-Colonel. Das Ding ist ein Albtraum.“
Sheppard bestätigte grinsend und schritt dann rasch zu Ronon Dex. „Komm, Chewie, es gibt Arbeit für uns Beide.“
Dabei schweifte der Blick des Lieutenant-Colonels von Ronons Augen ein Stück nach oben. „Was ist mit Ihren Haaren passiert? Sagen Sie schon, ich finde es ohnehin heraus.“
Der Sateder rang einen Moment lang mit sich und fuhr sich dabei über die ungewohnt kurzen Haare, bevor er finster in einem Satz erklärte: „Amelia sagte mir, sie würde mit keinem Mann ausgehen, der längere Haare hat als sie.“
Sheppards Lippen verzogen sich unaufhaltsam in die Breite. Ironisch gab er zurück: „Sie hätten warten können, bis die Haare von Banks dieselbe Länge erreicht haben wie Ihre.“
Der Blick des Außerirdischen sprach Bände. „Reden wir nicht mehr davon, Sheppard, und schaffen wir lieber dieses Ungetüm hier weg.“

* * *


Jeanie hatte den Konferenzraum mit als Erste verlassen, wie Rodney McKay feststellte, während er versuchte sie einzuholen. Sie wollte ihm offensichtlich aus dem Weg gehen, nach ihrem Streit, vor Beginn der Einsatzbesprechung.
Nachdem er sich überstürzt zunächst von seiner Verlobten verabschiedet hatte, holte Rodney McKay seine Schwester ein, als sie gerade um eine Gangecke gegangen war. Etwas außer Atem stellte er sich ihr in den Weg und forderte: „Halt, Jeanie! Wir müssen reden!“
McKays Schwester stemmte die Hände in die Hüften und funkelte ihn wütend an: „Wenn es wieder wegen meiner Teilnahme an dieser Expedition ist, dann vergiss es, Mer. Ich muss nicht auf das hören, was du sagst!“
„Das solltest du aber!“, schnappte Rodney. Etwas weniger laut fügte er dann hinzu: „Verstehst du denn nicht? Das betrifft nicht nur dich, sondern auch mich!“
„Ach!“, machte die Frau, die Rodney McKay unbestreitbar ähnlich sah. „Wie meinst du denn jetzt das wieder?“
McKay suchte nach Worten, bis er schließlich herausplatzte: „Nun, ich brauche meinen Kopf frei, wenn wir zur Pegasus-Galaxie aufbrechen. Was aber nicht der Fall ist, wenn ich mir bei den kommenden Katastrophen, zu denen es unzweifelhaft kommen wird, permanent Sorgen um dich machen muss. Hör zu, die gesamte Stadt könnte explodieren, nur weil ich aus Sorge um dich im Notfall auf den falschen Knopf drücke!“
„Dann drück gefälligst nicht auf die falschen Knöpfe!“, fauchte ihn Jeanie an. Dann hakte sie mit leicht veränderter Stimme nach: „He, was heißt das überhaupt, du machst dir permanent Sorgen um mich? Das sind ja ganz neue Töne.“
„Hey, komm, das ist unfair!“, beschwerte sich Rodney bei seiner Schwester. „Nur weil ich das nicht permanent sage, heißt das nicht, es wäre nicht so. Mir wäre nur viel wohler bei dem Gedanken, dass du hier auf der Erde in Sicherheit bist.“
„Ja klar. Wie weit es mit der angeblichen Sicherheit der Erde wirklich her ist haben wir ja zu Beginn dieses Jahres erlebt“, konterte die etwas pummelig wirkende Frau sarkastisch. „Das sind doch nur Ausreden, Mer. Sag doch einfach frei heraus, dass du mich nicht dabei haben willst!“
„Aber das stimmt doch gar nicht!“
Die Geschwister maßen einander mit Blicken, bevor Rodney durchatmete und einlenkend versuchte zu erklären: „Jeanie, du hast Familie. Auch, wenn du nicht mehr mit Kaleb verheiratet bist. Was soll ich denn Madison sagen, wenn dir da Draußen etwas passieren sollte? In der Pegasus-Galaxie herrscht vermutlich immer noch ein furchtbarer Krieg. Ich will einfach nicht, dass dir etwas passiert.“
Die Frau erkannte echte Besorgnis in den Augen ihres Bruders. Weniger aufgebracht, als noch vor einem Moment erwiderte sie, um ein paar Grade sanfter: „Hast du dir mal überlegt, dass es mir ganz genauso geht, wenn du da Draußen bist, Mer? Glaubst du denn, die Vorstellung, dass du mit deinen Kameraden auf haarsträubende Missionen gehst, ängstigt mich nicht genauso sehr? Du hast einmal gesagt, dass Dad sich gewünscht hätte wir würden zusammenarbeiten. Jetzt hast du die Gelegenheit dazu.“
Rodney McKay wich Jeanies forschenden Blicken aus. Als er sie wieder ansah, sagte er betreten. „Natürlich habe ich mir das gewünscht, Jeanie. Nur nicht in einer so gefährlichen Umgebung. Aber was ist mit Madison? Du wirst mindestens ein ganzes Jahr lang weg sein und kannst nicht mal eben zur Erde zurück, falls etwas mit ihr ist.“
Die aquamarin-blauen Augen der Frau begannen feucht zu schimmern. „Auf Kaleb kann man sich verlassen. Obwohl wir nicht mehr zusammen sind weiß ich, dass Madison bei ihm in den besten Händen ist.“
Rodney kannte seine Schwester gut genug, um zu erkennen, wie es ihr im Moment zumute war. Spontan machte er einen Schritt auf sie zu und nahm sie in die Arme. Etwas, das ihm noch vor relativ kurzer Zeit viel schwerer gefallen war. In dieser Hinsicht hatte seine Beziehung mit Jennifer bereits jetzt wahre Wunder gewirkt. Leise erkundigte er sich bei Jeanie: „Er hat das alleinige Sorgerecht bekommen, da du so lange abwesend sein wirst?“
Jeanie nickte schwach in seinen Armen und ein leises Schniefen folgte.
Ihr Bruder schluckte. Er wusste, wie sehr Jeanie ihre Tochter liebte und wie sehr sie ihr im kommenden Jahr fehlen würde. Unfähig etwas zu sagen hielt er seine kleine Schwester im Arm und streichelte mit der Linken sanft über ihren Rücken. Schließlich meinte er, in einem schwachen Versuch sie zu trösten. „Ein Gutes hat die gesamte Hektik und die permanente Bedrohung, in der wir bald gefangen sein werden. Man hat nicht allzu viel Zeit, sich Gedanken um solche Dinge zu machen. Das wirst du schon noch sehen. Weißt du schon wo dein Quartier ist?“
Jeanie löste sich von ihrem Bruder und wischte sich schnell die Tränen ab. „Nein, aber ich werde es schon finden.“
„Unsinn, ich bringe dich hin“, erklärte Rodney bestimmt. Er bemerkte den erstaunten Blick seiner Schwester und fragte giftig: „Was ist? Ich kann dich ja doch nicht umstimmen, also werde ich dir dabei helfen, dich hier rasch zurechtzufinden. Also komm schon. Ich brauche dich nämlich dringend bei den Kontrollen, wenn du dich eingerichtet hast. Und bring diesen Mike Branton mit.“
Jeanie McKay verdrehte die Augen und fragte ironisch: „Was habe ich mir nur dabei gedacht, an dieser Expedition teilnehmen zu wollen.“

* * *


Das Schott stand offen. Jeanie wollte mitbekommen, was außerhalb des großzügig dimensionierten Quartiers vor sich ging. Außerdem hatte sie nichts zu verbergen. Dennoch wandte sie sich überrascht um und sah freudig zum Eingang, als sie dort John Sheppard erkannte, der leise an den Schottrahmen geklopft hatte.
„Sie sind es, John. Kommen Sie doch rein. Ich bin ohnehin gerade damit fertig geworden meinen Kram einzuräumen.“
Der Lieutenant-Colonel machte zwei Schritte in den Raum hinein. Diplomatisch erkundigte er sich: „Wie war ihr Wiedersehen mit Rodney?“
Mit einem leichten Schmunzeln erwiderte die Frau: „Sie haben sich vermutlich mit Jennifer unterhalten und erfahren, dass es vor der Einsatzbesprechung Streit gegeben hat. Jetzt schüttelt Sie die Neugier, habe ich Recht?“
John Sheppard verzog leicht das Gesicht. „Na schön. Sie haben mich erwischt. Aber ich komme nicht nur aus reiner Neugier, sondern weil ich mir um meinen alten Freund Rodney Sorgen mache. Wissen Sie, wir brauchen ihn voll konzentriert.“
Jeanie McKay kniff die Augenlider etwas zusammen und erkundigte sich misstrauisch: „Hat Mer mit Ihnen gesprochen, John? Er argumentierte nämlich vorhin beinahe genauso, wie Sie eben.“
Sheppard hob beide Hände. „Nein, seit der Besprechung habe ich ihn nicht mehr gesehen. Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort. Aber ich verstehe Rodney, in dieser Hinsicht. Ich wäre auch abgelenkt, wenn mein Bruder hier wäre.“
Die Haltung der Frau entspannte sich etwas. „Vielleicht haben Sie Recht. Aber Mer muss damit klarkommen. Ich finde es übrigens schräg, dass ihn hier jeder Rodney nennt.“
„So möchte er angesprochen werden und wir respektieren diesen Wunsch.“ Einen weiteren Schritt in den Raum hinein gehend erkundigte er sich dann: „Was ist mit Ihnen? Hat er Sie nie darum gebeten ihn Rodney zu nennen, statt Meredith, oder Mer?“
„Doch“, gab die Frau grinsend zu. „Aber das habe ich schon als kleines Mädchen ignoriert. Irgendwann war es dann zu spät für mich das noch zu ändern. Ich wundere mich immer noch etwas, dass ihn Menschen, wie Sie, Ronon und Teyla als Freund ansehen. Früher war Mer eher der Einzelgänger, wissen Sie.“
John Sheppard steckte seine Hände in die Taschen und lächelte in der Erinnerung etwas versonnen. „Wissen Sie, ganz am Anfang - da wollte ich Rodney nicht wirklich in meinem Team haben. Ich habe ihn damals nur deshalb mitgenommen, weil ich ihn brauchte. Ich hielt ihn für einen furchtbaren Menschen: Arrogant, selbstverliebt und wehleidig.“
„Sie beschreiben Mer sehr gut.“
Sheppard schüttelte sanft den Kopf. „Nein, das ist nicht wahr. Denn da ist noch so Einiges mehr, was nur in Rodney geschlummert hat. Während der letzten Jahre, in der Pegasus-Galaxie, da kamen noch ganz andere Eigenschaften zum Vorschein. Eigenschaften, wie Mut, Opferbereitschaft und unbedingte Loyalität. Na ja, er nervt gelegentlich immer noch, doch inzwischen macht mir das nicht mehr so viel aus. Weil ich den wirklichen Rodney McKay kennengelernt habe.“
Etwas erstaunt setzte sich die blonde Frau auf einen der Stühle im Raum. „Das klingt beinahe so, als würden Sie ihn bewundern, John.“
„Nein!“, erwiderte Sheppard hastig, bevor er zugab: „Na ja, schon etwas. Ich meine, ich habe das Team selbst oft genug aus einer brenzligen Situation herausgehauen. Dasselbe trifft auf Teyla und Ronon zu. Aber Tatsache ist, dass Rodney uns, und damit meine ich nicht nur mich und mein Team, sondern die gesamte Expeditionsmannschaft, mindestens dreimal so oft den Hintern gerettet hat. Wenn das mal ausreicht. Ich finde das sollten Sie über Ihren Bruder wissen, Jeanie.“
Noch immer etwas ungläubig sah die Frau zu Sheppard auf, nachdem er geendet hatte. „Das klingt wirklich nach einem anderen Mer, als den, den ich kenne. Sind Sie sicher, dass ihn die Wraith nicht geklont und uns die Kopie untergeschoben haben?“
John Sheppard lachte amüsiert. „Der war gut. Sie entschuldigen mich bitte.“
„Ja, sicher.“
Jeanie McKay schaute dem davongehenden Mann nach, ohne ihn wirklich zu sehen. In ihren Gedanken echoten seine Worte nach, mit denen er eben ihren Bruder beschrieben hatte. So wie Sheppard es dargestellt hatte, schien Mer wirklich gereift zu sein, in den vier Jahren in denen sie keinen Kontakt zueinander gehabt hatten. Doch rückblickend musste sie sich eingestehen, dass sie bereits nach dem ersten Kontakt, nach diesen vier Jahren, diese Veränderung ihres Bruders gespürt hatte. Und diese Veränderung schien danach noch an Intensität zugenommen zu haben.
Schließlich erhob sie sich langsam und schritt zur Fensterfront des Quartiers hinüber. Für einen Moment lang fragte sie sich, ob sie keinen Fehler begangen hatte, indem sie auf das Angebot von General Jack O´Neill eingegangen war. Vielleicht war sie hier auf der Erde wirklich besser aufgehoben.
Jeanie McKay horchte in sich hinein und eine deutliche Stimme des Widerspruchs machte sich bemerkbar. Nein, sie wollte unbedingt mit zur Pegasus-Galaxie.
Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, von der Durchsage die an ihre Ohren drang. Die leicht gereizt klingende Stimme gehörte zweifellos ihrem großen Bruder.
„Doktor McKay! Sie werden dringend im Kommandozentrum gebraucht!“
Das ist dann doch wieder ganz der Mer, den ihn kenne, dachte Jeanie ironisch, befestigte den Kommunikator hinter ihrem linken Ohr und aktivierte ihn. „Hier spricht McKay, McKay! Ich bin ja schon unterwegs!“
Damit verließ sie das Quartier und verriegelte es hinter sich, indem sie mit der Hand abwärts über das äußere Türpaneel fuhr. Die Sensoren in dem Mechanismus lasen dabei ihren Handabdruck und die Verriegelung wurde bestätigt. Dann eilte sie rasch, nun mit einem freudigen Gefühl in der Magengegend, in Richtung des Kommandozentrums.
Unterweisungen by ulimann644
3.

UNTERWEISUNGEN


In den nächsten zwei Wochen entwickelte sich Generalmajor Alexandra Degenhardt zum Schrecken der Arbeitskommandos. Überall und zu Zeiten, zu denen man es nicht vermutete, tauchte sie auf, mahnte zur Eile und packte auch selbst mit an.
Ein ähnliches Verhalten legte Rodney McKay an den Tag. Er schien permanent auf ATLANTIS unterwegs zu sein, ohne jemals zu schlafen. Seine Schwester Jeanie wunderte sich, in diesen vierzehn Tagen, einmal mehr über ihren Bruder.
Jeanie McKay ihrerseits arbeitete eng mit Mike Branton zusammen, mit dem sie sich bereits nach den ersten Stunden ihrer Zusammenarbeit hervorragend verstanden hatte. Auch, wenn sie sich mitunter die Köpfe heißredeten, wenn sie unterschiedlicher Ansicht waren.
Bereits nach den ersten zwei Tagen hatte Rodney McKay seiner Schwester und Branton das Feld im Kommandozentrum der Stadt überlassen und war seitdem meistens irgendwo in den Untiefen von ATLANTIS unterwegs. Einige Männer und Frauen der Arbeitskommandos behaupteten, ihn noch nie gesehen zu haben, ihn aber regelmäßig in irgendeinem der weitläufigen Gänge fluchen zu hören.
Dabei lagen diese Leute gar nicht so falsch, denn Rodney McKay wurde ein ums andere Mal kolossal wütend, wenn er wieder einmal einen Pfusch korrigieren musste, den jene Leute angerichtet hatten, die zuvor den Auftrag gehabt hatten ATLANTIS zu zerlegen.
Allein die Installation der drei gewaltigen Landeplattformen, die zwischen jeweils zwei der sechs Ausleger der Stadt eingepasst worden waren, hatte eine ganze Woche gedauert. Momentan schwebte ein getarnter Puddle-Jumper versetzt über der zuletzt eingesetzten Landeplattform. An Bord sahen John Sheppard und Alexandra Degenhardt durch die Frontscheibe auf die Stadt hinunter. Dabei meinte die Frau in Gedanken: „Erstaunlich, wie genau die Werke in China, Deutschland und Frankreich diese Plattformen vorgefertigt haben. Sie passen exakt in die vorgegebenen Lücken, zwischen den Auslegern.“
Sheppard sah zu ihr und erkundigte sich: „Wie kommt es, dass diese Plattformen so flott hergestellt werden konnten?“
„Ich kann das offiziell natürlich nicht bestätigen, doch unter uns gesagt: Ich bin mir ziemlich sicher, dass General O´Neill seine Finger mit im Spiel hatte. O´Neill wollte nie, dass diese wundervolle Stadt zerlegt wird und der Plan, Raumschiffe auf ATLANTIS zu stationieren, entstand bereits kurz nach dem Ende des Kriegs gegen die Ori.“
„Mit anderen Worten: Die Plattformen waren bereits fertig.“
„Sie merken aber auch alles, John“, grinste die Frau ironisch. „Ja, wir mussten diese Schmuckstücke nur noch abholen. Diese Landeplattformen bestehen übrigens aus einer Edelstahl-Titan Legierung. Wissen Sie, was jede einzelne von denen gekostet hat?“
Sheppard, der keine Ahnung hatte, fragte schelmisch: „Eine Menge?“
Ein amüsiertes Schmunzeln umspielte die Lippen der Kommandeurin. „Sehr richtig. Eine ziemliche Menge sogar, für die der Steuerzahler aufkommen musste. Solche Ausgaben sind es, die dem IOA stets Kopfzerbrechen bereiten.“
„Solange die vom IOA nur die Notwendigkeit einsehen“, gab Sheppard trocken zurück. „Außerdem gibt es für so etwas Aspirin.“
Das Thema wechselnd meinte Alexandra Degenhardt: „Dieser Rodney McKay versetzt mich ein ums andere Mal in Erstaunen. Wissen Sie, zuerst dachte ich, das sei so ein typisch lahmarschiger Wissenschaftler, dessen Phlegma mich nach drei Tagen in den Wahnsinn treiben würde. Doch in den letzten beiden Wochen habe ich mich immer wieder gefragt, woher dieser Mann die Energie nimmt, schier unermüdlich unterwegs zu sein.“
John Sheppard lachte leise. „Ich habe mich anfangs auch in Rodney getäuscht. Andererseits hat er in den letzten Jahren eine erstaunliche Entwicklung durchlaufen. Eins kann ich Ihnen versichern: Unter Druck läuft der Mann zur Höchstform auf. Sie müssen ihm nur ein unmögliches Zeitfenster vorgeben, dann vollbringt Rodney McKay wahre Wunder.“
„Klingt irgendwie faszinierend.“
Die Frau deutete nach einigen Sekunden zur Landeplattform hinunter. „Halten Sie mich für verrückt, aber ich glaube, ich sehe ihn gerade dort unten.“
Sheppard beugte sich im Sessel vor und steuerte den Jumper etwas tiefer. Nach einem Moment lachte er: „Sie sind nicht verrückt, Alexandra. Er ist es tatsächlich.“
Sie beobachteten die entsprechende Person, wie sie gestenreich auf einige Techniker einredete, dann einen von ihnen zur Seite schob und sich schließlich selbst an einer der Andockklammern zu schaffen machte. Dabei schien er zuvor mächtig mit einem kahlköpfigen Uniformierten aneinander geraten zu sein.
„Ja – das ist Rodney“, bemerkte Sheppard gedehnt. „Ich bin mir sicher, diese Chinesen da unten werden ihre helle Freude an ihm haben. Übrigens: Ich würde es für eine gute Idee halten, wenn Sie die Kommandantin der SUN TZU darauf hinweisen, McKay etwas Ellenbogenfreiheit zu lassen. Mir ist klar, dass Rodney McKay so gar nicht in das militärische Schema passt. Er arbeitet und denkt unkonventionell, doch er weiß was er tut.“
„In Ordnung. Ich werde nachher mit Colonel Xú reden.“
Das Thema wechselnd, während Sheppard den Jumper wieder aufsteigen ließ um eine der anderen beiden Plattformen anzusteuern, fragte Alexandra Degenhardt: „Wo haben Sie heute Ihren Schatten gelassen. Ich meine Ronon Dex.“
„Mit Ihrer Erlaubnis habe ich ihn angewiesen, ab heute das Nahkampf-Training für die neu auf ATLANTIS stationierten Infanteristen aufzunehmen. Die Männer und Frauen werden es bestimmt gut gebrauchen können und eine Woche ist ohnehin nicht sehr viel Zeit.“
Die Frau nickte. „Sie haben meine Erlaubnis.“
John Sheppard sah seine Begleiterin von der Seite an. In den letzten zwei Wochen war zwischen ihm und der Kommandantin eine Vertrautheit entstanden, wie es der Soldat höchst selten erlebt hatte. Ähnliches hatte er bisher nur bei Elizabeth Weir empfunden. Sie hatte er nach drei Jahren verloren. Das hatte ihn emotional sehr viel Kraft gekostet. Momentan fragte sich der Mann, ob es vielleicht ein Fehler war sich erneut auf so ein Wagnis einzulassen.
Alexandra Degenhardt bemerkte seinen Blick und mit angehobenen Augenbrauen erkundigte sie sich: „Was haben Sie, John? Sie wirken bedrückt.“
John Sheppard schluckte trocken und erwiderte dann aufrichtig: „Es ist die Vertrautheit, die ich zwischen uns spüre. Bei Doktor Elizabeth Weir war es ähnlich. Sie wissen was aus ihr wurde?“
Alexandra Degenhardt kannte die Berichte über Doktor Weir, die ihr stellenweise fast unglaublich erschienen waren. Sie begann zu ahnen, was Sheppard ihr sagen wollte. Mit sanfter Stimme sagte sie: „Hören Sie: Ich bin nicht Elizabeth Weir und ich habe auch nicht vor in der Pegasus-Galaxie verloren zu gehen. Noch sonst wo. Aus der Erfahrung heraus weiß ich, dass es immer eine emotionale Gratwanderung ist, wenn man einen Vorgesetzten auch als Freund ansieht. Doch was bleibt einem verlorenen Häuflein Menschen, mehr als drei Millionen Lichtjahre von der Heimat entfernt, denn anderes übrig, als einander unbedingt zu vertrauen? Dass sich daraus am Ende auch zwangsläufig irgendwann Freundschaften entwickeln, das bleibt gar nicht aus. Aber das muss ich Ihnen wohl nicht erzählen. Ich sehe das übrigens nicht als Schwäche an.“
Nach einem Moment lächelte Sheppard schwach. „Sie haben Recht. Aber wie man in diesem Fall mit Verlusten umgeht, das bringen einem die Vorgesetzten beim Militär nicht bei. Das habe ich während meiner Dienstzeit auf die harte Tour gelernt.“
Die Frau lächelte schmerzlich. „Ja, ich auch. Fliegen wir zur dritten Plattform hinüber. Ich möchte mir auch von den Fortschritten dort ein Bild machen. Nach meinem Gespräch mit Colonel Xú möchte mir dann später auch einmal dieses Nahkampf-Training des Sateders ansehen. Dieser Mann soll ja eine wahre Kampfmaschine sein.“
Während John Sheppard der Anweisung Folge leistete, erkundigte er sich mit verändertem Tonfall: „Was ist das übrigens für ein geheimnisvolles Gerät, das Sie bei Ihrer Ankunft mitgebracht haben? McKay war ganz aus dem Häuschen. Doch bisher habe ich ihn nie finden können, wenn ich ihn danach fragen wollte, also frage ich Sie jetzt.“
„Das Ganze ist unendlich kompliziert und ich habe selbst nicht alles vollkommen verstanden, was mit diesem Gerät zu tun hat“, erwiderte die Frau und strich sich eine Haarsträhne hinter das rechte Ohr. „Vereinfacht ausgedrückt kann man sagen, dass es sich um ein Gerät zur Re-Kristallisierung der ZPM-Struktur handelt.“
„Der was?“, echote Sheppard. „Sagten Sie nicht gerade, Sie wollten es vereinfacht ausdrücken, Alexandra?“
Die Frau lachte erheitert. „Es ist so: Die ZPM, die wir bisher in unserer Milchstraße und in der Pegasus-Galaxie fanden, leuchten alle in diesem düsteren Gelb.“
„Ist mir zwischenzeitlich aufgefallen.“
Die Frau wurde um eine Spur ernster. „Sie sollten aber nicht gelblich leuchten, sondern strahlend weiß. Der Grund für diese gelbe Farbe, von der wir bisher annahmen, das sei normal, ist schlicht der, dass sie bereits so alt sind. Das Neueste von denen ist immer noch einige hunderttausend Jahre alt. Ursprünglich besaßen die ZPM alle eine halb-transparente, rein weiße Farbe. Aus dem Innern leuchteten sie, für Gewöhnlich, bläulich-weiß.“
„Halt, Moment!“, verlangte der Lieutenant-Colonel. „Einerseits: Woher wissen Sie das alles? Andererseits: Warum hatten die Replikatoren keine rein weißen ZPM? Die haben die Dinger doch erst viel später nachgebaut, wenn ich mich nicht irre.“
Die Deutsche nickte verstehend. „Um zunächst einmal die zweite Frage zu beantworten: Sie sagten es richtig. Die Replikatoren haben die ZPM so gebaut wie sie diese Geräte kannten. Inklusive aller Schwächen. Was nun das Wissen um die wahre Natur der ZPM angeht: Das hat Doktor Daniel Jackson herausgefunden. Eins unserer SG-Teams hat vor einem halben Jahr einen weitgehend zerstörten Antiker-Militärposten gefunden. Auf einem Planeten, am Rande des galaktischen Zentrumskerns. Es war einer der wenigen Stützpunkte dieser Art, die in der Milchstraße bisher entdeckt wurden. Das SG-Team fand mehrere Gerätschaften, die das STARGATE-COMMAND bergen konnte. Darunter eins das in der Lage ist ein ZPM aufzunehmen. Zunächst standen wir vor einem Rätsel, da das Gerät selbst eine andere Energiequelle benötigt als ein ZPM. Nur mit einem ZPM blieb das Gerät inaktiv. Erst nach Monaten versuchte Jackson, das Gerät an einen Naquadah-Generator anzuschließen und zusätzlich ein ZPM einzustecken. Sie können sich seine Überraschung vorstellen, als das ZPM nach einer Weile seine Farbe veränderte und schließlich weiß wurde.“
Sheppard schmunzelte. „Vermutlich nahm Doktor Daniel Jacksons Gesicht dieselbe Farbe an, wie das ZPM.“
„Könnte sein. Zumindest als er feststellte, dass er das ZPM nicht entfernen kann, während des aktivierten Gerätes, da es sich und den Generator in ein Kraftfeld gehüllt hatte. Nun, nachdem sich das Gerät nach mehreren Stunden plötzlich selbst deaktivierte konnte Jackson das ZPM schließlich doch entnehmen und den Generator endlich ausschalten. Erst später fand er heraus, dass das Sperrfeld lediglich Unfälle verhindern soll. Natürlich hat Jackson Versuche mit dem veränderten ZPM durchgeführt. Er gelangte schließlich zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass das veränderte ZPM zweieinhalbmal mehr Energie abgeben kann, als eines jener ZPM, die wir bisher kennengelernt haben.“
Die Augen des Soldaten weiteten sich diesmal. „Wow, das nenne ich Fortschritt!“
Generalmajor Degenhardt lächelte bestätigend. „Das können Sie laut sagen. General Jack O´Neill hat alle Wissenschaftler von Area-51, die er loseisen konnte, zu dem besagten Planet geschickt. Diese Leute haben da jeden Stein umgedreht und einige Speicherkristalle mit verschiedenen Themen gefunden. Darunter war auch einer, der Dateien darüber enthielt welche die Funktion des Re-Kristallisierungs-Gerätes erklärten. Zuerst hat Doktor Jackson diese Dateien entschlüsselt und ausgewertet, um zu erfahren, ob dieses Gerät nicht irgendwelche schlimmen Nebeneffekte generiert, so wie es offensichtlich vielen Geräten der Antiker zu eigen ist.“
„Und?“
Zufrieden antwortete die Frau: „Es gibt keine. Das Gerät funktioniert einwandfrei. Mit anderen Worten: Wenn die drei ZPM von ATLANTIS mit diesem Gerät behandelt worden sind, dann haben wir etwas mehr Wumms, als mit sieben der üblichen ZPM.“
Es kam selten vor, dass John Sheppard sprachlos war. Diesmal dauerte es ganze fünf Sekunden bis er sagen konnte: „Jetzt verstehe ich warum Rodney seit zwei Wochen wie aufgedreht durch die Stadt wirbelt und alle Leute verrückt macht. Das muss selbst ich erst einmal verdauen. Aber hält die Stadt so eine Menge Power überhaupt aus?“
Die blonde Frau nickte: „Die Doktoren McKay sagten in seltener Einmut: Ja!“
„Dann ist das also amtlich! Aber warum braucht das Ladegerät nicht aberwitzig viel Strom? Der Punkt ist mir noch völlig schleierhaft.“
„Diesen Punkt habe ich selbst erst bei der dritten Erklärung verstanden“, gab die Frau unumwunden zu. „Um es zusammenzufassen: Offensichtlich brauchen die speziellen Kristalle des Ladegerätes nur eine gewisse Stromspannung, um dazu angeregt zu werden den Re-Kristallisierungs-Prozess einzuleiten. Doktor Jackson meinte, diese Ladekristalle seien völlig anders in ihrer Struktur, als alle anderen die wir bisher untersucht haben.“
Sheppard nickte beeindruckt, flog langsam um die dritte Plattform herum und sah dabei auf die Andockklammern, die momentan mit Hochdruck an das Energienetz der Stadt angeschlossen wurden. Auch die Elemente eines flexiblen Schleusentunnels erkannte er. Diese sollten später das kurze Stück zwischen dem neuen, starren Tunnel und dem Raumschiff überbrücken. Der Tunnel selbst, der von dem Außenbezirk der Stadt auf das Landefeld hinaus führte, konnte notfalls durch zwei Schleusen gesichert werden.
Der Pilot deutete hinunter und meinte: „Hoffentlich halten diese flexiblen Elemente des Tunnel-Endstücks einer ordentlichen Belastung stand.“
Alexandra Degenhardt machte eine zuversichtliche Miene. „Davon gehe ich aus. Bei diesen Elementen wurde mit ganz neuen Werkstoffen gearbeitet. Alles streng geheim.“
„Man hat also ein paar Antiker-Rätsel geknackt“, stellte Sheppard nüchtern fest.
„Ja, aber das habe ich nie gesagt, noch habe ich Ihre wilde Vermutung bestätigt.“
Die Kommandantin von ATLANTIS zwinkerte dem Mann neben sich geradezu spitzbübisch zu. Einen Moment später wurde sie wieder ernst und sagte: „Ich habe genug gesehen, John. Bringen Sie uns jetzt bitte zurück auf die Basis. Ich möchte ein gewisses Gespräch mit Colonel Xú Xiao-Hui hinter mich bringen.“

