01. Zeitloser Traum by ulimann644
Summary: Auf der Erde schreibt man Anfang Mai des Jahres 2101. Nach einem langen und zermürbenden Krieg gegen die Luzianer-Allianz, der von 2017 bis 2051 in weiten Bereichen der Milchstraße tobte, ist die DESTINY und ihre zusammengewürfelte Mannschaft in Vergessenheit geraten.
Erst im Frühjahr des Jahres 2101 finden Mitglieder des Terranischen Militärs Hinweise darauf, dass es in den vollkommen zerstört geglaubten Ruinen des ehemaligen Homeworld-Command doch noch Bereiche gibt, welche der Zerstörung durch die Luzianer-Allianz entgangen sind. Dort stellt man, neben alten Datenträgern, auch das annähernd unbeschädigte Kommunikationsgerät samt Kommunikationssteinen der Antiker sicher. Wenig später erhält Colonel des Terranischen Militärs, Christina Victoria Mitchell, an der Spitze eines gestrafften Platoons, grünes Licht für eine Aufklärungs- und Rettungs- und Forschungsmission.
Categories: Stargate Universe Characters: Camile Wray, Chloe Armstrong, Eli Wallace, Matthew Scott, Multi-Chara, Nicholas Rush, Own Character, Vanessa James
Genre: Adventure
Challenges: Keine
Series: SGU - Lebenslinien
Chapters: 9 Completed: Ja Word count: 32510 Read: 127 Published: 20.11.21 Updated: 20.11.21
Story Notes:
Bei einem Konzept, wie diesem, bleibt es nicht aus, dass man nicht den Geschmack aller Leute treffen kann. Auch die angenommene Entwicklung bis 2101 ist dabei nur eine von vielen möglichen und unmöglich exakt vorhersehbar. Allerdings auch nicht kategorisch widerlegbar.
Für den Fanon dieser Serie habe ich - besonders, da der Fanon meiner SGA-Serie "Der Wraith-Krieg", was die Histore betrifft, hiermit übereinstimmen soll - einige Daten anpassen müssen. So habe ich auf diese Hausnummern von mehreren Millionen Jahren gepflegt gepfiffen und eine eigene Timeline der Ereignisse zurechtgebastelt, die (vielleicht nicht nur) mir logischer erscheint. Auch haben Widersprüche mit hineingespielt (angeblich startete Atlantis vor 5 Millionen Jahren zur Pegasus-Galaxie - da muss die Stadt aber verdammt haltbar sein) während die DESTINY (laut Kanon, denn das sagt Rush in der Serie aus) erst seit einer halben Million Jahre unterwegs (aber deutlich älter) ist.
So habe ich für meine Timeline einige Nullen weggelassen (auch, weil die DESTINY rein rechnerisch sonst geradezu hätte schleichen müssen, trotz einiger Jahrzehnte Aufenthalt PRO Galaxis, und wenn alle unter 500.000 Lichtjahre voneinander entfernt gewesen wären - was zu nah beieinander wäre, selbst bei einer Strecke von mindestens 10 Mrd. Lichtjahren).
In meiner Timeline empfingen die Antiker das Signal (aus SGU) deshalb vor rund 1. Million Jahren. Zwischen 550.000 und 600.000 Jahren starteten die DESTINY und deren Vorhutschiffe. Um 500.000 vor der Gegenwart startete ATLANTIS (bei bis zu 100.000 Jahren zeitlicher Differenz kann man Technik schon ordentlich weiterentwickeln IMO). Nach dem Kanon gab es zudem bis mindestens 10.000 Jahre vor der Gegenwart eine Menge nicht aufgestiegener Antiker (sonst hätte der Krieg gegen die Wraith nie stattgefunden - die Antiker sind also insgesamt wohl eher relativ spät aufgestiegen und nicht vor MILLIONEN Jahren).
Wer also diese Geschichte liest, der sollte bereit sein, einige wirklich unglaubwürdige zeitliche Abstände und Wahnsinns-Zahlen aus seinem Gedächtnis zu streichen und sich unvoreingenommen auf die Zeitlinie dieser Geschichte einlassen, die den Auftakt zur Serie SGU-LEBENSLINIEN bildet. Die Stimmigkeit solcher Zahlen wirkt sich bei einer TV-Serie, die oft primär über die Optik punktet, weit weniger aus, als bei einer geschriebenen Geschichte, die durch Stimmigkeit punkten sollte IMO. Also bei Reviews nicht Sprüche klopfen, wie: "Hey, du kennst dich Null aus!". Ich kenne mich aus - ignoriere aber gepflegt offensichtliche Klopper der Vorlage.

1. Prolog by ulimann644

2. Aufbruch nach ATLANTIS by ulimann644

3. Erwachen by ulimann644

4. Abschied und Neubeginn by ulimann644

5. Die Seele der DESTINY by ulimann644

6. Erfahrungswerte by ulimann644

7. Freund oder Feind? by ulimann644

8. Unabsehbare Konsequenzen by ulimann644

9. Situationsanalyse by ulimann644

Prolog by ulimann644
Author's Notes:
STARGATE-UNIVERSE is a related Trademark by MGM
Original-TV Series created by Brad Wright and Robert C. Cooper
2011


Die sanft wirkenden, braunen Augen des etwas beleibten, jungen Mannes blickten leicht versonnen, aber auch sorgenvoll, hinaus ins Weltall. Wobei es das im Grunde nicht wirklich traf, denn zu sehen war hauptsächlich der Vortex des Hyperraumes.
Er hatte es niemandem gesagt, bevor Colonel Young, als Letzter von rund siebzig Personen an Bord der DESTINY, in eine der Stasiskammern getreten war und seinen eisigen Schlaf angetreten hatte. Ein Schlaf der mindestens drei Jahre dauern würde.
Eli Wallace hatte in den letzten zwei Jahren auch zuvor nie über das exakte Datum seines Geburtstages gesprochen. Obwohl ihm klar war, dass zumindest zwei Personen an Bord der DESTINY Bescheid wussten. Doch diese beiden Personen hatte er um Stillschweigen dazu gebeten. Beide hatten ihm ihr Wort gegeben und es auch gehalten. Heute war sein Geburtstag. Er war vor wenigen Minuten 27 Jahre alt geworden.
Der leise Seufzer des jungen Mannes erfüllte das Observationsdeck der DESTINY und klang in seinen Ohren unnatürlich laut, weil ansonsten beinahe vollkommene Stille herrschte. Nur ein kaum vernehmbares Summen ging von den uralten Aggregaten des Antiker-Forschungsraumschiffes aus. Ein Raumschiff von 778 Metern Länge und einer Breite über Alles von 548 Metern, bei einer maximalen Höhe über Alles von 120 Metern.
Die DESTINY sollte bereits seit rund fünfhunderttausend Jahren unterwegs sein. Ein Wunder dabei war zweifellos, dass die Technik nicht längst vollkommen versagt hatte. Natürlich war die lange Zeitspanne auch an diesem technischen Wunderwerk nicht spurlos vorübergegangen, was hauptsächlich der Grund dafür war, dass Eli Wallace die Chance, seinen 28. Geburtstag zu erleben, als eher gering ansah.
Dass eine der Stasiskapseln, die man für das Überleben der momentanen Besatzung der DESTINY benötigte, defekt war, hatte sich erst beim Aktivieren dieser Kapsel herausgestellt. Also musste eine Person freiwillig auf die Stasis verzichten.
Eli Wallace seufzte erneut und dachte in der dunklen Stille des Observationsdecks daran, dass seine Entscheidung derjenige zu sein, der wach zurückblieb, eine richtig gute Idee gewesen war. Zu seinem Leidwesen hatte er für seinen Geburtstag nicht einmal ein anständiges Bier, um darauf anzustoßen.
Er seufzte erneut und wandte sich von dem erhabenen Anblick außerhalb der DESTINY ab. Seit zwölf Tagen bereits arbeitete er wie ein Besessener daran, eine der defekten Kapseln zu reparieren. Bisher jedoch mit eher bescheidenem Erfolg. Dabei lief die Zeit, denn wenn er die Lebenserhaltung nicht in spätestens zwei Tagen deaktivierte, dann würde die restliche Energie des Raumschiffs nicht mehr ausreichen, um in den vorgesehenen drei Jahren die nächste Galaxie zu erreichen.
Da das Raumschiff bereits im Ruhezustand flog, beleuchtete Eli Wallace seinen Weg zurück zu einer der Schlafkammern mit einer Taschenlampe. Obwohl er sich sicher war, den Weg dorthin inzwischen auch blind finden zu können. Dabei grübelte er darüber nach, was werden würde, falls er wirklich keinen Weg finden sollte, die Kapsel, an der er arbeitete, rechtzeitig wieder in Gang zu bekommen.
Die Gedanken des einsamen Wanderers auf der DESTINY schweiften ab. Nachhause zu seinem Zimmer. Dort würde er vermutlich gerade entspannt in seinem Gamer-Sessel sitzen und eine Nachtschicht einlegen, wenn nur dieser lästige General der US-Air-Force nie vor seiner Tür aufgetaucht wäre. Er würde sich vermutlich mit einem Online-Rollenspiel die Nacht um die Ohren schlagen. Das war zwar nicht so interessant, wie die letzten zwei Jahre an Bord der DESTINY, aber dafür ging einem dabei auch nicht irgendwann die Luft aus.
Eli grinste schief bei diesem Gedanken. Nach drei weiteren Schritten blieb er so abrupt stehen, als sei er gegen eine unsichtbare Mauer geprallt.
Sessel! Natürlich! Warum hatte er nicht eher daran gedacht?
Eli wischte sich die rechte Hand an seinem zerschlissenen, roten T-Shirt ab. Danach nahm er die Taschenlampe in diese Hand und wischte mit der anderen über den Stoff des Shirts, bevor er sich umdrehte und in einen anderen Bereich des Raumschiffes schritt.
Leicht außer Atem kam er vor dem Schott des Repositoriums an, jenem Raum, der von den meisten Personen an Bord schlicht Stuhl-Raum genannt wurde. Im Licht der Notbeleuchtung aktivierte Eli das angeschlossene Interface und rief die Flussdiagramme auf. Es dauerte eine Weile, bis er die Daten gefunden hatte, die er suchte. Jene Daten, die bei der zweiten Nutzung des Stuhls durch Doktor Franklin aufgezeichnet worden waren. Als zunächst die Temperatur im Raum signifikant abgesunken und Franklin verschwunden war.
Eli war eben die Idee gekommen, sich statt in einer Stasiskapsel einzufrieren, diesen Prozess im Stuhl zu durchlaufen. Ohne dabei zu verschwinden, wenn er es verhindern konnte.
Es dauerte fast einen Tag lang, bis Eli sich sicher war, die damalige Fehlerquelle aus dem Programm eliminiert zu haben. Nach dem Verzehr einer seiner letzten Notrationen und einem anschließenden mehrstündigen Schlaf kehrte er in den Raum zurück. Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend. Doch nun war es müßig sein Vorhaben zu bedauern, denn eine Alternative dazu gab es nun nicht mehr.
Zweimal kontrollierte er seine Eingaben. Dann atmete der junge Mann tief durch und setzte sich entschlossen in den Stuhl.
Automatisch verriegelte sich das Schott des Raumes. Beinahe gleichzeitig schwenkten die Bügel mit den Elektroden herum und Eli spürte einen leichten Druck an den Schläfen. Er glaubte, noch wahrzunehmen, wie die Luft um ihn herum eiskalt wurde. Im nächsten Moment schwanden ihm die Sinne und Schwärze umgab ihn.
Der Fehler im System, den Eli Wallace bei der Programmierung der Abschaltsequenz für die Lebenserhaltung auf der DESTINY übersehen hatte, war einerseits minimal und nicht ihm anzulasten, doch er hatte andererseits umfassende Auswirkungen auf das weitere Schicksal aller an Bord befindlichen Personen.

2051


Der Sieg gegen die Luzianer-Allianz war von der Menschheit der Erde unter schweren Verlusten errungen worden. Der Krieg hatte sich umfassend ausgeweitet, kaum dass die Gefahr durch die Wraith, in der Pegasus-Galaxie, gebannt werden konnte.
Raumflotten der Allianz und der Terraner hatten sich in weiten Teilen der Milchstraße bekämpft. Selbst bis zur Pegasus-Galaxie war der Konflikt zwischenzeitlich getragen worden. Am Ende hatte der Krieg auf beiden Seiten Verluste an Menschenleben gefordert, die in die Hunderte Millionen gingen. Ebenso Verluste an wertvollen und notwendigen Ressourcen.
So stand die irdische Menschheit zu Beginn des Jahres 2051 vor einem riesigen Scherbenhaufen. Doch die verbrecherisch agierende Luzianer-Allianz war zerschlagen und die Menschheit geeinter denn je. Wenn der Krieg überhaupt einen positiven Effekt gezeitigt hatte, dann den, dass die Terraner, unter der äußeren Bedrohung durch die Allianz, wirklich zu einem einzigen Volk zusammengewachsen waren. Mit einer stark angewachsenen Raumflotte überlegener Schlachtkreuzer und neu entwickelter Trägerschlachtschiffe. Diese Flotte war in der Lage, es auch mit zahlenmäßig stärkeren Gegnern aufnehmen zu können.
Mehrmals war, während der schrecklichen und von beiden Seiten mit aller Härte geführten, militärischen Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte, das Hauptquartier des Homeworld-Command angegriffen und schwer beschädigt worden. Jedesmal hatten die Terranischen Streitkräfte es anschließend wieder neu errichtet. Dabei war jedoch eins in Vergessenheit geraten: Ein verschütteter Raum mit Antikersteinen.
Diese Runensteine dienten dazu, quasi mit der Seele einen distanzlosen Schritt an die entferntesten Orte zu machen, wenn es entsprechende Personen gab, die über ebensolche Steine und ein Aktivierungsgerät verfügten. Dabei waren selbst Milliarden von Lichtjahren kein Hindernis für eine solche Kontaktaufnahme. Zwei Personen wechselten dabei, solange diese Steine aktiviert blieben, die Körper. Was in einigen Fällen schon zu größeren Irritationen geführt hatte.
Im Jahr 2051 lag der besagte Raum, den man für den Empfang der Seelen von Personen auf der DESTINY genutzt hatte, unter dem neuen Fundament des aktuellen Hauptquartiers der Terranischen Raumflotte. In den Wirren des Krieges war dabei jenes Raumschiff in Vergessenheit geraten – und mit ihm zweiundsechzig Personen, die vor 40 Jahren ihren eisigen Schlaf angetreten hatten, der drei Jahre dauern sollte. Es gab, nach dem langen und verlustreichen Krieg auf der Erde, schlicht keinen lebenden Menschen mehr, der sich an sie und ihr ungewisses Schicksal hätte erinnern können.