* * *


Auf dem Weg zum Trainingsraum wurde die Aufmerksamkeit von Ronon Dex abgelenkt als er ein fürchterlich hohes, beinahe schon schrilles, Geschrei aus einem der Nebengänge hörte. Aber er verstand nicht worum es ging, denn diese Sprache war ihm nicht geläufig. So schritte er rasch um die Ecke um zu sehen was dort passierte.
Vor einer Stunde hatte der Sateder die Kantine aufgesucht um etwas zu Mittag zu essen. Jetzt war er auf dem Weg zurück um mit dem Nachmittagstraining zu beginnen.
Als Ronon Dex den Gang erreichte aus dem das schrille Geschrei kam, bot sich ihm dort ein merkwürdiges Bild. Mitten im Gang stand eine zierliche Asiatin und schrie einen kahlköpfigen Mann an, der die gleiche, olivgrüne Kampfkombination trug wie sie. Der Sateder beobachtete die Szene ungerührt. Nur, wenn die Stimme der zierlichen Asiatin zu schrill für seinen Geschmack wurde und überzukippen drohte, verzog er schmerzhaft das Gesicht. Dabei schien es Dex etwas befremdlich wie der breitschultrige und um fast einen Kopf größere Mann sich schließlich mit einer demütig wirkenden Geste vor der Frau verneigte und eilig davon schritt, als seine Vorgesetzte ihn endlich entließ.
Als sich die Frau mit den beinahe blau-schwarzen Haaren zu Ronon Dex umwandte, sah sie ihn eindringlich an und näherte sich ihm, mit pantherhaften Schritten. Als sie ihn erreichte, fragte sie mit heller Stimme: „Wie lange stehen Sie schon da?“
„Eine Weile“, erwiderte Dex lakonisch. „Was hat der Mann angestellt, dass sie ihn so fertigmachen mussten, Colonel?“
Erst jetzt erinnerte sich die Asiatin daran, dass dieser Mann bei der ersten Einsatzbesprechung dabei gewesen war. Nach einem Augenblick fiel ihr auch sein Name wieder ein. „Sie sind Ronon Dex, der Sateder, richtig?“
„Stimmt! Und Sie sind…?“
Die Frau fasste ihn scharf ins Auge. „Mein Name ist Xú Xiao-Hui, wobei Xú der Nachname ist. Damit Sie keinen falschen Eindruck bekommen, Ronon Dex: Eben ging es nicht um Fertigmachen, sondern darum den Mann Respekt zu lehren.“
Dex grinste unbefangen. „Der respektiert Sie jetzt bestimmt.“
Die Frau erwiderte nichts darauf, sondern sie erkundigte sich stattdessen: „Was wollten sie in diesem Bereich der Stadt?“
Ronon Dex deutete den Gang hinunter und erklärte: „Ich war auf dem Weg zum heutigen Nachmittags-Kampftraining mit ihren Leuten, Colonel. Kommen Sie mit? Vielleicht wollen Sie sich ja noch weiter abreagieren?“
Die Asiatin, die ihr nackenlanges Haar straff zurückgezogen und zu einem Zopf geflochten hatte, nickte knapp. Schweigend schritten sie und der Sateder nebeneinander durch die Gänge und Ronon Dex vermerkte in Gedanken, dass diese Frau die angenehme Gabe hatte schweigen zu können.
Kurz vor dem Trainingsraum trafen sie auf Generalmajor Degenhardt und John Sheppard, die sich aus der entgegengesetzten Richtung dem Raum näherten.
Xú, die vor einer Stunde mit der Kommandantin der Stadt gesprochen hatte, nickte Sheppard zu, als dieser sagte: „Guten Tag, Colonel Xú.“
Danach wandte sich der Lieutenant-Colonel an Dex und fragte verschmitzt: „Haben Sie ein neues Opfer gefunden, dem Sie etwas… beibringen wollen.“
Xú Xiao-Hui legte den Kopf leicht schief und musterte Sheppard aus ihren fast schwarzen Augen, mit undurchdringlicher Miene. Nach einem Moment fragte sie: „Warum ziehen Sie nicht in Erwägung, dass ich es sein könnte, die Ihrem Freund etwas beibringt, Lieutenant-Colonel? Im Nahkampf bin ich, auf der SUN TZU, bisher die Beste.“
Ronon Dex sah seine Begleiterin bei diesen Worten abschätzend an, sagte aber nichts dazu. Sie konnte kaum mehr als fünfzig Kilo wiegen. Eher weniger. Damit brachte sie vielleicht die Hälfte seines Gewichts auf die Waage. Er lächelte schwach und betrat dann den Trainingsraum, wo eine Gruppe von zwanzig chinesischen Soldaten auf ihn warteten. Sie gehörten zur Crew der SUN TZU und würden schon sehr bald in echte Kampfeinsätze verwickelt sein, wie der Sateder schätzte. Dieser neue Trainingsraum war um Einiges größer, als der, den er früher für das Nahkampf-Training genutzt hatte.
Colonel Xú blieb, zusammen mit John Sheppard und Alexandra Degenhardt, im Eingang stehen. Dabei sah sie zu dem Amerikaner und fragte: „Wie schneiden Ihre Marines gegen Ronon Dex ab?“
Sheppard grinste schief und machte eine wiegende Geste mit der Rechten.
„Ich verstehe, Lieutenant-Colonel Sheppard. Ich hoffe nur, dass meine Leute sich nicht blamieren werden.“
Der Lieutenant-Colonel bemerkte das neue Rack im Raum, in dem es ein Sortiment von verschieden langen Bō-Stäben gab, die zwischen 1,23 Meter und 1,82 Meter lang waren. „Haben Ihre Leute diese Kampfstäbe mitgebracht?“
Die Andeutung eines Lächelns überflog das Gesicht der Raumschiffskommandantin, als sie melodisch erwiderte: „Ja. Nach einer längeren Unterhaltung mit Teyla Emmagan dachte ich mir, es könne nicht schaden das Repertoire etwas zu erweitern. Diese Stäbe bestehen aus hochwertiger Roteiche. Ich selbst bevorzuge die kurzen Stäbe, auch wenn die Reichweite mit den klassischen Stäben von einem Meter und Zweiundachtzig natürlich eine ganz Andere ist. Vielleicht möchten Sie es auch einmal probieren?“
„Nicht heute, Colonel“, lehnte Sheppard schnell ab. „Teyla hat mich erst gestern Abend wieder mit Bantos-Stäben verprügelt. Das reicht mir erst einmal.“
Während Xú keinerlei Reaktion auf Sheppards Worte zeigte, grinste Generalmajor Degenhardt, die zwischen ihnen stand, ganz offen.
Sie beobachteten gemeinsam den ersten Angriff eines chinesischen Soldaten, den Ronon Dex abwehrte. Sie kämpften mit der mittellangen Variante der Bō-Stäbe, die eine Länge von 1,52 Metern besaßen. Die Männer wechselten eine Reihe schneller Stockschläge aus. Im nächsten Moment flog der Asiat durch die Luft und landete bäuchlings auf der Bodenmatte, während Dex nachsetzte und ihn am Hals zu Boden zwang.
Nach einem schnellen Blick zu Colonel Xú ließ Dex von dem Soldaten ab und winkte den Nächsten zu sich heran. Diesmal dauerte es etwas länger bis der Chinese zu Boden ging.
Auch diesmal wechselte Ronon Dex einen raschen Blick mit der Chinesin im Eingangsbereich des Trainingsraumes. Dabei fiel ihm etwas auf. Etwas das er bereits nach seinem ersten Sieg gesehen hatte und seine Mundwinkel verzogen sich leicht.
Auch Alexandra Degenhardt beobachtete die Reaktion von Xú, wenn auch aus einem anderen Grund. Nachdenklich sah sie sich mit ihren drei Begleitern den dritten Kampf an. Auch er endete in weniger als einer Minute mit einem Sieg des Sateders.
Als Dex diesmal etwas herausfordernd aufsah war er sich sicher, dass er sich nach den ersten beiden Kämpfen nicht geirrt hatte. Mit grimmiger Miene wandte er sich von seinen Sparringspartnern ab und baute sich, die Hände auf seinen Stab gestützt, vor Xú auf. Rau fragte der Sateder schließlich: „Okay, was ist? Gefällt Ihnen nicht was Ihrer Männer im Kampf gegen mich zeigen?“
Die Chinesin hob leicht die Augenbrauen. „Ich verstehe nicht was Sie meinen.“
Ronon Dex schnaubte verächtlich. „Was ich meine ist: Jedesmal, wenn ich einen Ihrer Leute besiegt habe machen sie diese kleine… Mundbewegung.“ Damit ahmte Ronon Dex übertrieben das nach, was an der Chinesin kaum zu bemerken gewesen war. „Als hätten sich Ihre Leute nicht genügend angestrengt.“
Xú Xiao-Hui, die alle drei Kämpfe sehr genau beobachtet hatte, entschied sich dazu ihm ehrlich zu antworten. „Es ist nicht deren Technik – es ist Ihre Technik, Ronon Dex. Sie hätten alle drei Männer schon viel eher schlagen können.“
„Das glauben Sie?“
Leise erwiderte die Chinesin bestimmt: „Das weiß ich.“
Etwas fassungslos und nun auch wütend werdend sah Dex zum Generalmajor. „Was Halten Sie von einer kleinen Änderung im Trainingsplan, General? Vielleicht geben wir Colonel Xú eine Chance!“
Alexandra Degenhardt machte eine ablehnende Geste und wollte bereits vehement ablehnen, als Xú schnell versicherte: „Ich bin bereit, General.“
„Sie sind Kommandantin eines Raumschiffs“, wandte die Deutsche ein. „Nicht eine Infanterie-Spezialistin die Bodeneinsätze durchführen muss.“
Zu Dex gewandt sagte Alexandra Degenhardt bestimmt: „Wir halten uns an den Trainingsplan. Keine überflüssigen Ablenkungen.“
Ronon Dex wandte sich bei den Worten des Generalmajors zu der blonden Frau und fragte spöttisch: „Was haben Sie denn, General? Haben Sie Angst, dass deren Beste auf der SUN TZU im Zweikampf gegen mich gnadenlos untergeht?“
Sowohl Generalmajor Degenhardt, als auch John Sheppard sahen die Chinesin inständig an, doch Xú wirkte entschlossen diesem Kampf nicht auszuweichen. Schließlich erklärte die Kommandeurin der Stadt ruhig: „Es ist Ihre Entscheidung, Colonel Xú.“
Die Chinesin nickte der Deutschen mit unbewegter Miene zu und schritt zu einer der beiden breiten Bänke hinüber. Während Xú ihre Uniformjacke ablegte und ordentlich zusammengefaltet neben sich auf die Bank legte, entstand eine leichte Unruhe unter den Männern ihrer Besatzung.
Auch Sheppard spürte ein ungutes Gefühl im Magen und sah zu seiner Vorgesetzten. Leise raunte er ihr zu: „Können Sie das verantworten, Generalmajor? Ronon macht diese zierliche Frau zum fertigen Handkoffer.“
Alexandra Degenhardt bedachte den Mann neben sich mit einem zweifelnden Blick und erwiderte nachdenklich: „Da bin ich mir nicht sicher, Lieutenant-Colonel. Ich weiß zwar nicht wie sie sich im Nahkampf schlägt aber ich habe Xú schon im Einsatz erlebt.“
„Wie wäre es dann mit einer kleinen Nebenwette, Generalmajor?“
Die Frau sah Sheppard lange an, bevor sie in ihre Hosentasche griff und zwischen verschiedenen bunten Euro-Scheinen einen Fünfziger herausfischte. „In Ordnung.“
Überrascht sah Sheppard auf den Schein. „Ich will Sie nicht an den Bettelstab bringen, Generalmajor.“
Alexandra Degenhardt machte eine winkende Geste mit den Fingern der Hand, auf deren Fläche der Fünfzig-Euro-Schein lag. Sheppard zuckte mit den Schultern. Es dauerte einen Moment, bis er einen Fünfzig-Dollar-Schein auf ihren Euro-Schein legte.
Die linke Augenbraue der Frau hob sich etwas und missbilligend musterte sie den Mann an ihrer Seite, bis er sich dazu entschloss einen Zwanziger dazuzulegen. Doch die Miene seiner Vorgesetzten blieb missbilligend und Sheppard legte einen weiteren Dollar dazu und noch einen, als Alexandra nach der ersten Ein-Dollar-Note nur den Kopf schüttelte.
Die Deutsche kannte den aktuellen Umrechnungskurs. Erst beim zweiundsiebzigsten Dollar schlossen sich ihre Finger um die Geldscheine und amüsiert schmunzelte sie: „Entschuldigen Sie Colonel, aber im Zweifelsfall wird bei der Deutschen Bank immer aufgerundet. Da ich das Geld mit dazu verwenden werde anständigen Kaffee für die Messe zu beschaffen, wenn ich gewinne, kommt es am Ende einem guten Zweck zugute.“
Sheppard grinste zweifelnd. „Falls Sie gewinnen, Sir. Sie denken wirklich diese zarte Lotusblume hat gegen das Tier von Sateda den Hauch einer Chance?“
„Warten wir es einfach ab.“
Inzwischen hatte sich Xú Xiao-Hui auch die Kampfstiefel und die Strümpfe ausgezogen. Beides ebenfalls ordentlich nebeneinander auf dem Boden ablegend erhob sich die Frau mit einer fließenden Bewegung von der Bank und schritt zum Rack hinüber um sich ebenfalls mit einem Bō-Stab zu bewaffnen.
Mahnend rief Alexandra Degenhardt in die Runde: „Ich möchte betonen, dass das hier nur ein Training ist und kein echter Kampf. Wer zuerst vier Treffer am Körper des Anderen setzen kann, der hat gewonnen.“
Mit dem Stab in der Hand, für den sich Xú entschieden hatte, schritt sie auf Ronon Dex zu, der sich ebenfalls zu seiner Position begab.
Während sie aneinander vorbei schritten stellte der Mann von Sateda düster klar: „Okay, das ist nur ein Training. Ich mache aber deswegen keine halben Sachen.“
Als Xú Xiao-Hui ihre Ausgangsposition erreichte, erwiderte sie, mit dem Rücken zu Ronon Dex und mit heller Stimme leichthin: „In Ordnung!“
Im nächsten Moment drehte sich Xú um. Alle Sanftheit war aus ihrem Gesicht gewichen als sie Dex von unten herauf mit den Augen fixierte und mit deutlich abgesenkter Stimme erwiderte sie, beinahe drohend: „Dann werde ich das auch nicht machen.“
Den Stab in ihrer Linken haltend machte die Frau übergangslos eine schnelle Drehung um ihre Achse nach vorne und wechselte dabei den Bō-Stab von der linken Hand in die Rechte. Sie blieb schließlich, den Stab mit der Spitze hinter sich haltend, mit nach vorne ausgestreckter linker Hand stehen und sah den Sateder auffordernd an.
Ronon Dex packte seinen Stab, anders als die Asiatin, fast an einem Ende und schwang ihn einige Male vor sich, wie ein Schwert. Schließlich nahm er, wenige Schritte von der Frau entfernt, eine Haltung ein die fast der eines Samurai beim Schwertkampf glich.
Xú Xiao-Hui blieb unverändert auf ihrer Position und beobachtete Dex dabei, wie er zunächst einen Schritt näher kam. Noch außer Reichweite für einen erfolgversprechenden Angriff. Vorsichtig machte er noch einen Schritt vor und Xú spannte ihren schlanken Körper an. Doch der Angriff des Mannes überraschte sie in seiner Schnelligkeit dennoch. Mit einem weiten Ausfallschritt ließ der Mann den Stock auf ihre rechte Schulter klatschen.
„Eins zu Null!“
Dex grinste fast vergnügt und machte einen raschen Schritt zurück. Doch nicht schnell genug, denn im nächsten Moment schoss die Asiatin blitzschnell vor, wehrte einen Schlag des Mannes ab und traf ihn mit ihrem Stab fest an seinem linken Oberarm.
Mit unbewegter Miene korrigierte die Frau: „Eins zu Eins!“
Den Stab quer vor sich haltend sah Xú dem Mann in die Augen. Für einen Moment war sie dabei abgelenkt und Dex schwang rasch seinen Stab zu ihrer linken Hüfte. Sich diesmal schneller wieder außer Reichweite bringend riet Dex der Frau: „Konzentration!“
Die Asiatin presste unmerklich ihre Lippen zusammen. Sie zeigte jedoch nicht, wie sehr sie sich über diesen unnötigen Treffer ärgerte. Stattdessen griff sie nun selbst leichtfüßig an, deckte Ronon Dex mit zwei raschen Schlägen ein und traf ihn mit dem dritten so heftig am linken Handgelenk, dass der Mann kurz das Gesicht verzog.
Bereits wieder außer Reichweite des Sateders meinte sie zuckersüß aber mit einem irgendwie spöttischen Unterton: „Besser aufpassen, Ronon Dex!“
Das stachelte Dex an eine rasche Entscheidung zu suchen. Er drang mit einer Kombination verschiedener Schläge und Stockstöße auf die Asiatin ein, die ihm jedoch behände auswich und seine Angriffsmuster studierte. Als er wieder vorstieß, unterlief sie den Mann und warf ihn auf den Rücken. Ihr Stab traf hart seine Brust.
Den Stab schräg vor sich haltend, während Dex wieder aufstand, sagte sie betont und fast flüsternd: „Drei zu Zwei!“
Ronon Dex hütete sich davor, der Frau nochmal so leichtfertig in die Falle zu gehen. Sie hatte es ausgenutzt, dass er sie wegen ihrer geringen Körpergröße unterschätzt hatte. Das sollte ihm nicht nochmal passieren. Diesmal erwartete er ihren Angriff. Er wehrte drei Schläge mühsam ab und näherte sich ihr dabei immer mehr. Seine Attacke fiel mit ihrer fast zusammen. Dex bekam ihr freies Handgelenk zu packen und warf sie im hohen Bogen über die Schulter zu Boden.“
Ein leises Raunen ging durch die Reihen der asiatischen Soldaten, die bisher bei jedem der Treffer fair Applaus gespendet hatten, als ihre Vorgesetzte hart auf der Bodenmatte landete und sie sich einen Tropfen Blut von der angerissenen Unterlippe wischte, weil sie sein Stab dort unglücklich erwischt hatte.
Doch rasch kam Xú Xiao-Hui wieder auf die Füße und bedachte Ronon Dex wieder mit einem beinahe mörderischen Blick. Dabei führte sie den rechten Arm mit dem Stab, wie zu Beginn des Kampfes, nach hinten und wandte Dex ihren ausgestreckten linken Arm zu. Sie nickte ihm dabei herausfordernd zu.
Einen Moment später attackierte die zierliche Frau den Sateder wieder. Diesmal noch schneller als zuvor schon. Ihr Kopf zuckte zurück und sein Stab verfehlte ihn nur um Haaresbreite. Dafür schlug sie selbst einige Male auf ihn ein und nur knapp konnte Dex die Schläge abwehren. Einer von ihnen ging zu seinen Knöcheln und nur ein Sprung in die Luft rettete den Mann davor getroffen zu werden.
Ronon Dex nutzte die Gelegenheit, einen heftigen Schlag gegen ihre Hüfte zu führen, doch mit einer unglaublichen Geschwindigkeit tauchte sie unter dem Schlag hinweg. Statt sich außer Reichweite zu bringen, machte Xú kniend einen Sprung nach vorne und wechselte dabei den Stab in die linke Hand. Fast gleichzeitig umfasste sie mit dem rechten Arm das rechte Bein des Sateders. Blitzschnell war sie hinter ihm, schob ihren Oberkörper durch seine Beinschere und hob ihn einfach von den Beinen.
Ronon Dex landete, mit ungläubigem Gesichtsausdruck auf dem Rücken, während die Frau sein Bein nun anhob und so festhielt, sodass er nicht in der Lage war sich zu wehren. Gleich darauf tippte Xú Xiao-Hui mit ihrem Bō-Stab, ganz sacht, auf die Brust des vor ihr liegenden Mannes, wobei das feine Lächeln auf den Lippen beinahe nur zu erahnen war.
„Ich würde sagen der Colonel hat diesen Kampf gewonnen“, ließ sich Generalmajor Alexandra Degenhardt vernehmen und beendete damit offiziell den Kampf.
Mit begeisterten Mienen spendeten die Soldaten im Raum Applaus und selbst John Sheppard, der für einen Moment wehmütig an die verlorene Wette dachte, schloss sich an. Dann schritt er zu Ronon Dex, der immer noch ungläubig zu der zierlichen Frau starrte.
„Kommen Sie, Ronon. Das hätte jedem von uns passieren können.“ Er reichte dem Freund seine Hand, und half ihm vom Boden auf. „Die hat Ihnen gezeigt was eine Harke ist!“
Ronon erhob sich und meinte anerkennend: „Ja, hat sie und ich versichere Ihnen, wenn die einen ihrer Soldaten zusammenfaltet dann will man auch nicht in der Nähe sein.“
„Wegen Ihnen habe ich zweiundsiebzig Dollar verloren“, beschwerte sich Sheppard im nächsten Moment. „Ich hatte wirklich mehr von Ihnen erwartet.“
Der Sateder ging nicht darauf ein. Stattdessen meinte er: „Diese Frau werden wir in der Pegasus-Galaxie bestimmt gut gebrauchen können.“
„Na, mir hat es bisher gereicht, wenn uns Teyla vermöbelt hat“, spottete Sheppard. „Und jetzt haben wir noch eine von der Sorte auf ATLANTIS. Da sehe ich schwarz.“
„Vielleicht sollten wir die Beiden mal zu einem Schaukampf zusammenbringen“, grollte Ronon und erntete einen begeisterten Blick von Sheppard.
„Das ist die Idee, Ronon! Aber jetzt sollten Sie weitermachen mit dem Training. Ich schätze, die Männer von Colonel Xú legen sich ab jetzt doppelt ins Zeug. Ich werde Sie dann später auf der Krankenstation besuchen.“
Damit ging der Lieutenant-Colonel und Dex dachte finster: Darüber reden wir noch.
Alte Freunde by ulimann644
4.

ALTE FREUNDE


„Hör mir zu, Mer! Du wirst dich persönlich bei ihm melden und ihm sagen, dass wir ihn dringend brauchen und dass wir ohne ihn aufgeschmissen sind! Nein, besser: Du wirst ihm sagen, dass DU ihn brauchst!“
Aufgebracht stand Jeanie McKay, zwei Tage vor dem geplanten Start von ATLANTIS, im Quartier ihres Bruders und funkelte ihn wütend an, wobei sie beinahe trotzig ihre Arme vor der Brust verschränkt hielt.
„Nie im Leben“, polterte Rodney McKay prompt zurück. „Ich werde doch nicht bei Radek Zelenka zu Kreuze kriechen und seinem Ego frönen, indem ich ihm sage, dass es auf ATLANTIS nicht ohne ihn geht! Außerdem hat er General O´Neill gesagt, dass er sich bei zwei McKays auf ATLANTIS aufhängen würde! Was sagst du dazu?“
„Papperlapapp sage ich dazu“, gab Jeanie zurück. „Das hat Radek bestimmt nicht ernst gemeint. Vermutlich war er nur sauer, weil der General mich unbedingt dabei haben wollte und ihn erst danach gefragt hat. Aber ich denke wir brauchen ihn, Mer.“
„Ja, so nötig wie die Pest“, ätzte Rodney McKay und duckte sich unter dem Blick seiner jüngeren Schwester. Er erkannte, dass sie kurz davor war zu explodieren. Das hatte er erst einmal erlebt und damals hatte er sich geschworen das nie wieder herauszufordern.
Mit beschwichtigend erhobenen Händen schritt er rückwärts zum Schott und betätigte den Öffnungskontakt, ohne hinzusehen. Dabei seufzte er resignierend: „Also schön, ich werde mit ihm reden. Aber mach es nicht mir zum Vorwurf, wenn er absagt.“
„Du wirst dafür sorgen, dass genau das nicht passieren wird, Mer, oder du wirst mich mal richtig wütend erleben!“, zischte Jeanie gefährlich leise und rauschte dann an Rodney vorbei nach Draußen.
McKay sah seiner Schwester hinterher und schüttelte den Kopf. Das schien einer dieser ganz besonderen Tage zu werden. Natürlich hatte sie Recht, aber im Moment war Rodney McKay nicht in der Stimmung Irgendwem Recht zu geben.
Der Chefwissenschaftler auf ATLANTIS verließ ebenfalls sein Quartier und steuerte den Gang an, der zur Krankenstation führte. Er würde heute noch mit Radek reden, aber zuerst musste er sich seelisch erleichtern und das ging am besten bei der Frau, die er liebte.
Schon in Sichtweite der Krankenstation lief er am vorgelagerten Verteilerknoten John Sheppard über den Weg, der aus einem der drei hier zusammentreffenden Gänge auf ihn zu kam und freudig meinte: „Ah… Rodney, ich habe Sie bereits gesucht. Ich habe mir bereits gestern überlegt, dass Sie sich vielleicht mit Zelenka in Verbindung setzen könnten. Sie sollten ihn überzeugen es sich nochmal zu überlegen.“
„Toll!“, schnauzte McKay und blieb stehen. „Jetzt fangen Sie auch noch damit an! Hören Sie, diesen Stümper brauchen wir nicht!“
„Ja“, ging Sheppard über McKays Bemerkung hinweg. „Also was ist? Wann nehmen Sie mit Zelenka Kontakt auf?“
Etwas konsterniert sah der Physiker zu dem Lieutenant-Colonel. „Hören Sie mir eigentlich nicht zu, John?“
„Doch, ich höre Ihnen zu!“, gab Sheppard gereizt zurück. „Ich bin nur vollkommen anderer Meinung als Sie, Rodney! Sie wissen verdammt gut welche Leistungen Zelenka in den Jahren seiner Anwesenheit auf ATLANTIS vollbracht hat. Jetzt kommen Sie endlich runter, überwinden Ihr Ego und bitten Ihn darum, dass er mitkommt!“
Nach Worten suchend sah McKay in John Sheppards gereizte Miene. Bevor er etwas erwidern konnte, hob der Soldat wieder an, diesmal leiser aber dafür eindringlicher. „Überlegen Sie doch, Rodney: Wollen Sie wirklich das Leben Ihrer Schwester in Gefahr bringen, weil Sie momentan sauer auf Radek sind? Natürlich war der gute Mann etwas angefressen, weil O´Neill ihre Schwester vor ihm gefragt hat. Wir wissen beide, dass da keinerlei Vetternwirtschaft mit im Spiel war. Aber wie hat das wohl für Zelenka ausgesehen? Er hat es sich verdient mitzukommen.“
Etwas abwesend sah McKay an Sheppard vorbei. Im nächsten Moment heiterte sich seine Miene unnatürlich schnell auf. Dreimal mit den Fingern der rechten Hand schnippend, stimmte er Sheppard zu: „Sie haben vollkommen Recht. Wenn es einer verdient hat in der Pegasus-Galaxie umzukommen, dann ist es Radek und nicht Jeanie!“
Damit eilte McKay in die Richtung davon, aus der er gekommen war.
Sheppard sah dem Wissenschaftler kopfschüttelnd nach und schritt weiter in Richtung der Krankenstation.

* * *


Als John Sheppard die Krankenstation erreichte, um mit Doktor Jennifer Keller über einen alten Freund zu sprechen, fand er zu seiner Überraschung auch Generalmajor Alexandra Degenhardt dort vor. In der letzten Woche hatte er sie nur für wenige Stunden zu Gesicht bekommen und er hatte bereits Vermutungen darüber angestellt, ob sie ihm vielleicht aus dem Weg ging, obwohl es dafür andererseits keinen Grund gab.
Die Miene der Kommandantin von ATLANTIS hellte sich auf als sie ihn erkannte. Rasch sagte sie: „Ah, Lieutenant-Colonel. Das Sie hier sind, trifft sich sehr gut. Ich wollte sie gerade kontaktieren. Es handelt sich um Ihren besonderen Freund. Dem Wraith, den Sie Todd nennen. Von Doktor Keller erfuhr ich, dass er sich seit der Landung von ATLANTIS auf der Erde in Stasis befindet. Ich wollte mir dieses Wesen vor dem Start einmal ansehen.“
„Na ja, als Freund würde ich den nicht unbedingt bezeichnen“, wiegelte Sheppard vehement ab. „Wer solche Freunde hat der braucht nämlich keine Feinde.“
Kurz der Ärztin einen guten Morgen wünschend richtete sich die Aufmerksamkeit des Mannes gleich darauf wieder auf Alexandra Degenhardt. „Als wir Todd in Stasis versetzt haben da sagte ich ihm, dass es für eine Weile wäre. Ich schätze der wird nicht erbaut davon sein, was ich unter einer Weile verstehe, wenn wir ihn wieder aufwecken.“
Falls wir ihn wieder aufwecken“, betonte die Deutsche. „Offen gesagt, das IOA war und ist von dem Gedanken nicht angetan. Andererseits scheuen sie sich auch vor der Verantwortung, irgendeine Entscheidung zu treffen in Bezug auf den Wraith. Am Ende wird es also an mir hängenbleiben und die sauberen Damen und Herren des IOA sind fein raus.“
John Sheppard verzog, mit einer Mischung aus Verärgerung und Mitleid das Gesicht. „Kommt mir irgendwie bekannt vor, Sir. Ihre Vorgänger haben ganz ähnliche Erfahrungen mit denen vom Komitee gemacht.“
„Zum Glück habe ich keine Schwierigkeiten damit Entscheidungen zu treffen. Denn das steht im Anforderungsprofil für Generale.“
Die deutsche Frau grinste beinahe verschmitzt. Dann sah sie zu Jennifer Keller und meinte: „Ich hätte gerne, dass Sie Zwei mich begleiten. Ich würde mir nämlich diesen Wraith gerne mal ansehen. Ich habe zwar bereits Bilder von ihm gesehen, doch das ist bestimmt nicht dasselbe wie ihn real anzusehen.“
„Damit liegen Sie richtig“, pflichtete Sheppard bei.
Zusammen mit Keller übernahm er die Führung, als sie die Krankenstation verließen. Unterwegs fragte er die Ärztin: „Wie läuft es zwischen Ihnen und Rodney? Im Moment kriegen Sie ihn bestimmt kaum zu Gesicht.“
„So gut wie gar nicht“, bestätigte Jennifer Keller mit einem traurigen Unterton. „Außerdem scheint er sich verändert zu haben. Ich frage mich nur, ob es an mir liegt oder daran, dass seine Schwester diesmal mit dabei ist. Rodney war ja nicht gerade begeistert davon, dass sie diesmal mitkommt.“
„Ach was“, wiegelte der Lieutenant-Colonel leichthin ab. „Wenn Rodney erst einmal wieder die Strahlschüsse aus Wraithwaffen um die Ohren pfeifen ist er wieder ganz der Alte.“
Die Ärztin schmunzelte gegen ihren Willen. „Malen Sie den Teufel nicht an die Wand, John. Ich wäre froh, wenn wir erst einmal in Ruhe gelassen würden.“
„Vielleicht kann dieser Todd uns dabei ja unterstützen“, warf Alexandra Degenhardt ein, die der Unterhaltung bislang schweigend zugehört hatte.
„Darauf würde ich nicht mein Leben verwetten“, zweifelte Sheppard. Gleich darauf fügte er etwas ironisch hinzu: „Nicht einmal zweiundsiebzig Dollar.“
Der Mann ignorierte Kellers fragenden Blick und warf einen kurzen Blick über die Schulter, wobei er feststellte, dass sich die Augenbrauen des Generals missbilligend zusammenzogen. Schnell sah er wieder nach Vorne.
Sie erreichten das Labor mit den Stasiskammern, vor dessen Eingang zwei Soldaten postiert waren. Sheppard ging, in Bezug auf den Wraith, lieben auf Nummer Sicher.
Nachdem sich das Licht im Labor bei ihrem Eintreten selbsttätig aktiviert hatte, schritt Sheppard mit seiner Vorgesetzten und Jennifer Keller zu der Stasiskammer, die den Wraith enthielt mit dem Sheppard ein ums andere Mal zusammengearbeitet hatte.
Generalmajor Alexandra Degenhardt blieb dicht vor der Kammer stehen und sah sich das fremdartige Wesen interessiert an. Als kleines Mädchen hatte sie geglaubt, dass außerirdische Intelligenzen grundsätzlich anders aussehen würden. Jetzt stand sie vor einem intelligenten Wesen aus einer entfernten Galaxie, das beinahe wie ein Mensch wirkte. Erst auf den zweiten Blick wurde sie der Unterschiede gewahr. Besonders die grüne Haut und das weiß-silbrige Haupthaar wirkten exotisch. Neben der gezackten Tätowierung um das linke Auge herum und den seltsamen Schlitzöffnungen neben den extrem breiten, weit herabgezogenen Nasenflügeln.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sich Alexandra Degenhardt vom Anblick des Fremden lösen konnte. Sich zu ihren beiden Begleitern umdrehend, sagte sie: „Kaum zu glauben, dass sich die Wraith aus Menschen entwickelt haben sollen. Eine tragische Entwicklung, ausgelöst durch diese Iratuskäfer, von denen ich gelesen habe. Dennoch sind es intelligente und empfindungsfähige Lebewesen.“
„Meistens empfinden sie einen ziemlichen Hass auf Alles und Jeden“, warf Sheppard spöttisch ein. „Dieser Wraith hier gehört noch zu den weniger üblen Zeitgenossen. Doch selbst Todd traue ich nicht weiter, als ich einen Amboss werfen kann.“
Die Kommandantin von ATLANTIS nickte abwesend. Nach einem Moment meinte sie. „Für Sie mag es verrückt klingen, doch dieser Todd, so hilflos eingefroren, tut mir irgendwie leid. Niemand hat es verdient, längere Zeit in eisiger Starre zu verharren.“
„Die sind daran gewöhnt“, gab Sheppard trocken zurück. Etwas ernster fragte er: „Wann gedenken Sie den Wraith laufen zu lassen?“
Der Kopf der Deutschen ruckte herum. „Wie kommen Sie darauf, dass ich an diese Möglichkeit gedacht habe?“
Sheppard lächelte schwach: „Ist nur so ein Gefühl.“
Alexandra Degenhardt biss sich auf die Unterlippe. Sich zu Jennifer Keller wendend und dabei zu der Stasiskammer deutend wollte sie wissen: „Wie lange kann der Wraith dort drin bleiben, ohne dass es zu Schäden führt, Doktor?“
„Oh, nahezu unbegrenzt. Elizabeth Weir, oder besser eine Kopie von ihr, die durch die Zeit reiste, verbrachte zehntausend Jahre in einer solchen Kammer und überlebte. Allerdings war sie stark gealtert.“
„Das mit dem Altern passiert bei den Wraith nicht so schnell“, wandte John Sheppard ein. „Ihre Physiologie ist sehr viel robuster als die menschliche. Hängt wohl damit zusammen wie sie sich ernähren.“
Die Worte des Mannes brachten Alexandra Degenhardt wieder zu Bewusstsein, welche Gefahr von den Wraith ausging. Mitleid für ein intelligentes Lebewesen hin oder her, jemand der sich an Menschen nährte, nicht als Feind anzusehen fiel naturgemäß nicht leicht.
„Ich denke für heute waren es genug Eindrücke von diesem Wraith“, entschied die Kommandantin schließlich und wandte sich von der Stasiskammer ab. Abrupt das Thema wechselnd erkundigte sie sich bei Sheppard und Doktor Keller: „Wie verbringen Sie beide den Heiligen Abend und den Ersten Weihnachtstag, bevor wir, am Sechsundzwanzigsten, zur Pegasus-Galaxie starten?“
Jennifer Keller wollte antworten doch sie kam nicht dazu. Sie fasste sich an den Kommunikator und sah dann ernst zu der deutschen Frau. „Sie müssen mich entschuldigen aber es hat einen Unfall gegeben.“
Damit eilte Keller aus dem Raum.
Etwas langsamer folgten ihr Alexandra Degenhardt und John Sheppard. Unterwegs nahm die Frau den Faden wieder auf und erkundigte sich: „Also, was machen Sie an den vorläufig letzten beiden Tagen auf der Erde?“
Sheppards Miene verzog sich zu einem leisen Schmunzeln als er erwiderte: „Sie wissen gerne über Alles Bescheid, wie mir scheint. Nun, es ist andererseits kein Geheimnis. Meine Ex-Frau hat mich für heute Abend zum Abendessen eingeladen. In den letzten elf Monaten haben wir gelernt so miteinander umzugehen, wie wir es eigentlich während unserer Ehe hätten tun sollen. Ganz tolles Timing, nicht wahr? Was ist mit Ihnen? Haben Sie eine eigene Familie?“
Ein etwas melancholischer Zug lag auf dem Gesicht der Frau, als sie auf Sheppards Frage erwiderte: „Nein, ich habe keine Familie.“
„Sie sollten es versuchen“, entfuhr es Sheppard, ehe er es verhindern konnte.
Wieder zog die Frau an seiner Seite die Augenbrauen zusammen und Sheppard erklärte verlegen: „Na ja, Sie könnten gleichzeitig kontrollieren und missbilligen.“
Für einen langen Moment sah Alexandra Degenhardt ihren Begleiter an, bevor sie mit warnendem Unterton meinte: „Sie bewegen sich mitunter haarscharf an der Grenze dessen entlang, was ich bereit bin Ihnen durchgehen zu lassen, John. Sie sollten unbedingt vermeiden diese unsichtbare und gelegentlich etwas fließende Grenze zu überschreiten.“
Für einen Moment spürte Sheppard, dass es die Frau absolut ernst meinte und etwas unangenehm berührt wich er ihrem scharfen Blick aus. „Wird nicht passieren.“
Die Frau nickte zufrieden. „Besser wär´s.“
Schweigend setzten sie ihren Weg fort. Erst als sie wieder in den Gang zum Kommandozentrum der Stadt einbogen, sagte Generalmajor Degenhardt: „Ach, John. Ich habe Ihre zukünftige Stellvertreterin, Major Anne Teldy, darum gebeten, bereits um Mittag für Sie zu übernehmen. Dafür hat Teldy dann aber etwas gut bei Ihnen.“
„Teldy kommt mit? Aber ich dachte, dass Major Lorne...“
„Lorne hatte gestern einen Autounfall“, gab die Frau erklärend zurück. „Ich wollte es Ihnen bereits die ganze Zeit über sagen, aber dann hat dieser Wraith mich zu sehr abgelenkt. Es ist nichts Tragisches, doch mit einigen Rippenbrüchen fällt Lorne erst einmal aus.“
„Nette Weihnachtsüberraschung“, erwiderte Sheppard nicht gerade begeistert. Nach einem Moment lächelte er jedoch verhalten und sagte: „Danke, Alexandra.“

* * *


Am Abend saß John Sheppard seiner Ex-Frau Nancy gegenüber am Tisch des geräumigen Wohnzimmers. Nancy hatte traditionell Grünkohl mit Salzkartoffeln und Mettwürsten zubereitet. Ein Erbe ihrer zur Hälfte deutschen Wurzeln. Die andere Hälfte war Cherokee, was den etwas dunkleren Teint und den indianischen Gesichtsschnitt erklärte.
Wie schon zu der Zeit als sie noch zusammen gewesen waren hatte sie es verstanden, das traditionell relativ einfache Mal zu etwas Besonderem zu machen. Deshalb griff John Sheppard, der wusste, dass er auf so etwas zukünftig erst einmal wieder würde verzichten müssen, auch ein zweites Mal zu. Worüber sich Nancy zu freuen schien.
Sheppard aß mit Behagen und dachte dabei an die kleine Aufmerksamkeit, die er Nancy zur anschließenden Bescherung mitgebracht hatte. Eine kunstfertig gearbeitete, athosianische Brosche, die er Teyla nach intensiver Verhandlung abgeschwatzt hatte. Etwas ganz Besonderes. So wie Nancy.
Die Frau mit den langen, braunen Haaren hatte ihr Mahl bereits beendet und beobachtete ihren Ex-Mann aufmerksam dabei wie er aß. Dabei wechselten Beide lange Blicke miteinander, wobei sich in der Magengrube des Mannes ein wärmendes Gefühl ausbreitete, an dem nicht das Essen seinen Anteil hatte. Das gedämpfte Licht im Raum verlieh ihren Gesichtszügen beinahe etwas Geheimnisvolles.
Den gesamten Nachmittag über hatte bereits eine seltsame Stimmung zwischen ihnen geherrscht. Vielleicht auch deswegen, weil sein Bruder Dave, der ebenfalls eingeladen gewesen war, kurzfristig abgesagt hatte. Aus beruflichen Gründen die ihn in New York festhielten. Dabei hatte John es ganz bewusst vermieden das Gespräch auf Nancys momentanen Stand der Beziehung zu Grant zu lenken. Das würde zu Nichts führen.
Jedoch war John Sheppard aufgefallen, dass Nancy ihren Kleidungsstil auffallend verändert hatte. Etwas, dass sie bisher nur einmal getan hatte. Nachdem sie sich damals von ihm getrennt hatte. Aber das musste nichts heißen.
Doch auch das hatte er nicht thematisiert, weil er ahnte, dass Nancy allergisch darauf reagieren würde, wenn er zu sehr in ihr Privatleben eindrang. Dabei hätte ihn brennend interessiert wie es aktuell um ihre Beziehung mit Grant stand.
Gerade so als habe Nancy seine Gedanken gelesen fragte sie einen Moment später: „Daraus, dass du den Heiligen Abend mit mir verbringst, ersehe ich, dass du momentan keine feste Beziehung führst, John. Oder irre ich mich?“
Sheppard erwiderte den forschenden Blick aus den braunen Augen seiner Ex-Frau. „Sie könnte ja beruflich gebunden sein, so wie mein Bruder.“
„Du vergisst, dass ich dich ziemlich gut kenne.“
Sheppard grinste schief. Ja, Nancy hätte es längst gemerkt, in den letzten Monaten, wenn er eine feste Freundin gehabt hätte. „Viel zu gut, Nancy.“
Sheppard wischte sich mit der Serviette den Mund ab, legte sie zur Seite und lehnte sich in dem Stuhl zurück. „Das Essen war ausgezeichnet.“
„Wie wäre es mit einem Glas Wein? Und später machst du dein Geschenk auf.“
John Sheppard lächelte versonnen. Es war mehr als ein halbes Jahrzehnt her, dass er richtig Weihnachten gefeiert hatte. „Ich liebe Weihnachtsgeschenke. Aber du hast dich hoffentlich an unsere Abmachung gehalten. Nur eine Kleinigkeit.“
„Ich hatte nie Probleme mit Abmachungen“, gab Nancy etwas spitzer zurück. Im nächsten Moment lächelte sie entschuldigend. „Tut mir leid, John.“
John Sheppard hob leicht seine Augenbrauen und machte eine wegwerfende Geste, während er sich erhob. „Ist vermutlich die Macht der Gewohnheit.“
Nancy ließ die Bemerkung unkommentiert und verschwand für eine Weile in der Küche. Kurz darauf kehrte sie mit zwei gefüllten Weingläsern in den Händen zu ihrem Ex-Mann zurück. Sie reichte John eins davon und hob danach ihr eigenes Glas leicht an. „Auf einen friedlichen Heiligen Abend.“
Sheppard nickte nur.
Sie stießen an, tranken und nach einem Moment deutete Nancy zum Weihnachtsbaum. „Du kannst dein Präsent für mich, solange mit unter den Baum legen.“
Sheppard reichte Nancy sein Glas, schritt zu dem zwei Meter hohen, liebevoll geschmückten Baum und griff in die Tasche seines Jacketts. Das hübsch verpackte Geschenk zu dem einzigen anderen Päckchen legend sog er den Tannenduft ein. Noch etwas, das ihm vermutlich bald fehlen würde.
Er begab sich wieder zu Nancy, nahm sein Glas von ihr in Empfang und erkundigte sich: „Wann genau machen wir sie auf?“
„Wie immer, um Mitternacht.“
„Ach ja, richtig. Da war ja so etwas, das sich Tradition nennt.“
Nancy lachte leise. „Du bist immer noch der ungeduldige Junge, der seine Geschenke am liebsten schon am frühen Morgen auspacken würde. Aber so läuft das hier nicht. Du wirst also schon warten müssen. So lange dauert es ja nicht mehr.“
„Ja, aber das Warten nervt trotzdem.“
Während Nancy traditionelle Weihnachtsmusik auflegte, sah sie John über die Schulter hinweg an. „Ich schätze, du darfst mir auch diesmal nicht sagen, wohin du ab übermorgen unterwegs bist? Gib mir wenigstens einen Tipp und sage mir, ob es weit hinausgeht.“
„Weitest“, gab Sheppard ironisch zurück, obwohl es irgendwie ja schon der Wahrheit entsprach. „Du hast Recht. Viel mehr darf ich dir nicht sagen, aus… “
„Ja… Schon gut! Aus Gründen der nationalen Sicherheit!“
„Und der internationalen Sicherheit.“
Die leise, feierliche Musik setzte ein und Nancy schritt entschlossen zu John. Ihm das Glas aus der Hand nehmend und auf den Tisch stellend sagte sie bestimmt: „Zum Ausgleich dafür wirst du mit mir tanzen, John. Wegen der vielen verpassten, früheren Gelegenheiten.“
Etwas ungläubig sah John zu Nancy. „Zu Weihnachtsmusik?“
„Als würde das bei dir einen Unterschied machen“, hielt im Nancy vor. „Du tanzt doch selbst zu Samba, Grunge und Techno einen Schieber.“
Sheppard zuckte mit den Schultern. „Auch wieder wahr.“
„Dann los. Vielleicht kann ich dir ja ein paar neue Tanzschritte beibringen.“
„Ha!“, machte Sheppard und legte vertraut seine Arme um Nancy. Dabei sah er in ihre Augen und fragte: „Du kennst den Spruch mit den alten Hunden?“
„Alles faule Ausreden, John. Damit kommst du nicht mehr durch, bei mir.“
„Na, toll!“
Entgegen seinem Gemurre fand John Sheppard Spaß daran mit Nancy zu tanzen. Während er sich tatsächlich auf einen Tanz-Crashkurs einließ, unterhielt er sich mit Nancy über Gott und die Welt, bis die Frau schließlich, nach längerem Schweigen, mit veränderter Stimme sagte: „Ich habe, nachdem ich dir das letzte Mal Informationen besorgt hatte, einige Recherchen angestellt. In eigener Sache sozusagen. Dabei bin ich über einen Begriff gestolpert und ich denke, der sagt dir was. Der Begriff lautete STARGATE-COMMAND.“
John hielt abrupt inne und sah seine Ex-Frau erschrocken an. Gleichzeitig wurde ihm klar, dass sie damit quasi eine Bestätigung ihrer Vermutung erhalten hatte und eindringlich hakte er nach: „Wieviel hast du erfahren?“
„Genug, um mir ein paar Dinge zusammenzureimen.“
„Dann reime diese Dinge wieder auseinander, Nancy. Davon darfst du weder etwas wissen, noch darfst du darüber reden.“
Trotzig widersprach die Frau: „Mit dir schon, denn du scheinst darüber jede Menge zu wissen, John. Ich habe doch Recht?“
„Das ist nicht der Punkt, Nancy!“ Sheppard suchte nach Worten. „Du bringst mich in Teufels Küche, denn ich müsste jetzt sofort meine Vorgesetzten informieren.“
„Aber das wirst du nicht tun.“
John Sheppard presste sich Lippen aufeinander. „Nein. Doch das wusstest du bereits, als du davon angefangen hast. Aber versprich mir, dass du das nicht weiter verfolgen wirst und dass du niemals wieder diesen Begriff erwähnst.“
„Es kann einem ja Angst machen, so wie du das sagst.“
„Das ist immer noch zu wenig, fürchte ich.“
Nancy sah ihren Ex-Mann lange an, bevor sie leise erwiderte: „Ich meinte damit, dass ich Angst um dich habe, John. Was immer du da Draußen tust und wo immer dieses da Draußen liegen mag, es ist gefährlich das spüre ich. Es hat dich verändert.“
„Zum Negativen?“
Nancy lächelte leicht. „Nein, zum Positiven. Eindeutig zum Positiven.“
Im nächsten Moment lagen ihre Lippen auf seinen. Einen kurzen Augenblick zögernd, umarmte sie John fest und küsste ihn fordernd.
Es dauerte einen Augenblick bis sich der Mann von seiner Überraschung erholt hatte. Er erwiderte Nancy´s Kuss. Zunächst nur verhalten denn er machte sich für einen Moment lang klar, dass dies fraglos zu Komplikationen führen würde. Einen Moment später zog er Nancy fest in seine Arme und alle Bedenken wurden im Moment gegenstandslos.

* * *


Gegen Mitternacht sah John Sheppard, entspannt lächelnd, in die Augen der Frau, die er bis vor einigen Augenblicken noch leidenschaftlich geliebt hatte.
Nancy legte ihre Hand auf die Wange des Mannes und flüsterte: „Das war wunderschön, John. Und etwas unerwartet.“
„Ja, für mich unerwartet.“
„Musst du eigentlich immer das letzte Wort haben?“
„Meistens!“
John Sheppard ignorierte die leichte Gereiztheit in Nancy´s Stimme, da er wusste wie er das zu nehmen hatte. Doch da war etwas Anderes. Eine gewisse Bitterkeit in ihrem Blick. Deshalb fragte er nach einer Weile: „Was hast du?“
„Blöde Frage, John“, gab die Frau grob zurück. „Du bist Single, aber bei mir sieht das etwas anders aus. Ich bin mit Grant zusammen. Einem wirklich guten Menschen. Jetzt mache ich mir Vorwürfe. Grant hat ganz gewiss nicht verdient, dass ich ihn derart hintergehe.“
Sheppard schwieg schuldbewusst. Schuldbewusst deshalb, weil er es zugelassen hatte, dass Nancy ihren Freund mit ihm betrogen hatte. Schließlich fragte er leise: „Wie steht es zwischen Grant und dir. Ich meine, außer gerade in diesem Moment?“
Unmut lag in den Augen der Mittdreißigerin. „Du erwartest doch nicht wirklich, dass ich jetzt mit Gut darauf antworte. Weißt du, seit meiner Beförderung ist es nicht einfach für mich eine wirklich aufrichtige Beziehung zu führen. Alles entwickelt sich dadurch so wie damals während unserer Ehe. Nur, dass diesmal ich es bin die über viele Angelegenheiten des Jobs nicht reden darf. Das ist frustrierend.“
John Sheppard hob verständnisvoll die Augenbrauen und ließ dabei seine Rechte, unter der Bettdecke, sacht über die Hüfte seiner Ex-Frau gleiten. Er druckste etwas herum und sagte schließlich leise: „Da wir gerade beim Thema sind: Ich hatte vor zwei Wochen ein etwas intensiveres Gespräch mit meinem Vorgesetzten. Ein Dreisterne-General, dessen Namen du nicht wissen musst. Er steht in direkter Verbindung zum Präsidenten. Ich bat ihn darum dir einen gewissen Sicherheitsstatus zuzustehen. Nach einer Überprüfung durch den Militärischen Geheimdienst wurde er gewährt.“
Nancy richtete sich leicht im Bett auf. „Du hast mich überprüfen lassen?“
„Um dir einige der Dinge erklären zu dürfen, wegen derer du bereits in eigener Sache recherchiert hast“, erwiderte Sheppard gedehnt. Er bemerkte Nancy´s auffordernden Blick und führte aus: „Bis eben war ich mir nicht sicher, ob ich dir davon erzählen soll. Doch ich finde, du hast ein Anrecht darauf. Noch etwas: Was ich dir jetzt sage ist hundertprozentig wahr. Auch, wenn es sich wie Science-Fiction anhören wird. Das STARGATE-COMMAND ist inoffiziell eine Unterabteilung des Militärs, mit der Bezeichnung Area-52. Offiziell existiert es nicht. Gegründet wurde es, weil ein Archäologe, im Jahr 1928, in der Nähe von Gizeh einen metallenen Ring fand, der nicht von der Erde stammt. Was dieser Ring wirklich ist, erfuhr das Militär aber erst im Jahr 1995, als es unseren Wissenschaftlern gelang das Gerät zu aktivieren. Es handelt sich um ein Tor, mit dem man eine Verbindung zu anderen solchen Toren herstellen kann, die auf vielen Welten dieser Galaxie von einem Volk aufgestellt wurden, die wir Antiker nennen. Menschen wie wir, die unsere Vorfahren sind.“
Ungläubig sah ihn Nancy im Halbdunkel an. „Redest du etwa von Außerirdischen?“
„So habe ich auch reagiert als ich das erste Mal davon erfuhr“, gab Sheppard mitfühlend zu. „Aber es ist wahr, Nancy. Hör zu: Nachdem dieses Tor zu den Sternen, eben das Stargate, zum ersten Mal aktiviert wurde, gelangte ein Team von Soldaten, in Begleitung des Wissenschaftlers der die Funktion herausfand, auf einen anderen Planeten. Viele Tausend Lichtjahre von der Erde entfernt. Dabei kam es zu Kampfhandlungen mit einem Wesen, das früher Menschen von der Erde zu diesem Planeten verschleppt hat. Einige Seinesgleichen taten Ähnliches, so dass es viele Hundert Planeten in der Milchstraße gibt, die heute von Menschen bewohnt werden. Diese Entführer wurden inzwischen von einer Allianz, zu der auch außerirdische, nichtmenschliche Intelligenzen gehören, besiegt.“
„Jetzt redest du von kleinen, grünen Männchen?“
„Na ja, die sind eigentlich grau“, seufzte Sheppard.
Er sah Nancy beschwörend an, bevor er weitersprach: „Ich weiß, das klingt phantastisch, doch da ist noch mehr. Vor rund sechs Jahren fand ein Wissenschaftler heraus wo sich jene Stadt befindet, die der Sage nach ATLANTIS heißt. Es handelt sich dabei um eine Stadt, die von den erwähnten Antikern gebaut wurde. Sie besitzt einen Sternenantrieb, mit dem man selbst zwischen Galaxien hin und her reisen kann. Wir gelangten mit Hilfe des erwähnten Stargates zu dieser Stadt, die sich zu dem Zeitpunkt in einer Zwerg-Galaxie befand. Mehr als drei Millionen Lichtjahre entfernt. Es gelang uns, die Systeme der Stadt zu aktivieren und wir fanden, neben Unmengen von Dateien, eine für uns neue, hochstehende Technik. Vor etwa einem Jahr wurde es notwendig, dass ATLANTIS zur Erde zurückkehrt. Die Stadt besitzt einen Schild, mit dessen Hilfe man sie tarnen kann, sodass sie niemand sieht, obwohl sie knapp vier Kilometer durchmisst. Darum bin ich seit einem Jahr wieder öfter in der Nähe gewesen, Nancy.“
Mit einem schnellen Blick auf den Digital-Wecker, der bereits nach Mitternacht anzeigte, seufzte Sheppard: „Morgen Früh startet ATLANTIS wieder zu der Zwerg-Galaxie, von der ich eben gesprochen habe. Das heißt, ich werde vermutlich für eine ganze Weile nur sehr schwierig zu erreichen sein. Trotzdem würde ich mich freuen gelegentlich von dir zu hören und zu erfahren wie es dir geht.“
Mit einer Mischung aus Unglauben und Faszination sah Nancy den Mann an ihrer Seite an. Seine Augen sagten ihr, dass er sich keinen Scherz mit ihr erlaubte. Nach einer ganzen Weile erst erwiderte sie: „Wow! Wie konnten wir das vor dem Rest der Welt geheim halten, John?“
„Konnten wir nicht. ATLANTIS untersteht dem sogenannten Internationalen Komitee. Das Kontingent auf ATLANTIS ist multinational und besteht aus Männern und Frauen aus gut dreißig verschiedenen Nationen. Hauptsächlich aus Wissenschaftlern, Ärzte und Soldaten.“
John erkannte die unausgesprochenen Fragen in Nancy´s Augen und fügte eindringlich seinen vorangegangenen Worten hinzu: „Und das ist wirklich alles, was ich dir sagen darf, Nancy. Bitte stelle keine Fragen dazu und forsche nicht auf eigene Faust weiter. Ich habe mich persönlich dafür bei meinem Vorgesetzten verbürgt, dass du darüber, selbst unter Folter, mit niemandem reden wirst. Auch nicht mit Grant.“
„Mit dem werde ich über so Einiges nicht reden“, bemerkte Nancy düster.
Die Frau blickte in John Sheppards fragende Miene und fügte etwas ernster hinzu: „Hör zu, John. Du hast doch nicht angenommen, dass ich mit fliegenden Fahnen zu dir zurückkehren werde? Du weißt, so gut wie ich, dass das nicht gutgehen würde. Ich brauche einen Mann, der hier auf der Erde ist.“
„Ja, schon klar. Habe ich auch nicht erwartet.“
„Ach nein?“
Sheppard lächelte schmerzlich. „Na ja, zumindest nicht wirklich. Trotzdem wirst du auch in Zukunft viel mehr für mich sein, als nur eine gute, alter Freundin. Da ist immer noch sehr viel Liebe für dich. Das klingt ziemlich schräg, oder?“
Nancy nickte und sagte dann entschieden: „Also schön, John. Ich werde schweigen, wie ein Grab. Aber ich will, dass du mir noch eins verrätst. Ist das, was du da Draußen machst sehr gefährlich?“
Mit leichtem Zögern gab Sheppard zu: „Gelegentlich schon. Das ist Soldatenrisiko.“
Die Frau beugte sich zu ihm und gab ihm einen sanften Kuss, wobei ihre Linke zärtlich seine Wange streichelte. Nachdem sie sich widerstrebend von ihm löste, flüsterte sie fast unhörbar: „Dann pass gefälligst da Draußen auf deinen Hintern auf.“
„Mache ich ständig.“
Nancy zog ihre Hand zurück und schmunzelte fein. Mit leicht angehobenen Augenbrauen erkundigte sie sich ironisch: „Du reist Millionen von Lichtjahren weit und du hast da Draußen keine einzige Frau gefunden, die dein Interesse erregt hat?“
Etwas verlegen wand sich John unter Nancy´s fragenden Blicken bevor er in Gedanken meinte: „Das kann man so nicht sagen. Das Schwierige ist gar nicht mal, eine interessante Frau zu finden, sondern viel mehr, dass sie einen nicht sofort an einen Stuhl fesselt oder dass sie sich nicht in pure Energie verwandelt und einen darin einhüllt.“
Nancy blickte verständnislos und John grinste schwach: „Vergiss das. Sagen wir, es ist gar nicht so einfach wie man meinen sollte.“
Nancy nickte lächelnd und sagte dann auffordernd: „Komm, lass uns jetzt duschen und danach unsere Weihnachtsgeschenke auspacken, John.“
Aufbruch by ulimann644
5.