2100


Die Kalkulations-Automatiken der DESTINY waren von den Antikern so konstruiert worden, dass sie, natürlich nur bis zu einem gewissen Grad, in der Lage waren eigenständige Entscheidungen zu treffen. Eine solche Entscheidung hatte die DESTINY getroffen, nachdem das Raumschiff die Galaxie hinter sich gelassen hatte, die von den robotischen Drohnen einer längst untergegangenen Zivilisation beherrscht wurde. Nachdem eindeutig klar war, dass für die in Stasis befindliche Besatzung des Raumschiffes weitaus geringere Nachteile entstehen würden – maschinelle Ausfälle nicht eingerechnet – als wenn das Raumschiff seinen Kurs unbeirrt fortgesetzt hätte, änderte das Raumschiff eigenmächtig den Kurs. Aus der Notwendigkeit heraus, dass das Raumschiff einer dringenden Überholung bedurfte.
Die Handlungen der momentanen Besatzung hatten, zu einem nicht unbeträchtlichen Teil, zu diesen Schäden mit beigetragen.
Beinahe zwei Milliarden Lichtjahre hatte die DESTINY zurückgelegt. Die Vorhut-Raumschiffe hatten vor ihrem Start den Auftrag erhalten, nicht nur Stargates zu bauen und entlang der programmierten Flugrute der DESTINY aufzustellen, sondern ihr Auftrag umfasste gleichfalls, alle 500 Millionen Lichtjahre eine Werftanlage zu errichten. Diese jedoch, aus Sicherheitsgründen, weit abseits der Flugrute.
Nach fünfhunderttausend Jahren trat nun zum ersten Mal der Fall ein, dass die DESTINY auf einen dieser Komplexe angewiesen war. Darum änderte die DESTINY im Jahr 2012 den Kurs, um den nächsten Werft-Komplex anzufliegen. Die Automatiken hatten errechnet, dass eine gewisse Strecke, bis zu diesem Komplex im freien Fall erfolgen musste, um die in Stasis befindliche Besatzung am Leben zu erhalten.
Die Verzögerung bis zur Wiederaufnahme der Mission war, nach den Begriffen der Automatiken, dabei vernachlässigbar. Sie rechneten dabei nicht den Faktor Menschlichkeit ein. Die Antiker hatten die Mission über solche Dinge gestellt.
Im Zuge seiner ursprünglichen Programmierung änderte die DESTINY die Programmierung zur Wiedererweckung von zweiundsechzig Menschen der Erde, die ein junger Mann namens Eli Wallace durchgeführt hatte und beschloss, die Wiedererweckung auf das Jahr 2101 zu verschieben. Die DESTINY errechnete dabei zwar die Wahrscheinlichkeit, dass die Änderung der Missions-Parameter bis zu fünf Menschenleben kosten würde, doch die Wahrscheinlichkeit für höhere Verluste, ohne diese Änderung, war signifikant größer.
Während auf der Erde das Jahr 2100 zu Ende ging, erreichte die DESTINY ihr Ziel. Niemand sah, wie das Raumschiff, an einem genau errechneten, zwischen drei Galaxien gelegenen, La-Grange-Punkt majestätisch in eine gewaltige Gitterstruktur einschwebte und zum Stillstand kam. Auf ein Prioritätssignal des Raumschiffes hin erwachte der Komplex zu maschinellem Leben von höchster Vollendung. In gut sechs Wochen würde das alte Raumschiff, innen und Außen, wieder in neuem Glanz erstrahlen.

2101


„Sind Sie wirklich sicher, dass es diesen Raum überhaupt gegeben hat? Ich halte das inzwischen für so etwas, wie einen Mythos!“
Der Lieutenant-Colonel, in der grauen Uniform der Terranischen Raumflotte, sah seine Begleiterin an und erwiderte: „Die Schallmessungen zeigen einen Raum unter dem Fundament an, Colonel. Außerdem entspricht die Position exakt jener, die ich durch meine historischen Recherchen ermittelt habe.“
Die schlanke Mittvierzigerin, die zusammen mit dem sechs Jahre jüngeren Mann in dem schmalen Raum stand, ignorierte die beiden Soldaten, die mit ihnen im Raum waren, und machte ein zweifelndes Gesicht. Dabei funkelten ihre grün-grauen Augen im Lichts der dämmerigen Beleuchtung, während sie den beiden einfachen Soldaten dabei zusah, wie sie mit Materieauflösern rasch einen Stollen von einem Meter Durchmesser in die Tiefe trieben.
Dieser Nebenraum lag auf der untersten Ebene des Hauptquartiers der Raumflotte und wurde normalerweise zur Ablage von Datenträgern genutzt. Vor einer Woche waren die Datenträger ausgelagert worden, nachdem Lieutenant-Colonel Kamarov unbeirrbar behauptet hatte, direkt unter dem Raum läge ein Raum des alten Hauptquartiers des ehemaligen amerikanischen Homeworld-Command. Das musste annähernd 80 Jahre her sein, denn im Jahr 2021 war das alte Gebäude, bei einem Angriff der Luzianer-Allianz, fast vollkommen zerstört worden. Davor war das Homeworld-Command in einem Bereich des Pentagon untergebracht gewesen. Dieses neue Gebäude war später auf den Ruinen des nachfolgenden Gebäudes, das später ebenfalls der Zerstörung anheimfiel, errichtet worden.
Bevor die rotblonde Frau wieder etwas sagen konnte, meldete einer der beiden Soldaten: „Wir sind durchgestoßen, Colonel Mitchell. Da unten scheint es wirklich einen größeren Hohlraum zu geben.“
Christina Victoria Mitchell sah zu Alexander Michail Kamarov und hob leicht ihre Augenbrauen. „So, so, der Raum ist also wirklich da. Wissen Sie zufällig auch, was wir dort unten finden werden, Lieutenant-Colonel?“
Umständlich nestelte der schwarzhaarige Stabsoffizier an der linken Brusttasche seiner schmutzabweisenden Uniformkombi und förderte einige Kunststofffolien zutage. Nachdem er eine von ihnen auseinandergefaltet hatte, erkannte Christina Mitchell auf ihr eine Art Bauplan. Mit einem unterdrückten Lachen erkundigte sie sich bei Kamarov: „Wirklich, Lieutenant-Colonel? Sie haben einen Spickzettel dabei?“
Der fast 1,90 Meter große Mann sah seine Vorgesetzte unwillig an. „Woher haben Sie denn diesen antiquierten Begriff, Colonel? Aber wenn Sie es genau wissen wollen: Ja, den Plan habe ich mir aus den Beschreibungen kürzlich gefundener Unterlagen zusammengesetzt. Wie genau dieser Plan ist, kann ich deshalb nicht sagen, doch es ist besser, als gar nichts zu haben.“
„Immer mit der Ruhe, Lieutenant-Colonel Kamarov“, beschwichtigte ihn die, weniger als eine Handbreit kleiner gewachsene, Frau britischer Abstammung. „Das sollte durchaus keine Kritik an Ihrer hervorragenden Vorarbeit sein.“
Der Lieutenant-Colonel schien das kleine Geplänkel bereits vergessen zu haben. Seine Vorgesetzte ansehend meinte er: „Lassen Sie mich zuerst hinuntersteigen, Colonel. Wenn die Lage sicher ist, dann rufe ich Sie.“
„Keine Alleingänge“, mahnte die Frau gutmütig und warf einen Blick zu den beiden Soldaten, die inzwischen ein Seil an einer der Wände gesichert und durch das Loch im Boden heruntergelassen hatten.
Alexander Kamarov aktivierte den kleinen aber leistungsstarken Helmscheinwerfer. Danach legte er sich fachmännisch das Seil um den Leib und verschwand gleich darauf in der Tiefe. Wenig später erklang ein leises Scharren aus dem Schacht.
„Ich bin unten, Colonel“, klang die Stimme des Mannes hohl aus dem Schacht. „Der Raum scheint nicht einsturzgefährdet zu sein, wie es aussieht. Dafür herrscht hier unten ein ziemliches Tohuwabohu. Ich denke Sie können gefahrlos folgen.“
„Schade, ich hatte mich schon so auf etwas Gefahr gefreut“, spöttelte Christina Mitchell von oben. Auch sie aktivierte nun ihren Helmscheinwerfer und seilte sich durch den Schacht nach unten ab. Sie ließ sich von dem Lieutenant-Colonel dabei helfen, über ein größeres Trümmerstück zu klettern, bevor sie sich genauer umsah.
Kamarov hatte nicht übertrieben. Hier unten herrschte tatsächlich ein ziemliches Durcheinander. Leitungen hingen aus der nur noch in Bruchteilen vorhandenen Verkleidung der Raumdecke. Abgeplatzte Deckenelemente und Schutt bedeckten den Boden des Raumes. An den Wänden befindliche Aggregate verrieten kaum noch deren frühere Funktion. Dazu kam ein leichter Modergeruch. Immerhin war dieser Raum annähernd 80 Jahre lang versiegelt gewesen. Ein unangenehmer Gedanke durchzuckte sie.
Der Lieutenant-Colonel sprach die insgeheime Befürchtung der Frau beinahe gleichzeitig aus. „Hoffentlich stoßen wir hier unten nicht auf irgendwelche Leichen. Ich wollte, wir hätten Waffen dabei.“
Die Erwiderung von Christina Mitchell klang seltsam dumpf. „Um damit was zu tun, Lieutenant-Colonel? Auf Leichen zu schießen? Der Raum war beinahe achtzig Jahre lang dicht. Alles, was hier mal gelebt hat, ist mittlerweile mausetot.“
„Ja, Sie haben natürlich recht, Colonel.“
Die beiden Offiziere der Terranischen Raumflotte sahen sich weiter um und nach einer Weile fragte Christina Mitchell neugierig: „Warum krauchen eigentlich wir zwei hier herum und überlassen das nicht dem Pionier-Korps des Heeres?“
„Weil die nicht wissen, was wir suchen und möglicherweise das Gerät beschädigen, welches ich hier unten vermute.“
„Ach ja, da war ja diese Geschichte mit den seltsamen Kommunikations-Steinen“, gab die Frau zweifelnd zurück. „Glauben Sie diese Geschichte wirklich?“
Der Lieutenant-Colonel grinste breit. „Ich fand die Bestätigung, dass es diese Technik tatsächlich gibt, in den Datenbanken von ATLANTIS.“
„Jetzt ist mir auch klar, warum sie mich so bedrängt haben, dorthin reisen zu dürfen. Es gibt also keinen Zweifel an der Existenz dieser Steine?“
Der Lieutenant-Colonel schüttelte den Kopf.
Einige Tische am Rande des Raumes erregten die Aufmerksamkeit des Belarusen. Er deutete auf einen der Tische und leuchtete gleichzeitig mit seinem Helmscheinwerfer dorthin. „Sehen Sie diesen rechteckige Gerät auf dem Tisch? Das könnte die Basiseinheit des Antiker-Langstreckenkommunikationsgerätes sein. Moment, ich habe hier eine Abbildung.“
Der Lieutenant-Colonel holte eine der anderen Folien aus seiner Uniformtasche und näherte sich dem langsam dem Tisch. Gefolgt von Christina Mitchell.
„Ja, das ist es.“
Der Lieutenant-Colonel flüsterte fast andächtig. „Bitte nicht anfassen, Colonel. Wir wissen nicht genau, ob und wie das Gerät arbeitet. Noch nicht.“
Die rotblonde Frau brummte eine Art Zustimmung. Etwas anderes hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Langsam schritt sie an dem Lieutenant-Colonel vorbei zu einer noch intakten Tür. Der Bereich schien die Verwüstungen besser überstanden zu haben. Neugierig las sie den Text auf der matten Scheibe der Tür. Sie hatte all die Zerstörungen, wie durch ein Wunder, überstanden.
„Ich habe das Büro von General Jonathan Jonah O´Neill gefunden“, sagte die Britin mit tonloser Stimme. „Er soll so eine Art Kriegsheld gewesen sein.“
„Brauchen Sie mich, Colonel? Wenn nicht, würde ich gerne das Gerät und die Steine, die ich eben auf dem Boden gefunden habe, sichern und zum Transport vorbereiten.“
„Machen Sie das, Lieutenant-Colonel. Ich komme hier allein zurecht.“
Die fast vollkommene Finsternis erzeugte in Christina Mitchell ein beunruhigendes Gefühl. Doch sie überwand es rasch und öffnete schließlich die Tür. Wobei sie sich dagegen werfen musste, als sie nach einem kleinen Stück plötzlich festsaß. Krachend sprang die Tür auf und über die Schulter hinweg meinte Kamarov: „Sie sind schuld, wenn ich hier unten einen Herzinfarkt kriege.“
Christina Mitchell gab nur ein Knurren von sich und wedelte mit der Linken eine feine Staubfahne zur Seite, die von der Decke rieselte. „Sind Sie etwa schreckhaft?“
Die hochgewachsene, athletisch wirkende Frau schritt behutsam in das Büro, dessen Tür sie zuvor brachial geöffnet hatte. Sie sah sich um. Als der Lichtkegel ihres Helmscheinwerfers auf ein zerfallenes Skelett in schwarzer Uniform fiel, gab sie einen spitzen Laut von sich. Gleich darauf hörte sie den Lieutenant-Colonel hämisch lachen.
„Ich habe nur laut genießt!“, rief die Frau erbost nach draußen. Dabei überwand sie gleichzeitig die kurzzeitige Starre, die sie ergriffen hatte. Näher an den verstaubten Schreibtisch tretend las sie den Namen auf der rechten Seite der Uniform.
„O´Neill“, murmelte die Frau leise vor sich hin. „Nun, damit hat sich Ihr Status als IM EINSATZ VERMISST wohl erledigt.“
„Mit wem reden Sie, Sir?“
„Mit einem Toten, Lieutenant-Colonel. Ich würde sagen, das hier im Sessel ist General Jack O´Neill, der seit dem zweiten Angriff der Luzianer-Allianz auf die Erde als vermisst gegolten hat. Aber das wird eine DNA-Analyse der sterblichen Überreste ergeben.“
Der Lieutenant-Colonel kam zu Christina Mitchell in das Büro und blieb neben ihr stehen. Für einen langen Moment sah er auf die stark verweste Leiche, bevor er meinte: „Ich schlage vor, wir nehmen das Antiker-Gerät und die Steine mit nach oben, Sir. Ein Aufklärungstrupp der Pioniere kann alle noch zugänglichen Bereiche sichern und alle Gegenstände bergen, die uns Aufklärung zu dem geben, was wir suchen.“
„Sie denken also, wir finden tatsächlich Hinweise darauf, dass es dieses Raumschiff der Antiker mit dem Namen DESTINY wirklich gegeben hat?“
„Ich bin sehr optimistisch“, erwiderte Kamarov mit fester Stimme. „Zumindest die Existenz des Antiker-Fernkommunikators scheint sich ja bewahrheitet zu haben. Damit könnte eine Mission zu diesem Raumschiff in greifbare Nähe rücken.“
„Abwarten, was das Oberkommando sagt, falls Sie Recht behalten“, dämpfte Christina Mitchell die Euphorie ihres Begleiters. „Kommen Sie, Lieutenant-Colonel. Überlassen wir den Spezialisten die Bergung und dann werden wir weitersehen.“
Aufbruch nach ATLANTIS by ulimann644
1