AUFBRUCH


Bereits seit den frühen Morgenstunden herrschte im sechseckigen Zentralturm von ATLANTIS ein permanentes Kommen und Gehen. John Sheppard, der auf dem Balkon des Kommandozentrums stand und in den Gate-Raum hinuntersah, überkam ein Gefühl von Déjà-vu, bei dem hektischen Kommen und Gehen unter sich. Ganz ähnliche Szenen hatten sich vor knapp sechs Jahren abgespielt. Kurz nach ihrem Aufbruch nach ATLANTIS.
Sheppard krempelte die Ärmel seines schwarzen Uniformhemdes auf. Dabei fiel sein Blick auf den Armreif aus Sterling-Silber, den Nancy ihm geschenkt hatte und den er nun an seinem rechten Handgelenk trug. In Cherokee-Schriftzeichen stand kunstvoll darauf eingraviert: Führe weise und gerecht.
Er schmunzelte leicht bei dem Gedanken an ihre Miene, als sie ihn fragte, woher er die Brosche für sie hat. Als er die athosianische Freundin mit dem kleinen Sohn erwähnte hatten sich ihre Augen gerundet. Zumindest bis er ihr eindringlich versichert hatte, dass Torren-John Emmagan nicht von ihm sei. Trotz des Zweitnamens.
Der Abschied von Nancy war ziemlich emotional verlaufen. Für sie beide. Sie hatten beide nicht damit gerechnet, dass die Bande zwischen ihnen noch so unvermindert stark war.
Sheppard seufzte unbewusst und er fuhr aus seinen Gedanken auf, als sich eine mittlerweile vertraut klingende Stimme erkundigte: „So betrübt, John?“
Etwas überrascht stellte John Sheppard fest, dass Teyla Emmagan neben ihm stand. Zuerst wollte er mit einer flotten Bemerkung über die Frage hinweggehen, doch dann erwiderte er ruhig: „Es ist wegen meiner Ex-Frau Nancy. Ich hatte Ihnen mal flüchtig von ihr erzählt. Wir haben den Heiligen Abend miteinander verbracht. Dabei haben wir festgestellt, dass mehr zwischen uns ist, als bloße Freundschaft.“
„Aber es reicht nicht, um die frühere Beziehung wieder aufzunehmen?“, vermutete Teyla, die stets zu wissen schien was in ihm vorging. Manchmal schien es Sheppard, als sei die Athosianerin eine etwas sportlichere und zierlichere Ausgabe von Nancy. Besonders, wenn ihre braunen Augen ihn auf ganz ähnliche Weise forschend ansahen.
„Nein, der Zug ist abgefahren wie wir Menschen sagen.“
„Wie auch immer“, gab Teyla schmunzelnd zurück. „Unterwegs traf ich Rodney. Er schien ziemlich aufgebracht darüber zu sein, wie die Techniker des IOA das Stargate vom Netz genommen haben.“
„Das ließ sich, wegen der Tordominanz unseres Stargates, leider nicht vermeiden“, erklärte Sheppard. „Wir hätten sonst das irdische Stargate blockiert und die Unternehmungen der Stargate-Teams, für die Zeit unseres Hierseins, vollkommen unterbunden.“
„Ja, richtig“, erinnerte sich Teyla. „Rodney sprach einmal davon. Wie ich hörte, konnte er Doktor Zelenka dazu überreden doch mitzukommen.“
„Das war auch sein Glück“, knurrte Sheppard. Er schob die Hände in die Hosentaschen als er mit dem Aufkrempeln der Ärmel fertig war. „Ich glaube nämlich, dass wir Radek noch dringend benötigen werden, sobald wir erst einmal wieder unterwegs sind. Momentan sind die Beiden dabei mit Hochdruck dafür zu sorgen, dass das wir nicht lange auf das Stargate verzichten müssen, sobald wir Pegasus erreicht haben.“
„Mit dem aufgestockten Personal und den fast siebenhundert Männern und Frauen von den drei Schlachtkreuzern wird auf ATLANTIS in Zukunft deutlich mehr los sein, als bisher. Insgesamt mehr als zweitausend Männer und Frauen.“
„Da sind sicherlich einige sehr interessante Leute dabei“, zwinkerte ihr Sheppard zu und erntete dafür einen leichten Hieb in die Seite.
Denken Sie nicht immer nur an Ihr Vergnügen, John“, riet ihm die Athosianerin. „Konzentrieren Sie sich lieber auf den bevorstehenden Start. Wie ich hörte, werden diesmal Sie diese Stadt fliegen?“
„Ja. Doktor Beckett kommt ja nicht mit und General O´Neill will nichts riskieren. Ich werde dafür sorgen, dass es ein ganz ruhiger Flug wird.“
„Mit hoffentlich einer besseren Landung, als das letzte Mal“, versetzte Teyla. „Was das betrifft hat Ihnen Doktor Beckett etwas voraus. Seine Landung der Stadt auf der Erde war sehr sanft und sehr angenehm.“
„Wie lange wollen Sie darauf noch herumreiten?“
Die Frau lächelte vergnügt und meinte dann: „Bis später, John. Ich habe Ronon versprochen, ihm ein paar Tipps zu geben was die Einrichtung seines Quartiers betrifft.“
Ein breites Grinsen überflog Sheppards Gesicht und mit einem kontrollierenden Blick über die Schulter raunte er: „Damit will er Banks beeindrucken.“
„Dann werde ich Ronon besonders gut beraten“, erwiderte Teyla augenzwinkernd und entfernte sich mit federnden Schritten.
Sheppard sah ihr sinnend hinterher. Dabei erinnerte er sich an ihre erste Begegnung. In einem Dorf auf einem damals unbekannten Planeten. Zu Beginn des anbrechenden Tages. Sie war ihm und seinen Begleitern gegenüber damals spürbar misstrauisch eingestellt gewesen. Erst mit der Zeit war es ihm gelungen dieses Misstrauen langsam abzubauen. Sehr viel war seitdem passiert. Inzwischen verband sie eine besondere Freundschaft. Nein, es war im Grunde sehr viel mehr als das. Er erinnerte sich auch daran, als Teyla ihm sagte, dass sie und Kanaan sich getrennt hätten. Kurz vor dem Flug von ATLANTIS zur Erde. Das Grundgefühl in ihm war damals überraschenderweise Erleichterung gewesen.
Der Lieutenant-Colonel löste sich aus diesen Grübeleien und schritt in den Kommandoraum hinein. An den beiden vorderen Konsolen saßen Chuck O´Connor und Amelia Banks. Der eher schmächtig wirkende, aus Tschechien stammende, Radek Zelenka bewegte sich zwischen ihnen beiden nervös hin und her und kontrollierte immer wieder die Flussdiagramme der verschiedenen Hauptsysteme der Stadt.
An den beiden dahinter liegenden leicht erhöhten Konsolen, über die unter anderem die Tiefraum-Scanner und die Energieverteiler gesteuert wurden, saßen Mike Branton und Jeanie McKay. Rodney McKay stand etwas seitlich versetzt, konzentriert einige Daten auf seinem Tablet-Rechner abgleichend. Wobei er gelegentlich einen prüfenden Blick zu Branton warf, der mit abgesenkter Stimme mit seiner Schwester diskutierte.
Bei einem Blick auf seine Uhr stellte er fest, dass es auf 07:00 Ortszeit zu ging. Zu diesem Zeitpunkt sollte der Start von ATLANTIS erfolgen.
Als wäre der Blick zur Uhr ein geheimes Kommando gewesen, schritt in diesem Moment Generalmajor Alexandra Degenhardt von ihrem Büro aus über den Brückensteg zum Kommandoraum und sah Sheppard auffordernd an. „Noch fünfzehn Minuten, Colonel Sheppard. Ich schlage vor, dass Sie den Stuhlraum aufsuchen und sich bereit machen uns zur Pegasus-Galaxie fliegen. Haben Sie sich mit der Gedankensteuerung für den neuen Wurmlochantrieb vertraut machen können?“
„Soweit das möglich ist ohne das System tatsächlich zu aktivieren, General“, bestätigte John Sheppard. „Doktor Beckett meinte, vor einigen Monaten, dass es leichter wäre die Stadt mit Hilfe dieses neuen Aggregates durch den Hyperraum zu bewegen als mit dem bisherigen Hyperantrieb. Aber der Mann ist auch Arzt und kein Pilot. Er riet mir dazu, die Stadt nicht mit einem einzigen Sprung zurückzubringen, sondern lieber in drei kleineren Schritten, von denen uns der Erste zunächst an den Rand der Milchstraße bringt. Von dort aus soll es zum Rand der Pegasus-Galaxie gehen und erst mit dem dritten Sprung zum Zielort. Der Befehl die Stadt wieder auf Lantia zu landen besteht nach wie vor, Sir?“
„Ja“, bestätigte Alexandra Degenhardt. „Am besten landen Sie an der Position, an der sich noch die unterseeische Bohrplattform befinden müsste. Falls wir Glück haben lässt sie sich mittelfristig reaktivieren. Die Stadt hat zwar jetzt wesentlich mehr Energie zur Verfügung als zuvor, doch es kann nie schaden einen Extra-Pfeil im Köcher zu haben.“
Der Amerikaner machte eine zustimmende Geste und meinte: „Dann werde ich jetzt mal, Sir. Ich sage Ihnen Bescheid, wenn ich so weit bin und erwarte Ihre Startfreigabe.“
Die Frau nickte zustimmend. „Ich baue darauf, dass das ein ganz ruhiger Flug werden wird, Lieutenant-Colonel.“
„Versprochen“, grinste der Mann überzeugt. Ein ruhiger Flug und eine butterweiche Landung am Ziel unserer Reise.“
Damit schritt Sheppard eilig davon und als er bereits außer Hörweite war, murmelte Alexandra Degenhardt: „Glückliche Jugend.“

* * *


Nachdem John Sheppard gegangen war schritt Generalmajor Degenhardt zu Rodney McKay und erkundigte sich bei ihm: „Haben Sie die Systeme kontrolliert, Doktor McKay?“
Der Kanadier fuhr aus seinem Trance-artigen Zustand auf und sah zu der Frau neben sich. „Wie… äh… ja, General. Wir sind so weit. Obwohl ich es für sicherer gehalten hätte, wenn der Aufbruch um weitere vier Wochen verschoben worden wäre. An einigen Stellen der Stadt haben diese Pseudo-Techniker des IOA, von der Firma KURZ UND KLEIN, buchstäblich Tabula Rasa gemacht. Das einzig Positive, was diese Pfuscher geleistet haben, war herauszufinden, dass die Kommandokonsolen über die Möglichkeit verfügen Holo-Bildschirme zu aktivieren.“
Alexandra Degenhardt unterdrückte ein amüsiertes Grinsen. Sie verstand, dass der Wissenschaftler aufgebracht war. Immerhin hatte er fünf Jahre lang unermüdlich daran gearbeitet die Systeme der Stadt nicht nur am Laufen zu halten, sondern sie zu verbessern wo immer es ging. In den letzten elf Monaten hatte ihm das IOA, was das betraf, ziemlich in die Suppe gespuckt. Darum war sie umso dankbarer dafür, Rodney McKay bei dieser Reise dabei zu haben. Laut einhelliger Aussagen seiner Kollegen war dieser Mann derjenige, der sich mit den Systemen von ATLANTIS am besten auskannte. Mit Abstand, wie sie sich hatte sagen lassen, obwohl Radek Zelenka ihm wohl kaum nachstand. Nach Allem was sie gehört hatte, fehlte dem Tschechen jedoch dieser Hauch von Genialität, der McKay auszeichnete. Man munkelte darüber hinaus, dass auch seine Schwester diese Genialität in sich trug.
Das beruhigte Alexandra Degenhardt. John Sheppard hatte in den letzten Wochen mehrmals behauptet, dass ihnen, mit zwei McKays an Bord, überhaupt nichts passieren konnte. In dieser Hinsicht hatte die Deutsche ihre Zweifel. Denn nach ihrer Erfahrung war Murphy´s Law kein Aberglaube, sondern viel mehr eine universelle Konstante.
Vor zehn Minuten hatte sie Major Teldy und drei ihrer Leute zur Waffenkammer befohlen. Sie erwartete eine besondere Lieferung von der ODYSSEE doch bis jetzt hatte das Raumschiff keinen Kontakt zu ATLANTIS aufgenommen.
Zwei weitere Minuten vergingen, bevor Lieutenant Banks meldete: „General: Die ODYSSEE ruft uns.“
„Schalten Sie auf Lautsprecher!“
Nachdem Amelia Banks bestätigt hatte, sagte Alexandra Degenhardt vernehmlich: „Hier spricht Generalmajor Degenhardt. Sie sind spät dran.“
Eine sonore Männerstimme klang auf. „Hier spricht Colonel Ian Davidson von der ODYSSEE. Wir haben etwas länger auf die spezielle Fracht warten müssen, die Sie erwarten, General. Wir sind bereit, sie direkt zu Ihnen in die Waffenkammer zu beamen.“
„Verstanden, Colonel Davidson. Sie können den Transport durchführen.“
Es dauerte nur einen Augenblick, bis von der ODYSSEE die Bestätigung für den Transport eintraf. „Transport durchgeführt. Ich wünsche Ihnen und ihrem Team eine gute Reise, General. Davidson, Ende.“
„Vielen Dank, Colonel. Ende und aus.“
Zufrieden rieb sich Alexandra Degenhardt die Hände. Gleich darauf meldete sich Anne Teldy via Kommunikator aus der Waffenkammer. „Generalmajor Degenhardt, hier Major Teldy. Die Fracht ist heil angekommen.“
Alexandra Degenhardt sprach in das Mikro ihres Kommunikators: „Sehr gut, Major. Bitte kümmern Sie sich darum, dass die kostbare Ladung gesichert wird.“
Teldy bestätigte und Alexandra Degenhardt konzentrierte sich wieder auf das, was innerhalb des Kommandozentrums vor sich ging. Die neuen Waffen konnte sie später inspizieren. Nach dem ersten Sprung, zum Rand der Milchstraße. Jetzt galt es, sich auf den Start von ATLANTIS vorzubereiten. Sie tippte ihren Kommunikator an und verlangte: „Lieutenant-Colonel Sheppard, melden Sie sich. Sind Sie bereit?“
Die Meldung des Mannes erfolgte umgehend: „Entschuldigung, Sir, aber ich musste noch ein dringendes Bedürfnis verrichten. Ich habe gerade eben im Stuhl Platz genommen und bin jetzt so weit, den Sublicht-Antrieb auf Ihr Kommando hin zu starten.“
„So ist es richtig, Colonel“, erwiderte Alexandra Degenhardt schmunzelnd. „Nur keinen überflüssigen Ballast mitnehmen. Noch drei Minuten bis zum Start. Lieutenant Banks, schalten Sie die mich auf die Lautsprecher der Kommunikationsanlage.“
Als Banks ihr zunickte, räusperte sich Alexandra Degenhardt und sagte mit klarer Stimme, die in diesem Moment überall auf ATLANTIS und an Bord der drei Schlachtkreuzer zu hören war: „Hier spricht Generalmajor Degenhardt: In weniger als drei Minuten werden wir zur Pegasus-Galaxie aufbrechen. Die Kommandanten der AUSTERLITZ, der SUN TZU und der JEANNE D´ARC bereiten sich auf jede Eventualität vor. Ich befehle hiermit volle Kampfbereitschaft für die drei Schlachtkreuzer. Uns allen viel Glück.“
Die Deutsche sah in die Runde.
Rodney McKay grinste immer noch, ob ihrer Bemerkung zu Sheppard, Amelia Banks hustete verdächtig lange und die übrigen Anwesenden beherrschten sich so meisterhaft, dass Alexandra Degenhardt unwillkürlich die Stirn runzelte. Dabei zuckten ihre eigenen Mundwinkel verdächtig als sie sich kurz abwandte. Sich eindringlich zur Ordnung mahnend sah sie auf die Armbanduhr an ihrem Handgelenk.
„Noch eine Minute bis zum Start von ATLANTIS. Achtung, behalten Sie die Instrumente im Auge, sobald der Lieutenant-Colonel den Antrieb hochfährt. Melden Sie jede Abweichung, egal wie gering sie sein mag.“
Die letzten sechzig Sekunden schienen sich zu dehnen. Dann waren auch sie um und Generalmajor Degenhardt gab den Befehl: „Colonel Sheppard: Start frei.“
Vernehmlich kam zurück: „Verstanden. Ich zünde den Sternenantrieb.“
Für einige Sekunden schien Nichts zu passieren, doch dann durchlief ein leichtes Vibrieren die Stadt. Trotz der Trägheitsdämpfer der Stadt bildete sich Alexandra Degenhardt ein, zu spüren wie die Stadt von der Wasserfläche des Pazifiks abhob. Durch die Scheiben der Fenster sah sie die Horizontlinie unter der Stadt wegtauchen. Einen Moment später trieben Wolken an der Stadt vorbei und die Frau gewann einen Eindruck davon, wie rasch die Stadt durch die oberen Schichten der irdischen Atmosphäre jagte. Das zunächst tiefe Azurblau des Himmels wurde zusehends dunkler, bis es von der samtenen, sternengesprenkelten Schwärze des Weltalls abgelöst wurde.
Insgesamt hatte sich Alexandra Degenhardt im Vorfeld den Start der Stadt spektakulärer vorgestellt. Sie löste sich nachdenklich von dem Anblick des tiefschwarzen Weltalls und sah fragend zu Rodney McKay. „Können wir?“
Der Wissenschaftler sah von seinem Tablet-Rechner auf. Offenbar war ihm die Anzeige dieses irdischen Gerätes lieber, als die Anzeigen der Konsolen-Holobildschirme. „Alle Parameter bewegen sich innerhalb der vorgegebenen Werte, General. Wir können also.“
Die Deutsche nickte zufrieden, wandte sich etwas zur Seite und sprach in das Mikro ihres Kommunikators: „Lieutenant-Colonel Sheppard: Starten Sie den Wurmlochantrieb.“
„Verstanden, Sir. Ich aktiviere das System… Jetzt!“
Für einen kurzen Augenblick glaubte Alexandra Degenhardt, dass die Sterne sich in Bewegung setzten, was eine Sinnestäuschung war. In Wahrheit beschleunigte ATLANTIS signifikant und im nächsten Moment glaubte sie, zusammen mit der Stadt und Allem was sich in und auf ihr befand durch einen blaugrünen, leuchtenden Energieschlauch zu rasen. Doch auch das war nur eine optische Täuschung.
Die Kommandantin der Stadt wusste, dass trotz der höheren Geschwindigkeit, als mit dem normalen Überlichtantrieb, der Flug zum Rand der Milchstraße immer noch mehrere Minuten dauern würde und der zwischen Milchstraße und der Pegasus-Galaxie immerhin fünf bis sechs Stunden. Falls nichts Entscheidendes dazwischen kam.
Sich mit einem Blick in das entspannte Gesicht des Leitenden Wissenschaftlers dieser Mission vergewissernd, dass Alles in Ordnung war, fragte Alexandra Degenhardt nach einem kurzen Moment über Funk: „Wie kommen Sie mit der Kontrolle des neuen Antrieb-Systems zurecht, Lieutenant-Commander?“
Die Stimme von Sheppard klang irgendwie unzufrieden als er antwortete: „Doktor Beckett hatte Recht, Sir. Das neue System ist einfacher zu kontrollieren. Keine Probleme.“
„Sehr gut. Bringen Sie uns etwa einhunderttausend Lichtjahre vom Halo der Milchstraße entfernt aus dem Hyperraum. Bis zum zweiten Brückenschlag, zum Rand der Zwerggalaxie, werden wir dann eine Pause von einer halben Stunde einlegen. In dieser Zeit kommen Sie dann bitte in die Waffenkammer. Degenhardt, Ende!“
Es dauerte diesmal einen Moment, bis es knapp zurückkam: „Verstanden, Sir!“
Als Alexandra Degenhardt aufsah, beobachtete sie unauffällig wie sich die Anwesenden im Kontrollraum ganz ungezwungen miteinander unterhielten und dabei Informationen über Systeme, den Energiefluss und die energetische Leistungsaufnahme der Überlichtaggregate miteinander austauschten. Niemand erweckte dabei den Eindruck aufgeregt zu sein. Nicht einmal Jean McKay, die viel weniger an das Alles hier gewöhnt war. Zufrieden legte sie ihre Hände auf den Rücken, schritt auf den kleinen Balkon-Vorsprung hinaus und atmete dort befreit durch. Sie waren endlich unterwegs zur Pegasus-Galaxie.

* * *


Nach einem fünfminütigen Flug hatte die Stadt einen Punkt im All erreicht, der etwas mehr als einhunderttausend Lichtjahre vom äußeren Rand der Milchstraße entfernt war und John Sheppard deaktivierte den Wurmlochantrieb. Noch während das blaue Glühen, an einigen Kontaktstellen des Kommandostuhls, dabei umgehend erlosch, erhob sich Sheppard aus dieser sehr speziellen Sitzgelegenheit und schritt zum Schott des sechseckigen Raumes. Dabei fragte er sich, warum Alexandra Degenhardt diese halbstündige Verzögerung wollte. Der Mann war sich sicher, dass sie sofort hätten weiterfliegen können, denn die Systeme hatten keinerlei Fehlfunktionen aufgewiesen. Das trotz der Bemühungen der IOA-Techniker, diese Stadt in Rekordzeit zerlegen zu wollen.
Bei diesem Gedanken schüttelte Sheppard seinen Kopf. Was hatte sich Richard Woolsey dabei gedacht, diese Stadt demontieren zu lassen?
Der Schwarzhaarige bog in den Gang ab der zum Treppenhaus führte. Die Waffenkammer lag drei Ebenen über dem Stuhlraum. Die Bewegung tat ihm gut, nach der zumindest körperlichen Untätigkeit im Kommandostuhl. Beim nächsten Brückenschlag konnte er zum Glück auf Autopilot schalten. Für die paar Minuten, von der Erde hierher, hatte sich das nicht gelohnt.
Als er die Waffenkammer erreichte erwarteten ihn dort Alexandra Degenhardt, Anne Teldy und ein blonder, hochgewachsener Mann mit durchscheinend blauen Augen. Auf der Uniform des Mannes prangte dieselbe Flagge, wie auf der des Generals. Ein Deutscher also.
Alexandra Degenhardt bemerkte Sheppards prüfenden Blick in Richtung des Blonden, beim Eintreten. Lächelnd erklärte sie dem Lieutenant-Colonel: „Das hier ist Major Andreas Benning, von den Deutschen Kommandotruppen. Da Sie und Major Teldy zukünftig öfter auf Außenmissionen gehen wird Benning, während dieser Zeit Ihrer Abwesenheit, die Truppen in der Stadt befehligen. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit werden Sie ihn dann auf Außeneinsätze mitnehmen und Ihre Erfahrungen mit dem Major teilen. Wir werden uns, was die Einsatzteams betrifft, die Reisen durch das Stargate unternehmen, breiter aufstellen als bisher, Lieutenant-Colonel.“
Während sich die beiden Männer die Hand reichten, fügte Generalmajor Degenhardt hinzu: „Der Major ist Spezialist für Geiselbefreiung. Er ist aus der Kaderschmiede der GSG-9 hervorgegangen und hat verschiedene, erfolgreich verlaufene, Einsätze in Afrika und dem Nahen Osten angeführt.“
„Könnte sein, Major, dass das während dieser Expedition zu ihrer Hauptaufgabe wird“, spöttelte Sheppard und wurde gleich darauf schnell wieder ernst als der Major lediglich kurz mit den Mundwinkeln zuckte.
Währenddessen vertiefte sich das Lächeln der Kommandantin. „Warum ich Sie drei hierhergebeten und den Flug unterbrochen habe, liegt darin begründet was der Kommandant der ODYSSEY zu uns gebeamt hat. Kurz vor unserem Start von der Erde.“
Alexandra Degenhardt gab Anne Teldy ein Zeichen, auf das die Amerikanerin offenbar nur gewartet hatte, denn prompt öffnete sie eine der Kunststoffkisten und entnahm ihr eine armlange Waffe. Eine Waffe, wie sie die beiden Männer noch nie gesehen hatten.
John Sheppard nahm die Waffe von seiner Stellvertreterin entgegen. Das Gewehr war überraschend leicht, im Vergleich zu Waffen derselben Größe die der Lieutenant-Colonel kannte. Interessiert begutachtete er die farblich überwiegend in Schwarz und Dunkelgrau gehaltene Waffe von allen Seiten. Schließlich reichte er sie an den Major neben sich weiter und sah in die gleichermaßen abwartenden Gesichter der beiden Frauen.
„Was für eine Waffe ist das, General? So ein Gewehr habe ich noch nie gesehen.“
Alexandra Degenhardt schmunzelte lediglich. Ausweichend sagte sie: „Major Teldy, meine Herren. Begeben wir uns nach nebenan zum Schießstand. Dort werde ich Ihnen die Wirkungsweise der Waffe demonstrieren. Das wird mehr aussagen als jede Erklärung.“
Sheppard, der Anne Teldy einen fragenden Blick zuwarf, stellte dabei fest, dass die Frau jetzt ebenso gespannt zu sein schien wie er und Major Benning. Offensichtlich hatte sie zwar zuvor von Alexandra Degenhardt erfahren, welcher Art die neuen Waffen waren, sie aber noch nicht in Aktion gesehen. Sonst wäre ihre Haltung wohl eine Andere gewesen.
Alexandra Degenhardt ließ es sich nicht nehmen die Funktion der neuen Waffe selbst zu demonstrieren. Akzentuiert sagte sie: „Hier auf der rechten Seite wird die Waffe zunächst, im Gegensatz zu herkömmlichen Schusswaffen, aktiviert. Sie erkennen den Aktiv-Status an dem bläulichen Kontroll-Lichtsignal über dem Schalter und daran, dass das Energie-Magazin an den Seiten ebenfalls leicht bläulich aufglüht. Rechts wählen Sie zwei Einstellungen. Achtung ich führe beide Einstellungen nun vor!“
Damit visierte die Deutsche eine der Kunststoffscheiben der Schießbahn durch das Zielfernrohr der Waffe an. Sie atmete hörbar ein und dann ganz langsam wieder aus. Dabei betätigte sie ruhig den Abzug und ein blass-blauer Strahl verließ die Waffe. Er traf die Scheibe und zerstob daran. Sonst geschah nichts Auffälliges.
„Das war nicht sehr effektiv“, murrte John Sheppard und auch die übrigen beiden Stabsoffiziere sahen etwas enttäuscht drein.
„Das war auch nur der Betäubungsmodus dieser Waffe.“ Damit schaltete Generalmajor Degenhardt auf die zweite Einstellung und ging erneut ins Ziel. Der Energiestrahl, der diesmal die Waffe verließ, wirkte etwas greller und diesmal wurde die Kunststoff-Zielscheibe durchschlagen. Nur rauchende Fetzen blieben davon übrig.
Mit einem breiten Grinsen sicherte Alexandra Degenhardt die Waffe und drehte sich zu den drei Stabsoffizieren um, die zwar individuell verschieden reagierten – im Grunde jedoch gleich.
Es sprach für die Abgeklärtheit des deutschen Majors, dass er sich sachlich erkundigte: „Für wie viele dieser Schüsse reicht ein Energiemagazin?“
„Mindestens fünfhundert Schuss können damit abgegeben werden“, gab die Kommandantin der Stadt Auskunft. Betäubungsschüsse verbrauchen weniger Energie. Damit kommen Sie auf etwa neunhundert bis tausend Schuss. Wenn Sie den Abzug länger als zwei Sekunden gedrückt halten aktiviert sich ein permanent aktiver, gebündelter Strahl, der gegen gepanzerte Ziele oder Schilde eingesetzt werden kann. Feuerdauer etwa eine Minute.“
„Das nenne ich mal ein Weihnachtsgeschenk“, entfuhr es Sheppard.
Benning nickte wortlos, Teldy grinste offen und Alexandra Degenhardt hob mit missbilligender Miene ihre Augenbrauen, bevor sie unmerklich schmunzelnd sagte: „In den nächsten Tagen weisen Sie bitte Ihre Leute in die Funktion der neuen Waffen ein. Es gibt zu diesen Gewehren auch Handwaffen, die in derselben Weise funktionieren. Ihre Energiemagazine sind jedoch kleiner und müssen nach zweihundert Schuss Wirkungsfeuer gewechselt werden. Sie sind auch nicht ganz so durchschlagskräftig wie die Gewehre. Jedoch leisten sie mehr als die bisherigen Automatiken und wir haben die Alternative nicht nur zu töten oder zu verletzen.“
„Die neuen Waffen werden uns gute Dienste leisten“, bemerkte Sheppard, diesmal auf seinen üblich spöttischen Ton verzichtend. „Was ist mit den leeren Energiemagazinen?“
„Werfen Sie die bloß nicht achtlos nach Gebrauch weg“, mahnte Generalmajor Degenhardt eindringlich. „Die kann man nämlich später wieder aufladen. Die Ladestationen werden von unseren Ingenieuren später angeschlossen. Sobald das passiert ist werden Sie in die Handhabung dieser Ladestationen eingewiesen.“
„Welche Beutetechnik kam bei der Entwicklung der Waffen zum Einsatz?“, hakte Major Anne Teldy interessiert ein.
Alexandra Degenhardt verzog etwas das Gesicht, bei dem Begriff Beutetechnik. Dann erklärte sie: „Die Technische Abteilung von Area-51 arbeitet schon an solchen Waffen, seit man die ersten Stab-Waffen der Goa´uld erbeuten konnte. Doch erst seit man auch Waffen der Wraith und die Handwaffe, die Lieutenant-Colonel Sheppard bei einem Ausflug in ein Paralleluniversum sicherstellen konnte, untersucht hat, kam die Entwicklung dieser Waffen deutlich voran.“
Generalmajor Degenhardt machte eine kurze Pause, in der sie die Waffe in ihrer Hand drehte und mit einem gewissen Stolz ansah, bevor sie fortfuhr: „Mit daran beteiligt waren auch japanische, französische, britische und deutsche Ingenieure, die vom Homeworld-Command hinzugezogen wurden. Sie haben zwar Recht damit, dass die Technik dieser Waffen auf Alien-Technik basiert - grundsätzlich kann man sie dennoch als Eigenentwicklung, nach technischen Vorgaben, bezeichnen. So sind sie um wenigstens zehn Prozent leistungsfähiger als jede der Waffen, deren Technik als Vorlage gedient hat. Zudem sind sie einfacher aufgebaut als die Vorlagen, was sie weniger störanfällig macht. Zudem können sie auf diese Weise schneller gebaut werden.“
Sheppard grinste schief. „Dann sind also jetzt wir es, die aufpassen müssen, dass ihre Waffen nicht in feindliche Hände fallen.“
Alexandra Degenhardt nickte ernst. „Sie haben es erfasst. Möglichst keine dieser neuen Waffen sollte im Einsatz verlorengehen.“
Zurück in der Waffenkammer sah sich Sheppard aufmerksam um und meinte: „Wir haben trotz der neuen Waffen auch verdächtig viele der bisherigen mit an Bord genommen, wie mir scheint.“
Generalmajor Degenhardt übergab die deaktivierte Waffe wieder an Anne Teldy und erwiderte dann: „Sie haben richtig beobachtet. Diese Waffen sind dafür gedacht, falls wir Verbündete ausrüsten müssen, denen wir natürlich nicht unsere neuesten Entwicklungen in die Hand zu geben gedenken. Auch mit Notfällen, in denen Energiewaffen versagen oder sich als wirkungslos erweisen, müssen wir rechnen.“
„Verstehe, Sir.“ Der Lieutenant-Colonel sah auf seine Uhr. „Wird wohl langsam Zeit für den Weiterflug?“
Alexandra Degenhardt sah auf ihre eigene Armbanduhr und nickte. „Ja, Lieutenant-Colonel. In fünf Minuten sollten wir wieder auf Kurs sein.“
Auf falschem Kurs by ulimann644
6.

AUF FALSCHEM KURS


Nachdem John Sheppard den Autopiloten des Wurmloch-Antriebs der Stadt aktiviert hatte, verließ er den Stuhlraum. Erleichtert, weil er nicht länger allein und nahezu untätig in dem Stuhlraum sitzen musste.
Unterwegs, in Richtung der Kantine, traf Sheppard auf Ronon Dex, der ihn fragend musterte und etwas düster meinte: „Von wegen, Krankenstation.“
Sheppard hob indigniert die Augenbrauen. „Sie sind doch nicht etwa sauer wegen des kleinen Scherzes meinerseits? Kommen Sie mit, ich habe Hunger.“
Der Sateder nickte wortlos.
Nachdem sie sich etwas zu essen besorgt hatten, steuerten sie ihren üblichen Tisch an, wo sie Teyla Emmagan entdeckten. Zwangslos setzten sie sich dazu.
Mit einem etwas anzüglichen Grinsen erklärte Sheppard dabei: „Das Kostüm hat Ihnen sehr gut gestanden, Teyla. Sie hätten es weiterhin tragen sollen.“
Die Athosianerin senkte leicht ihren Kopf und bedachte den Lieutenant-Colonel mit einem undefinierbaren Blick, bevor sie erwiderte: „Ich heiße nicht Woolsey, John. In diesen Sachen habe ich mich nicht wohl gefühlt und ich bin froh, dass ich sie nicht mehr zu tragen brauche. Das ist wirklich nicht meine Welt.“
Sheppard lächelte schwach und sah in das feixende Gesicht des Sateders neben sich. Ablenkend fragte er ihn: „Also, was ist jetzt mit Ihnen und Banks, Ronon. Darauf haben Sie mir immer noch keine Antwort gegeben. Sie stehen auf sie, richtig?“
Dex sah hilfesuchend von Sheppard zu Teyla, die ihn jedoch gleichermaßen interessiert ansah. Von dieser Seite war also keine Hilfe zu erwarten. Endlich überwand sich Dex dazu zuzugeben: „Ich habe sie ganz gern. Sie ist… nett.“
John Sheppard verbiss sich mit Mühe ein Lachen. „Wenn Sie ihr das genau so sagen, dann haut sie Ihnen bei ihrem nächsten gemeinsamen Training den Kiefer schiefer.“
Ronon Dex sah etwas giftig von Sheppard zu Teyla und dann wieder zu dem Terraner. Ungewohnt zögerlich meinte der kräftige Mann: „Nun ja. Sie ist eine Tau´ri und ich ein Sateder, noch dazu aus einer anderen Galaxie.“
John Sheppard hob überrascht seine Augenbrauen. Fast etwas wütend erwiderte er schließlich: „Sie sind ein Mann und Amelia Banks ist eine Frau. Was ist mit Ihnen los, Ronon? Sie machen es doch sonst nicht so kompliziert.“
Ronon Dex grummelte etwas Unverständliches und sah wieder zu Teyla.
Die Frau riet mit beschwichtigender Stimme: „Falls Sie wirklich etwas für Amelia empfinden, Ronon, dann sollten Sie ihr das sagen. Finden Sie nicht, dass sie das verdient? Es liegt doch auch mit an ihr, zu entscheiden, ob sie sich auf eine Beziehung mit Ihnen einlassen will oder nicht. Zumindest sollte sie wissen, woran sie bei Ihnen ist.“
Entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten verzichtete Sheppard auf eine spöttische Bemerkung dazu, sondern gab ernsthaft zu bedenken: „Vergessen Sie das was früher gewesen ist, Ronon. Sie leben nicht in der Vergangenheit, sondern im Hier und Jetzt.“
Der Sateder sah die beiden Freunde nacheinander an und gab nach einer Weile zu: „Vielleicht haben Sie beide Recht. Aber ich werde mit dem Gespräch warten bis wir wieder in der Pegasus-Galaxie sind.“
„Ich werde Sie daran erinnern“, versprach Sheppard grinsend und widmete sich endlich seinem Essen.
Im Gegensatz zu dem Lieutenant-Colonel schlang der Sateder sein Essen hastig hinunter, bevor er sich erhob, rasch entschuldigte und vom Tisch entfernte.
Teyla Emmagan sah dem Hochgewachsenen amüsiert nach, bevor sie sich John Sheppard zuwandte und ruhig meinte: „Vielleicht sollten Sie selbst Ihren letzten Rat auch endlich einmal beherzigen, John.“
„Was meinen Sie damit?“
Die Athosianerin sah vielsagend auf den Armreif, den Sheppard permanent trug seit er nach Weihnachten zur Stadt der Antiker zurückgekehrt war.
Etwas verwirrt sah Sheppard die athosianische Frau an, die schließlich ein resignierendes Gesicht machte und sich langsam erhob. „Bis später, John. Es wird Zeit den Babysitter abzulösen und mich jetzt wieder selbst um Torren kümmern.“
John Sheppard nickte abwesend und aß, in Gedanken versunken, weiter. So bekam er nicht mit, dass Generalmajor Degenhardt zu ihm an den Tisch trat. Erst als sie ihn ansprach, fuhr er aus seinen Überlegungen auf und sah die Frau überrascht an.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen oder möchten Sie lieber für sich sein, Lieutenant-Colonel? Sie wirkten eben so als seien Sie in Gedanken sehr weit entfernt.“
„Nicht so weit wie Sie vielleicht denken“, gab Sheppard zurück und deutete dabei gleichzeitig einladend auf den Stuhl, auf dem zuvor Teyla gesessen hatte. „Bitte, Sir.“
Alexandra Degenhardt lächelte verbindlich und setzte sich, wobei sie die Tasse in ihrer Hand hochhob und vergnügt meinte: „Dank unserer kleinen Wette und einiger guter Verbindungen meinerseits gibt es endlich vernünftigen Kaffee an Bord. Der sollte mindestens zwei Jahre lang reichen.“
„Höchstens ein Jahr“, widersprach Sheppard ironisch. „Wir haben Rodney McKay dabei, das dürfen Sie bei der Berechnung nicht vergessen.“
„Der trinkt also mehr als fünf Tassen täglich?“
„Mehr als zehn Tassen.“
Das anfängliche Grinsen der Frau verlor sich, als sie in das ernsthafte Gesicht des Lieutenant-Colonels sah. „Sie meinen das also ernst.“
Sheppard machte eine zustimmende Geste. „Rodney trinkt Kaffee nicht, er vernichtet ihn - und zwar in rauen Mengen. Zum Glück trinkt er ihn ohne Milch und Zucker, sonst hätten wir zwei zusätzliche Versorgungsprobleme.“
Die Endvierzigerin lachte unterdrückt. Sie nahm genießerisch einen Schluck von ihrem Kaffee und sah dann direkt in Sheppards Augen. „Gott sei Dank konnten wir ATLANTIS diesmal direkt auf der Erde ausrüsten. Die neu eingerichteten Kühllager sind randvoll mit Verpflegung aller Art. So werden wir vorerst nicht auf den guten Willen der Völker von Pegasus angewiesen sein. Oder besser gesagt, nicht von ihnen abhängig sein. Dieser Punkt scheint mir sehr wichtig. Natürlich werden wir dennoch jede uns sich bietende Möglichkeit zum Handel weiterhin nutzen.“
„Denn es kann nie schaden einen Extrapfeil im Köcher zu haben“, entfuhr es Sheppard, ohne dass er sich dessen bewusst war. Bis er den, teils prüfenden, teils fragenden, Blick der Frau bemerkte.
„Exakt so würde ich es formulieren“, erwiderte die Kommandantin der Stadt nach einer Weile. „Wohlgemerkt: Ich.“
„Entschuldigung, Sir. Das ist mir so rausgerutscht.“
Das Gesicht der Frau entspannte sich rasch. Sie wechselte das Thema abrupt, indem sie fragte: „Was halten Sie von der neuen militärischen Kommandostruktur? Ich meine, dass Sie nun quasi zwei Stellvertreter haben die sich diese Aufgabe teilen?“
„Damit habe ich kein Problem, Sir“, erwiderte Sheppard und sah seine Vorgesetzte offen an. „Natürlich kenne ich Major Benning noch nicht wirklich. Aber das wird sich wohl rasch ändern, sobald wir wieder in der Pegasus-Galaxie sind. Bei dem, was vor uns liegt, werden wir ihn und seine Leute bestimmt gut gebrauchen können.“
Die Frau nickte, wobei sich ihr Gesicht etwas anspannte. Das bringt mich zu einem etwas heikles Thema, Lieutenant-Colonel. Aber das sollten wir nicht hier in der Kantine besprechen, sondern besser in meinem Büro. Aber essen Sie erst in Ruhe zu Ende.“
„Ich war ohnehin fertig, General.“
Die Frau trank rasch den Rest ihres Kaffees aus. „Perfekt!“
Sie brachten Tasse und Tablett zurück und verließen gemeinsam die Kantine. Als sie sich kurze Zeit später in Alexandra Degenhardts Büro, auf den Sofas der Sitzecke, niedergelassen hatten, beugte sich die Frau auf ihrer Couch etwas vor und sah John Sheppard ernst an. Sie zögerte etwas bevor sie erklärte: „Ich plane, Ihr bisheriges Team auseinander zu reißen, John. Zumindest für eine gewisse Übergangszeit. Ich gedenke, nach Einsicht in die Missionsberichte, Teyla und Dex jeweils ein eigenes Team zu geben. Ein weiteres Team wird Teldy leiten. Ich plane, Ihnen dafür Major Benning und ein weiteres Mitglied der Kommandotruppen zur Seite zu geben. Sie behalten McKay. Die andere McKay werde ich Ronon Dex zuteilen. Zudem wird Radek Zelenka fortan öfter auf Außenmissionen gehen.“
Überrascht von dieser Eröffnung sah John Sheppard die Deutsche sprachlos an. Erst nach geraumer Weile erwiderte er: „Dass Sie Jeanie auf Außenmissionen schicken wollen wird Rodney aber gar nicht gefallen.“
„Das tut nichts zur Sache“, verwarf die Frau diesen Einwand rigoros. „Was mich im Moment interessiert ist Ihre Meinung dazu, John.“
„Ich muss sagen, dass mich der Gedanke nicht sonderlich begeistert“, gab der Mann unumwunden zu. „Allerdings verstehe ich, warum diese Maßnahme sein muss. Darum stimme ich zu. Die erfahrenen Teammitglieder müssen den Neulingen im Team zur Seite gestellt werden und zu diesen erfahrenen Mitgliedern zählen nun einmal Teyla und Dex.“
Alexandra Degenhardt wirkte sichtlich erleichtert. „Ich freue mich, dass Sie es von dieser Warte sehen.“
Der Lieutenant-Colonel machte ein nachdenkliches Gesicht. „Teyla wird diese Maßnahme sofort einsehen. Überzeugen müssen werden wir Ronon Dex. Ronon gehört nicht zu den Leuten, die sich gerne schnell mit solchen neuen Ideen anfreunden. Er mag eher Konstanz, wenn ich das so sagen darf.“
„Aber er wird in dieser Sache nicht querschießen? Möglicherweise nimmt er mir bereits übel, dass ich ihn und Teyla, für die Dauer dieses Fluges, aus dem Kommandozentrum verbannt habe? Unter meinen Vorgängern ist das wohl laxer gehandhabt worden.“
John Sheppard lächelte beruhigend. „Nein. Ronon wird zuerst etwas knurren und grummeln und dann wird er mitspielen, weil er weiß, dass es sein muss.“
Eine Anspannung, die Alexandra Degenhardt bisher verfolgt hatte, fiel von ihr ab. Befreit lächelnd erwiderte sie: „So langsam gewinne ich dieser bunt zusammengewürfelten Truppe etwas ab. Wissen Sie, anfangs war ich gar nicht begeistert als ich erfuhr wie die Besatzung von ATLANTIS zusammengesetzt ist. Ich gebe offen zu, dass ich so meine Zweifel daran hatte ob das gutgehen kann.“
„Ist es bereits über fünf Jahre lang“, beruhigte Sheppard die Frau. „Und das wird es auch weiterhin. Übrigens: Was Teyla und Ronon im Kommandozentrum betrifft. Ich denke, Sie werden sich das ohnehin noch überlegen. Beide werden Sie vermutlich bald…“
Er wurde unterbrochen, als sich McKay, mit unheilverkündender Stimme, über die Lautsprecher meldete. „Generalmajor Degenhardt! Kommen Sie bitte umgehend in den Kontrollraum. Wir haben ein Problem, wie es scheint!“
„Wäre ja auch zu schön, wenn alles rund laufen würde“, knurrte Generalmajor Degenhardt und erhob sich rasch von ihrer Couch um zum Übergang zu gehen, der direkt zum Kontrollraum führte. Sheppard schloss sich unaufgefordert an. Er kannte Rodney McKay lange genug um zu wissen, dass der Kanadier keinen falschen Alarm gab. Irgendetwas Unerwartetes schien sich ereignet zu haben.
Kaum hatten sie den Kommandoraum betreten, als ihnen McKay heftig gestikulierend entgegenkam. Mit anklagendem Seitenblick zu Sheppard eröffnete er Alexandra Degenhardt: „Unser Kurs stimmt nicht!“
Sowohl die Frau als auch Sheppard sahen den Wissenschaftler ungläubig an. John Sheppard, der zuerst die Sprache wiederfand, hob grimmig seine Augenbrauen und fragte: „Was meinen Sie damit, dass unser Kurs nicht stimmt?“
Irritiert stellte McKay die Gegenfrage: „Was an: Unser Kurs stimmt nicht ist so schwer zu verstehen? Wir fliegen nicht dahin wo wir hin wollen!“
„Aber das ist unmöglich, Rodney! Ich habe das Ziel eindeutig dem Autopiloten übermittelt und eine positive Bestätigung erhalten, bevor ich den Stuhl verlassen habe.“
Rodney McKay nickte eifrig. „Das bestätigt der Hauptcomputer von ATLANTIS und genau das ist es, was ich nicht verstehe. Der Computer behauptet wir liegen auf Kurs, doch eine zweimalige Überprüfung meinerseits besagt, dass wir Kurs auf die Außenbezirke der Spiralgalaxie Triangulum halten.“
McKay angelte nach seinem Tablet-Computer und rief die entsprechenden Daten auf. „Hier sehen Sie selbst!“
Alexandra Degenhardt und John Sheppard stellten sich neben den Wissenschaftler und sahen auf den Bildschirm. Nach einem Moment erkundigte sich die Frau: „Haben Sie einen Verdacht, woran das liegen kann?“
McKay sinnierte einen Moment lang und erwiderte dann: „Wenn ich die Dimetrans-Tredulen nicht selbst vor dem Aufbruch von ATLANTIS zur Erde kontrolliert hätte, würde ich sagen, dass es an ihnen liegen könnte. Doch so stehe ich vor einem Rätsel.“
Sheppards Gesicht bildete ein einziges Fragezeichen. „Dime-Was?“
McKay winkte ab. Bevor er erneut zu Wort kommen konnte, warf Radek Zelenka, der die Diskussion verfolgt hatte, mit wankender Stimme ein: „Es könnte sein, dass ich dafür verantwortlich bin.“
Die Blicke aller im Kommandozentrum Anwesenden richteten sich auf den kleinen Tschechen, der den Eindruck erweckte im Boden versinken zu wollen. Unangenehm berührt erklärte er in die Runde: „Na ja, als ATLANTIS zur Erde flog, da musste ich den Gravitationseinfluss des Zentrumskerns der Milchstraße kompensieren. Für den heutigen, ersten Brückenschlag, zum Rand der Milchstraße, war diese Einstellung deshalb auch korrekt. Jedoch hätten wir die Dimetrans-Tredulen dort neu trimmen und auf die alten Werte bringen müssen. Ich hatte vollkommen vergessen, dass ich diese Einstellungen damals vorgenommen hatte, weil alles drunter und drüber ging nach dem Flug zur Milchstraße. Das Ganze ist mir eben erst wieder eingefallen. Tut mir leid.“
Rodney McKay sah ungläubig in die Runde. „Es tut ihm leid? Oh, ich wusste doch, dass dieser Kurpfuscher noch mein Untergang sein wird!“
„Dann werde ich die Stadt mal aus dem Hyperraum holen“, bemerkte Sheppard.
„Nein, lassen Sie das“, widersprach McKay schnell. „Wir fliegen ja trotzdem in die ungefähre Richtung von Pegasus. Wenn ich die Dimetrans-Tredulen schnell genug wieder auf die richtigen Werte trimmen kann, dann ändert die Stadt den Kurs und wir fliegen lediglich einen etwas größeren Bogen. Falls es länger dauert, dann halten wir bei Triangulum an.“
Interessiert erkundigte sich Alexandra Degenhardt: „Spricht etwas dagegen den Hyperraumflug sofort zu unterbrechen?“
Rodney McKay verzog grimmig das Gesicht. „Nun, da die Energiesysteme in diesem Jahr einmal komplett zerlegt und wieder zusammengesetzt wurden traue ich dem Frieden nicht recht. Die Systeme der Stadt wurden nur notdürftig flugbereit gemacht. Die müssen nach der Ankunft in der Pegasus-Galaxie erst einmal komplett überprüft werden. Ich kann nicht sagen was passiert, wenn wir zu oft unterbrechen. Falls etwas Unvorhergesehenes passiert, dann lieber in der Nähe von Sternen und Planeten einer Großgalaxie als im intergalaktischen Leerraum, würde ich sagen.“
„Die Kurzfassung hätte gereicht, Rodney“, warf Sheppard ironisch ein. „Soll ich die Systeme vom Stuhl aus überwachen?“
„Ist eine gute Idee, denn wir dürften die Randgebiete von Triangulum schon bald erreicht haben“, gab McKay abwesend zurück und sah dabei bereits giftig in Zelenkas Richtung. „Radek, Sie kommen mit mir! Sie haben das Chaos angerichtet, also helfen Sie mir jetzt gefälligst auch dabei es wieder geradezubiegen!“
Die drei Männer verschwanden und etwas konsterniert sah ihnen Alexandra Degenhardt hinterher. Sich zu Rodney McKays Schwester wendend meinte sie: „Von einer Kommandostruktur, mit Informationen an den Vorgesetzten was genau er vorhat und anschließendem Abmelden hält Ihr Bruder nicht viel, habe ich Recht?“
Jean McKay schmunzelte. „Das haben Sie sehr gut erkannt, General. Mit so etwas hat sich Mer noch nie lange aufgehalten.“
Dann kennt er mich noch nicht, dachte die Deutsche grimmig. Auch den werde ich in den nächsten Wochen und Monaten noch auf Kurs bringen. Laut sagte sie zu Amelia Banks gewandt: „Behalten Sie unseren Kurs im Auge und melden Sie halbstündig unseren Standort an mich, Lieutenant.“
Banks bestätigte und zufrieden legte Alexandra Degenhardt ihre Hände auf den Rücken. Dabei fragte sie sich ernsthaft, worauf sie sich eingelassen hatte.

* * *


„Nein, Radek! Wir müssen die Dimetrans-Tredulen umgekehrt proportional trimmen, oder wir landen am anderen Ende des Universums!“
Rodney McKay befand sich ganz in seinem Element. Probleme zu lösen gehörte zu den Aufgaben die ihm am liebsten waren. Auch, wenn er das nie zugegeben hätte. Mit einem finsteren Blick zu Zelenka fügte er giftig hinzu. „Dass ATLANTIS es damals überhaupt zur Erde geschafft hat erscheint mir fast wie ein Wunder, wenn ich sehe was Sie da angerichtet haben. Die Stadt hätte genauso gut in Andromeda landen können.“
Genervt erwiderte Zelenka: „Wie lange gedenken Sie darauf herumzureiten? Damals ging es darum die Erde zu retten. Ohne das, was ich hier… angerichtet habe, wäre die Erde vermutlich jetzt in der Hand der Wraith.“
„Ja, schon gut“, gab McKay knurrig zurück. Er war bereits dabei neue Werte in den Tablet-Computer einzugeben, den er über einen selbst gebauten Adapter mit einer Schnittstelle des Hauptcomputers von ATLANTIS verbunden hatte. Nach einer Weile meinte er zufrieden: „So, das sieht schon besser aus. Ich glaube wir haben es.“
Fast gleichzeitig begann die Beleuchtung im Raum zu flackern. Nur für einen kurzen Moment. Gleich danach noch einmal. Diesmal länger.
„Was haben Sie gemacht?“, rief Radek Zelenka, von der anderen Seite des Raumes.
„Ich?“, ereiferte sich McKay. „Nichts habe ich gemacht. Außer Ihren Pfusch auszubügeln. Diese Energieschwankung hat andere Gründe, fürchte ich. Geben Sie mir eine Sekunde. Ich rufe die Flussdiagramme auf.“
Einen Moment später meldete sich Generalmajor Degenhardt und meldete multiple Energieschwankungen in allen Systemen. Da McKay in einem Zustand war in dem er auf nichts reagierte, übernahm es Zelenka zu erklären: „General, wir haben es ebenfalls bemerkt. Rodney ist sich sicher, dass es nicht mit dem eintrimmen der Dimetrans-Tredulen zu tun hat. Er prüft gerade die Systeme. Moment…“
Rodney McKay sah in diesem Moment panisch zu Zelenka und stieß aus: „Oh nein! Diese verfluchten Hilfstechniker des IOA! Die haben die Überlastsicherungen aus den Energiefluss-Reglern entfernt!“
Im nächsten Moment aktivierte der Kanadier seinen Kommunikator. „John, kontrollieren Sie, wo wir sind. Wir sollten die Außenbereiche von Triangulum bald erreicht haben. Finden Sie, so schnell es geht, irgendeinen Ort wo wir die Stadt landen können.“
Sheppard erwiderte umgehend: „Was ist denn los, Rodney?“
„Das gesamte Energiesystem der Stadt destabilisiert sich, dank dieser vollkommen inkompetenten Abbruch-Techniker des IOA. Weil diese Komiker die Überlastsicherungen entfernt haben wird uns die Stadt um die Ohren fliegen, wenn wir nicht bald landen und alle Systeme abschalten, die an den ZPM hängen. Damit meine ich speziell den Schutzschild. Sie wissen was das bedeutet. Wir können nicht mitten im All abschalten. Das ist los!“
„Hier Generalmajor Degenhardt“, mischte sich die Kommandantin von ATLANTIS in die Unterhaltung ein. „Wie viel Zeit haben wir, bis die Systeme der Stadt uns um die Ohren fliegen werden, wie Sie es ausgedrückt haben?
„Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil das unmöglich zu berechnen oder abzuschätzen ist, General. Aber wenn das passiert so fern wir uns noch im All befinden, dann sind wir alle mausetot. Die Gefechtsschäden an der Stadt sind noch längst nicht wieder komplett behoben. Das bedeutet, momentan ist ATLANTIS löcherig wie ein Schweizer Käse. Das würde im Ernstfall Dekompression bedeuten. Sie wissen was das heißt.“
„Sagen Sie mir was Sie brauchen um das zu verhindern, oder zumindest aufzuschieben, Doktor McKay“, gab Alexandra Degenhardt zurück ohne überflüssige Fragen zu stellen und zum ersten Mal lobte sich McKay, eine Soldatin in der Kommandozentrale zu wissen. Woolsey hätte sicherlich erst einmal herumgenervt.
„Danke, General. Ich brauche sämtliche Techniker an den Energiereglern. Die sollen den Energiefluss manuell über die Konsolen regeln. Das bringt uns hoffentlich genug Zeit, damit Sheppard einen Planeten in Triangulum finden kann, um ATLANTIS zu landen. Und sagen Sie ihm, er soll nicht allzu wählerisch sein!“
„Ich höre mit, Rodney!“, kam die sarkastische Stimme des Lieutenant-Colonels aus dem Empfänger von McKays Kommunikator.
„Oh!“, machte McKay. „Okay, John. Planet finden – runterbringen – sicher landen.“
„Alles klar, Rodney! Sheppard, Ende!“
Im nächsten Moment meldete sich bereits wieder Alexandra Degenhardt. „Was werden Sie und Doktor Zelenka im weiteren Verlauf machen, Doktor McKay?“
„Ich muss ein Diagnose-Programm durchlaufen lassen!“, gab McKay zurück, während er die entsprechende Schaltung bereits vornahm. „Okay, das dauert jetzt etwas. Radek wird das von hier aus überwachen, General. Ich bin auf dem Weg zum Kommandozentrum, um die manuelle Anpassung der Energiewerte von dort aus zu koordinieren. Ich bin in einer Minute bei Ihnen.“
Damit schaltete McKay reflexartig seinen Kommunikator auf Stand-By und wandte sich zu Radek Zelenka um. „Ich habe das Programm bereits gestartet, Radek. Geben Sie mir die Werte durch, sobald es beendet ist.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte McKay aus dem Computerkern-Raum hinaus und hastete, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die drei Decks zum Kommandozentrum hinauf. Etwas atemlos kam er oben an und beeilte sich, zur Konsole zu gelangen an der Jean und Branton bereits die Werte ablasen. Ohne Einleitung fragte der Kanadier seine Schwester: „Wie sieht es aus, Jeanie?“
„Die Energiewerte schwanken“, gab die Frau zurück, wobei sie Rodney mit unstetem Blick ansah. „Bisher liegen sie aber noch innerhalb der Toleranzwerte.“
„Dann sollten wir beten, dass sich das nicht ändert“, unkte Rodney McKay finster und schritt zur Konsole der Hauptenergieversorgung. Er schaltete die Flussdiagramme durch und gab ab und zu ein leises Grummeln von sich.
Währenddessen hielt sich Alexandra Degenhardt im Hintergrund und ließ die Wissenschaftler ungestört arbeiten. Sie war zwar die Kommandantin von ATLANTIS aber in Bezug auf die Systeme der Stadt ein blutiger Laie. Sie hätte bei einer Einmischung vermutlich eine unverblümte Abfuhr kassiert.
„Die Energiespitzen nehmen an Dauer und Intensität zu“, meldete Mike Branton mit unnatürlicher Ruhe in der Stimme. „Unsere Leute können im Moment noch schnell genug ausgleichen, doch es ist vermutlich eine Frage der Zeit bis sich das ändert.“
McKay sah ernst in Richtung des Mannes. Ihm lag dabei eine schwarzmalende Bemerkung auf der Zunge, doch ein Blick zu Jeanie, in deren Augen sich beginnende Panik abzuzeichnen begann, hielt ihn davon ab sie auszusprechen. Stattdessen meinte er fahrig: „Wird schon schiefgehen!“
Alexandra Degenhardt beobachtete Rodney McKay dabei, wie er sich wieder auf die Anzeigen an der Konsole konzentrierte, an der er stand. Langsam und ganz bewusst jede hektische Bewegung vermeidend, die Unruhe unter den Anwesenden hätte erzeugen können, schritt sie zu dem Chefwissenschaftler und erkundigte sich ruhig: „Wieviel Zeit werden wir schätzungsweise haben?“
McKay sah kurz zu der Deutschen auf und murmelte so leise, dass nur sie ihn verstehen konnte: „Könnte verdammt knapp werden, General. Sheppard muss dringend einen Planeten finden und landen.“
„Verstehe!“, gab die Frau auf dieselbe Weise zurück.
Radek Zelenka meldete sich einen Moment später über Lautsprecher und sagte unnötig laut: „Rodney, wir haben ein neues Problem. Die Energieleitungen nehmen wegen der ausgebauten Überlastsicherungen viel mehr Energie auf, als sie sollten und sie halten das nicht mehr lange aus, würde ich sagen! Uns bleiben maximal dreißig Minuten!“
Rodney McKay warf Alexandra Degenhardt einen bezeichnenden Blick zu und verdrehte die Augen, als er den Sender aktivierte und bellend erwiderte: „Ganz toll, Radek! Warum machen Sie nicht gleich die gesamte Stadt rebellisch!“
Inzwischen aktivierte Alexandra Degenhardt ihren Kommunikator. „Lieutenant-Colonel Sheppard: Wir brauchen dringend einen Landeplatz!“
Es dauerte einen Moment, bevor Sheppard erwiderte: „Ich habe da ein System ausgemacht. Ein Stern mit fünf Planeten. Ich überspiele die Daten auf Rodneys Konsole!“
„Das geht?“, warf der Kanadier erstaunt ein.
„Ja das geht, Rodney!“, bestätigte Sheppard gedehnt. „Ich habe das eben erst herausgefunden. Wenn wir irgendwann da sind, wo wir hin wollen, dann sollte ich mich vielleicht mal eingehender mit den Möglichkeiten des Stuhls befassen!“
„Momentan sollten Sie sich mit einer raschen Landung befassen!“, versetzte McKay und meinte dann: „Alles nicht benötigte Personal sollte an Bord der Raumschiffe gebeamt werden“, wandte sich Rodney McKay an Alexandra Degenhardt. „Vielleicht wird der Platz etwas knapp, doch besser das als zu sterben. Vor der Landung der Stadt sollten die Raumschiffe starten. Unser Pilot ist nämlich nicht für butterweiche Landungen berühmt.“
Alexandra Degenhardt erwiderte zustimmend: „In Ordnung. Sonst noch Vorschläge?“
„Sie meinen, außer zu beten?“
Die Deutsche grinste ironisch. „Alles klar, Doktor McKay.“ Sie kontaktierte die drei Befehlshaber der Schlachtkreuzer und wies sie an, die Besatzung von ATLANTIS, bis auf die Anwesenden im Kommandoraum und den Technikern an den Energiereglern, an Bord der Schiffe zu holen. Sie gab außerdem Startbefehl, sobald ATLANTIS den Hyperraum verlassen haben würde.
Währenddessen nahm Rodney McKay einige Schaltungen an seinem Tablet-Rechner vor, bevor er den Adapter an der Konsole entfernte und den Rechner zur Seite legte. Dabei sah er Alexandra Degenhardt an und meinte: „Ich habe die Konfiguration des Tablet-Rechners auf den Konsolenspeicher überspielt. Jetzt müssen wir hier nicht mehr zusätzlich mit Tablet-Rechnern oder Laptops hantieren.“
„Was ist mit den Planeten des Systems?“, versetzte die Deutsche.
„Oh, ja natürlich, General.“ Der Kanadier konzentrierte sich wieder auf das naheliegende Problem und gab Auskunft: „Wir halten auf ein Sternensystem mit einem orange-roten Stern der Spektralklasse K zu. Der vierte Planet sieht ganz passabel aus. Er hat eine Stickstoff-Sauerstoff-Atmosphäre. Temperaturen an der Oberfläche zwischen Plus vierundzwanzig und Minus einhundertundsiebzehn Grad Celsius.“
„Verdammt kalter Laden!“, warf Mike Branton trocken ein. „Da werden wir aber die Heizung etwas rauf drehen müssen.“
Rodney warf einen Blick über die Schulter. Er schluckte die giftige Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag als er das entspannte Grinsen seiner Schwester bemerkte. Brantons Bemerkung hatte ihr etwas die Angst genommen wie es schien. Also war seine Bemerkung wenigstens dafür gut gewesen.
Die Werte der Atmosphäre kontrollierend aktivierte Rodney McKay schließlich wieder die Sprechverbindung zum Stuhlraum. „John, Nummer Vier sieht gut aus. Oder was man so gut nennt. Fliegen Sie einen Annäherungskurs und versuchen Sie, eine Wasserpfütze zu finden, auf der Sie ATLANTIS landen können. Wird nicht einfach, weil weite Teile der Oberfläche des Planeten vereist sind.“
Als Rodney McKay aufsah, bemerkte er das Stirnrunzeln von Alexandra Degenhardt und entschuldigend meinte er: „Mit Ihrer Erlaubnis, General. Wenn es zur Oberfläche des Planeten hinuntergeht, dann kann ich nicht jedesmal erst mit Ihnen Rücksprache halten. Das wird hier dann vermutlich mit einem Affenzahn zugehen.“
Die Züge der Kommandantin entspannten sich etwas. „In Ordnung, Doktor McKay. Aber ich erwarte zwischendurch ein paar Meldungen, wenn es sich einrichten lässt.“
„Wie? Oh, ja. Natürlich.“ Rodney McKay war bereits wieder in die Anzeigen vertieft und General Degenhardt warf Jean McKay einen entsagungsvollen Blick zu.
Auf dem Holobildschirm, an der Konsole von Amelia Banks, verfolgte Alexandra Degenhardt wie sich ATLANTIS dem vierten Planeten des unbekannten Sternensystems näherte. Als die Stadt die Entfernung von 250.000 Kilometern unterschritt ließ Sheppard sie aus dem Hyperraum fallen und schwenkte sie für den Anflug um 180 Grad herum.
Inzwischen fluchte Rodney McKay leise vor sich hin und sagte zu Alexandra Degenhardt gewandt: „Die Energiefluktuationen nehmen zu, General.“
Bevor die Kommandantin etwas erwidern konnte, nahm der Physiker wieder Kontakt mit John Sheppard auf und sagte ernst: „John bremsen Sie ATLANTIS für den Anflug auf ein Tempo herunter, dass die Stadt auch dann keinen Schaden nimmt, falls der Schild auf den letzten fünfzig Kilometern ausfällt. Könnte sein, dass Sie die Stadt ohne aktivierten Schild aufsetzen müssen.“
„Die drei Schlachtkreuzer sind gestartet!“, meldete Banks. „Die AUSTERLITZ ist bereit uns jederzeit an Bord zu nehmen, falls der Schild eher versagen sollte.“
„Danke!“, erwiderte Alexandra Degenhardt tonlos, denn sie wusste was das bedeuten würde. In dem Fall würde ATLANTIS abstürzen und vernichtet werden. Was sie ebenfalls wusste war, dass die drei Schlachtkreuzer nicht mit der gesamten Besatzung von ATLANTIS den Rückflug zur Erde würde antreten können, falls dieser Fall eintraf. Ein Teil von ihnen würde dann für einige Wochen auf diesem Planeten ausharren müssen. Unter sehr widrigen Umständen, so wie es aussah.
Stille senkte sich über den Kommandoraum, während die Stadt immer weiter auf den Planeten zu hielt. Auf den Holo-Bildschirmen zeichnete sich der Planet, den ATLANTIS anflog, immer deutlicher ab. Es waren Kontinente zu erkennen und Meere, die scheinbar weitgehend mit massiven Eisdecken überzogen zu sein schienen. Nach einigen Minuten erklärte Rodney McKay: „Es wird ernst. Wir durchfliegen gleich die oberen atmosphärischen Schichten. Fluktuationen der Energiewerte werden stärker.“
Ein Vibrieren durchlief die Stadt und Rodney McKay sagte abwesend zu Alexandra Degenhardt: „Setzen Sie sich besser, General. Der Flug durch die untere Atmosphäre und die Landung könnten etwas rau werden.“
Die Kommandantin nahm auf dem leeren Stuhl neben Amelia Banks Platz.
Eine erneute Erschütterung durchlief die Stadt, diesmal heftiger als die Erste.
„Festhalten, die Trägheitsdämpfer arbeiten nur noch unregelmäßig!“, warnte Rodney McKay eindringlich. Bereits im nächsten Moment kamen für einige Sekunden mehrere Gravos durch und vereinzelt klang Stöhnen auf, als es wieder vorbei war.
„Höhe?“, fragte Alexandra Degenhardt gepresst, als sie abermals mehrere Gravos in ihren Sitz drückten. „Und wie steht es mit Lebensformen?“
Diesmal antwortete Banks an Stelle des Wissenschaftlers. „Wir unterschreiten eben die Fünftausend-Meter-Marke. Atmosphärische Dichte nur geringfügig weniger hoch als auf der Erde in dieser Höhe. Die Gravitation beträgt, laut Anzeige, etwas weniger als auf der Erde. Der Durchmesser ist beinahe identisch. Die Lebenszeichen-Scanner zeigen einige schwache Werte an. Keine uns bekannten Lebensformen. Möglicherweise Tiere, Sir.“
„Geben Sie die Höhe weiterhin in Schritten von eintausend Metern durch“, wies Alexandra Degenhardt die Frau neben sich an. „Zumindest müssen wir bei einem Ausfall des Schildes nicht mehr von Bord und können die Stadt trotzdem landen. Um die Lebensformen kümmern wir uns später.“
Im nächsten Moment durchlief ein Kreischen die Stadt, gefolgt von einem metallisch klingenden Knall. Gleich darauf drang ein herzhafter Fluch durch den Kommandoraum und Rodney McKay meldete: „Das war der Antrieb. Wir stürzen ab. Ich gebe alle Energie auf die Trägheitsdämpfer.“
Einen Moment später drang die Stimme von Sheppard aus den Lautsprechern. „Ich habe den Anflug nicht mehr unter Kontrolle. Antrieb komplett ausgefallen. Wir werden vermutlich ziemlich hart aufschlagen.“
„Ist bei Ihren Landungen ja nichts Neues!“, schimpfte Rodney McKay als sei es die Schuld der Lieutenant-Colonels, dass dies eine Bruchlandung werden würde.
„Ja, Rodney! Geben Sie ruhig wieder mir die ganze Schuld!“, gab Sheppard grimmig zurück. „Ich sag Ihnen was: Beim nächsten Mal fliegen Sie die Stadt!“
Ein langer Blick des Generals hielt McKay davon ab etwas auf die Worte des Lieutenant-Colonels zu erwidern. Stattdessen gab er durch, dass die Stadt nur noch fünfhundert Meter von der Oberfläche des Planeten entfernt war. Dabei bemerkte er: „Der Schild scheint zu halten, General. Aber dafür arbeiten die Trägheitsdämpfer nicht mehr mit voller Leistung. Wir sollten uns gut irgendwo festhalten.“
Die Hände des Wissenschaftlers klammerten sich bei seinen Worten um den Rand seiner Konsole. Die übrigen Anwesenden taten es ihm nach.
Einige Sekunden später erfolgte der Aufschlag. Ein spürbarer Ruck durchlief die Stadt mit einem fürchterlichen Krachen. Alexandra Degenhardt erwartete insgeheim, dass der Kommandoturm auseinanderbrechen würde, doch nichts dergleichen passierte. Stattdessen neigte sich die Stadt, mit einem erneuten Krachen und Knirschen plötzlich um ein paar Grad nach Vorne bevor sie endgültig zum Stillstand kam.
Im nächsten Moment wurde es dunkel im Kommandoraum und nur die Notbeleuchtung spendete noch etwas Licht. Beinahe gleichzeitig fielen die Trägheitsdämpfer aus und Generalmajor Degenhardt verlor das Gleichgewicht. Sie kollidierte schmerzhaft mit der Konsole, von der sie sich eben erst erhoben hatte. Dabei schlug sie sich das linke Handgelenk heftig an einer metallenen Kante an. Sie gab einen Schmerzlaut von sich und ächzte dann: „Was ist jetzt passiert, Doktor McKay?“
„Welcher?“, kam es zweistimmig zurück.
„Rodney McKay“, grummelte die Deutsche. „Also - was ist?“
„Die Energie ist komplett ausgefallen. Nur die Notsysteme und die Naquadah-Generatoren laufen noch, General. Wir haben unglaubliches Glück gehabt, dass das nicht eine Minute früher passiert ist.“
„Reicht es für die Heizung?“
Etwas überrumpelt von dieser Fragestellung dauerte es mehrere Sekunden bis Rodney McKay erwiderte: „Das werden die Naquadah-Generatoren schaffen. „Allerdings wird es kaum für mehr reichen, als für die Beleuchtung und die Lebenserhaltung.“
„Besser als Nichts“, gab die Deutsche zurück. „Stellen Sie umgehend die Schäden fest. Sie bekommen jede Hilfe, die Sie brauchen.“
McKay bestätigte und wandte sich zu seiner Schwester. „Jeanie, dich brauche ich hier, im Kommandoraum. Du und Doktor Branton werdet die Schäden hier begutachten. Ich werde mir Radek schnappen und eine erste Bestandsaufnahme machen.“
Damit nahm der Kanadier den heruntergefallen Tablet-Rechner auf, kontrollierte kurz, ob er noch funktionierte und verschwand im nächsten Moment eilig in Richtung der Treppen die hinunterführten.
„Melden Sie sich bloß nicht bei mir ab, McKay!“, heulte Alexandra Degenhardt erbost hinter dem Kanadier her.
Irgendwer lachte unterdrückt, doch jetzt hatte Alexandra Degenhardt nicht den Nerv sich darüber aufzuregen. Einen Fluch zwischen den Zähnen zerquetschend griff sich die deutsche Frau mit der rechten Hand an ihr lädiertes linkes Handgelenk und wandte sich zu Amelia Banks. „Sie und O´Connor halten hier die Stellung. Helfen Sie Doktor Branton und Doktorin McKay wo Sie können. Und schicken Sie einen Trupp Soldaten zum Labor mit den Stasiskammern. Vermutlich ist dieser Todd bereits erwacht und ich will nicht, dass der in den Untiefen der Stadt verschwindet. Ich selbst werde derweil die Krankenstation aufsuchen. Vermutlich habe ich mir das Handgelenk verstaucht. Wenn Lieutenant-Colonel Sheppard hier auftaucht dann informieren Sie ihn, Lieutenant.“
Damit begab sich Alexandra Degenhardt auf den Weg hinunter, auf die Ebene des Gate-Raumes, von dem aus man direkt die Krankenstation erreichte. Dabei dachte sie düster daran, dass diese Mission bis jetzt so gar nicht nach Plan ablief. Sie waren in den Randzonen von Triangulum gelandet, statt am eigentlichen Ziel der Reise.
Dicht vor der Krankenstation verharrte die Kommandantin und aktivierte den Kommunikator. „Generalmajor Degenhardt an die Kommandanten der Flotte. Transferieren Sie das Personal zur Stadt zurück. Wir werden wohl erst einmal hier festsitzen. Sobald die Besatzung der Stadt nicht mehr an Bord ist, werden die JEANNE D´ARC und die AUSTERLITZ die Planeten des Systems erkunden. Die SUN TZU bleibt im Orbit des Planeten und sichert ATLANTIS. Bestätigen!“
Nach der dreifachen Bestätigung der Raumschiff-Kommandanten schaltete Alexandra Degenhardt ihren Kommunikator auf Stand-By. Jetzt wurde es Zeit erst einmal ihr schmerzendes Handgelenk von Doktor Keller untersuchen zu lassen. Danach würde man, nach einer ersten Bestandsaufnahme, weitersehen.
In Gedanken nahm die hochgewachsene Frau die Männerarmbanduhr ab, die sie seit mehr als zwölf Jahren fast ständig trug. Mit einem düsteren, leicht abwesenden, Blick starrte sie ins Leere, bevor sie die Uhr entschlossen in die rechte Hosentasche steckte und weiterging, in Richtung der Krankenstation.
Götter der Nacht by ulimann644
7.