AUFBRUCH NACH ATLANTIS


Anders, als in früheren Jahrzehnten, stand das irdische Stargate nicht mehr in einer unterirdischen Bunkeranlage, sondern in einem gesicherten Bereich des Hauptquartiers der Terranischen Raumflotte. Das gesamte Gebäude konnte im Notfall unter einen Energieschirm, nach Vorbild der Antiker, gelegt werden, Er konnte notfalls selbst dem schwersten Bombardement jahrelang widerstehen. Kein Wunder, wenn man bedachte, dass er seine Energie aus drei Zero-Point-Modulen neuester Bauart beziehen konnte. Die Menschheit war dem Geheimnis dieser technischen Wunderwerke in den letzten zwanzig Jahren, nach dem erfolgreichen Wiederaufbau dessen, was im Krieg zerstört worden war, auf die Spur gekommen. Überhaupt hatte die terranische Technik, in den letzten beiden Jahrzehnten einen gewaltigen Aufschwung genommen.
Die Terranische Raumflotte verfügte, nun zu Beginn des 22. Jahrhunderts, über annähernd zweihundert Raumkreuzer, davon allein dreißig riesige Trägerschlachtschiffe der CARTER-KLASSE, die nach während des Krieges gegen die Luzianer-Allianz geplant und entwickelt wurde. Allerdings kamen bis Kriegsende nur drei dieser Raumschiffe zum Einsatz. Doch selbst die Indienststellung dieser drei Kriegsschiffe hatten ausgereicht, um die endgültige Wende im Krieg, zugunsten der Terraner, herbeizuführen. Mehr als einen Kilometer lang und dabei 526 Meter breit, mit jeweils zehn Asgard-Geschützen und 40 modernen Plasma-Zwillingskanonen bewaffnet, waren diese Einheiten allen bekannten Spezies der Milchstraße und der Pegasus-Galaxie überlegen. Das lag hauptsächlich mit daran, dass inzwischen jedes terranische Kriegsschiff mit einem ZPM betrieben wurde.
Colonel Christina Mitchell hatte in den letzten zwei Jahren eines dieser Trägerschlachtschiffe kommandiert. Bevor man sie unter mysteriösen Andeutungen zur Erde beordert hatte. Unmittelbar danach hatte sie zum ersten Mal etwas von einem Raumschiff namens DESTINY gehört. Kurz darauf stellte sich heraus, dass Forscher weitere Hinweise auf dieses Raumschiff gefunden hatten. Im Jahr 2009 waren knapp achtzig Menschen durch ein Sternentor gegangen und auf einem Raumschiff der Antiker angekommen, das seit mehr als fünfhunderttausend Jahren unterwegs sein sollte. Zuerst hatte Christina Mitchell das für Fantastereien gehalten. Doch inzwischen war sie bereit daran zu glauben. Nicht zuletzt wegen der Erkenntnisse dessen was sie selbst, gemeinsam mit Lieutenant-Colonel Kamarov, vor rund drei Monaten entdeckt hatte.
Inzwischen stand so gut wie fest, dass es die DESTINY wirklich gab. Doch die Crew war vermutlich längst tot. Selbst die jüngste damalige Teilnehmerin dieser unfreiwilligen Expedition ins Unbekannte musste inzwischen ungefähr 115 Jahre alt sein.
Dennoch hatte sich das Oberkommando der Terranischen Raumflotte dafür ausgesprochen, ein personell um 35 Prozent reduziertes Bataillon zu dem Antiker-Raumschiff zu entsenden. Denn wenn die Auswertungen der gefundenen Daten stimmten, dann war die Mission der DESTINY zu bedeutend, als dass man sie hätte ignorieren können.
Im Zuge dieser Entwicklung hatte die Zentralregierung der Terranischen Union der gegenwärtig rund drei Dutzend Planetensysteme angehörten beschlossen, einen Aufklärungstrupp zur DESTINY zu entsenden. Mit der Durchführung war Christina Mitchell betraut worden und deshalb stand sie nun in der Stargate-Halle des Hauptquartiers und sah sinnend auf den 6,7 Meter durchmessenden Ring aus Naquadah, zwanzig Meter vor sich. Antiker hatten dieses Stargate geschaffen. Eines von tausenden, wie es inzwischen den Anschein hatte, denn Stargates gab es nicht nur innerhalb der Milchstraße, sondern in mindestens drei verschiedenen Galaxien. Nach der Auswertung der vor Wochen gefundenen Datenträger schien das aber wohl nur die Spitze des Eisberges zu sein.
Lieutenant-Colonel Kamarov und das Bataillon, an dessen Spitze sich Colonel Mitchell setzen sollte, befanden sich bereits seit einem Tag auf ATLANTIS. Zusammen mit der Ausrüstung die man selbst brauchte aber auch für jene Personen mitzunehmen gedachte, die möglicherweise doch noch lebend an Bord der DESTINY waren. Es hatte bei den ausgewerteten Daten neben einer Verlustliste einen Hinweis darauf gegeben, dass die Anwesenden einen Teil der Strecke in Stasis zurückzulegen gedachten. Zwar sprachen die Unterlagen von nur drei Jahren, doch vielleicht war etwas dazwischen gekommen.
Christina Mitchell hegte keine große Hoffnung diese Personen noch lebend anzutreffen, doch sie wollte auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Lieber etwas mitnehmen und es nicht zu brauchen, als es zu brauchen und es nicht zu haben. Sie trat nun rasch an das Dial Home Device, kurz DHD, heran über welches das irdische Stargate mittlerweile verfügte und gab die ihr bekannte Adresse des Stargates auf ATLANTIS an. Im Gegensatz zu den Stargate-Adressen innerhalb der Milchstraße bestand diese Adresse aus acht Symbolen, anstatt aus nur sieben. Dank der Energieversorgung des Komplexes durch die ZPM war ein direktes Anwählen dieses weit entfernten Tores, im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten, kein besonderes Problem mehr. Beinahe jeden Tag fand ein Austausch von Menschen und Material mit diesem noch immer wichtigsten terranischen Außenposten statt.
Der Vortex aus bläulich leuchtendem Plasma entstand. Erst wenn er sich im fünf Meter durchmessenden Innenbereich des Stargates stabilisiert hatte, war er ungefährlich. Während des Aufbaus hingegen desintegrierte er alles was mit ihm in Kontakt kam.
Als der Vortex beruhigend und leicht wässrig wirkend schimmerte, marschierte Colonel Mitchell die Rampe hinauf und durchschritt das Tor. Für einen Moment glaubte sie quer durch das Universum zu rasen, doch das war eine Sinnestäuschung. Fast ohne zeitlichen Verlust trat sie auf ATLANTIS aus dem dortigen Stargate und sah sich um.
Christina Mitchell war zum ersten Mal auf ATLANTIS und die übergangslose Andersartigkeit der Umgebung faszinierte sie. Im nächsten Moment bemerkte sie den Major-General der Terranischen Streitkräfte der zu ihr schritt. Es handelte sich bei ihm um Kyano Akwatabe den Kommandeur der terranischen Expeditionstruppen auf ATLANTIS.
Der hünenhaft wirkende Mann mit der ebenholzfarbenen Haut lächelte gewinnend und reichte Christina Mitchell die Hand, als er sie erreichte. „Willkommen auf ATLANTIS, Colonel Mitchell. Ich freue mich Sie kennenzulernen.“
Die Frau ergriff die große Hand des Mannes der ihr trotz der ungewohnt tiefen Bassstimme sofort sympathisch war. Ihre Hand verschwand fast in seiner als sie freundlich erwiderte: „Danke, General. Wie ich sehe, herrscht hier ein ziemlicher Betrieb. Wie groß ist inzwischen die permanente Besatzung der Stadt?“
„Annähernd zehntausend Männer und Frauen“, gab Akwatabe Auskunft und deutete einladend die Stufen zum rechten Gang hinunter. „Dazu kommen einige hundert Personen der diplomatischen Delegationen von mehr als zwei Dutzend Welten dieser Galaxie. Außerdem viele Handelsvertreter der Welten mit denen wir wirtschaftliche Kontakte pflegen.“
Sie schritten in den Gang hinein. Mehrere Genii kamen ihnen entgegen und grüßten respektvoll als sie vorbei schritten. Die beiden Offiziere erwiderten die Grüße. Dabei murmelte Christina Mitchell nachdenklich: „Vor weniger als einhundert Jahren wäre das noch undenklich gewesen. Friedliche Koexistenz von Genii und Terranern auf ATLANTIS.“
„Wir alle haben dazugelernt“, stellte der zwei Meter große Mann fest. „Inzwischen hat man uns verziehen, dass wir nach der Beseitigung der Wraith-Gefahr hart durchgegriffen haben, um ein ähnliches Chaos zu vermeiden wie es unter den Jaffar in der Milchstraße, nach einem ähnlich gearteten Fall herrschte. Dafür haben wir unsererseits auf nachträgliche Sanktionen gegen jene verzichtet, die zwischenzeitlich wiederholt gegen uns und unsere Verbündeten in dieser Galaxie opponiert haben. Die aktuelle Entwicklung gibt uns recht. Ich bin jetzt mittlerweile seit drei Jahren hier und ich sehe diese Stadt und diese Galaxie inzwischen fast als meine Heimat an, obgleich ich gelegentlich die weiten Savannen meiner richtigen Heimat vermisse.“
Christina Mitchell nickte: „Ich denke, in dieser Hinsicht werden die Männer und Frauen unter meinem Kommando und auch ich selbst demnächst unsere eigenen Erfahrungen machen, Sir. Wohin gehen wir überhaupt?“
Der Mann grinste breit. „Zu Ihrem Quartier. Es liegt direkt neben dem Ihres Stellvertreters, Lieutenant-Colonel Kamarov. Ich schätze, Sie wollen sich mit ihm absprechen, bevor Sie morgen Früh zum Planeten Astolat aufbrechen.“
„Natürlich, Sir. Sie sind sehr umsichtig. Werden Sie uns morgen verabschieden?“
„Das werde ich mir nicht nehmen lassen“, gab der Mann zurück. Sie hielten vor einer Reihe von Quartieren und der Mann deutete auf eines der Schotts. „Sie entschuldigen mich nun. In zehn Minuten habe ich ein Treffen mit der Genii-Handelsdelegation.“
„Natürlich, General. Vielen Dank.“
Der Hüne entfernte sich rasch und Christina Mitchell betrat das Quartier das Akwatabe ihr gezeigt hatte. Es war größer dimensioniert als sie es erwartet hatte. Ihr persönliches Gepäck das Lieutenant-Colonel Kamarov bereits einen Tag zuvor mitgenommen hatte stand ordentlich ausgerichtet an der Wand neben dem Bett. Der Anblick nötigte der Frau ein Grinsen ab. Über die fast krankhafte Ordnungsliebe von Kamarov kursierten in der Truppe zahlreiche Anekdoten. Offensichtlich zurecht.
Die Frau öffnete eine der Taschen und entnahm ein Foto, das sie obenauf gelegt hatte. Sie nahm dieses Bild, das in einem nahezu unzerstörbaren Kunststoffrahmen steckte, überall hin mit. Es zeigte ihren Vater Daniel Mitchell als jungen Mann zusammen mit ihrem Großvater Cameron Mitchell. Diese Aufnahme war entstanden, kurz bevor Cameron Mitchell im Krieg gegen die Luzianer-Allianz gefallen war. Ihr Vater hatte oft davon erzählt. Davon und von den Heldentaten ihres Großvaters. Obwohl sie ihn nie kennengelernt hatte fühlte sie sich irgendwie mit ihm verbunden. Schon als kleines Mädchen hatten sie die Geschichten über ihn fasziniert und sie hatten sicherlich dazu beigetragen, dass auch sie eine Militärlaufbahn einschlug. So, wie er und ihr Vater.
Der Colonel fuhr sich sinnend mit der Rechten durch das Haar und stellte das Bild schließlich auf das Nachttischchen. Ihr Vater hatte manchmal davon geredet, dass Cameron Mitchell eine fast greifbare Unruhe erfasst hatte, wenn ihm eine Aufgabe fehlte. Er hatte des Öfteren behauptet, dass ihr Großvater selbst in den gefährlichsten Einsätzen ruhiger gewesen sein soll als Zuhause. Diese Angewohnheit schien sie von ihm geerbt zu haben, denn gegenwärtig vibrierte sie fast, weil sie nur darauf lauerte, dass es endlich losging. Obwohl kein Mensch sagen konnte, ob sie das geplante Unternehmen lebend überstehen würde. Doch dieser Gedanke hielt sie nicht ab, an dem geplanten Unternehmen festzuhalten. Denn wenn die spärlichen Informationen, die sie aus den Trümmern des früheren Hauptquartiers des Homeworld-Command hatten retten können, nicht übertrieben formuliert waren, so war diese Mission wichtiger als die meisten Menschen ahnten.
Nach einem Moment erhob sich die Frau und schritt zu der bunten Glasfront des Quartiers. Als sie sich näherte, fuhr ein Teil dieser Front beinahe lautlos zur Seite und gab den Weg zu einem schmalen Balkon frei.
Christina Mitchell trat an die Brüstung des Balkons und sah aus mehr als fünfhundert Metern Höhe hinaus auf die weite Wasserebene. In dem Bewusstsein, dass sich der Turm über ihr noch fast dreihundert Meter mehr in Höhe reckte. Sie verzichtete auf einen Blick am Turm hinauf, da sie wusste, dass ihr bei solchen Anblicken stets schwindelig wurde.
Eine sanfte Brise wehte ihr einige Düfte zu die sie von der Erde her nicht kannte. Für einen kurzen Moment die Augen schließend atmete sie tief durch und spürte dabei wie die bewegte Luft ihr Gesicht umschmeichelte und ihr langes Haar nach hinten wehte. Etwas wehmütig dachte sie daran, dass sie vielleicht für lange Zeit das letzte Mal die Gelegenheit haben würde, einen solchen Moment genießen zu können. Als sie die Augen wieder öffnete, verging diese Anwandlung und sie spürte in sich das bekannte Kribbeln, das sie immer überkam, wenn sie zu einem unbekannten Ort aufbrach. Falls die Wurmloch-Verbindung zur DESTINY wirklich zustande kam, so würden sich sie und die Männer und Frauen unter ihrem Kommando weiter von der Erde und allem anderen entfernen, was sie kannten, als die meisten anderen Menschen.
Nach einem letzten Blick auf das Meer hinaus wandte sich Christina Mitchell ab. Es wurde Zeit sich mit Kamarov zu besprechen.

* * *


Nachdem das gesamte Elite-Bataillon, insgesamt 320 Männer und Frauen, am Tag darauf, inklusive der kompletten Ausrüstung, in der Stargate-Halle des terranischen Forschungskomplexes auf Astolat angetreten war, trat Christina Mitchell vor die Front der angetretenen Soldaten. Nun eine der anthrazitfarbenen Kampfkombinationen tragend, wie alle übrigen Soldaten. Lediglich den Helm hatte sie noch nicht aufgesetzt.
Die Kommandeurin räusperte sich und sagte dann, mit eindringlichem Tonfall: „Lieutenant-Colonel Kamarov hat Sie alle bereits gestern Abend umgehend darüber informiert, was uns wahrscheinlich erwarten wird, falls die Verbindung zur DESTINY hergestellt werden kann. Ich möchte nur noch einmal einige grundsätzliche Dinge erläutern. Neben drei ZPM nehmen wir fünf Naquadah-Reaktoren Mark-XIV mit. Diese Reaktoren liefern genug Energie um, von der DESTINY aus, mindestens einmal das Sternentor auf diesem Planeten anzuwählen. Anders, als normale Stargates, besitzt das Stargate auf diesem Planeten nicht nur acht Chevrons, sondern derer neun. Wie das im Jahr 2009 zerstörte Stargate, durch welches 80 Personen zur DESTINY gelangten, war auch dieses Sternentor dazu vorgesehen, mit dem Raumschiff eine Verbindung herzustellen. Allerdings werden wir dazu nicht die Energie des Planetenkerns anzapfen, wie es die Antiker vorgesehen haben, sondern die ZPM unseres Stützpunktes nutzen. Das ist wesentlich sicherer. Wenn wir eine Verbindung herstellen können, so geht meine Eskorte mit mir an der Spitze durch das Tor. Der Rest folgt wie zuvor festgelegt. Den Abschluss bildet Lieutenant-Colonel Kamarov.“
Christina Mitchell gab einem Mann von Ende dreißig, aus dem Wissenschaftlichen Korps, der im Rang eines Majors diente, einen Wink.
Jan-Findus Nordqvist, der Leiter des Wissenschafts-Teams im Bataillon, schritt zum DHD des Stargates und wählte bedächtig die Adresse an, die man den Datenbanken von ATLANTIS entnommen hatte. Diese Adresse war nämlich nicht auf den Datenträgern gespeichert gewesen, die man in den Trümmern des ehemaligen Homeworld-Command hatte sicherstellen können.
Nachdem acht der Chevrons aktiviert waren, blinkten die Adresssymbole des Stargates mehrmals der Reihe nach auf, bevor das Tor den Anwahlversuch, mit einem fast klagenden Ton, automatisch abbrach.
Major Nordqvist sah ratlos zu seiner Vorgesetzten, die ihn ihrerseits mit gerunzelter Stirn musterte. Bevor er einen erneuten Versuch starten konnte, trat Lieutenant Elena Sabatini, eine Mathematikerin aus seinem Team, an ihn heran und sagte eindringlich: „Sir, vielleicht erinnern Sie sich daran, dass ich vor einigen Tagen die Vermutung geäußert hatte, die Adresse könnte eine Art Code sein, da sie von mehr als einem Planeten aus funktionieren muss. Wir haben zwar vermutet, dass nach den acht bekannten Symbolen das neunte jenes sein muss, das auf den Standort hinweist, doch vielleicht ist auch ganz einfach immer nur der Ursprungsplanet der Antiker gemeint gewesen.“
Der Major kannte die junge Argentinierin inzwischen gut genug um zu wissen, dass sie sehr oft mit ihrer manchmal unorthodoxen Denkweise recht behielt. Darum erkundigte er sich neugierig: „Sie haben also das Symbol für die Erde im Sinn, Lieutenant?“
Die schwarzhaarige Frau nickte eifrig: „Ja, Sir. Sie ist der Ursprung der Antiker.“
„Sie meinen wirklich, das Symbol der Erde wäre der besagte Schlüssel?“
Die Frau überflog die Symbole auf dem DHD und deutete schließlich auf eines der dort abgebildeten Adress-Symbole. „Da ist es, Sir. Wir haben dieses Symbol nicht auf der Tastatur der DHD-Konsole auf ATLANTIS. Die Tatsache, dass es hier zu finden ist, muss also etwas bedeuten.“
„In Ordnung, versuchen wir es“, nickte der Major. Danach wandte er sich zu Christina Mitchell und meinte, etwas lauter: „Sir, wir versuchen es mit einer modifizierten Adresse.“
Die Kommandeurin nickte ihm zu und der Major wählte erneut.
Diesmal aktivierten sich alle neun Chevrons und der Vortex baute sich auf. Mit gelindem Erstaunen sah Nordqvist zu Elena Sabatini. Offensichtlich hatte er nicht mit einem so schnellen Erfolg gerechnet. Leise, sodass nur die Argentinierin ihn hören konnte, sagte der Mann: „Sie sind gut, Lieutenant.“
Ebenso leise erwiderte die junge Frau: „Danke, Sir.“
Sie reihten sich ein.
Ein Sergeant, neben Christina Mitchell die dabei war ihren Helm aufzusetzen und ihr Sturmgepäck aufzunehmen, steuerte eine Sonde durch den Vortex und las auf einem Armgerät die hereinkommenden Werte ab. Schließlich gab er Colonel Mitchell ein Zeichen und sagte: „Eine atembare Atmosphäre ist vorhanden. Der Sauerstoffanteil liegt bei einem durchschnittlichen Niveau. Keine Gefahr, selbst wenn wir die Systeme des Raumschiffes erst innerhalb einiger Stunden, oder gar Tage erst, wieder hochfahren können, Colonel Mitchell. Nach der Einweisung wundert mich das, offen gesagt.“
Die Frau machte eine ernste Miene und gab das Zeichen zum Aufbruch. Gemeinsam mit dem Sergeant und einem Corporal setzte sich die Kommandeurin daraufhin in Bewegung und durchschritt mit ihnen den Ereignishorizont der aufgebauten Wurmlochverbindung.
Nach den drei Menschen setzten sich die übrigen Männer und Frauen, nach einer zuvor genau festgelegten Reihenfolge in Marsch. Die meisten von ihnen steuerten Antigrav-Plattformen, auf denen Gepäck und Ausrüstung transportiert wurde.
Lieutenant-Colonel Kamarov, der darauf achtete, dass alles reibungslos klappte, bildete den Abschluss, wobei er kurz am Ereignishorizont stehen blieb und sich noch einmal über die Schulter hinweg umsah. Dann sah er wieder nach vorne und machte einen Schritt, der ihn zu einem unbekannten Ziel bringen sollte.
Erwachen by ulimann644
2

ERWACHEN


Direkt nach der Ankunft trat Christina Mitchell einige Schritte zur Seite und sah sich um. Es war Dunkel. Nur einige Elemente über der umlaufenden Galerie und im Fußboden, offensichtlich die Notbeleuchtung, die sich bei ihrer Ankunft aktiviert hatten, verbreiteten ein diffuses Zwielicht. Dabei war es kalt. Die Kommandeurin konnte ihren eigenen Atem sehen und sie spürte eine empfindliche Kälte auf den Wangen.
Gerade so, als wäre die Ankunft hier das Signal für das Raumschiff gewesen, aktivierten sich weitere Lichtleisten an den Wänden. Gleichzeitig spürte Christina Mitchell einen schwachen, wärmenden Luftstrom auf ihrem Gesicht.
Im nächsten Moment tauchten bereits die ersten Männer und Frauen des Bataillons auf und sie begann damit, die Verteilung von Mensch und Material zu koordinieren. Unterstützt von der Eskorte, mit der sie das Stargate durchschritten hatte.
Das Technische Kommando, das ihnen zuerst gefolgt war, beorderte sie zur Suche der Lebenserhaltungssysteme und zu den erreichbaren Maschinenkonsolen. Die ihnen folgenden Wissenschaftler sollten sich auf die Suche nach den Vermissten begeben. Ihnen wurde eine bewaffnete Eskorte zur Seite gestellt.
Die danach Ankommenden wies Colonel Christina Mitchell an, das Gepäck und alle Ausrüstungsgegenstände durch den Zentralgang, zu einem der sicherlich vorhandenen Lagerräume zu bringen. Die Verteilung des Personals auf Quartiere, die es sicherlich ebenfalls an Bord gab, würde später erfolgen. Dies würden die einzelnen Kompanieführer und Zug-Sergeant koordinieren.
Das Team mit den Reaktoren und den ZPM erschien als letztes. Die Soldaten dieser Technik-Abteilung sollten sich zuerst im Torraum einen Überblick verschaffen, und herausfinden, wie man das Stargate an Bord mit den Naquadah-Reaktoren verbinden konnte. Die rund zwanzig Männer und Frauen dieser Abteilung blieben als Einzige im Torraum des Raumschiffes, von dem man einen groben Lageplan auf den geretteten Datenträgern des ehemaligen Homeworld-Command gefunden hatte.
Ein Datenanalytiker auf der Erde hatte bei der Auswertung der Datenträger eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Zwar wurden die Energiespeicher der DESTINY durch die Energie von Sternen aufgeladen, doch die Antiker hatten damals ebenfalls eine Vorrichtung für drei ZPM eingebaut. Jedoch hatte sich diese Technik damals erst in der Entwicklung befunden. Nachdem abzusehen gewesen war, dass diese Entwicklung länger dauern würde als ursprünglich eingeplant, änderten die Ingenieure der Antiker, für dieses Raumschiff, die Art der Energieversorgung. Die Vorrichtung zur Aufnahme der ZPM war zu diesem Zeitpunkt indessen schon installiert und bereit für die Aufnahme der ZPM.
Vermutlich hatten die damals zur DESTINY verschlagenen Menschen davon nicht die geringste Ahnung gehabt. Das vermutete zumindest Christina Mitchell. Ansonsten hätte man seinerzeit beim Homeworld-Command sicherlich alles daran gesetzt, mindestens ein ZPM zu diesem Raumschiff zu entsenden. Doch von einem solchen Versuch war nichts in den gefundenen Unterlagen zu entdecken gewesen.
Lieutenant-Colonel Kamarov, der sich inzwischen wieder zu seiner Vorgesetzten begeben hatte, schlug vor: „Vielleicht sollten wir uns auch auf dem Raumschiff umsehen, Sir. Möglicherweise finden wir die Menschen, die im Jahr 2009 hierherkamen Aber Colonel, eine Frage: Wurde das Raumschiff in den gefundenen Berichten nicht als eine bessere Rostlaube bezeichnet? Irgendwie macht dieser Torraum zumindest nicht den Eindruck.“
„Ich würde ungern schon wieder Leichen finden, Kamarov, und Sie haben recht. Vom Zustand dieses Raumes ausgehend scheint sich das Raumschiff in einem guten Zustand zu befinden. Um nicht zu sagen, in einem sehr guten Zustand.“
Die Kommandeurin hörte auf zu frösteln. Den Helmscheinwerfer abschaltend erkannte sie die beiden Konsolen, an denen sich mittlerweile mehrere der Techniker zu schaffen machten. Christina Mitchell vermutete, dass von diesen Konsolen aus das Stargate angesteuert werden konnte. Davor wand sich zu beiden Seiten des Zentralganges jeweils eine Treppe zur Galerie des Raumes hinauf und endete dicht bei einem Schott. Vermutlich ging es von dort aus ebenfalls weiter in Richtung Heck der DESTINY. In den Ecken des Raumes befanden sich, auf dieser Ebene, noch zwei weitere Schotts.
Die Frau deutete zu den beiden Treppen, deren Stufenkanten nun ebenfalls beleuchtet waren. „Steigen wir hinauf und sehen uns dort oben einmal um. Nach den gefundenen Plänen erreicht man von dem Gang, hinter diesem Schott dort oben, das Observationsdeck.“
„Sie wollen aus dem Fenster sehen“, stellte Kamarov nüchtern fest.
Der Blick mit dem Christina Mitchell ihren Stellvertreter bedachte, sprach Bände. Dabei wies sie zu den Deckenfenstern hinauf und meinte: „Vermutlich wird nicht viel zu sehen sein. Was ist das eigentlich?“
Kamarov sah auf eine Antiker-Anzeige, über dem Gang, der ins Innere des Raumschiffes führte. „Ein Countdown, Sir. Diese Uhr zeigt knapp zwölf Stunden an.“
„Wozu die wohl gut sein mag?“, murmelte die Kommandeurin und setzte sich in Bewegung. Kamarov folgte seiner Vorgesetzten, während ihre Eskorte die andere Treppe hinauf eilte, um ihnen oben vorangehen zu können.
Die Britin kannte Alexander Kamarov nun seit einigen Jahren und sie verstand sich mit dem gebürtigen Minsker besser als durchschnittlich. Noch vor einhundert Jahren wäre eine militärische Einheit dieser Größe, mit Teilnehmern aus mehr als 50 ehemaligen irdischen Nationen, undenkbar gewesen. Der gemeinsame, Jahrzehnte lange Kampf gegen einen äußeren Feind hatte die Nationen der Erde zusammenrücken lassen. Eine Entwicklung, die bereits vor dem Ende des Krieges unumkehrbar geworden war.
Das Gemüt von Kamarov und seine Ansichten stimmten nur selten mit denen der Kommandantin überein, doch sie akzeptierte das, so wie auch er es akzeptierte. Darum nahm sie ihm solche Kommentare, wie eben, auch nicht krumm, denn sie wusste, dass es sich dabei nicht um eine Respektlosigkeit handelte.
Als sie oben durch das sich öffnende Schott traten, nachdem der sie vorangehende Corporal seine Hand auf den Öffnungskontakt gelegt hatte, umspielte ein feines Lächeln den Mund des Colonels. Sie dachte daran, dass sie und Kamarov sich manchmal so verhielten, wie ein altes Ehepaar. Im nächsten Moment wurde sie wieder ernst und konzentrierte sich.
Der Sergeant und der Corporal hielten ihre armlangen Waffen leicht angehoben, jederzeit bereit zu reagieren, falls unerwartet eine Bedrohung auftauchen sollte. Ganz ähnliche Energiewaffen waren zum ersten Mal gegen Ende des Jahres 2009, bei der Rückkehr der Stadt ATLANTIS zur Pegasus-Galaxie, an irdische Soldaten ausgegeben worden. Zu Beginn dieses Jahres war ATLANTIS zur Milchstraße geflogen, um die Erde gegen die Wraith zu verteidigen. Nachdem man die Kampfschäden behoben hatte, war die Stadt wieder zu ihrer heimatlichen Galaxie aufgebrochen, um als Basis der Menschen für den Kampf gegen die Wraith zu dienen.
Im Vergleich zu den damals verwendeten Prototypen waren die heutigen Waffen ungleich leistungsfähiger. Die farblich überwiegend in Schwarz und Dunkelgrau gehaltene Waffen, deren Material bei einem bestimmten Lichteinfall violett schimmerte, bestanden aus einer exotischen Metall-Kunststoff-Legierung.
Auf der rechten Seite musste eine solche Waffe zunächst durch ein kurzes Antippen eines Sensors aktiviert werden. Dieser Sensor stellte fest, ob ein Terraner mit Antiker-Gen die Waffe zu aktivieren versuchte, oder eine fremde Lebensform, die dieses Gen nicht in sich trug. Alle Soldaten der Terranischen Streitkräfte trugen dieses Gen in sich. Aus Gründen der Sicherheit hatten sich die Terraner dazu entschlossen, es den Antikern nachzutun, und sensible technische Systeme und Waffen durch diesen genetischen Abdruck zu sichern.
Den Aktiv-Status der Energiewaffen, von denen auch sie selbst und Kamarov eine in der Armbeuge trugen, erkannte man an dem bläulichen Kontroll-Lichtsignal über dem Schalter und daran, dass das Energie-Magazin an den Seiten ebenfalls leicht bläulich aufglüht. Rechts gab es einen Schalter für zwei Einstellungen. Für Schüsse über größere Distanzen hinweg konnte aus dem oberen Mittelteil ein Zielfernrohr ausgefahren werden.
Mindestens eintausend Schuss konnten damit abgegeben werden. Betäubungsschüsse verbrauchten nur halb so viel Energie. Wenn der Abzug länger als zwei Sekunden gedrückt halten wurde, aktivierte sich ein permanent aktiver, gebündelter Strahl, der gegen gepanzerte Ziele oder Schilde eingesetzt werden konnte. Dieses Dauerfeuer konnte für etwas mehr als zwei Minuten aufrechterhalten werden. Ihre Energiemagazine konnte man an Ladestationen, die bereits in diesem Moment von den Ingenieuren des Teams aufgebaut wurden, innerhalb weniger Augenblicke wieder aufladen.
Christina Mitchell hatte die Anweisung erteilt, bei allen Waffen den Betäubungs-Modus anzuwählen. Nur im Notfall sollte mit tödlich wirkender Energie gefeuert werden.
Als sie bereits mehrere Meter in dem Gang zurückgelegt hatten registrierte die Frau, dass sich auch hier die Lichtleisten aktivierten. Sauber und glänzend lag der Gang vor ihnen, so als sei das Raumschiff eben erst von einem Werftleiter der Antiker übergeben worden. Sie sprach Kamarov erneut darauf an.
„Sie hatten recht, Lieutenant-Colonel. Ich meine, unten im Torraum. Das gesamte Raumschiff macht bisher den Eindruck, als sei es eben erst fertiggestellt worden. Aber wie kann das sein? Die Unterlagen sprachen von einem ganz anderen Zustand des Raumschiffes.“
„Darauf habe ich momentan keine Antwort, Sir.“
Die Kommandeurin grinste offen. „Manchmal bewundere ich Sie dafür, dass Sie daran glauben, das Finden einer Antwort wäre stets nur eine Frage der Zeit, Kamarov.“
Der Lieutenant-Commander blickte erstaunt: „Ist es das denn nicht?“
„Vielleicht doch.“
Sie durchschritten ein weiteres Schott und betraten das Observationsdeck. Ihren Augen bot sich dabei ein geradezu unglaublicher Anblick. Sowohl die beiden Unteroffiziere, als auch Christina Mitchell und Alexander Kamarov blieben für einen Moment stehen. Schließlich war es die Frau, die sich als erste aus der Starre löste und zu dem Geländer schritt, das sich zwei Meter vor den eigentlichen Panoramascheiben rund um das Observationsdeck erstreckte. Dabei umkrampften die Finger ihrer behandschuhten Hände das Geländer. Unbedacht stellte sie den rechten Fuß dabei auf die untere Geländerstrebe.
Vor der Frau und um sie herum war nur die tiefste Schwärze des intergalaktischen Leerraumes zu sehen. Direkt in Flugrichtung breitete sich hingegen die Scheibe einer Spiralgalaxis aus, auf deren Randbereiche das Raumschiff zuhielt.
„Das ist fantastisch!“, entfuhr es Christina Mitchell und sah nach rechts zu Kamarov, der neben sie getreten war.
Der Belaruse sah für einen Moment hinaus ins All, bevor er erwiderte: „Ja. Ein grandioser Anblick. Wann werden wir wohl in diese Galaxis einfliegen?“
„Ich wollte, ich wüsste es“, gab die Kommandeurin zurück. Vielleicht erfahren wir es, sobald wir die Brücke des…“
Eine Funknachricht unterbrach Christina Mitchell: „Colonel Mitchell, hier spricht Major Jan-Findus Nordqvist. Bitte kommen Sie umgehend zum Repositorium des Raumschiffes. Sie kennen den Weg dorthin, Sir?“
„Ja, ich habe den Schiffsplan bereits auf dem Arm-Padd meines Kampfanzuges aufgerufen. Sie klingen ziemlich erregt, Major Nordqvist.“
„Den Grund dafür werden sie verstehen, wenn Sie hier sind, Sir. Nordqvist, Ende.“
„Der macht es ziemlich spannend“, spöttelte Kamarov.
„Dem werde ich etwas erzählen, wenn wir dort sind“, prophezeite Christina Mitchell düster. „Ich erwarte anständige Meldungen.“
Sie gab der Eskorte einen Wink und die beiden Männer setzten sich in Bewegung, nachdem auch der Corporal sein Arm-Padd aktualisiert, und das neue Ziel eingegeben hatte.
Christina Mitchell fand diese Eskorte etwas lästig, doch die Dienstvorschrift war, bezüglich der Sicherheit von Offizieren, die als Kommandeure fungierten, seit langer Zeit schon, ziemlich eindeutig.
Als sie den Stuhlraum erreichten wies Christina Mitchell die beiden Unteroffiziere an, vor dem offenen Schott zu warten. Nur sie und Kamarov traten in den kreisrunden Raum ein. Außer ihnen waren bereits Major Nordqvist und Lieutenant Elena Sabatini anwesend. Beide hielten mit ihren Waffen eine fünfte Person in Schach.
Auf den ersten Blick erkannte Christina Mitchell, dass diese Person nicht zusammen mit ihnen an Bord gekommen war. Denn diese Person trug statt einer Uniform Bluejeans, ein knallrotes T-Shirt und einen grauen Kapuzenpulli. Der etwas beleibte junge Mann war gerade im Begriff gewesen, sich mit erhobenen Händen aus dem seltsam anmutenden Stuhl zu erheben, der in der Mitte des Raumes stand, als sie mit Kamarov eintrat.
Mit einem unsicheren Lächeln wandte sich der junge Mann zu ihr und sagte mit kratziger Stimme: „Hi, ich bin Eli Wallace. Wie auch immer. Wer, zur Hölle, sind Sie?“