GÖTTER DER NACHT


Einen so lauten Knall, wie eben, hatten weder Nazca-Illara noch Krell-Arian bisher auf dieser Welt gehört, seit sie sich hier aufhielten. Sie waren zu der Überzeugung gelangt, dass er nur tierisches Leben trug. Dementsprechend überrascht sahen sie nach oben. Das laute Geräusch schien direkt von dort zu kommen, obwohl sich über ihnen nur der Nachthimmel erstreckte mit seinen funkelnden Sternen und dem schwachen Lichtband von Triangulum.
Eng nebeneinander in einem Felsspalt stehend, suchten die beiden Wesen, die ein Mensch wohl am ehesten als aufrecht gehenden Panther bezeichnet hätte, mit ihren scharfen, golden schimmernden Augen, den Himmel ab. Jedoch besaßen diese Panther annähernd menschlich anmutende Hände und Füße. Außerdem schimmerte ihr Fell nicht schwarz, sondern nachtblau, was in der gegenwärtig herrschenden Finsternis allerdings keinen großen Unterschied machte.
Etwas seltsam hätte auf einen Menschen dabei fraglos die eng anliegende Kleidung gewirkt, die jedem Beobachter verraten hätte, dass es sich bei diesen beiden Wesen nicht um Tiere handelte, sondern um intelligente Lebewesen. Durch ihr eigenes Fell sowohl gegen Kälte, als auch Hitze hervorragend geschützt, konnten sie, an diesem unwirtlichen Ort, auf dickere Winterkleidung verzichten. Ein menschlicher Körper hätte in der schneeweißen Kleidung, dieser beiden, annähernd zwei Meter großen, Wesen fraglos innerhalb kürzester Frist unterkühlt.
Nazca-Illara und Krell-Arian waren hingegen an extreme äußere Umstände gewöhnt. Sowohl was Hitze als auch Kälte betraf. Denn ihr Heimatplanet umlief seinen Stern auf einer extrem elliptischen Bahn. Sie verspürten keine Kälte, während sich die Schlitzpupillen ihrer großen, leicht vorspringenden Augen mal weiteten, mal leicht zusammenzogen. Dabei suchten sie weiterhin den Himmel nach der Quelle des soeben vernommenen Geräusches ab.
Nazca-Illara spürte wie sich der meterlange Schwanz ihres Gefährten, der am Hinterteil seiner Kleidung aus einer passenden Öffnung herausragte, sich um ihr linkes Bein wickelte und gereizt fauchte sie, in einem Dialekt, der einen eventuellen Zuhörer entfernt an die Sprache der Antiker erinnert hätte: „Lass das. Du machst mich damit ganz nervös.“
Von seiner Gefährtin ablassend schnurrte Krell-Arian zurück: „Das war unbewusst.“
Im nächsten Moment streckte der Feodin seinen linken Arm aus und deuteten nach schräg oben: „Da! Sieh!“
Nazca-Illara, die sich von ihrem Gefährten nur durch ihren etwas schlankeren Körperbau und zwei flachen Wölbungen im Brustbereich unterschied, entdeckte nach wenigen Augenblicken, was er gesehen hatte. Auch sie sah nun den schwachen Leuchtstreifen am Himmel, dessen Schein nach einer Weile stärker zu werden schien. Leise fragte sie: „Was könnte das sein? Ein Meteor?“
„Dafür bewegt sich der Lichtstreifen nicht schnell genug“, widersprach Krell-Arian. „Möglicherweise ein Raumschiff.“
Nazca-Illara schnurrte zweifelnd. „Wir haben doch schon seit Ewigkeiten keinen Besuch mehr von den Göttern der Nacht bekommen. Weder durch das Sternentor, noch durch Raumschiffe, die sich in diesen entlegenen Teil unserer Galaxie verirren.“
„Die Erbauer der Sternentore waren keine Götter!“, knurrte der Feodin heiser. „Es waren Besucher einer anderen Spezies. Niemand weiß, woher sie kamen und wohin sie später verschwunden sind, oder warum sie Sternentore auf den Planeten dieser Galaxie aufgestellt haben. Vielleicht sind die längst nur noch Erinnerung.“
„Ich weiß, dass sie keine Götter waren“, schnurrte Nazca-Illara. „Aber unsere Vorfahren nannten sie die Götter der Nacht, also lass mir doch den Spaß. Dass du aber auch immer so verdammt korrekt sein musst, Krell-Arian. Immerhin besaßen sie eine hochstehende Technik, die der unseren überlegen ist. Allein diese fliegenden Aufklärungs-Sphären, die wir fanden, sind, schon aufgrund ihrer Kompaktheit, sehr beeindruckend.“
„Das ist aber nun wirklich keine Zauberei“, relativierte Krell-Arian. Immerhin konnten wir herausfinden, wozu sie dienten und wie sie mit Hilfe der dazugehörenden Handgeräte gesteuert werden können.“
„Zum Glück“, schnurrte Nazca-Illara. „Sonst hätte gleich die erste Mission durch unser heimatliches Sternentor mit einem Fiasko geendet. Denn die aufgebaute Verbindung führte zu einer Welt, deren Atmosphäre für uns giftig ist. Erst eine spätere Analyse der aufgenommenen Daten der voraus geschickten Sphäre ergab, dass massive Vulkanausbrüche vor einigen Zehntausend Jahren daran schuld waren, dass die Atmosphäre toxisch wurde.“
„Immerhin konnten wir fünf Planeten besuchen, die eine atembare Atmosphäre besitzen. Leider führen die Verbindungen von unserer Heimatwelt aus nur in die Randzone unserer Sterneninsel, aber nicht in die andere Richtung. Ich vermute, dass das zu einer früheren Zeit anders war. Denn das Gerät hat einige Tor-Adressen in Rot angezeigt und zu diesen Adressen keine Verbindung herstellen können. Vermutlich irgendein technisches Versagen, weil diese Sternentore uralt sind.“
„Alles gut und schön, aber was hat das damit zu tun?“, fragte Krell-Arian und deutete zum Himmel hinauf.
Die beiden Feodin erkannten, dass der Lichtstreifen verblasste. Dafür wurde ein Schatten sichtbar, der einige der Sterne am Himmel verdeckte. Zuerst nur in einem kleinen Bereich, doch dann wuchs der Schatten immer weiter an und wurde zu einem riesigen Objekt. „Das… Das ist fantastisch“, entfuhr es Krell-Arian. „Wenn das ein Raumschiff ist, dann ist es größer als Alles was ich mir in der Hinsicht jemals vorgestellt hätte.“
Nazca-Illara schnurrte zustimmend. Nicht weniger fasziniert als ihr Begleiter sah sie das Objekt immer tiefer sinken, bis es mit einem Krachen am Boden ankam. Dabei neigten sich die Aufbauten des Objektes um einige Grad, bevor es endlich zur Ruhe kam. Nach ihrer Meinung konnte es kaum weiter als fünf Kli von ihnen entfernt sein. Nach einigen Augenblicken sagte sie endlich: „Was machen wir, falls die nicht in friedlicher Absicht hier gelandet sind?“
Ein leises Fauchen von sich gebend antwortete Krell-Arian: „Du hast Recht. Ziehen wir uns zum Sternentor zurück. Wir sollten nach Feod zurückkehren und unsere Leute warnen. Die sollen ein bewaffnetes Team herschicken das herausfindet was diese Fremden vorhaben. Wir zwei allein schaffen das nicht.“
Nazca-Illara maunzte leise. „Ich bin dafür.“
Geschmeidig bewegten sich die beiden Feodin durch die eiskalte Nacht und es dauerte nur wenige Minuten bis sie die große Höhle erreichten, in denen das Sternentor dieses Planeten stand. Ganz selbstverständlich wählte Nazca-Illara die Adresse ihrer Heimatwelt an. Die einzige, die das Gerät ihnen auf diesem Planeten anzeigte. Doch zu ihrer Überraschung brach das Tor den Wahlvorgang beim letzten Symbol mit einem fast klagenden Ton ab.
„Du musst etwas falsch gemacht haben“, schnurrte Krell-Arian.
Fauchend reichte seine Begleiterin ihm das Gerät und meinte finster: „Hier, dann versuch du es doch mal!“
Der Feodin nahm das Handgerät von Nazca-Illara entgegen und nahm die Schaltung vor. Mit demselben enttäuschenden Ergebnis. Langsam die Hand, in der er das Gerät hielt, sinken lassend, stellte er fest: „Es lässt sich keine Verbindung aufbauen. Denkst du auch, dass das kein Zufall sein kann? Zuerst erscheint dieses riesige Objekt hier und dann bekommen wir keine Verbindung zu unserer Heimatwelt mehr. An solche Zufälle glaube ich nicht.“
Etwas ungläubig sah Nazca-Illara ihren Begleiter an. „Du meinst wirklich, dass jemand, der sich an Bord dieses riesigen Objektes befindet, die Verbindung absichtlich unterbrochen hat? In dem Fall hätten sie unsere Anwesenheit bereits entdeckt.“
„Das halte ich für wahrscheinlich.“
Zweifelnd legte Nazca-Illara den Kopf auf die Seite. „Ich bin da nicht so sicher. Ich hatte vorhin das Gefühl, dass die Landung des Objektes nicht ganz so verlief wie es geplant war. Es wirkte eher wie eine Notlandung auf mich.“
„Egal wer von uns beiden nun Recht hat. Wir kommen hier nicht weg.“ Damit sah Krell-Arian auf das Display des Handgerätes und stutzte. „He, da ist eine neue Tor-Adresse. Aber sie ist grau und die Adresse von Feod ist nun ebenfalls grau eingefärbt.“
Nazca-Illara warf einen Blick auf das Display und sah dann zu ihrem Begleiter auf. „Was hat das zu bedeuten? Woher kommt diese neue Adresse und was hat dabei diese graue Farbe der Adressen zu bedeuten?“
„Vielleicht wissen das die Wesen an Bord des Objektes?“, orakelte Krell-Arian. „Das halte ich sogar für höchstwahrscheinlich, denn ein Zufall kann das doch Alles nicht sein.“
Nazca-Illara schnurrte zustimmend. „Dann müssen wir zu diesem Objekt und das herausfinden. Denn unsere Vorräte reichen nicht ewig und die Alternative, ohne Hilfe nach Feod zurückzukehren, haben wir nicht.“
Krell-Arian machte eine zustimmende Geste. Das Handgerät in eine Beintasche seiner Kombination steckend meinte er: „Da wir keine Waffen dabei haben müssen wir sehr vorsichtig sein. Es wird noch für eine Weile dunkel bleiben auf diesem Planeten. Das sollten wir ausnutzen um ungesehen zu diesem Raumschiff zu gelangen, oder was immer das sein mag. Irgendwie sah es mehr aus wie eine Stadt.“
Nazca-Illara schnurrte leise: Was immer es ist, wir müssen hin. Also gehen wir.“

* * *


Der Weg gestaltete sich schwieriger als es sich die beiden Feodin vorgestellt hatten. Auf halbem Weg zog sich der Himmel plötzlich zu und kurze Zeit später gerieten sie in dichtes Schneetreiben, so dass sie kaum zwanzig Meter weit sehen konnten. Außerdem nahm der zuerst nur schwache Wind kontinuierlich an Schärfe zu. Ein konstantes Heulen des Windes setzte ein und riss nicht mehr ab. Es wurde mit zunehmender Dauer nur abwechselnd mal stärker und mal schwächer.
„Ich kann beinahe überhaupt nichts mehr sehen!“, schrie Nazca-Illara gegen den immer noch an Stärke zunehmenden Sturm an. „Wir können uns nur auf unsere Instinkte verlassen, wenn wir die Stadt nicht verfehlen wollen!“
„Das schaffen wir!“, brüllte Krell-Arian grollend zurück. „Nach meiner Einschätzung sind wir weniger als einen Kli entfernt!“
Sie kämpften sich weiter durch den Sturm, der ihnen unglücklicherweise fast genau aus Richtung der Landezone entgegenwehte. Irgendwann gab es plötzlich ein unheilverkündendes Knirschen und Krachen unter den Füßen der beiden Wesen. In demselben Moment, als Krell-Arian nach dem Grund zu fragen gedachte, krachte es erneut und die Realität begann zur Seite zu kippen. Dabei hörte er einen maunzenden Schrei, der von seiner Begleiterin kam.
Krell-Arian spürte, dass er fiel. Unter ihm platschte es und im nächsten Moment klatschte er selbst in eiskaltes Wasser, das über ihm zusammenschlug. Panisch strampelte der Feodin mit seinen Armen und Beinen. Auf ihrer Heimatwelt war Schwimmen kein Volkssport denn Feodin begaben sich nur ins Wasser, wenn sie keine andere Wahl hatten.
Für einen kurzen Moment spürte Krell-Arian eine Bewegung zu seiner Rechten. Das musste Nazca-Illara sein. Im Moment achtete er kaum darauf, denn das Wasser schien sich selbst in seinen widerstandsfähigen Körper zu fressen, wie Millionen von glühenden Nadeln. Er spürte die beginnende Panik, weil er zusätzlich keine Luft holen konnte.
Im nächsten Moment durchstieß sein Kopf die Wasseroberfläche und keuchend atmete der Feodin ein und aus. Hektisch sah er sich dabei nach Nazca-Illara um. Einige Augenblicke später entdeckte er sie eine Armlänge von sich entfernt halb rechts.
Erst jetzt realisierte Krell-Arian was ihnen passiert war. Sie hatten offensichtlich einen Hohlraum überschritten, der sich unter diesem Gewässer im Eis gebildet hatte.
Unbeholfen paddelten die beiden Wesen auf den Rand des Einbruchs zu, der zum Glück eine Schräge aufwies, über die sie sich nach oben würden bewegen können. Vollkommen durchnässt zogen sie sich nebeneinander aus dem Wasser und es war nochmal eine ziemliche Anstrengung bis sie den Rand des Abbruchs erreichten. Dabei wurde ihnen bewusst was für ein Glück sie gehabt hatten, nicht mit den abgebrochenen Eisplatten kollidiert oder anderweitig darauf geprallt zu sein.
Völlig erschöpft blieben sie am Rand des Abbruchs liegen bis Nazca-Illara drängend sagte: „Wir dürfen nicht hier im eisigen Wind liegen bleiben! Das Wasser wird auf unserer Haut gefrieren und das ist selbst für unsere Körper eine extreme Belastung. Wer hätte auch mit so etwas gerechnet?“
„Wir offensichtlich nicht!“, fauchte Krell-Arian und stemmte sich mühsam hoch. Er half Nazca-Illara dabei auf die Beine zu kommen und stemmte sich gleich darauf wieder gegen den Sturm, dessen eisiger Wind nun umso stärker spürbar wurde.
Sie sahen sich einen Moment lang um und nahmen dann ihren Marsch wieder auf. Sie orientierten sich zum größten Teil daran, aus welcher Richtung der Wind auf sie zu kam. Dabei spürten die beiden Feodin, wie ihr Marsch immer beschwerlicher wurde. Sie mussten rasch einen windgeschützten Ort finden, oder Wind und Feuchtigkeit würden im Zusammenspiel selbst ihre Körper zu rasch auskühlen.
Die beiden Feodin wussten nicht wie lange sie unterwegs waren, als beinahe gespenstisch ein gigantischer Schatten über ihnen aufwuchs. Fast gleichzeitig ließ der Wind, der ihnen bisher permanent entgegengeweht war, deutlich nach.
„Wir sind fast da“, ächzte Nazca-Illara und taumelte weiter. Krell-Arian folgte ihr dichtauf, wobei er fast mechanisch einen Fuß vor den anderen setzte.
Endlich erreichten sie eine metallene Mauer, die aus dem Eis vor ihnen aufragte. Das musste ein Ausläufer der Stadt sein die vom Himmel gefallen war.
Nazca-Illara legte den Kopf in den Nacken und stöhnte: „Hinaufklettern fällt aus. Wir müssen hier unten einen Zugang finden.“
„Sofern es einen gibt“, erwiderte Krell-Arian.
Die beiden Feodin begaben sich auf die Suche, entlang des riesigen Stahlgebildes. Doch sie fanden keinen Zugang zu diesem gewaltigen Objekt. Dabei stellten sie nach einer Weile fest, dass die Wandung an der sie entlang schritten allmählich an Höhe abnahm. Offensichtlich war das Objekt nicht gleichmäßig im Untergrund eingesunken.
Einige Male mussten sie Wasserlöchern ausweichen. Als ihre Anzahl zunahm, erkannte Nazca-Illara: „Wir gehen hier auf einer Eisdecke, die ein Gewässer überspannt. Also Vorsicht oder wir landen erneut im Wasser.“
Die beiden Feodin wussten nicht wieviel Zeit verstrichen war, seit sie ins Wasser gefallen waren doch sie spürten, dass sich die Kälte immer stärker in ihre Körper fraß. Endlich erreichten sie jenen Bereich der Struktur, an dem sie auf die glatte Oberfläche klettern konnten. Fast gleichzeitig wurden sie wieder vom Sturm ergriffen und fast wäre Nazca-Illara wieder von der Oberfläche geweht worden.
Krell-Arian hielt seine Partnerin fest und zog sie mit sich, weiter auf die stählerne Ebene hinauf. Dabei deutete er auf einige Gebäude vor ihnen. „Da werden wir sicherlich einen Zugang ins Innere finden.“
„Wie werden die Fremden, die sich fraglos in diesem Objekt aufhalten, darauf reagieren, dass wir bei ihnen eindringen?“
Krell-Arian gab ein helles Fauchen von sich. „Darum kümmern wir uns, wenn wir drin sind. Erst einmal müssen wir aus diesem Sturm heraus.“
Gemeinsam kletterten sie über die glatte Ebene auf die Gebäude zu. Schon aus einiger Entfernung sahen sie, durch das nachlassende Schneetreiben, dass einige der Gebäude Beschädigungen aufwiesen. Vermutlich hätte es sie erstaunt zu erfahren, dass diese Schäden nicht dem beobachteten Absturz geschuldet waren.
Krell-Arian nahm Nazca-Illara bei der Hand und zog sie mit sich zu einem der Gebäude, an dem er einen gezackten Riss erkannt zu haben glaubte. Beim Näherkommen erkannte der Feodin, dass er sich nicht geirrt hatte. Er machte Nazca-Illara mit einem Handzeichen auf die Öffnung aufmerksam.
„Wir sollten vorsichtig sein, Krell-Arian.“
Die Warnung der Feodin war kaum mehr als ein jämmerliches Maunzen gewesen. Auch Krell-Arian spürte allmählich wie sehr ihn die vorangegangenen Anstrengungen geschwächt hatten. Sie mussten unbedingt ins Innere dieses Objektes und etwas zur Ruhe kommen. Alles Weitere würde sich dann bestimmt finden.
Mit fahrigen Bewegungen bewegte sich Krell-Arian durch den weiten Riss und hielt dabei Kontakt zu seiner Partnerin, damit sie nicht versehentlich getrennt wurden. Nach einer kurzen Zeitspanne erreichte er das andere Ende des Risses und er stand in einem nur schwach beleuchteten Gang. Als auch Nazca-Illara im Gang stand, klammerte sie sich an ihn und fragte matt: „Was denkst du? Ist das die normale Beleuchtung? Falls ja, dann müssen die Götter der Nacht sehr lichtempfindliche Augen haben.“
„Vielleicht heißen sie deshalb Götter der Nacht“, orakelte Krell-Arian, kaum weniger erschöpft als seine Partnerin. „Komm, wir müssen Kontakt zu den Wesen aufnehmen, wer immer sie auch sein mögen.“
Mehr schlecht als recht irrten sie durch die Gänge. Sie stiegen Treppen hinauf und durchschritten lange Gänge, doch sie bekamen kein fremdes Wesen zu Gesicht. Irgendwann sank Nazca-Illara plötzlich zu Boden.
Krell-Arian kniete sich zu ihr ab und wollte sie zum Weitergehen bewegen, doch sie reagierte nicht, obwohl sie noch atmete, wie der Feodin erleichtert feststellte. Auch ihm selbst war es zuvor bereits mehrmals kurz schwarz vor Augen geworden.
Einige leise Geräusche ließen ihn aufmerksam werden. Er blickte auf und erkannte einen Moment später ein Wesen, dass am Ende des Ganges um die Ecke gebogen war.
Der Fremde hielt einen flachen Gegenstand in der Hand und war auf ihn konzentriert, wie es den Anschein hatte. Erst als Krell-Arian warnend fauchte und sich erhob, blieb der Fremde abrupt stehen und gab ein seltsames Geräusch von sich. Krell-Arian sah noch, wie der Fremde eine Hand an seinen Kopf führte. Dann schwanden auch ihm endgültig die Sinne. Dass er zu Boden sank, spürte er dabei schon nicht mehr. Sein letzter Gedanke galt dem Aussehen des Fremden. Er sah genau so aus, wie die Vorfahren seines Volkes die Götter der Nacht beschrieben hatten.
Erstkontakt by ulimann644
8.