* * *


Einige Minuten zuvor hatte Eli Wallace noch in dem zeitlosen Traum verharrt, der ihn seit neunzig Jahren in seinen Klauen gefangen hielt. Doch das ahnte der Träumer nicht. Neun Jahrzehnte lang hatte er im Kälteschlaf zugebracht.
Das langsame Erwachen kam ohne Vorwarnung, dafür mit Schmerzen. Tausende glühende Nadeln schienen in seinen Körper einzudringen, während er gleichzeitig kurze Erinnerungsfetzen vor seinem geistigen Auge sah. Kurze Blitzlichter der Erinnerung. Er sah sich durch die Sichtscheibe eines Antiker-Raumanzuges sehen. Eine Frau an der Hand haltend, die ebenfalls einen solchen Anzug trug und seinen Namen rief. Lisa Park.
Er hatte sie vor dem Sog des Vakuums, außerhalb der zerstörten Hydroponik-Kuppel gerettet und in den Gang gezogen. Sie hatte sich weinend an ihn geklammert, mit verblitzten Augen. Blind.
Als Nächstes sah sich Eli an einem der Tische in der Messe sitzen. Zusammen mit Young, Rush, Camile, Chloe, Matt, Greer und TJ. Er hörte die Rede von Colonel Young. Wie er von ihnen als eine Familie sprach.
Der Schmerz ebbte ab. Die Bilder wurden klarer.
Colonel Young stand bei ihm, vor dem Antritt seines eisigen Schlafes. Er fragte ihn, ob er sich immer noch sicher sei, derjenige zu sein, der außerhalb der Stasiskammern blieb. Er hörte sich selbst sagen, dass er sich noch nie einer Sache so sicher gewesen sei.
Er hörte Stimmengewirr. Doch diese Stimmen passten zu keiner seiner Erinnerungen. Woher kamen sie also? Eli versuchte sich, langsam wach werdend, an diese Stimmen zu erinnern. Versuchte, sie Personen zuzuordnen, die er kannte. Was sagten sie?
Ob das einer von jenen Vermissten ist, die im Jahr 2009 hierherkamen?
Er sieht so friedlich aus. Fast so, als sei er glücklich in diesem Zustand.
Das erste war eine tiefe, männliche Stimme gewesen. Danach hatte eine hellere, weiblich klingende, Stimme gesprochen. Doch der Akzent dieser Frau klang seltsam.
Eli zwang sich, seine Augen zu öffnen. Er blickte direkt in die Läufe von zwei fremdartig wirkenden Waffen. Die beiden Personen, die sie hielten, trugen anthrazitfarbene Uniformkombinationen mit Abzeichen, die er noch nie gesehen hatte. Wer waren diese Fremden nur? Menschen von der Erde?
Noch während Eli Wallace versuchte eine Antwort darauf zu finden, betraten zwei weitere Personen den Raum. Am Verhalten der übrigen Anwesenden erkannte Eli, dass die angekommene Frau die höchste Stellung unter ihnen einnahm.
Langsam, mit einem verunglückten Lächeln und erhobenen Händen stand Eli aus dem Stuhl auf, wobei er ein seltsames Zittern unterhalb der Kniescheiben verspürte. Ein Kratzen legte sich über seine Stimmbänder, als er sagte: „Hi, ich bin Eli Wallace. Wie auch immer. Wer, zur Hölle, sind Sie?“
Es war tatsächlich die Frau, die etwas vortrat und dabei die Waffe in ihrer Hand senkte. Offensichtlich hielt sie ihn nicht für gefährlich. Ein gutes Zeichen, wie Eli hoffte.
In etwas seltsam klingendem, aber dennoch verständlichen Englisch antwortete die Frau auf seine Frage: „Ich bin Colonel Christina Mitchell. Sagen Sie mir bitte, wozu dieser Raum dient. Eine Kälteschlafkammer?“
Eli Wallace betrachtete die Frau intensiv, bevor er langsam seine Hände sinken ließ und meinte: „So kann man das nicht unbedingt sagen, obwohl man ihn schon dazu zweckentfremden kann.“
„Dieser Stuhl scheint eher ein frühes Äquivalent zum Kontrollstuhl auf ATLANTIS zu sein“, warf die junge schwarzhaarige Frau ein, die auf Eli einen südländischen Eindruck machte. Beim Klang ihrer Stimme erinnerte er sich an eine der beiden Stimmen, die er gehört hatte, bevor er vollständig zu Bewusstsein gekommen war.
Als Eli sie ansah, senkte auch sie langsam die Waffe. „Das ist richtig. Zumindest nach dem, was ich durch Doktor Rush erfahren habe.“
Die Unterhaltung geriet ins Stocken und nach einem Moment fiel Eli etwas ein. Eigentlich hatte er das zuerst fragen wollen. Doch bei den ihm unbekannten Uniformen und Abzeichen auf den Uniformen der vier Menschen hatte er diese Frage unbewusst verdrängt, weil er die Antwort ahnte und zugleich fürchtete. „Wie lange haben wir geschlafen?“
„Nun ja“, meinte der Mann neben der südländisch wirkenden Frau, der bisher geschwiegen hatte und nun ebenfalls die Waffe sinken ließ. „Vielleicht sollten wir…“
„Kommen Sie!“, unterbrach Eli ihn. „Ich habe Augen im Kopf. Solche Uniformen, wie Ihre, habe ich noch nie gesehen. Auch Waffen, wie Sie welche tragen, nicht. Nicht einmal in irgendwelchen Videospielen.“
„Videospiele?“, echote die Schwarzhaarige. „Was ist das?“
Eli Wallace sah die Anwesenden der Reihe nach ungläubig an und meinte dann mit wankender Stimme: „Okay, jetzt bin ich offiziell beunruhigt.“
Die Frau, die sich ihm gegenüber als Christina Mitchell vorgestellt hatte, trat näher an ihn heran und antwortete ernst: „Wir schreiben aktuell den 14. August des Jahres 2101. Seit der letzten Meldung von der DESTINY sind mehr als neunzig Jahre vergangen.“
Eli war, als habe man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Vorsichtig tastete er nach den Lehnen des Kontrollstuhls und setzte sich auf die Kante, sodass er nicht aktiviert wurde. Er schluckte trocken. Tausende Gedanken jagten sich hinter seiner Stirn. Nach einer Weile fragte er tonlos: „Das meinen Sie wirklich ernst, oder?“
Eli sah zu Boden. Er realisierte, dass seine Mutter seit vielen Jahren tot sein musste. Sie hatte nie erfahren, was aus ihm geworden war. Vermutlich hatte sie irgendwann zu glauben begonnen, dass er tot sei.
Mit Tränen in den Augen sah er irgendwann auf und fragte heiser: „Warum kommen Sie erst jetzt? Gab es keine Möglichkeit früher Hilfe zur DESTINY zu schicken?“
Es war der Mann neben dem Colonel, der sich bisher nicht an dem Gespräch beteiligt hatte, der ihm antwortete. „Ich bin Lieutenant-Colonel Kamarov. Die Menschheit stand viele Jahre lang im Krieg, Mister Wallace. Zuerst galt es, die Wraith-Gefahr zu bannen und danach brach der Krieg mit der Luzianer-Allianz offen aus. Dieser Krieg tobte bis zum Jahr 2051. Bis dahin wurden das alte und das neue Hauptquartier des Homeworld-Command mehr als einmal zerstört und wieder aufgebaut. Darüber geriet die DESTINY in Vergessenheit. Bis vor drei Monaten galt dieses Raumschiff als eine Art Mythos. Erst zu dieser Zeit entdeckten wir einige unzerstörte Räume des ehemaligen neuen Hauptquartiers und damit Hinweise auf dieses Raumschiff und seine Mission.“
Eli´s Blick irrte von dem Lieutenant-Colonel zu Christina Mitchell, die einhakte: „In den Wirren des langen Krieges starben jene Menschen, die von der DESTINY wussten und nach dem Krieg gab es andere Dinge zu bedenken. Zu der Zeit stand hauptsächlich der Wiederaufbau im Vordergrund. Andere Dinge mussten zurückstehen. Das Ganze tut mir sehr leid, Mister Wallace. Ich verstehe, wenn Sie einen Moment brauchen, doch Sie können sich vielleicht denken, dass ich erfahren möchte was aus dem Rest der Besatzung geworden ist.“
Eli wischte sich über die Augen und machte eine fahrige Geste. „Ja, klar. Die Anderen müssten sich noch in den Stasiskammern befinden.“
„Möchten Sie uns dorthin führen?“
Eli sah zu der blonden Frau auf und erhob sich. „Ja, natürlich. Folgen Sie mir.“
Ganz selbstverständlich machte Eli sich auf den Weg. Unterwegs fiel ihm etwas auf, als sie einen der Gänge durchschritten und er wandte sich zu Christina Mitchell um. „Haben Ihre Leute das Raumschiff instandgesetzt, bevor ich erwacht bin?“
Die Miene der Kommandeurin drückte Befremden aus. „Nein, wir sind eben erst angekommen, Mister Wallace. Warum fragen Sie?“
Eli Wallace deutete auf eines der geschlossenen Wandpaneele. „Ich bin hier schon hundertmal entlang gegangen, doch diese Verkleidung war bisher nicht da. Dahinter liegen die Verteiler für die Schutzschilde. Bisher lag das Wandfach dahinter offen. Seltsam.“
Sie schritten daran vorbei und bogen in einen Gang ab, der im Winkel von etwa 40 Grad abzweigte. Dabei bewegte sich die dunkelhaarige Frau an die Seite des jungen Zivilisten und berührte ihn sacht am Unterarm.
Als Eli sie ansah, erkannte er Mitleid im Blick der jungen Frau. Leise sagte sie: „Es tut mir leid für Sie, Mister Wallace. Die Erkenntnis, dass es auf der Erde keinen mehr gibt den Sie kennen muss schlimm für Sie sein.“
Eli nickte wehmütig. „Es geht mir dabei weniger um mich. Meine Mom hat nie erfahren, was aus mir wurde. Das ist sehr traurig. Aber bitte sagen Sie Eli zu mir. Bei Mister Wallace fühle ich mich mehr als hundert Jahre alt.“
„Nun ja, sie sind mehr als hundert Jahre alt, wenn man es genau nimmt.“
Eli runzelte unwillig die Stirn und die Frau an seiner Seite sagte schnell: „Mein Name ist Elena. Elena Sabatini, aus Buenos Aires.“
Für einen Augenblick musterte Eli die bestenfalls 1,65 Meter große Frau, bevor er irritiert und völlig aus dem Kontext heraus fragte: „Sie wissen nicht was Videospiele sind?“
„Nein, was ist das?“
Aus den Augenwinkeln bemerkte Eli bei Lieutenant-Colonel Kamarov jene Art von missbilligendem Blick, mit dem ihn auch Colonel Young gelegentlich bedacht hatte, wenn er genervt von belanglosen Diskussionen gewesen war. Darum meinte er rasch: „Nicht so wichtig. Da vorne ist einer der Bereiche mit Stasiskapseln.“
„Nur Mister Wallace und ich betreten den Bereich“, entschied Christina Mitchell. Nach einem Moment änderte sie ihre Entscheidung und meinte: „Lieutenant Sabatini, Sie kommen ebenfalls mit.“
Eli bemerkte, dass die Kommandeurin bei ihren letzten Worten vielsagend von der jungen Frau zu ihm sah. Er fragte sich für einen Augenblick, was den Colonel zu dieser Entscheidung bewogen haben mochte, während er zielstrebig zur Kontrollkonsole ging. Er sah Christina Mitchell fragend an und sie nickte ihm zu.
Um sich herum alles andere vergessend, wie immer, wenn ihn eine Aufgabe voll in Anspruch nahm, rief er das Kontrollmenü für die einzelnen Tiefschlafkammern auf. Es handelte sich um jene, die von der Crew repariert und zuletzt in Betrieb genommen worden waren. Er starrte stumm auf den Bildschirm und sah die rot unterlegten Anzeigen. Rasch kontrollierte er die Werte und ihm war, als greife eine eisige Hand nach seinem Herzen.
„Oh, nein, nein, nein…“, entfuhr es Eli gleich darauf und hektisch kontrollierte er die Werte ein zweites Mal, bevor er panisch die beiden Frauen ansah.
„Was haben Sie denn?“, erkundigte sich Christina Mitchell energisch. Ihr Blick verriet Eli, dass der Frau nichts Gutes schwante. Gleichzeitig trat Elena Sabatini an seine Seite und sah ihm über die Schulter.
„Fünf der Kapseln weisen eine Fehlfunktion auf“, erklärte Eli tonlos, nachdem er endlich die Sprache wiedergefunden hatte. „Wir mussten die Kapseln in diesem Bereich, und eine weitere, in einer der anderen Abteilungen, zuerst reparieren, bevor wir sie damals aktivieren und benutzen konnten. Die Anzeigen besagen, dass drei unserer Leute tot sind. Bei zwei weiteren wird der Hirntod angezeigt. Die Werte der übrigen Crew sind stabil.“
Spontan legte Elena Sabatini mitfühlend die linke Hand auf Eli´s Schulter, bevor sie zu ihrer Vorgesetzten sah und rasch auf Abstand ging.
Christina Mitchell ließ sich nicht anmerken was sie in diesem Moment dachte oder fühlte. Dafür sagte sie mit weicher Stimme: „Es tut mir leid, Mister Wallace.“
Eli bemerkte die leichte Veränderung im Tonfall der Frau, als sie sich gleich danach erkundigte: „Wie schnell erfolgt nach der Deaktivierung einer Kapsel die Wiedererweckung der betreffenden Person?“
„Es dauert nur einen kurzen Augenblick, bis man wieder vollkommen bei Bewusstsein ist. Das fanden Doktor Brody und ich heraus, als wir eine der Stasiskammern getestet haben. Natürlich kann ich nicht sagen, ob die Zeitspanne der Stase eine Rolle spielt.“
„Können Sie die Personen auch einzeln wiedererwecken?“
„Ja, das ist kein Problem. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich gerne Doktor Rush wiedererwecken. Er kennt sich, nach mir, mit den Systemen der DESTINY am besten aus. Vielleicht weiß er einen Rat, wie wir die fünf Personen vielleicht doch noch retten können.“
Christina Mitchell blickte etwas erstaunt zu Eli. „Der kann Tote wiederbeleben? Ist dieser Doktor Rush so etwas wie ein verdammter Hexenmeister?“
Eli grinste schief: „So etwas Ähnliches. Aber das haben Sie nicht von mir.“
Christina Mitchell überlegte kurz. „In Ordnung, Mister Wallace. Holen Sie diesen Doktor Rush aus der Stase. Danach sehen wir weiter.“
Eli Wallace machte sich an die Arbeit und Elena Sabatini trat ein paar Schritte auf eine der Kapseln zu. Die Technik dieser blau leuchtenden Stasiskapsel schien die junge Frau sehr zu interessieren. Christina Mitchell hingegen verhielt sich abwartend. Beim Vornehmen der notwendigen Schaltungen, um Nicholas Rush aus der Stase zu holen, stellte Eli unbewusst einen Vergleich an, zwischen Colonel Everett Young und Colonel Mitchell. In einigen Verhaltensweisen ähnelten sie sich auffallend, wie er fand.
Einen Moment später hob sich die Verkleidung einer der Kapseln und ein schmächtiger Mann stolperte auf den Gang, zwischen den acht Stasiskapseln, hinaus. Das bereits an einigen Stellen ergraute Haar hing ihm wirr ins Gesicht und Eli fing den fragenden Blick von Christina Mitchell auf.
„Ja, ich weiß, er sieht eher wie ein Waldschrat aus, aber das ist tatsächlich Doktor Nicholas Rush“, beeilte sich Eli zu versichern.
Inzwischen hatte sich Rush die Haare aus dem Gesicht gestrichen. Seine braunen Augen sahen mit einem gleichzeitig fragenden und irritierten Ausdruck zu den Anwesenden, bevor er sich zu Eli wandte. „Eli, wer sind diese Leute? Was ist passiert?“
Der Angesprochene stellte seine beiden Begleiterinnen vor und Rush hakte sofort kritisch ein: „Haben Sie diese seltsamen Fantasieuniformen nicht bemerkt, Eli. Die können uns doch auch das Blaue vom Himmel lügen.“
Eli bemerkte den Unmut bei beiden Frauen. Es war Christina Mitchell, die vortrat und ihrerseits erklärte: „Hören Sie, Doktor Rush. Wenn ich finstere Absichten hätte, dann würde Ihr Kollege, Mister Wallace, nicht mehr leben und Sie selbst wären immer noch in Stase. Es ist so, wie Mister Wallace es Ihnen erklärt hat. Auf der Erde schreibt man inzwischen das Jahr 2101 und es gibt dort keine einzelnen Nationen mehr. Das sind die Fakten.“
Noch immer nicht wirklich überzeugt sah Rush zu Eli und fragte: „Was denken Sie?“
Eli überlegte nur kurz, bevor er meinte: „Na ja, die Luzianer-Allianz würde wohl weniger subtil vorgehen und wer sonst hätte Mittel und Möglichkeiten hierher zu gelangen? Nebenbei bemerkt: Werfen Sie mal einen Blick auf deren Knarren, Rush. Zumindest ich habe solche Waffen noch nie gesehen.“
Nicholas Rush brummte unwillig und wandte sich zu Christina Mitchell. „Ich möchte zuerst einmal…“
„Doktor Rush!“
„Später, Eli. Zuerst möchte ich…“
„Rush! Fünf der Stasiskapseln weisen eine Fehlfunktion auf!“
Eli hatte die letzten Worte fast geschrien und der Wissenschaftler sah zu ihm. Nur einmal hatte Eli ihm gegenüber diesen Ton angeschlagen. Erst eine Sekunde später schien ihm die Bedeutung der Worte bewusst zu werden und rasch eilte er zu der Konsole. Eli zur Seite drängend überflog er die Anzeigen und erstarrte.
„Was können wir tun?“, fragte Eli drängend.
Nicholas Rush erwiderte den flehenden Blick des etwas beleibten jungen Mannes und erwiderte: „Für Young, Greer und TJ können wir gar nichts mehr tun. Sehen Sie mich nicht so an, Eli. Selbst ich kann keine Toten zum Leben erwecken. Ich bin kein verdammter Hexenmeister. Bei Lisa Park und Camile gäbe es hingegen…“
Eli begriff in derselben Sekunde und rief aus: „Der Stuhl!“
Rush nickte. „Ja! Können Sie die Bewusstseine von Ginn und Amanda unterscheiden und einzeln transferieren?“
„Ja, das ist kein Problem!“
„Wir setzen zuerst Park in den Stuhl. Sie müssen dann das Bewusstsein von Ginn zuerst separieren und…“
„Warum nicht zuerst Camile?“
Rush sah Eli in beinahe komischer Verzweiflung an: „Wollen Sie Ginn wirklich in den Körper einer Frau transferieren, die vom Alter her fast Ihre Mutter sein könnte, Eli?“
Erkenntnis spiegelte sich in Elis Augen. „Okay, Sie haben recht.“
Rush nickte grimmig. „Ich sehe, Sie können mir folgen.“
„Wovon, zur Hölle, reden Sie beide denn?“, hakte Christina Mitchell ein, die den Dialog mit wachsender Verwirrung verfolgt hatte. „Ich verstehe kein Wort!“
„Nicht jetzt!“, bat Rush drängend. „Nur so viel. In den Systemen dieses Schiffes gibt es die Bewusstseine zweier Frauen. Wir wollen versuchen, mit deren Hilfe, die beiden hirntoten Mitglieder meiner Crew zu retten. Dazu müssen wir sie aber zunächst zum Repositorium bringen.“
Unserer Crew!“, verbesserte Eli.
Meiner Crew, falls Sie an Bord bleiben werden!“, stellte Christina Mitchell klar. Sie rief den Major zu sich und sagte zu Rush: „Ich denke, Sie könnten Hilfe gebrauchen.“
Nicholas Rush sah die Kommandeurin dankbar an. Er beorderte Eli und den hochgewachsenen blonden Offizier, der auf den Ruf seiner Vorgesetzten zu ihnen gekommen war, zu jener Stasiskapsel in der Lisa Park ruhte.
Als Rush die Kapsel abschaltete und sich die Verkleidung anhob, sprangen beide Männer hinzu und fingen den leblosen Körper der schwarzhaarigen Frau auf.
Der Major, den Christina Mitchell mit Nordqvist angesprochen hatte, hob sich den Körper von Lisa Park kurzerhand auf die Arme und warf Eli einen bezeichnenden Blick zu. „Sie erlauben doch? Bevor wir uns zu zweit einen abbrechen…“
„Nur zu, Major. Den Weg kennen Sie ja.“
Christina Mitchell, die bereits vor ihnen wieder auf den Hauptgang hinausgetreten war, wandte sich an Kamarov, der immer noch mit den beiden Unteroffizieren auf sie wartete.
„Lieutenant-Colonel, Sie und die beiden Unteroffiziere schließen sich bitte wieder dem Bataillon an. Geben Sie mir in einer halben Stunde bitte einen ersten Bericht über die Fortschritte aller Arbeiten an Bord. Major Nordqvist und First-Lieutenant Sabatini genügen, als Eskorte für mich.“
In den Augen des Lieutenant-Colonels lag Widerspruch. Doch er sagte lediglich: „In Ordnung, Sir.“
Die Kommandantin schritt voraus, als sie sich wieder zum Stuhlraum begaben. Dort angekommen bettete Nordqvist den leblosen Körper auf seinen Armen vorsichtig in den Sitz.
Eli half dem Major dabei, die Arme und Beine an die richtigen Stellen zu bringen. Danach sagte er zu dem Major: „Bitte halten Sie den Kopf von Park so, dass er an der Rücklehne des Stuhls anliegt, bis die Elektroden an den Schläfen anliegen. Danach lassen Sie bitte sofort los.“
Der Major kam Eli´s Bitte nach. Eli selbst begab sich zu den Stuhlkontrollen.
„Sie wissen ganz sicher, dass es Ginn ist die Sie in den Körper von Lisa Park transferieren?“, erkundigte sich Rush bei ihm.
„Ich kann beide Bewusstseine unterscheiden“, beschied ihm Eli und konzentrierte sich darauf den Stuhl für den Transfer zu programmieren. Dabei sagte er zu Elena Sabatini gewandt, die erneut an seine Seite getreten war: „Ich gebe diesem Versuch bestenfalls eine Chance von zehn zu neunzig.“
„Ach kommen Sie, Eli. Denken Sie positiv und sagen Sie zwanzig zu achtzig.“
Ein unbewusstes Schmunzeln überflog Elis Gesicht. „Also schön, Elena. Sagen wir zwanzig zu achtzig. Ich hoffe es funktioniert.“
Als Eli soweit war, sah er kurz auf und aktivierte dann den Stuhl. Die Bügel, zu beiden Seiten der Kopfstütze, klappten nach vorne und die drei Elektroden an jedem der Bügel schraubten sich an die Schläfen von Lisa Park.
„Was passiert nun?“, fragte Christina Mitchell mit gedämpfter Stimme.
Es war Nicholas Rush, der darauf antwortete. „Jetzt können wir nur abwarten, Colonel. Der Transfer sollte innerhalb weniger Augenblicke erfolgen. Wir haben bereits erfolgreich ein Bewusstsein aus einem Körper in die Schiffssysteme transferiert und wieder zurück in den Körper. Ob man ein Bewusstsein auch mit einem hirntoten Körper verbinden kann, ist hingegen ungewiss.“
Sie schwiegen und warteten einige Augenblicke. Nichts geschah. Verzweifelt sah Eli auf und suchte den Blick von Nicholas Rush, doch dann wurde er abgelenkt.
Die Elektroden schraubten sich zurück und die Bügel des Stuhls klappten selbsttätig wieder in die Ausgangsstellung. Gleichzeitig bäumte sich der Oberkörper der Asiatin im Sitz auf und die Frau gab ein Seufzen von sich. Im nächsten Moment schien sich der Körper wieder zu entspannen und die Hände der Frau umkrampften die Stuhllehnen.
Eilig lief Eli zum Fuß des Stuhls, beugte sich über sie und ergriff die Hände der Frau, wobei er beschwörend fragte: „Ginn! Ginn, bist du da drin?“
Die Augen der Frau öffneten sich. Mit einem irritierten Ausdruck starrten sie das Gesicht vor sich. Mit kratziger Stimme fragte sie schließlich: „Eli? Was ist passiert?“
„Das höre ich heute andauernd. Bist du es, Ginn? Aber… Moment mal, du kannst mich sehen?“
„Ja aber warum fragst du das?“
Die Frau im Stuhl unterbrach sich und hob die Hände so weit an, dass sie einen genaueren Blick darauf werfen konnte. Danach sah sie an sich herab und ihr entfuhr perplex: „Warum ausgerechnet diese Frau, Eli.“
Als die Frau sich aus dem Sessel erhob und einen Schritt auf Eli zu machte, nahm der etwas Beleibte sie in seine Arme. Ginn, im Körper von Lisa Park, klammerte sich an ihn und sagte heiser: „Es tut so gut, wieder einen Körper zu haben. Aber was…“
„Das erkläre ich dir alles später, Ginn!“
Eli sah an der Frau in seinen Armen vorbei, zu Elena Sabatini, ohne deren seltsam veränderten Blick zu bemerken.
Lieutenant Sabatini lächelte ihm gezwungen zu und hob einen Daumen. „Sehen Sie, Eli. Zwanzig zu achtzig funktioniert immer.“
Erst nach einem langen Moment ließ Eli die Frau die nun Ginn war los, bevor die gesamte Szene peinlich werden konnte. Zu dem Major gewandt sagte er: „Sie könnten eigentlich mit Doktor Rush zurückgehen, zu den Stasiskapseln und Camile Wray hierher bringen, während ich den Stuhl für den nächsten Transfer vorbereite.“
Etwas fassungslos, weil ein Zivilist einfach das Kommando übernahm, sah Nordqvist zu seiner Vorgesetzten, die eine zustimmende Geste machte. Wobei sich in den Augen der Kommandantin unverhohlen widerspiegelte, dass sie sich köstlich amüsierte.
Eli, der davon nichts mitbekam, rief Nordqvist noch hinterher: „Camile ist etwas kleiner und wiegt bestimmt nicht mehr, als der Körper von Park. Das schaffen Sie locker!“
Danach ergriff Eli Wallace die Hände der schwarzhaarigen Frau vor sich und sagte ergriffen: „Ich bin sehr glücklich darüber, dich endlich wiederzuhaben, Ginn.“
Abschied und Neubeginn by ulimann644
3