ERSTKONTAKT


Als Rodney McKay, der in diesem entlegenen Teil der Stadt mutterseelenallein unterwegs war um einen Kontrollraum der Energieverteilung aufzusuchen, leise Geräusche aus dem Gang vor sich vernahm, erschrak er zunächst. Doch als er lauschte und kein verdächtiges Geräusch vernehmen konnte glaubte er an eine Sinnestäuschung. Sicherlich lag das an der überall herrschenden Notbeleuchtung. Auf Dauer wirkte diese spärliche Beleuchtung der Stadt gespenstisch.
Lauschend blieb er ein weiteres Mal stehen und horchte, doch er konnte noch immer nichts Verdächtiges hören. Erleichtert setzte er deshalb seinen Weg fort, wobei er die Schaltpläne des Energieverteilers auf seinem Tablet-Rechner studierte. Abwesend bog er in den Gang ein, der letztlich zum Kontrollraum führen musste.
Als der Physiker ein Fauchen hörte ruckte sein Kopf nach oben und er gab einen erstickten Schrei von sich. Das Bild, das sich McKay bot, verwirrte ihn. Er sah ein Katzenwesen mit dunklem Fell am Boden liegen. Doch anders als ein Tier trug das Wesen weiße Kleidung. Ein zweites Wesen derselben Art kniete auf dem Boden des Ganges und starrte ihn aus großen Augen an. Es handelte sich dabei offensichtlich um das Lebewesen, dass ihn eben so bedrohlich klingend angefaucht hatte. Im nächsten Moment sank es neben das zweite Wesen zu Boden.
Rodney McKay verharrte für einen Moment und widerstand dem ersten Impuls, so schnell ihn seine Füße tragen konnten wegzurennen. Fast automatisch hatte er seine Hand bereits zu seinem Kommunikator bewegt, doch erst jetzt aktivierte er ihn und sagte mit vibrierender Stimme: „Rodney McKay an Kontrollraum. Ich befinde mich in Gang 47-Rot. Ebene 2 kurz, unmittelbar vor dem Kontrollraum der Energieverteilung. Hier liegen zwei fremde Wesen auf dem Boden, die definitiv nicht mit uns von der Erde gestartet sind.“
„Hier Sheppard“, meldete sich der stellvertretende Stadt-Kommandant. „Was ist los Rodney? Sind Sie sicher?“
„Haben Menschen seit Neuestem dunkles Fell und Pantherköpfe? Falls nicht, dann bin ich mir sicher. Diese Wesen sehen aus wie große Panther, aber sie tragen Kleidung.“
„Bleiben Sie wo Sie sind, Rodney“, erwiderte Sheppard entschlossen. „Ich schicke Ihnen Major Benning und einen Trupp seiner Leute.“
„Schicken Sie auch ein Ärzte-Team mit“, gab McKay drängend zurück. „Diese beiden Fremden liegen bestimmt nicht auf dem Boden, weil der Ort ideal für ein Nickerchen ist.“
„Verstanden, Rodney! Sheppard, Ende!“
Es klickte schwach, als der Lieutenant-Colonel die Verbindung unterbrach. Dafür klang einen Moment später die Stimme seiner Verlobten im Empfänger seines Kommunikators auf. „Rodney, hier ist Jennifer. Was für einen Eindruck machen die Wesen, die du entdeckt hast?“
„Na ja, sie liegen auf dem Boden herum.“
„Nähere dich ihnen, wenn keine Gefahr eines Angriffs besteht und stelle fest, ob die beiden Wesen noch leben. Gehe dabei nach der Disco-Methode vor.“
„Du meinst: Herzmassage im Disco-Takt und dabei Stayin´ Alive singen?“
„Bleib bitte ernst“, wurde McKay von seiner Freundin ermahnt. „Ich meine damit: Ansehen – Ansprechen – Anfassen. Sollte Ansprechen bereits eine Wirkung zeigen dann muss das Anfassen nicht unbedingt sein.“
Rodney McKay atmete tief durch. „Ich verstehe. Ich kann sehen, dass sich die Körper der beiden Wesen leicht heben und senken. Sie leben also noch. Doch sie scheinen bewusstlos zu sein. Ich werde jetzt näher ran gehen.“
„Sei bitte vorsichtig.“
Der Wissenschaftler grinste unbewusst. „Ich werde auf mich aufpassen.“
Zögernd schritt McKay näher an die beiden Wesen heran. Dabei murmelte er leise zu sich selbst: „In Horrorfilmen ist das der Moment, in dem die Wesen ihre Augen weit aufreißen und über ihr ahnungsloses Opfer herfallen.“
Nichts dergleichen passierte und etwas sicherer werdend blieb der Mann bei dem Wesen stehen, das ihn angefaucht hatte. So sanft er konnte fragte er: „He, können Sie mich verstehen? Wenn ja, dann sagen Sie was.“
Nachdem keine Reaktion erfolgt war, murmelte McKay: „Was mache ich hier eigentlich? Ich rede mit einem Panther.“
Doch dann fiel sein Blick wieder auf die Kleidung der beiden Wesen. Ihm war kein Tier bekannt was Kleidung trug. Vorsichtig legte er schließlich seine Hand auf den Arm des Wesens und rüttelte sachte. Doch keine Reaktion erfolgte.
Realisierend, dass er momentan kaum mehr tun konnte als auf Benning mit seinen Leuten und das Ärzte-Team zu warten, begann er die Kleidung der beiden Wesen zu untersuchen. Schließlich fand er etwas, das seine Neugier weckte.
„Hallo, was ist denn das?“ Damit zog McKay einen metallischen Gegenstand aus der Beintasche des ersten Wesens. Es besaß einen kleinen Bildschirm in der Mitte, der gegenwärtig dunkel war. Als er aus Versehen die obere der fünf Tasten an der rechten Seite des kleinen Bildschirms berührte, leuchtete sie auf und der Bildschirm erhellte sich. Auf ihm wurden zwei Symbolgruppen sichtbar und McKay entfuhr es: „Gate-Adressen?“
Gedankenverloren dachte er nicht mehr an die beiden Wesen, sondern er überlegte was das zu bedeuten hatte. Eine Gate-Adresse schien ihm logisch. Denn ATLANTIS besaß ein Stargate. Doch was bedeutete die zweite Adresse? Hieß das nicht in letzter Konsequenz, dass es auch hier in der Triangulum-Galaxie ein Gate-Netzwerk gab? Die Anzeichen sprachen dafür, doch inwieweit stand dieses Handgerät mit einem Gate-Netzwerk in Verbindung?
Bevor McKay eine Antwort darauf fand, hörte er Schritte, die sich seiner Position näherten. Schnell deaktivierte er das Gerät und steckte es gedankenlos ein.
Im nächsten Moment bog Major Andreas Benning mit drei seiner Leute und einem Ärzte-Team um die Ecke des Ganges. Wobei das Medizinische Team zwei fahrbare Tragbahren dabei hatten.
Der Transport wäre bestimmt einfacher, wenn die Systeme der Stadt funktionieren würden, konstatierte Rodney McKay, was ihn wieder zu seiner ursprünglichen Aufgabe führte. Er berichtete dem deutschen Major kurz, wie er die beiden Wesen gefunden hatte, wobei er seinen erschreckten Ausruf dezent unter den Tisch fallen ließ.
Als sich die achtköpfige Gruppe wieder entfernte, sah McKay den Männern und Frauen einen Moment lang nach, bevor er sich wieder auf den Weg machte. Dabei bedauerte er, vorerst nicht zu erfahren um was für Wesen es sich handelte. Ebenfalls fragte er sich, aufgrund seines Fundes, ob diese Wesen von diesem Planeten stammten oder ob sie von einem anderen Planeten hierhergekommen waren. Doch die Beantwortung dieser Fragen hatte Zeit. Zunächst musste er in den Kontrollraum, um die Energieverteiler zu überprüfen.

* * *


Als die beiden fremdartigen Wesen in die Krankenstation gebracht wurden, saß Alexandra Degenhardt auf einer der Behandlungsliegen und ließ sich gerade von einem der Krankenpfleger das verstauchte, linke Handgelenk verbinden.
Neugierig blickte sie um den Oberkörper des Pflegers herum und beobachtete Jennifer Keller dabei wie sie ihrem Team Anweisungen gab. Dabei registrierte sie die offensichtliche Routine des gesamten Teams. Während sie selbst fasziniert von der Andersartigkeit der beiden Wesen war, schien dieser Umstand hier kaum jemanden wirklich zu beeindrucken. Die meisten dieser Leute waren zuvor bereits jahrelang in der Pegasus-Galaxie gewesen. Dennoch fand es Generalmajor Degenhardt verblüffend wie schnell sich die Leute offensichtlich an die Existenz von Außerirdischen gewöhnt hatten. Vielleicht wäre die Welt eine Bessere, so überlegte sie, wenn alle Menschen mal hier herauskämen.
Doch die meisten Menschen auf der Erde ahnten nicht einmal ansatzweise, was sich hier draußen zwischen den Galaxien abspielte. Deshalb interessierten sie sich hauptsächlich für Nichtigkeiten, die angesichts der Tatsachen zu einem Nichts verblassten.
Ungeduldig wartete sie darauf, dass der junge Mann fertig wurde. Sie dankte ihm schließlich rasch, hüpfte von der Liege und näherte sich dann den beiden Behandlungsliegen, über denen Jennifer Keller und eine Assistenz-Ärztin gerade die Bio-Scanner antikerischer Herkunft aktivierten. Neugierig verfolgte die Deutsche den Scann-Vorgang, obwohl ihr die Abbildungen und die eingeblendeten Werte wenig bis gar nichts sagten.
Nach dem Abschluss des Scann-Vorgangs drehte sich Jennifer Keller kurz zum Generalmajor um und meinte: „Was ich mit Sicherheit sagen kann ist, dass diese beiden Wesen noch leben. Allerdings möchte ich ihnen kein irdisches Medikament geben oder irgendeine sonstige Behandlung einleiten, solange der Zustand der beiden Wesen sich nicht signifikant ändert. In der Datenbank der Antiker habe ich keinerlei Hinweise auf Wesen dieser Art gefunden. Wer weiß wie die auf irdische Medikamente reagieren würden.“
Alexandra Degenhardt nickte in Gedanken. „Sie sind der Doktor. Ich lasse Ihnen freie Hand. Wenn diese Wesen zu sich kommen, dann möchte ich umgehend informiert werden. Jetzt möchte ich zunächst mit Major Teldy reden. Sie konnte den Wraith, nach seinem abrupten Erwachen, daran hindern sich aus dem Staub zu machen. Sie verstehen.“
„Oh ja“, seufzte Jennifer Keller ironisch. „Dieser Wraith ist ziemlich durchtrieben.“
Die Ärztin sah der Oberkommandierenden hinterher als sie die Krankenstation verließ. Sie seufzte leise bevor sie sich wieder den beiden Liegen zuwandte. Mit einem interessierten Blick sah sie auf die Scanner-Bildschirme und zu ihrer spanischen Kollegin gewandt sagte sie: „Diese Wesen scheinen über zwei Herzen zu verfügen. Wenn das stimmt, so würde ich, aufgrund der Größe dieser Organe, meinen, dass diese Wesen sehr widerstandsfähig sein dürften. Aber warten wir es erst einmal ab.“
Die Assistenzärztin sah zu ihrer Vorgesetzten und erklärte zustimmend: „Angesichts der recht dünnen Kleidung könnte das stimmen. Es kann zwar auch andere Gründe geben, doch die Wahrscheinlichkeit, dass sie wesentlich besser mit extremen Temperaturen zurechtkommen, halte ich für wahrscheinlich. Zumindest anhand der ersten ausgewerteten Daten.“
Jennifer Keller sah in Richtung der schlanken, schwarzhaarigen Frau. „Ich bin geneigt, mich Ihrer Meinung anzuschließen, Inès. Natürlich wäre es besser, zusätzlich die Zusammensetzung des Blutes zu analysieren. Doch mit einer solchen Maßnahme möchte ich warten bis die beiden Wesen zu sich kommen, oder aber es keine andere Möglichkeit gibt, falls sich deren Zustand verschlechtert.“
Inès Nayara Serrano schüttelte ihr schulterlanges, gelocktes Haar zurück. Ihre dunklen Augen sahen fragend zu Jennifer Keller. „Also werden wir zunächst einmal abwarten was passiert, bevor wir weitere Tests durchführen?“
Die Chefärztin nickte und meinte: „Ja, das halte ich für das Beste.“
Beide Ärztinnen behielten die Bildschirme im Auge, wobei sie geflissentlich die Anwesenheit der vier Bewaffneten, unter dem Kommando von Major Benning, ignorierten.
Auf diese Weise verbrachten sie fast zwei Stunden, bevor Inès Serrano plötzlich sagte: „Ich glaube eines der Wesen kommt wieder zu sich, Jennifer. Ich habe einen erhöhten Puls und ich erkenne ein Flattern der Augenlider.“
Nicht nur Jennifer Keller wurde aufmerksam. Auch Benning und die drei ihm unterstellten Soldaten sahen wachsam zu den beiden Fremden. Dabei murmelte der Major unterdrückt: „Überprüfen, ob die Waffen auf Betäuben eingestellt sind. Wir wollen die Fremden nicht gleich töten, sondern sie lediglich kampfunfähig machen, falls sie sich, aus irgendeinem Grund heraus, irrational verhalten sollten.“
Die Soldaten bestätigten. Fast gleichzeitig schlug eines der beiden Wesen die Augen auf. Ruhig blieb es liegen und sah sich aufmerksam um.
In einer langsamen und friedfertigen Geste drehte Jennifer Keller ihre leeren Hände zu dem fremden Wesen hin und sagte, in beruhigendem Tonfall: „Wir wollen Ihnen nichts tun. Wir fanden Sie bewusstlos in einem der Gänge von ATLANTIS und haben Sie hierher gebracht. Sie sind hier in Sicherheit.“
Das Wesen, das die Ärztin an einen aufrecht gehenden Panther mit nachtblauem Fell erinnerte, richtete seinen Blick auf sie. Es dauerte einen Moment bis es seine vorspringende Schnauze öffnete und mit einem Schnurren ein paar Worte sagte. Zumindest schien es der Ärztin so als wären es Worte gewesen.
Inzwischen hatte Benning unauffällig seinen Kommunikator aktiviert und Generalmajor Degenhardt von der Entwicklung in Kenntnis gesetzt.
Es dauerte nicht lange bis die Kommandantin der Stadt die Krankenstation betrat. In ihrer Begleitung befand sich Teyla Emmagan. Beide Frauen näherten sich langsam den beiden Liegen, wobei die Soldaten ihre Position veränderten, um im Notfall ein freies Schussfeld zu haben.
Jennifer Keller sah zu den beiden Frauen und berichtete: „Eins der beiden Wesen ist erwacht. Ich hatte den Eindruck, dass es mir etwas gesagt hat doch ich kann nicht sagen ob es sich wirklich um Worte gehandelt hat. Es scheint umgekehrt auch mich nicht verstanden zu haben, Sir.“
Die Athosianerin sah fragend zu Alexandra Degenhardt. „General, mit Ihrer Erlaubnis versuche ich es einmal.“
Generalmajor Degenhardt nickte auffordernd und Teyla sagte, in der Sprache der Antiker: „Mein Name ist Teyla Emmagan. Können Sie mich verstehen?“
Diesmal erfolgte eine deutliche Reaktion von Seiten des Pantherwesens. Es richtete sich leicht auf und antwortete in derselben Sprache: „Ja, ich verstehe dich. Es ist zwar ein seltsamer Dialekt, doch ich kann deine Worte verstehen. Du benutzt die Alte Sprache. Dann gehörst du zu den Göttern der Nacht.“
Etwas verwundert sah Teyla Emmagan zu dem Wesen. Gleichzeitig übersetzte sie die Worte für die Anwesenden, bevor sie erwiderte: „Wir sind keine Götter.“
Ein Schnurren von sich gebend antwortete das Wesen: „Das wissen wir. Doch mein Volk benutzt diese Bezeichnung für die Spezies, welche die Sternentore errichtet hat. Mein Name ist Nazca-Illara und der Name meines Partners ist Krell-Arian. Unsere Spezies nennt sich Feodin. Wir stammen nicht aus diesem Sternensystem.“
An dieser Stelle unterbrach Teyla Emmagan den Redefluss des Wesens und erklärte schnell: „Außer mir versteht keiner hier diese Sprache. Ich möchte das, was du gesagt hast für meine Freunde übersetzen. Zunächst aber möchte ich dir sagen, dass wir dir und deinem Begleiter nichts tun wollen. Wir fanden euch bewusstlos in einem der Gänge.“
Das Wesen schnurrte vernehmlich, was die Athosianerin als Zustimmung auffasste. Sie erklärte Generalmajor Degenhardt rasch, was die Feodin gesagt hatte. Als sie endete, sagte Alexandra Degenhardt: „Bitte fragen Sie dieses Wesen warum sie hierherkamen und ob sie unsere Hilfe benötigen, Teyla.“
Die Athosianerin machte eine zustimmende Geste und gab die Frage an die Feodin weiter. Währenddessen erwachte Krell-Arian, der sich abwartend verhielt und der Unterhaltung folgte, die sich offensichtlich zwischen seiner Partnerin und einem der Fremden entwickelt hatte. Er realisierte schnell, dass sie nicht in Gefahr waren.
Nachdem Teyla ihre Frage gestellt hatte, gab Krell-Arian ein vernehmliches Schnurren von sich und antwortete dann an Stelle von Nazca-Illara. „Wir hatten vor, wieder zu unserem Heimatplaneten zurückzukehren. Doch die Adresse des Sternentores auf Feod ließ sich nicht anwählen. Es scheint irgendein Defekt an dem hiesigen Sternentor aufgetreten zu sein. Oder seid Ihr dafür verantwortlich? Habt Ihr das Sternentor deaktiviert?“
Teyla übersetzte schnell für die übrigen Anwesenden und mit der Erlaubnis von Alexandra Degenhardt erklärte sie den beiden Feodin diplomatisch: „Möglicherweise trägt unser Erscheinen auf dieser Welt unabsichtlich Schuld daran, dass das Sternentor nicht funktioniert. Denn an Bord dieser Stadt gibt es ebenfalls ein Sternentor. Falls das Tor auf diesem Planeten ein älteres Modell ist, dann überlagert unser Tor das Tor dieses Planeten. Wir können das jedoch nicht beeinflussen oder vermeiden. Es geschieht automatisch.“
„Also wird das Sternentor dieses Planeten wieder funktionieren, sobald ihr diese Welt wieder verlassen habt?“
„Ja“, bestätigte Teyla offen. „Aber das ist nicht so einfach. Der Sternenantrieb dieser Stadt ist beschädigt. Wir wollten nicht hier landen. Vermutlich dauert es eine Weile, bis ATLANTIS zu seinem eigentlichen Ziel weiterreisen kann.“
„Dann sitzen wir hier fest?“
Wieder übersetzte Teyla und nachdem Alexandra einige Worte an die Athosianerin gerichtet hatte, erwiderte diese: „Ja, es sieht so aus. Die Kommandantin dieser Stadt bietet euch unsere Gastfreundschaft an, solange wir gemeinsam hier verweilen müssen.“
Es war Nazca-Illara, die nach einem raschen Blick zu den vier Bewaffneten im Hintergrund fragte: „Sind wir Gefangene?“
Teyla übersetzte rasch und während sie sich wieder der Feodin zu wandte, bemerkte sie wohlwollend wie Generalmajor Degenhardt Anweisung gab, dass Benning die drei Soldaten wegtreten lassen sollte. Nur den Major behielt sie hier.
„Ihr seid Gäste“, betonte die Athosianerin. Doch vielleicht solltet ihr nicht ohne Begleitung durch die Stadt laufen. Einerseits gibt es hier Apparaturen, die nicht ungefährlich sind. Andererseits ist diese Stadt sehr groß, sodass man sich schnell verläuft.“
Alexandra Degenhardt sagte etwas zu Teyla und sie gab an die beiden Feodin weiter: „Wenn ihr euch dazu in der Lage fühlt, dann bringe ich euch in ein Gästequartier. Habt ihr Hunger oder Durst?“
Die beiden Feodin wechselten einen kurzen Blick miteinander und Nazca-Illara bestätigte: „Wir könnten etwas zu essen und zu trinken vertragen.“
„Dann bringe ich euch zuerst zur Kantine dieser Stadt und wir werden sehen was wir dort für euch haben.“
Die Athosianerin wandte sich zu dem Ärzteteam und erklärte, worüber sie mit den Feodin gesprochen hatte. Dabei bat sie die Mediziner etwas zurückzutreten.
Geschmeidig erhoben sich die beiden, fast zwei Meter großen, Wesen und Teyla Emmagan sah beide auffordernd an. „Dann folgt mir.“
Teyla und den beiden Fremden hinterher sehend fragte Jennifer Keller, zu Generalmajor Degenhardt gewandt: „Wir trauen den beiden Wesen? Einfach so?“
„Nein“, erwiderte die Kommandantin der Stadt. „Doch Teyla scheint diesen Wesen zu vertrauen und ich vertraue darauf, dass sich die Athosianerin in den Feodin nicht irrt. Ich hatte bisher den Eindruck, dass Teyla über einen sehr guten Instinkt verfügt was das Einschätzen anderer Wesen angeht.“
„Das stimmt allerdings“, gab die Chefärztin zu. Sie sah zu wie der Generalmajor, zusammen mit Andreas Benning, die Krankenstation verließ bevor sie zu Serrano sagte: „Ich mache dann auch Feierabend, Inès. Doktor Chang löst Sie um 22:00 Uhr ab.“
Gestrandet by ulimann644
9.

GESTRANDET


An dem Tisch sitzend, der ursprünglich im Konferenzraum von ATLANTIS gestanden hatte, sah Alexandra Degenhardt die anwesenden Männer und Frauen an. Der Anblick wirkte auf sie, im wahrsten Sinne des Wortes, etwas schräg denn noch immer wies die Lage der Stadt eine Schlagseite von etwa sieben Grad auf. Außer ihr selbst saßen Rodney McKay, John Sheppard, Jennifer Keller und die beiden Feodin mit ihr in dem Raum. Außerdem hatte Degenhardt Teyla Emmagan hinzugebeten.
Nachdem Rodney McKay, in der Nacht noch, den Programmcode für die Übersetzungsmatrix der Kommunikatoren erweitert hatte, war eine normale Unterhaltung mit den beiden Wesen möglich, die in ATLANTIS eingedrungen waren.
Zunächst hatten die beiden Bewohner dieser Galaxie kurz zusammengefasst wie und warum sie in diese Stadt gekommen waren. Als sie endeten, sah Alexandra Degenhardt in die Runde und sagte, zu den Feodin gewandt: „Zunächst will ich nochmal betonen, dass es nicht in unserer Absicht lag das Sternentor auf diesem Planeten zu blockieren. Doktor McKay sagte mir vor Beginn dieses Meetings, dass die Stadt zwischen drei und vier Tagen hier festliegt. Für diese Zeit bitte ich Sie beide, unsere Gäste zu sein. Sobald die Stadt wieder startklar ist, werden wir Sie, auf Wunsch, direkt bei dem hiesigen Sternentor absetzen. Sobald ATLANTIS gestartet ist und sich aus diesem Sektor entfernt hat, wird das Sternentor dieses Planeten, nach unserem Kenntnisstand, wieder benutzbar sein.“
Die Oberkommandierende sah zu McKay, der sich räusperte und zustimmte: „Ich habe mir die Aufnahmen des planetaren Sternentores angesehen. Es ist anders, als die uns bekannten Sternentore. Die Radio-Karbon-Messungen haben ergeben, dass es älter ist, als die Sternentore in der Milchstraße oder jene in der Pegasus-Galaxie. Die momentane Funktionsunfähigkeit liegt also definitiv daran, dass ATLANTIS hier ist. Nach den Aussagen des Teams, das beim Tor war, gibt es kein DHD am Tor.“
„Was ist ein DHD?“, warf Nazca-Illara ein.
Der Wissenschaftler wirkte leicht erstaunt. „Damit gibt man eine Toradresse ein. Wie wählen Sie denn ein anderes Stargate an?“
Krell-Arian antwortete anstelle seiner Partnerin. „Ich hatte ein etwa handgroßes Gerät bei mir. Ich muss es unterwegs verloren haben. Damit kann man die Sternentore dieser Galaxie anwählen. Da es verschwunden ist, können meine Partnerin und ich hier auch dann nicht weg, wenn die Stadt wieder gestartet ist. Ihr müsst uns helfen. Allerdings kennen weder ich selbst, noch Nazca-Illara, die exakte galaktische Position von Feod. Dazu verstehen wir beide zu wenig von Astro-Navigation.“
Alexandra Degenhardt wollte dazu etwas sagen, doch McKay kam ihr zuvor. „Sie reden nicht zufällig von einem Gerät mit abgerundeten Kanten und mit fünf Knöpfen an der rechten Seite eines kleinen Bildschirms, der sich in dem besagten Gerät befindet?“
Alle Blicke richteten sich auf den Kanadier, der unter seine Jacke griff und das Gerät zutage förderte, dass er am Vorabend dem Feodin abgenommen hatte. „Ich… fand es im Gang. Zunächst wollte ich mich davon überzeugen, dass von ihm keine Gefahr ausgeht.“
McKay reichte das Gerät an Sheppard weiter, der es sich kurz ansah und dann an Krell-Arian weitergab.
Die großen, goldenen Augen des Feodin ruhten auf Rodney McKay, bevor er das Gerät vor sich auf den Tisch legte und erklärte: „Das Gerät erfüllt noch einen anderen Zweck. Vertreter meiner Spezies fanden es auf Feod, zusammen mit den schwebenden Kugeln, die von diesen Handgeräten gesteuert werden können. Unsere Wissenschaftler denken, dass es sich dabei um ferngesteuerte Aufklärer gehandelt hat. Zumindest haben wir sie bisher dazu genutzt. Diese Schwebekugeln können auch Bild und Ton aufzeichnen.“
Der Feodin griff in eine seiner Uniformtaschen und zog eine halbtransparente Kugel daraus hervor, die so groß war wie eine Kinderfaust. Sie schwebte in der Luft auf der Stelle, als der Feodin sie losließ. Zuvor hatte er einen der Knöpfe des Steuergeräts betätigt. Er gab der Kugel einen kleinen Anstoß mit einem seiner Finger und die Kugel schwebte langsam zu McKay hinüber, dessen Augen sich geweitet hatten. Dabei hielt der Feodin das Handgerät so, dass McKay darauf sein überraschtes Gesicht erkennen konnte.
„Hey, das ist toll“, entfuhr es dem Wissenschaftler. „Die Antiker haben diese Kugeln bestimmt ähnlich genutzt wie wir unsere MALP´s.“
Endlich schaltete sich Alexandra Degenhardt in die Unterhaltung ein und gab bekannt: „Also wäre das Problem, wie die beiden Feodin zu ihrer Heimatwelt zurückkommen, sobald wir hier weg sind, geklärt. Doktor McKay, in welchem Zustand wird sich die Stadt befinden, wenn wir die minimale Zeitspanne für die wesentlichen Reparaturen voraussetzen?“
Die Miene des Wissenschaftlers verdüsterte sich. „Die Stadt wird dann immer noch so löcherig sein, wie ein Schweizer Käse. Darum werden wir uns erst dann kümmern können, wenn wir die Pegasus-Galaxie erreicht haben. Außerdem wird das Stargate von ATLANTIS bei unserer Ankunft dort dann immer noch inaktiv sein. Mit der Reparatur der Energieleitungen zum Stargate werden wir jedoch sofort nach unserer Ankunft am Ziel unverzüglich beginnen, General. Ach ja, da ist noch etwas. Um die Energieleitungen nicht gefährlich zu belasten habe ich die Sicherheitsregler auf dreißig Prozent eingestellt. Mehr will ich dem angeschlagenen Energienetz, das feuergefährlich wie ein Weihnachtsbaum ist, nicht zumuten. Da wartet in der Pegasus-Galaxie noch eine Menge Arbeit, bevor wir wieder das gesamte Potenzial der drei ZPM werden nutzen können.“
Die Deutsche nickte grüblerisch. „Lieutenant-Colonel Sheppard. Sie werden Patrouillen in die Bereiche entsenden, in denen ATLANTIS strukturelle Schäden aufweist. Ich will verhindern, dass noch mehr Wesen sich an Bord unserer Stadt verirren und am Ende versehentlich mitgenommen werden, wenn wir in die Pegasus-Galaxie aufbrechen.“
Während Sheppard noch bestätigte, wandte sich Alexandra Degenhardt bereits zu Teyla Emmagan. „Sie, Teyla, möchte ich darum bitten, sich weiterhin um unsere beiden Gäste zu kümmern. Es soll ihnen an nichts fehlen.“
Teyla bestätigte und die Oberkommandierende wandte sich Jennifer Keller zu. „Der Wraith befindet sich in momentan in Haft. Wegen der geringen Energie können wir ihn nicht wieder einfrieren, noch können wir ein Energiefeld in der Brig errichten. Wie lange kann der Wraith in seinem momentanen körperlichen Zustand überleben?“
Die Ärztin machte ein nachdenkliches Gesicht. Dann sagte sie überlegt: „Genau kann ich das nicht sagen, Sir, doch ich würde sagen, dass wir etwa zwei bis drei Wochen Zeit haben, bevor sein Zustand beginnt kritisch zu werden. Wenn wir wirklich in wenigen Tagen wieder flott sind, dann sehe ich kein Problem, was die Gesundheit des Wraith angeht.“
Die Oberkommandierende lächelte erleichtert. Sich erneut an Sheppard wendend fragte sie: „Wie hat der Wraith es aufgefasst, dass er länger geschlafen hat als er dachte?“
Sheppard rieb sich den Nacken und erwiderte: „Na ja, er war ziemlich sauer. Kann ich ihm nicht verdenken. Er hatte mit wenigen Tagen gerechnet. Vermutlich macht er sich Gedanken darum, was inzwischen aus seiner Allianz wurde. Diese Frage wird uns vermutlich auch brennend interessieren, sobald wir unser eigentliches Ziel erreicht haben.“
Alexandra Degenhardt machte eine zustimmende Geste und legte ihre gefalteten Hände auf den Tisch. „Ich denke, das wäre so weit alles.“
„Nein, da wäre noch etwas unsererseits!“
Erstaunt richteten sich die Blicke der Menschen auf die beiden Feodin. Es war Nazca-Illara gewesen, die sich zu Wort gemeldet hatte. Sich weit über den Tisch zu der Deutschen beugend erklärte sie: „Mein Partner und ich würden euch gerne dorthin begleiten, wo euer Ziel liegt. Teyla erzählte uns gestern von einem Krieg, der in der Galaxie tobt, die von euch Pegasus-Galaxie genannt wird. Bisher blieb unsere Heimatgalaxie davon zwar unberührt, doch das könnte sich irgendwann ändern. Deshalb würden wir gerne mitkommen um den Feind kennenzulernen, gegen den wir vielleicht irgendwann kämpfen müssen. Wir sind sehr gut darin Spuren zu verfolgen und uns annähernd lautlos zu bewegen. Außerdem können wir körperlich extremen Wettersituationen widerstehen.“
Bevor Alexandra Degenhardt eine Entscheidung treffen konnte, warf Teyla ein. „Es wäre die freie Entscheidung der Feodin. Damit müssten Sie keinerlei Verantwortung übernehmen, General.“
„Falsch!“, entfuhr es der Kommandantin der Expedition. „Wenn ich die Feodin mitnehme dann übernehme ich zumindest die moralische Verantwortung.“
Beide Feodin sahen die blonde Frau eindringlich an, wobei es der Deutschen nicht behagte die Gefühle der beiden Wesen nicht an ihren Gesichtszügen ablesen zu können. Nach einem langen Moment erwiderte sie: „Unsere Reise ist nicht ungefährlich. Das wird Ihnen Teyla gesagt haben, doch ich will das auch nochmal klarstellen. Ich bin Ihnen gegenüber zwar nicht weisungsbefugt, doch falls ich Sie an Bord von ATLANTIS mitkommen lasse, so werden Sie sich freiwillig meinem Kommando unterstellen. Oder einer unserer drei Schlachtkreuzer wird Sie ganz schnell zu diesem Planeten zurückbringen.“
Nazca-Illara wechselte einen schnellen Blick mit ihrem Partner, bevor sie erklärte: „Damit sind wir beide einverstanden. Wir werden, mit Hilfe einer der Schwebekugeln eine Nachricht aufzeichnen und sie am Sternentor dieses Planeten zurücklassen. Zweifellos wird man nach uns suchen, sobald es nicht mehr blockiert sein wird. Auf Feod soll man wissen, dass uns nichts passiert ist und dass es zwecklos ist, nach uns zu suchen.“
„In dem Fall erwähnen Sie bitte nicht, wohin wir fliegen“, wandte John Sheppard rasch ein. „Nur zur Sicherheit, falls die Kugel in falsche Hände geraten sollte.“
Nazca-Illara versicherte Sheppard darauf zu achten, was der Schwarzhaarige mit einem angedeuteten Lächeln quittierte.
Zum Zeichen, dass diese Besprechung beendet war, erhob sich Alexandra Degenhardt und alle anderen Anwesenden folgten ihrem Beispiel.
Als sie den Konferenzraum verließen und Sheppard, der einige Schritte hinter den beiden Feodin ging, die Figur von Nazca-Illara abcheckte, spöttelte McKay, der unauffällig an seine Seite getreten war: „Sie halten diese Feodin für eine scharfe Mieze, stimmt´s?“
Sheppard sah den Physiker giftig an. „Nein. Aber vielleicht sollte ich zukünftig etwas mehr mit Ihrer Schwester flirten.“
Da sich Rodney McKay bereits vor längerer Zeit mit Jeanie über Sheppard und ihre Meinung zu ihm unterhalten hatte, blieb der Wissenschaftler ungewohnt gelassen und erwiderte grinsend: „Das würde ich mir sehr gut überlegen, John. Denn sie wird sich jeden Ihrer Fehltritte merken und Sie werden Fehler machen. In dieser Hinsicht gleicht Jeanie einem Elefanten. Sie vergisst nie etwas. Außerdem hat sie ziemlich große Ohren.“
John Sheppard schmunzelte, ob der letzten Bemerkung des Kameraden. „Keine Sorge, Rodney. Im Übrigen habe ich ohnehin diesen Branton im Verdacht, dass er sich für Jeanie interessiert. Was meinen Sie?“
Das bisher vergnügte Gesicht des Physikers erstarrte. „Glauben Sie wirklich...“
Sheppard zwinkerte McKay nur vielsagend zu, bevor er sich von ihm verabschiedete und in Richtung der Brig davon schritt.
Für einen Moment blieb der Kanadier unschlüssig an der Gangkreuzung stehen, bevor er den Gedanken, Jeanie darauf anzusprechen, auf später verwarf. Jetzt musste er erst einmal Zelenka und allen anderen Mitgliedern seines Teams einheizen, damit ATLANTIS schnellstmöglich wieder in der Lage war die Reise zur Pegasus-Galaxie fortzusetzen.
Inzwischen hatte sich Alexandra Degenhardt ihrem Militärischen Stellvertreter angeschlossen und neben ihm marschierend fragte sie halblaut: „Was denken Sie, John. Wird der Wraith sich ruhig verhalten, während wir hier festsitzen, oder werden wir mit einem Ausbruchsversuch rechnen müssen?“
„Ich denke, Todd hat begriffen, dass er auf diesem Planeten keine Nahrung finden wird“, erwiderte Sheppard und massierte sich erneut den Nacken mit der rechten Hand. „Wenn wir ohne ihn abfliegen, dann wird er elendig zugrunde gehen. Das weiß dieser Wraith, also wird er sich zunächst geduldig verhalten. Was danach passiert wird dann in Ihren Händen liegen. Wollen Sie mitkommen zur Brig?“
Alexandra Degenhardt schüttelte den Kopf. „Nein. An der nächsten Ganggabelung werde ich zu meinem Büro abbiegen. Ich muss noch einen längeren Bericht schreiben. Und das mit nur einer Hand. Außerdem werde ich die Kommandantin der SUN TZU kontaktieren. Ich werde den Schlachtkreuzer so weit in Richtung der Milchstraße fliegen lassen bis er sich in Funkreichweite befindet. Auf der Erde wird man sich bereits Sorgen um uns machen.“
Wieder rieb Sheppard seinen Nacken. „Eine gute Idee.“
„Was ist übrigens mit Ihrem Nacken passiert?“
Sheppard lachte humorlos. „Ich hatte mein Bett unterbaut, nachdem ich in dem schräg stehenden Ding nicht einschlafen konnte. Mit einem Stapel Kisten und Bücher. Dadurch, dass das Eis unter der Stadt offensichtlich arbeitet, wie es Rodney nannte, verschob sich der Stapel mitten in der Nacht. Das Bett krachte zurück und ich fiel etwas unglücklich aus dem Bett.“
Die Frau lachte erheitert. „Was halten Sie davon, Ihr Bett an vier Seilen unter der Decke zu befestigen. Dann passiert so etwas zukünftig nicht mehr.“
„Das vielleicht nicht, aber dann werde ich seekrank. Dann lieber ein verrenkter Nacken. Da weiß ich wenigstens woran ich bin.“
Sheppard ignorierte das vergnügte Gesicht seiner Vorgesetzten und fragte nach einer Weile: „Sehen wir uns heute Abend im Freizeitraum? Teyla möchte, dass ich ihr zeige wie man Pool-Billard spielt. Ronon und ich haben dafür extra einen der beiden Tische in die Waagerechte gebracht. Das wird lustig.“
„Ich werde vermutlich kurz vorbeischauen“, erwiderte die Frau vage, bevor sie sich an der Ganggabelung von ihm trennte. Nachdenklich sah der schwarzhaarige Mann ihr nach, bevor er seinen Weg fortsetzte.