ABSCHIED UND NEUBEGINN


Für die terranischen Männer und Frauen des Elite-Bataillons standen die folgenden beiden Tage ganz im Zeichen der Untersuchung der DESTINY.
Für Nicholas Rush, Eli Wallace, Amanda Perry und Ginn hingegen bedeuteten diese Tage einen regen Informationsaustausch. Besonders mit Major Jan-Findus Nordqvist, First-Lieutenant Elena Sabatini und Colonel Christina Mitchell. Mitunter nahm auch Lieutenant-Colonel Kamarov an diesem Informationsaustausch teil, soweit es seine Dienstroutine an Bord erlaubte.
Besonders Eli und Amanda Perry zeigten sich betroffen, als sie von dem langen Krieg der Menschheit gegen die Luzianer-Allianz erfuhren. Nicholas Rush hingegen nahm die Informationen darüber eher mit dem emotional unbeteiligten Interesse des Gelehrten auf. Was Ginn dachte, zeigte sie kaum. Sie wurde jedoch auffällig still.
Spät, am Abend des zweiten Tages, betrat Elena Sabatini die Messe, wo zu dieser Zeit kaum etwas los war. Sie entdeckte Eli an einem der Tische, als sie sich am Nahrungssynthesizer ein Menü zusammenstellte. Dank dieser mitgebrachten Geräte gab es keine Versorgungsprobleme, was Lebensmittel betraf.
Als sie das Tablett aus dem Ausgabefach nahm, bemerkte sie, dass sich Ginn gerade, etwas kühl wie es schien, von dem jungen Mann verabschiedete, worüber sich dieser offensichtlich den Kopf zerbrach, denn er sah der Frau mit brennenden Augen nach. Sie beschloss, sich zu dem jungen Mann zu gesellen, der auf sie gerade etwas verloren wirkte.
„Hallo, Eli. Darf ich mich zu Ihnen gesellen?“
Eli schreckte aus seinen Gedankengängen auf und sah zu der Argentinierin auf. „Natürlich. Ich bin momentan nur etwas zerstreut müssen Sie wissen.“
„Damit komme ich klar“, wischte Elena Sabatini den schwachen Einwand zur Seite um unvermittelt auf den Punkt zu kommen. „Wie gehen Sie damit um, dass sich ihre Freundin nun im Körper einer anderen Frau befindet?“
Eli machte ein bezeichnendes Gesicht. „Es ist schräg. Dabei ist ihr momentanes Aussehen gar nicht mal das Problem. Ginn scheint sich verändert zu haben.“
Um einen Löffel ihrer Suppe herum, erkundigte sich Elena Sabatini: „Wundert Sie das etwa? Sie war neunzig Jahre lang in einem Computersystem gefangen. Jetzt, da sie wieder körperlich ist, muss sie damit leben, dass ihr Volk von unserem, nach einem langen und entsetzlichen Krieg, militärisch besiegt wurde. Sie hat bestimmt nicht damit gerechnet, für eine so lange Zeit außer Gefecht zu sein und vermutlich gehofft, dass unsere Volker einen Weg zu einer friedlichen Koexistenz finden werden.“
Eli nickte nachdenklich. „Wenn Sie es so sagen, dann scheint es wirklich nicht verwunderlich, dass sie etwas komisch ist.“
Für eine Weile blieb es still zwischen ihnen bevor Eli fragte: „Hat Colonel Mitchell schon etwas dazu gesagt, wann wir den Rest der Mannschaft aufwecken dürfen. Mir gefällt es nicht, sie noch länger in Stase zu lassen.“
Die junge Frau lächelte beruhigend. „Die Kommandantin will warten, bis eine Verbindung mit dem Sternentor auf Astolat möglich ist. Sie will wegen der Toten ein paar Worte zu ihnen sagen und sie im Anschluss in Richtung Heimat schicken. Zusammen mit jenen Männern und Frauen auf der DESTINY, die sich dazu entschließen, das Raumschiff zu verlassen und nach der langen Zeit endlich zur Erde zurückzukehren. Sie möchte, neben psychologischen Erwägungen, wohl auch aus logistischen Gründen heraus, diese Leute nicht länger hier behalten als unbedingt nötig.“
Eli machte eine etwas fahrige Geste. „Das kann ich verstehen. Einige der Leute an Bord der DESTINY haben sich nie mit dem Gedanken angefreundet hier zu sein.“
Mit erwartungsvoller Miene fragte Elena Sabatini: „Was ist mit Ihnen, Eli. Haben Sie sich bereits entschieden, ob Sie gehen oder bleiben?“
Eli lächelte schwach. „Ich habe immer von so etwas hier geträumt, Elena. Ich werde bleiben, falls mich Ihr Colonel nicht rauswirft.“
„Colonel Mitchell wird froh sein, wenn Sie bleiben“, prophezeite die Frau mit einem zufriedenen Lächeln. „Zumindest machte sie Vorhin so eine Andeutung. Sie möchte auch Doktor Rush und Amanda Perry hierbehalten.“
„Die beiden werden ganz bestimmt hierbleiben wollen“, erklärte Eli überzeugt.
„Was ist mit Ginn?“
Eli sah sein Gegenüber unsicher an. „Ich bin mir nicht mehr sicher, ob Ginn an Bord bleiben will. Ich glaube, sie will in Erfahrung bringen was aus ihrem Volk wurde. Sie hat das zwar nicht direkt gesagt, doch ich habe da ein ganz komisches Gefühl.“
Elena nickte nur und löffelte ihre Suppe zu Ende.
„Das wird für Sie nicht einfach werden, nehme ich an?“
Eli machte ein bezeichnendes Gesicht. „Ganz bestimmt nicht. Allerdings weiß ich auch nicht, ob es eine gute Idee wäre, wenn Ginn hier bliebe, ich aber dabei stets Lisa Park vor mir sehe. Ich denke, es wäre nicht dasselbe wie vorher. Außerdem scheint Ginn sauer zu sein, dass wir den Krieg gewonnen haben.“
Elena legte den Löffel in die leere Schüssel und trank einen Schluck von dem Fruchtsaft. Das Glas langsam abstellen meinte sie zweifelnd: „Denken Sie das wirklich? Aber Sie persönlich können doch nichts dafür.“
„Sie sucht vermutlich nur nach einem Ventil für ihre widerstreitenden Gefühle“, orakelte Eli düster. „Ich werde sie vermissen, falls sie geht.“
„Sie sind nicht allein, Eli“, versicherte die Argentinierin prompt und legte spontan einen Augenblick lang ihre Hand auf seinen Unterarm.
Eli lächelte verlegen und sagte: „Gut zu wissen. Bitte entschuldigen Sie mich, ich brauche jetzt etwas Abgeschiedenheit.“
„Muss das wirklich sein?“, hakte Elena Sabatini rasch ein. „Ich wollte in den letzten beiden Tagen nochmal zum Observationsdeck, aber ich habe es bisher nicht geschafft. Vielleicht möchten Sie ja mitkommen?“
Eli, der sich bereits erhoben hatte, sah die Frau überrascht an. Zuerst machte er ein Gesicht als wolle er ablehnen, doch dann meinte er: „Ja, warum nicht?“
Nachdem Elena das Geschirr in das Rückgabefach des Nahrungssynthesizers gestellt hatte, machten sie sich auf den Weg. Unterwegs murmelte Eli: „Das Gerät, das nur Energie und etwas willkürliche Materie braucht um Nahrung zu erzeugen ist eine tolle Sache.“
„Ja, aber wir hatten etwas Hilfe dabei. Die Datenbanken auf ATLANTIS enthielten Hinweise darauf, wie man so etwas konstruiert.“
Sie schwiegen bis sie das Observationsdeck erreichten.
Eli, der solche Ausblicke bereits einige Male erleben durfte, schmunzelte amüsiert, als Elena begeistert loslief und erst am Geländer abstoppte. Er folgte der Argentinierin langsamer und blieb neben ihr stehen.
Die DESTINY hatte die Außenzone der vor ihnen liegenden Spiralgalaxie noch nicht ganz erreicht. So lag die gesamte Galaxie, der sie sich, relativ betrachtet, von schräg oben näherten, quasi vor ihnen ausgebreitet.
Eli sah seine Begleiterin sinnend von der Seite an. Dabei spürte er ein seltsames Kribbeln im Magen, während er ihre Faszination registrierte. Leise sagte er schließlich: „Ist immer wieder ein toller Anblick. Ich habe das Ein- und Ausfliegen aus Galaxien jetzt bereits mehrmals beobachtet, aber daran gewöhnen werde ich mich nie. Wir haben Glück, dass die DESTINY gerade den Hyperraum verlassen hat. Offensichtlich um den Anflugkurs zu berechnen. Das geschah bei den letzten Malen ebenfalls.“
„Auf der Countdown-Uhr stand eine knappe Stunde, bevor ich zur Messe kam.“
Etwas verwundert sah Eli die Frau an. „Sie können die Antikersprache lesen?“
Elena Sabatini erwiderte den fragenden Blick des Mathematikgenies und lächelte nachsichtig. „Lesen, sprechen und schreiben. Die Sprache der Antiker gehört, seit einem halben Jahrhundert bereits, zu den Pflichtfächern an allen terranischen Schulen.“
„Verstehe.“
Für eine Weile blieb es still zwischen ihnen, bevor Eli sinnend meinte: „Woran ich mich auch erst gewöhnen muss ist, dass dieses Raumschiff kein besseres Wrack mehr zu sein scheint. Gestern habe ich einen längeren Rundgang gemacht und bemerkt, dass nicht nur sämtliche Schäden nicht mehr vorhanden sind, sondern dass die DESTINY jetzt auch über drei nagelneue Shuttles verfügt. Ich wüsste zu gerne, wann, wie und wo das passiert ist.“
„Freuen Sie sich doch einfach über den Umstand.“
Eli lächelte amüsiert, bei dieser Bemerkung. „Doktor Rush hat sich gar nicht gefreut, als er entdeckte, dass seine mathematischen Aufzeichnungen an den Wänden von einem der Gänge dafür nun nicht mehr da sind. Den markerschütternden Urschrei, als er das entdeckte, habe ich vermutlich verschlafen.“
Elena sah Eli fragend von der Seite an, bevor sie meinte: „Kein Wunder, dass der Doktor seither so finster aus der Wäsche guckt.“
„Der guckt immer finster aus der Wäsche.“
Eli nickte ernsthaft, bis die Miene seiner Begleiterin ihn zum Lachen reizte. „Na ja, ganz so schlimm ist er doch nicht.“
Der junge Mann wandte den Kopf ab und blickte wieder hinaus ins All, ohne wirklich etwas zu sehen. Schließlich stieß er sich entschlossen vom Geländer ab und sagte bestimmt: „Sie entschuldigen mich jetzt bitte, Elena. Es war ein langer Tag. Aber Sie müssen mir morgen unbedingt mehr von der Entwicklung auf der Erde erzählen.“
„Natürlich, Eli. Wir sehen uns also morgen?“
Elena beobachtete Eli dabei, wie er zustimmend nickte und nachdenklich davon schritt. Dabei überflog unbewusst ein Lächeln die geschwungenen Lippen der jungen Frau.