* * *


John Sheppard hatte schon nicht mehr mit dem Erscheinen des Generalmajors im Freizeitraum gerechnet, als sie am späten Abend doch noch hereinkam und sich dem Billardtisch näherte an dem außer ihm und Teyla noch Ronon Dex, Amelia Banks, Jeanie McKay und Mike Branton standen.
In die Runde sehend erkundigte sich die Kommandantin der Stadt bei Teyla Emmagan: „Wo sind unsere beiden Gäste abgeblieben?“
Mit einem verschmitzten Grinsen erklärte Teyla: „Die beiden Feodin wollten unter sich sein, General. Partner bedeutet bei den Feodin so viel wie verheiratet.“
Das Augenzwinkern der Athosianerin konnte Zufall gewesen sein, doch Alexandra Degenhardt war sich sicher, dass es keiner war. Auf den Billard-Tisch deutend entgegnete sie: „Hat der Lieutenant-Colonel Ihnen bereits genug beigebracht um ihn besiegen zu können?“
Teyla Emmagan lächelte schwach. „Das wird vermutlich nie mein Spiel werden. Mit solchen Stöcken, wie diesen Queues, mache ich für gewöhnlich etwas Anderes als damit kleine Kugeln über einen Tisch zu schubsen.“
Der Deutschen entging nicht der vielsagende Blick in Sheppards Richtung und schmunzelnd meinte sie: „Ja, ich erinnere mich daran so etwas gehört zu haben.“
Noch auf der Erde waren eine ganze Reihe solcher Freizeitzentren für die Besatzung der Stadt eingerichtet worden. Dieser etwas kleinere Raum war der Führungs-Crew und den Offizieren der Stadt vorbehalten. Außer ihnen hielten sich her deshalb nur drei zivile Mitglieder der Expedition auf. Trotz der widrigen Verhältnisse versuchten diese Drei vernünftig Darts zu spielen.
„He, einem völligen Neuling Billard beizubringen, auf einem Boden, der auf halb-sieben steht, ist gar nicht so einfach“, verteidigte sich John Sheppard. „Aber Teyla schlägt sich wacker, muss ich sagen. Trotzdem nervt es, dass die Stadt so schief steht.“
Damit umrundete der Lieutenant-Colonel den Billardtisch um sich in Position für seinen Stoß zu bringen. Er beugte sich weit über den Tisch und verharrte kurz als ein vernehmliches Knirschen durch den Raum klang. Zu Rodney McKay blickend fragte er abgelenkt: „Was war denn das?“
„Achten Sie nicht darauf“, empfahl ihm der Physiker beruhigend. „Das Eis unter der Stadt arbeitet bei der momentanen Belastung immer etwas, wie ich Ihnen bereits heute Vormittag sagte. Kein Grund sich Gedanken deswegen zu machen.“
„Klingt für mich nicht beruhigend“, murrte Sheppard. Einen Moment später konzentrierte er sich wieder auf den Stoß.
In demselben Moment, als er den Queue in Richtung der weißen Kugel stieß, krachte es beinahe ohrenbetäubend und ein Zittern durchlief die gesamte Stadt. Gerade so, als habe jemand den Sternenantrieb gezündet.
Im nächsten Augenblick verschob sich der Boden unter den Anwesenden und John Sheppard rutschte mit seinem Queue halb über den Billardtisch. Sämtliche Kugeln gerieten in Bewegung und rollten auf das obere Eckloch zu in dem mehrere von ihnen, darunter auch die schwarze Acht, verschwanden. Zwei weitere Kugeln sprangen über die Bande und polterten vernehmlich zu Boden.
„Festhalten!“
Irgendwer hatte es gerufen. Gleich darauf kam ATLANTIS zur Ruhe und nur mehrere unheilverkündende Knacks- und Knirsch-Geräusche durchliefen die Stadt. Dann herrschte Stille. Der bisher schiefe Boden des Raumes lag vollkommen waagerecht. Dafür stand der Billardtisch recht schräg im Raum und mit einem leisen Klacken tickte eine der Kugeln, die vom Tisch gefallen waren, gegen eine der Wände.
„Steht“, meinte Ronon Dex lakonisch und sah grinsend zu Amelia, die sich an seinen linken Arm geklammert hatte, als die Stadt zu kippen begann.
Auch McKay und Jennifer Keller hielten sich an den Armen fest und sahen zu Jeanie, die sich einen Arm von Mike Branton geangelt hatte. Verlegen räusperte sich die Physikerin und ließ den bärtigen Mann los.
„Sie haben es erfasst, Ronon Dex“, sagte Alexandra Degenhardt beinahe unnatürlich ruhig. Sie hatte lediglich etwas mit den Armen durch die Luft gerudert als der Boden unter ihr in Bewegung geriet. „Ich hoffe, dass die Stadt damit endlich zur Ruhe gekommen ist.“
„Ich würde sagen ja“, ließ sich Rodney McKay vernehmen. „Vermutlich stand die Eisdecke bereits seit unserer Landung kurz davor nachzugeben.“
Teyla, die mit am ruhigsten geblieben war, trat nun langsam zu Sheppard an den Tisch und lächelte süffisant. „Damit habe ich das Spiel wohl gewonnen, John.“
„Das zählt nicht“, beschwerte sich Sheppard während er endlich vom Tisch kletterte. „Das war höhere Gewalt.“
„Das Spiel zählt!“, beharrte Dex an Stelle von Teyla grinsend.
Sheppard schnitt ihm eine Grimasse. „Wir spielen morgen Abend weiter. Für heute reicht es mir.“
Damit stellte er seinen Queue zurück in des Rack an der Wand. Er wartete, bis sich Alexandra Degenhardt vom Diensthabenden des Zentralturms hatte bestätigen lassen, dass es keine Verletzten gegeben hatte, bevor er zu ihr sagte: „Ich will trotzdem mal einen Blick vom Balkon des Zentralturms werfen. Kommen Sie mit, General?“
„Ja, gehen wir.“
Sie bemerkten nicht, wie Teyla Emmagan ihnen mit gerunzelter Stirn nachsah.
Gemeinsam schritten sie schweigend die Treppen zum Kommandoraum hinauf. Als sie endlich den Balkon erreicht hatten schritt die Frau zum Geländer, lehnte sich mit den Unterarmen darauf und starrte in die Nacht hinaus zum Horizont. Obwohl es nach Bordzeit erst später Abend war, zeige ein erster, schwacher Lichtschein dort, zwischen den immer noch dichten Wolken, den bevorstehenden Sonnenaufgang an. Der Sturm, der am Vortag begonnen hatte, war bereits gegen Mittag verstummt. Jetzt lag diese Welt mit ihrer klaren, kalten Luft fast surreal friedlich vor ihr.
John Sheppard lehnte sich leicht mit der Hüfte gegen das Geländer. Dabei fiel sein Blick auf die Herrenuhr, die sie wegen ihres verstauchten linken Handgelenks nun am rechten Arm trug. Leise sprach er die Frau darauf an: „Diese Armbanduhr ist Ihnen offenbar sehr wichtig, Alexandra. Zu ihr scheint es eine Geschichte zu geben, da Sie die Uhr offensichtlich selbst bei einer Verstauchung nicht ablegen möchten. Stattdessen tragen Sie die Uhr jetzt rechts. Gehörte sie Ihrem Vater? Oder Ihrem Großvater?“
„Muss die Uhr eine Geschichte haben, nur weil es eine Herrenuhr ist?“
Sheppard ließ nicht locker. „Es gibt immer eine Geschichte.“
Tränen glitzerten in den Augen der Frau auf und der Schwarzhaarige spürte einen Knoten in seinem Magen. In ihm keimte das dumpfe Gefühl, dass er mit seinen Fragen an etwas gerührt hatte, das er lieber hätte ruhen lassen sollen.
Die Frau am Geländer starrte unverwandt geradeaus. Als Sheppard sich schon damit abgefunden hatte, keine Antwort auf seine Frage zu erhalten, sagte Alexandra Degenhardt mit etwas brüchiger Stimme: „Sie haben mich vor einiger Zeit gefragt, ob ich eine Familie habe und ich habe das verneint. Das war die Wahrheit. Aber nicht die ganze Wahrheit. Tatsache ist, dass ich einmal sehr wohl eine Familie hatte. Vor mehr als zwölf Jahren starben mein Mann und meine einjährige Tochter bei einem Autounfall. Sie wollten mich zu meinem Geburtstag auf dem Fliegerhorst besuchen. Es sollte eine Überraschung werden. Die Uhr an meinem Handgelenk gehörte meinem Mann. Es ist beinahe unglaublich, dass diese Uhr vollkommen unversehrt geblieben ist, obwohl er sie bei dem Unfall trug.“
Zwei Tränen rannen über die Wangen der Frau und John Sheppard verfluchte innerlich seine dämliche Fragerei. Der anfängliche Knoten im Magen fühlte sich nun an wie ein Mühlstein. Für eine geraume Weile blieb es still zwischen ihnen, bevor der Mann ungewohnt sanft sagte: „Das tut mir aufrichtig leid. Wenn…“
Sich die Tränen wegwischend schnitt Alexandra Degenhardt dem Lieutenant-Colonel scharf das Wort ab. „Sie werden dieses Thema nie wieder anschneiden und mit mir nicht eher wieder über das Thema Familie reden, bis ich selbst damit anfange, John.“
Erst jetzt sah die Kommandantin der Stadt John Sheppard wieder an und der Mann versicherte ernsthaft: „Das verspreche ich Ihnen. Wann haben Sie übrigens Geburtstag?“
Die blonde Frau sah Sheppard in komischer Verzweiflung an, bevor sie grimmig erwiderte: „Das sage ich Ihnen nicht.“
„Finde ich schon heraus“, konterte der Mann mit aufgesetzter Leichtigkeit - froh darüber, dass er seine Vorgesetzte mit seinen vorangegangenen Fragen nicht ernsthaft verärgert hatte. „Jetzt sollten wir langsam wieder reingehen, damit wir uns hier draußen, auf dem Balkon, in dieser Eiseskälte nicht verkühlen.“
„Ihre Sorge um mich ist rührend“, spöttelte Alexandra Degenhardt halbherzig. Sie fröstelte leicht und meinte dann zustimmend: „Aber Sie haben recht, John. Es ist viel zu kalt um noch länger hier draußen herumzustehen.“
Damit schritt sie an Sheppard vorbei, der sinnend zusah wie sie im Innern des Kommandoturms verschwand.
Er starrte für einen Moment hinaus auf die verschneite, weiße Landschaft dieses unwirtlichen Planeten und stellte dabei unwillkürlich einen Vergleich an. Zwischen Alexandra Degenhardt und Elizabeth Weir. Trotz ihres sehr gegensätzlichen Aussehens erschienen ihm beide Frauen in einigen Dingen so ähnlich, dass es ein schmerzendes Gefühl in seinem Herzen verursachte. Er erinnerte sich wieder an sein Gespräch, dass er im Puddle-Jumper mit der Deutschen geführt hatte. Dabei fragte er sich, ob etwas mehr Distanz zwischen ihnen nicht vielleicht doch die bessere Alternative war. Ohne zu einem Ergebnis gekommen zu sein wandte sich der Mann endlich vom Anblick der Schneelandschaft ab und folgte Alexandra Degenhardt ins Innere der Stadt, die bereits vor Jahren zu seinem Zuhause geworden war.
Epilog by ulimann644
EPILOG


Sie hatte gedacht, die Kälte würde sofort ihr Bewusstsein löschen. Doch so war es nicht gewesen. Deshalb spürte sie die mörderisch eisige Kälte des Weltalls, direkt nach der Wiederverstofflichung. Unmittelbar nach dem Wurmlochdurchgang. Wie glühende Nadeln. Trotz der Tatsache, dass ihr Körper nicht aus lebendem Gewebe bestand, sondern aus Naniten. Winzig kleinen Roboterzellen die sich selbst replizieren konnten.
Genau hier lag das Problem. Diese Naniten starben nicht im eigentlichen Sinne ab, wenn man sie der Kälte des Weltalls aussetzte. Sie übertrugen die Einflüsse der jeweiligen Umgebung weiterhin als Impulse an das künstliche Gehirn des Körpers.
So war ihr Körper langsam immer mehr erstarrt, ohne dass dabei zunächst ihre Fähigkeit zu denken und zu empfinden beeinträchtigt worden war. Doch das war nur anfänglich so gewesen. Nach einer nicht messbaren Zeitspanne hatten sich ihre Denkprozesse verlangsamt. Ihre Gedanken flossen immer träger. Wie flüssiges Metall das langsam aber sicher immer mehr erstarrte, bis es seine Fließfähigkeit schließlich ganz verlor.
Die Fähigkeit zu sehen war bereits erloschen. Es existierte nur noch Dunkelheit und Kälte und sie sehnte sich danach, es möge endlich ein Ende finden. Sie sehnte sich nach jenem Frieden, der ein endgültiger sein würde und ein Gefühl des Bedauerns überkam sie, weil sie nun nicht mehr erfahren würde wie alles ausging.
Sei nicht traurig. Es ist dir nicht bestimmt jetzt schon die Bühne des Kosmos zu verlassen. Erinnere dich daran wie du das erste Mal den Tod überwunden hast.
Die Stimme, wenn es überhaupt eine Stimme gewesen war, schien aus weiter Ferne zu kommen. Sie vermittelte Hoffnung, aber auch eine gewisse Melancholie. Vielleicht hatte sie sich diese Stimme aber auch einfach nur eingebildet.
Ich habe dich nicht aus den Augen gelassen, seit du die Pegasus-Galaxie erreicht hast. Dein Geist leuchtete von Beginn an sehr stark heraus.
Diesmal war sie sich sicher, dass die Stimme wirklich existierte. Sich mühsam darauf konzentrierend formulierte sie in ihrem verlöschenden Geist eine Frage: Wer bist du?
Ein leises Lachen klang auf. Du bist einem gewissen Daniel Jackson nicht unähnlich. Auch er hat mir ständig Fragen gestellt. Ich werde deine Fragen beantworten. Zumindest einen Teil von ihnen. Doch dazu musst du jetzt erst einmal anwenden, was du gelernt hast. So, wie du es vor der Zerstörung des Replikator-Planeten schon einmal getan hast. Konzentriere dich auf dein geistiges Zentrum und dann: Lass los und mache den Schritt…
Frieden durchflutete sie. Für einen Moment spürte sie weder Kälte noch sonst etwas. Dafür durchdrang sie gleißendes Licht und peinigte ihre Augen selbst durch ihre geschlossenen Augenlider hindurch. Nach einem Moment ließ die Helligkeit nach. Dennoch dauerte es eine Weile bis sie sich traute ihre Augen zu öffnen.
Hatte sie überhaupt noch Augen?
Gleichzeitig mit diesem Öffnen spürte sie festen Boden unter sich. Sie hatte einen Körper und sie sah die Umgebung.
Über ihr spannte sich ein wunderbar blauer Himmel, an dem sich ein paar kleine, weiße Quellwolken zeigten. Doch er wirkte seltsam. Nicht wie ein echter Himmel, sondern eher so, als habe ihn Jemand mit einem übergroßen Pinsel in Ölfarben gemalt. Sich vorsichtig zu den Seiten umblickend erkannte sie, dass die gesamte Landschaft scheinbar gemalt war. Es dauerte nur einen Moment, bis sie bei dem Blick zu ihrer Linken die Landschaft wiedererkannte. Die Farben. Der große See. Die kleine Insel mit dem antiken, schneeweißen Pavillon in der Mitte. Sie hatte all das schon einmal gesehen. Doch nicht in der Realität. Es handelte sich um eine Szene auf einem Bild das bei ihr Zuhause an der Wand hing. In ihrem kleinen Haus auf der Erde. Über der Wohnzimmercouch.
„Das ist ja seltsam“, murmelte sie und sah erst jetzt an sich herab. Sie erkannte ihren Körper wieder. Nur ein dünnes, weißes Kleid verhüllte ihn. Eher spärlich als adäquat.
Als sie sich erhob, entstand ein schmatzendes Geräusch. So, als habe sie gar nicht auf einer grünen Wiese gelegen, sondern in Schlamm. Bei diesem Gedanken sah sie zu ihren Füßen hinunter und stellte fest, dass ihre nackten Füße halb in Ölfarbe eingesunken waren.
Zu ihrer rechten Hand erhob sich der knorrige Baum, den es auch auf ihrem Bild gab. Gedankenverloren nahm sie die runde goldgelbe Blüte einer großen Blume in die Hand. Diese Blüte fühlte sich seltsam feucht an und als sich ihre Finger schlossen, quoll goldgelbe Farbe zwischen ihren Fingern hervor.
Sie öffnete ihre Finger und schlackerte mit der Hand in der Luft herum um die Farbe wieder loszuwerden, was ihr eher schlecht als recht gelang. Den Rest der Farbe wischte sie an dem Stoff des Kleides ab. Dabei sah sie erneut zum Himmel hinauf. Er hatte sich nicht verändert. Selbst die beiden großen Vögel, die sich dunkel gegen das Blau abhoben, bewegten sich nicht. Wie angenagelt verharrten sie, mit ausgebreiteten Schwingen.
Als sie wieder zum See hinuntersah erkannte sie eine schlanke Gestalt. Eine dunkelhaarige Frau. Sie war ebenso leicht gekleidet wie sie selbst. Sanft lächelnd winkte die Frau und rief ihr zu: „Willkommen in deiner Fantasie, Elizabeth!“
Endlich zu einem Teil ihrer gewohnten Selbstsicherheit findend schritt sie, die sie einst Elizabeth Weir gewesen war, langsam hinunter zum Ufer des Sees, dass nicht weiter als hundert Meter entfernt lag. Dabei bemerkte sie die öligen, gemalt wirkenden, Wellen und ein ironisches Lächeln überflog ihr hageres Gesicht. Erst jetzt kam sie auf die Idee mit den Fingern über ihre Wange zu tasten. Als sie dabei eine leichte Feuchtigkeit verspürte wurde ihr klar, dass sie die Finger der Rechten genommen hatte. Vermutlich war ihre Wange nun mit gelben Streifen eingefärbt.
Sie erreichte die Frau, deren Gesicht ihr nichts sagte. Elizabeth Weir war sich vollkommen sicher, ihr niemals begegnet zu sein. Nicht im Leben zumindest. Die tiefblauen Augen der Frau strahlten eine Lebensweisheit aus, wie sie kein sterbliches Wesen hätte erlangen können. Ihr sanftes Lächeln wirkte gütig und gleichzeitig bestimmt.
„In der Sterneninsel, aus der du stammst, Elizabeth, hält man mich für tot. Es ist mir auch nicht mehr möglich dorthin zurückzukehren, doch hier kann ich dir helfen. Meinen Namen hast du vielleicht schon einmal gehört. Er lautet Oma Desala. Einige Menschen denken, ich sei eine gebürtige Antikerin, was jedoch so nicht ganz stimmt.“
Elizabeth Weir erinnerte sich an den Namen. „Du warst es, die Doktor Daniel Jackson geholfen hat aufzusteigen, habe ich Recht?“
„Ja. Allerdings zeichnet sich Daniel durch einen eklatanten Mangel an Fantasie aus. Das hier wäre seinem Geist nie entsprungen.“ Damit streckte Oma Desala ihre Arme aus und drehte sich einmal um ihre eigene Achse. „Wer sich, so wie du gegenwärtig, in einem Zwischenreich befindet, der erschafft sich seine eigene Umgebung. Du bist jedoch die Erste, die dazu echte Farbe verwendet hat.“
Verwirrt über das Gehörte deutete Elisabeth Weir nach oben und fragte: „Warum bewegen sich diese beiden Vögel nicht?“
„Es liegt ganz bei dir es zu ändern. Sie tun nur das, was dir in deinen Gedanken vorschwebt. So liegt es auch allein an dir, dass diese Welt aus Ölfarbe besteht.
Ungläubig sah Elizabeth wieder zu den beiden großen Vögeln hinauf. Für einen langen Moment passierte gar nichts und Elizabeth wollte sich schon enttäuscht abwenden. Doch dann schlugen die Vögel mit ihren Schwingen. Bereits im nächsten Moment schossen sie pfeilschnell herab und flogen in einer weiten Schleife über den See, um sich gleich darauf wieder in die Höhe zu schrauben. Dabei gaben sie ein heiseres Kreischen von sich.
Nur einen Moment später veränderte sich die Landschaft selbst. Echtes, hohes Gras wiegte sich im Wind und ließ die weite Grasebene zu ihrer Linken aussehen wie ein grünes, vom Sturm gepeitschtes Meer. Wellen echten Wassers platschten leise ans Seeufer.
Oma Desala nahm Elizabeth Weir an die Hand und sagte mit sanfter, irgendwie amüsiert klingender, Stimme. „Komm mit mir.“
Damit machte sie einen Schritt auf den See hinaus. Ihre Füße wurden jedoch nicht vom Wasser bedeckt, sondern es schien so, als würde Oma Desala auf dem Wasser stehen.
„Ich kenne sonst nur noch Einen, der diesen Trick beherrscht hat“, entfuhr es Elizabeth und zu ihrer Überraschung erwies sich die Wasseroberfläche als stabil, als sie der Frau auf die Oberfläche des Sees hinaus folgte.
Ein Lachen von Oma Desala war die Antwort. „Ich kenne diese Geschichte. Sie geschah aber nicht in deiner Fantasie, sondern in der Realität.“
Hand in Hand mit Elizabeth Weir weiter auf den See hinaus schreitend, wobei sie auf die kleine Insel zu hielt, erklärte die Frau, die behauptet hatte keine Antikerin zu sein: „Ich habe noch nie viel von den Regeln der Antiker gehalten, Elizabeth. Darum sind wir beide nun hier. In einem Zwischenreich. So, wie auch Daniel Jackson, will ich dich nicht sterben lassen, ohne dass du die Chance hattest das zu tun, wofür du geboren wurdest. Eigentlich sollte ich niemandem beim Aufstieg helfen. Das sollen die Sterblichen allen schaffen. Doch du bist zu wichtig, Elizabeth. Du hast noch eine Aufgabe zu erfüllen.“
Neben Oma Desala über das Wasser schreitend sah Elizabeth Weir die etwa gleichgroße Frau von der Seite an. „Kannst du etwas genauer werden?“
„Nein. Ich bewege mich schon auf gefährlich dünnem Eis, wie man bei deinem Volk zu sagen pflegt. Alles, was ich dir noch verraten darf, ist, dass es von hier aus zwei Wege für dich gibt. Der eine wird dir den Aufstieg ermöglichen, ohne Chance zurückzukehren in die Welt der Sterblichen. Der andere Weg wird dich zurückführen in die Welt der Sterblichen. Doch in diesem Fall, so viel kann ich dir sagen, wirst du nie mehr die Chance erhalten aufzusteigen. Du wirst dann das Leben einer Sterblichen führen.“
Sie erreichten die Insel. Immer noch Hand in Hand schritten sie zu dem offenen Pavillon. Auf einem Tisch, im Zentrum des kreisrunden Raumes, standen zwei große Tassen mit einer dampfenden Flüssigkeit. Elizabeth sog prüfend die Luft ein und fragte ihre Begleiterin begeistert: „Ist das Kaffee?“
„Warum fragst du das mich?“, erwiderte Oma Desala mit leicht angehobenen Augenbrauen. „Es ist deine Fantasie.“
Eine sanfte, warme Brise wehte vom See her durch die Säulen des Pavillons und erst jetzt realisierte Elizabeth Weir, dass die Farbe sowohl von ihrer rechten Hand, als auch von ihren Füßen und von ihrem Kleid verschwunden war. Sie setzte sich auf eine der drei geschwungenen Marmorbänke, die um den runden Tisch herum standen und griff nach einer der Tassen. Genießerisch einen Schluck von dem starken, schwarzen Kaffee nehmend meinte sie schließlich: „Der Kaffee ist perfekt. Ob ich wohl auch einen Cappuccino hinbekomme?“
„Übertreibe es nicht“, mahnte Oma Desala gutmütig und setzte sich neben sie auf die Bank. „Und jetzt höre mir gut zu, Elizabeth, denn bevor du dich für einen der beiden Wege entscheidest, von denen ich eben sprach, habe ich dir eine Menge zu erklären…“

ENDE
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