* * *


Zwei Tage später gab Colonel Christina Mitchell grünes Licht dazu, die Männer und Frauen, die sich noch in Stase befanden, aufzuwecken. Immer Abteilung für Abteilung, in Gruppen zu acht Leuten. Dadurch sollte zu viel Konfusion vermieden werden. Sie hatte Rush und Eli Wallace darum gebeten, beim Erwecken anwesend zu sein, damit die Wiedererweckten wenigstens zwei vertraute Gesichter sahen.
Die erste Gruppe bildeten die beiden einzigen lebenden Menschen, die sich in dieser Abteilung noch in Stase befanden. Matthew Scott und Chloe Armstrong.
Als die Beleuchtung innerhalb beider Kapseln wechselte, hoben sich gleichzeitig die Frontverkleidungen. Beinahe sofort öffneten beide Menschen die Augen. Etwas benommen wirkend kam Scott aus seiner Kapsel, während sich Chloe zuerst für einen Augenblick lang umsah, bevor sie ihm folgte.
Der First-Lieutenant kam sofort auf den Punkt, als er Eli erkannte und fragte: „Sind wir endlich am Ziel, Eli?“
Chloe räusperte sich auffällig, bevor Eli etwas erwidern konnte. Matthew Scott bemerkte in demselben Moment die Anwesenheit zweier Menschen, die er nicht kannte. Bei beiden erkannte er, dass sie eine Handwaffe an der Uniform trugen, wobei Genaueres, wegen der geschlossenen Halfter, nicht zu erkennen war. Ungläubig wieder Eli Wallace ansehend fragte er: „Wer sind diese Leute?“
Eli druckste herum, bevor er entschlossen erklärte: „Das sind Menschen von der Erde, Lieutenant. Von der Erde des Jahres 2101. Unser Schlaf hat etwas länger gedauert.“
„Haben die Ihnen das eingeredet?“, ereiferte sich Scott. „Wer sagt uns, dass die…“
„Sie hätten uns einfach getötet, wenn sie finstere Absichten hegen würden!“, fuhr Eli ihm in die Parade. „Diese Menschen sind, unter dem Kommando von Colonel Christina Mitchell, die freundlich Dame zu meiner Rechten, schon seit einigen Tagen hier. Über die Einzelheiten können wir später reden, jetzt nur so viel: Jeder, der es wünscht, hat die Möglichkeit zur Erde zurückzukehren. Na ja, zuerst zur Pegasus-Galaxie und dann zur Erde.“
Scott sah zur Seite und deutete auf die Kapsel, hinter der Colonel Young zu erkennen war. „Warum haben Sie ihn nicht zuerst erweckt, Eli?“
Noch während Matthew und Chloe auf eine Antwort warteten, trat Nicholas Rush, der seit der Wiedererweckung der beiden jungen Menschen unmerklich hinter der Konsole gekauert hatte, vor und sagte: „Es gab technisch Probleme. Colonel Young, TJ und Sergeant Greer haben es nicht geschafft.“
Tränen traten in Chloes Augen und auch Matthew Scott wirkte erschüttert. Verzweifelt sah der Lieutenant von Rush zu Eli, der bedauernd nickte. „Das ist nicht alles. Bei Park und Camile trat während des langen Schlafes der Hirntod ein. Rush und ich konnten jedoch die Bewusstseine von Ginn und Doktor Perry, mit Hilfe des Stuhls, in deren Körper übertragen.“
„Oh, mein Gott!“, entfuhr es Chloe und sie umklammerte den Unterarm des Lieutenants, den sie, nach der Ankunft auf diesem Raumschiff zu lieben gelernt hatte.
Erst jetzt trat die hochgewachsene Frau, die Eli als Colonel Mitchell vorgestellt hatte, hinzu und sagte: „Der Verlust tut mir sehr leid. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach zu verarbeiten ist, was Sie gerade erfahren haben.“
Christina Mitchell machte eine kleine Pause, bevor sie mit verändertem Tonfall erklärte: „Meine Leute haben, innerhalb der letzten Tage, das Sternentor der DESTINY an einige mitgebrachte Naquadah-Reaktoren neuester Fertigung angeschlossen. Die Energie reicht aus, um ein stabiles Wurmloch zum Stargate eines unserer Stützpunkte, in der Pegasus-Galaxie, zu etablieren. Von dort aus werden alle Rückkehrer zunächst nach ATLANTIS gebracht und von da aus geht es danach zur Erde. Ich würde gerne einige der Leute, wie Sie beide, Doktor Brody und Doktor Volker hierbehalten. Diese würden, in diesem Fall, als zivile Berater, den Terranischen Streitkräften unterstehen. Doch die Entscheidung darüber steht jedem der hier befindlichen Menschen natürlich frei.“
Scott sah bei den Worten der Kommandeurin fragend zu Chloe.
Die verstand die unausgesprochene Frage, sah kurz zu Eli und erklärte dann entschlossen: „Ich will nach Hause, Matt. Auch, wenn wir dort keinen mehr kennen.“
Danach zu Eli Wallace sehen, sagte sie traurig: „Es tut mir leid, Eli, aber ich wollte nie an Bord dieses Raumschiffes sein. Auch, wenn ich mich zuletzt als Teil dieser Crew gesehen habe, war es doch nie wirklich mein Zuhause.“
Noch während Eli die Freundin betroffen ansah, wandte sich Matthew Scott an Colonel Christina Mitchell. „Ich hatte einen Sohn auf der Erde. Vermutlich ist er bereits tot. Falls er jedoch noch lebt, wäre er 99 Jahre alt. Ich würde gerne wissen wollen, wie es ihm geht, falls das der Fall sein sollte. Das verstehen Sie sicher.“
„Natürlich. Trägt er ebenfalls den Namen Scott?“
„Nein, sein Name ist Matthew Balic. Er trägt den Nachnamen seiner Mutter.“
Die Augen der blonden Terranerin weiteten sich etwas. „Matthew Balic sagen Sie? Im Krieg gegen die Luzianer-Allianz kommandierte ein Colonel mit diesem Namen eines der drei zuerst in Dienst gestellten Trägerschlachtschiffe der CARTER-KLASSE. Im Jahr 2050 verteidigte er, an der Spitze eines terranischen Kampfverbandes, den Planet Langara gegen eine zahlenmäßig überlegene Raumflotte des Feindes. Er gilt heute noch als Kriegsheld. Wenn er es ist, dann lebt er noch. Er zog sich kurz nach dem Krieg ins Privatleben zurück und heiratete, einige Jahre später, eine Langaranerin. Nach meinen Kenntnissen bekleidete er dort, viele Jahre lang, ein hohes politisches Amt. Wenn es sich bei dieser Person um Ihren Sohn handelt, dann werden sie ihn bestimmt auf Langara finden, Lieutenant Scott.“
Die Augenlider des Lieutenants weiteten sich und mit einem vielsagenden Blick sah er zu Chloe. „Hast du das gehört? Das ist…“
Matthew Scott versagte die Stimme.
Eli konnte sich nur vage vorstellen, was in Scott vorgehen musste. Selbst er hatte den Worten des Colonels beinahe atemlos gelauscht. Nach einer Weile unangenehmen Schweigens deutete er mit dem Daumen über die Schulter und meinte: „Doktor Rush und ich sollten jetzt die Übrigen aufwecken. Denen steht die ganze Überraschung noch bevor. Geht mir bloß nicht durch das Sternentor, ohne dass ich Euch vorher verabschiedet habe.“
Chloe drückte sacht den Oberarm des etwas Beleibten. „Ganz bestimmt nicht.“
Eli sah den beiden nach, als sie Hand in Hand davon schritten, bis ihn die Stimme von Nicholas Rush in die Wirklichkeit zurückholte: „Kommen Sie, Eli. Wir wollen jetzt auch die übrigen Langschläfer wecken.“

* * *


Einige Stunden später standen alle Zivilisten im Torraum der DESTINY versammelt. Einigen von ihnen sah man deutlich an, dass sie die neue Lage noch gar nicht richtig erfasst hatten. Wie sollten sie das auch?
Die, wie man nun richtig sagen musste, ehemaligen Militärangehörigen der USA standen bei ihnen. Die meisten von ihnen hatten beschlossen ebenfalls zur Erde zurückzukehren. Nur eine Handvoll von ihnen, darunter Vanessa James, hatten sich dazu entschieden an Bord zu bleiben. Zusammen mit den Zivilisten Adam Brody, Dale Volker, Varro, und einer asiatisch aussehenden Doktorin der Biologie und Chemie auf der ehemaligen Ikarus-Basis, namens Andrea Fisher.
Zwischen den Menschen, die rechts und links der Bodenbeleuchtung Aufstellung genommen hatten, lagen drei Bahren. Inzwischen wussten die Anwesenden, um wen es sich bei den Leichen unter den Decken handelte und wodurch sie zu Tode gekommen waren.
Auf der umlaufenden Galerie hatte Colonel Christina Mitchell eine Ehrenwache antreten lassen. Sie selbst in halber Höhe auf einer der beiden Treppen zur Galerie, damit sie von den Anwesenden besser gesehen werden konnte. Zwei Stufen hinter der Terranerin standen Doktor Rush und Eli Wallace.
Die terranische Kommandeurin wartete bis Ruhe einkehrte. Schließlich räusperte sie sich und sagte mit klarer Stimme: „Bevor Doktor Rush und Mister Wallace eine Verbindung zu unserer Basis auf Astolat, in der Pegasus-Galaxie, herstellen werden, möchte ich die Toten ehren, die für mehr als ein Jahr lang ein Teil Ihrer Gemeinschaft gewesen sind. Ich kannte diese Menschen nicht, doch mir wurde gesagt, dass sie einen wesentlichen Anteil daran gehabt haben, dass die meisten von Ihnen noch leben. Einer der Toten trug dieselbe Last der Verantwortung, die auch ich heute trage. Da er sie unter sehr viel widrigeren Umständen trug, gilt ihm, wie den beiden anderen Toten und auch Ihnen, den Überlebenden, meine vollste Anerkennung und mein tief empfundener Respekt.“
Die Terranerin sah kurz zur Galerie und befahl: „Ehrengarde: Salutiert!“
Die angetretenen terranischen Soldaten nahmen Haltung an und salutierten, so wie es auch ihre Vorgesetzte in diesem Moment tat.
Die Militärangehörigen des Ikarus-Projektes folgte diesem Beispiel, während sich die Haltung der Zivilisten, mehr oder minder, straffte.
„Ehrengarde: Rühren!“
Die Soldaten beendeten den Salut und ein leises Raunen entstand unter den Anwesenden, das im nächsten Moment von Christina Mitchells Stimme übertönt wurde.
„Bitte machen Sie sich nun bereit. Die Leute, die die Bahren tragen, werden zuerst mit den Toten das Sternentor durchschreiten. Danach treten Sie, in der Reihenfolge, die Ihnen vor Ihrem Erscheinen hier genannt worden ist, durch das Sternentor. Sie werden auf der anderen Seite empfangen. Man wird sich dort um Ihr Wohlergehen kümmern, und Sie danach zur Stadt ATLANTIS bringen, von wo aus Sie letztlich in die Milchstraße, zur Erde, zurückkehren werden. Ich wünsche Ihnen Glück, Gesundheit und ein langes Leben.“
Sie schritt mit Rush und Eli Wallace die Treppe hinunter und nickte den beiden Männern zu, die sich zu den beiden Konsolen begaben. Ihre eigenen Leute wären ebenfalls dazu in der Lage gewesen, das Sternentor in der Pegasus-Galaxie anzuwählen. Die Terranerin wollte jedoch, dass die Menschen, die an Bord dieses Raumschiffs in eine andere Epoche verschlagen worden waren, sahen, dass ihre eigenen Leute den Weg nach Hause öffneten.
Mit einem metallischen Knarren setzte sich der gesamte Ring des Sternentores in Bewegung; etwas, dass die anwesenden Terraner in dieser Form nicht gewohnt waren. Nachdem Eli Wallace das Symbol für das neunte Chevron eingegeben hatte, bildete sich der beinahe vollkommen weiße Vortex. Einen Moment später leuchtete der Ereignishorizont so beruhigend, wie bei jeder normalen Verbindung, zu einem lokalen Tor in der Nähe.
Christina Mitchell gab ihrem Stellvertreter ein Zeichen und Oberstleutnant Kamarov begann mit der Koordination der Abreise.
Matthew Scott und Chloe Armstrong, die darum gebeten hatten als Letzte durch das Tor gehen zu dürfen, schritten zur Mitte des Torraumes hin.
Nach einem schnellen Blickwechsel mit Doktor Nicholas Rush entfernte sich Eli von seiner Konsole und schritt schnell auf die beiden zu.
Obwohl Eli auf Chloe zugegangen war, erreichte Scott ihn zuerst und er nahm den etwas Beleibten kameradschaftlich in den Arm. Ihm auf die Schulter klopfend meinte er: „Du hast die gesamte Zeit über jemanden gesucht. Ist es diese Schwarzhaarige? Wie war noch gleich der Name? Elena?“
Eli ging etwas auf Abstand und sah den Lieutenant unwillig an, während dieser grinste und meinte: „Komm schon, Eli, die steht auf dich.“
„Wir haben uns angefreundet“, wiegelte Eli schnell ab und Scotts Gesichtsausdruck war nur allzu deutlich zu entnehmen, was er von dieser Aussage hielt. Er trat zur Seite, um Chloe Platz zu machen.
Die junge Frau mit den langen, braunen Haaren umarmte Eli herzlich. Dabei flüsterte sie leise: „Es tut mir leid, dich hier zurückzulassen, Eli. Doch ich möchte endlich nach Hause. Ich denke, ich muss mir keine Sorgen um dich machen, denn Matt hat recht. Diese Elena mag dich, das merkt man. Also, vermassel das nicht, hörst du?“
Eli Wallace ließ Chloe widerstrebend los und grinste ob ihrer letzten Worte etwas verlegen. Dann meinte er: „Werde ich nicht. Ich werde trotzdem an Euch beide denken.“
„Und wir werden an dich denken, Eli.“
Für einen Moment erstarrte die Haltung des jungen Mannes und Chloe, die bemerkte, dass Eli an ihr vorbeisah, folgte seinem starren Blick. Sie sah gerade noch, wie sich Ginn, im Körper von Lisa Park, dicht vor dem Ereignishorizont des Sternentores stehend, abwandte und durch das Tor schritt.
Als Chloe Eli wieder ansah, bat dieser mit belegter Stimme: „Passt bitte auf sie auf.“
Es war Scott, der beruhigend antwortet: „Das werden wir. Ich verspreche es dir.“
Eli Wallace nickte dankbar. Er wandte sich ab und schritt wieder zurück zu seiner Konsole, um auch Rush die Gelegenheit zu geben, sich von Matt und Chloe zu verabschieden, wobei dessen Abschied deutlich kürzer ausfiel.
Als auch Rush wieder an seiner Konsole stand beobachteten er und Eli, wie die beiden Hand in Hand durch das Tor schritten und verschwanden.
Nicholas Rush sah zu Eli und erkundigte sich mit forschendem Tonfall: „Werden Sie damit klarkommen, dass Chloe nicht mehr an Bord der DESTINY ist?“
Eli Wallace erwiderte den Blick des Wissenschaftlers.
„Das werde ich, Doktor Rush.“
Der Wissenschaftler nickte zufrieden. „Sehr gut, Eli. Denn egal was diese Terraner auch immer können oder nicht können, ich vermute mal, dass wir Sie schon sehr bald in Höchstform brauchen werden.“
„Ganz der alte Optimist“, spöttelte Eli und wartete an der Konsole, bis der Ereignishorizont des Stargates hinter Matt und Chloe zusammenbrach. Danach folgte er Rush, denn Christina Mitchell hatte sie beide darum gebeten, sich nach der Verabschiedung der Kameraden und Freunde, mit ihr auf dem Observationsdeck zu treffen.
Die Seele der DESTINY by ulimann644
4

DIE SEELE DER DESTINY


Als Rush und Eli das Observationsdeck erreichten, waren außer Christina Mitchell und Lieutenant-Colonel Kamarov, auch Major Jan-Findus Nordqvist und Amanda Perry anwesend. Die beiden Neuankömmlinge wussten inzwischen, dass Nordqvist als Leiter des Wissenschaftsteams in Christina Mitchells Bataillon fungierte.
Der Skandinavier bemerkte den suchenden Blick von Eli Wallace und sagte mit grimmiger Miene: „Lieutenant Sabatini ist gegenwärtig mit einer anderen Aufgabe betraut.“
Colonel Mitchell bot den beiden Männern Platz an dem Tisch an, an dem sie sich niedergelassen hatten. Dabei bemerkte Eli, dass Amanda Perry in derselben Art und Weise schmunzelte, wie es die Asiatin, deren Körper sie übernommen hatte, gelegentlich getan hatte und für einen Moment glaubte Eli Camile vor sich zu haben. Das änderte sich, als Amanda zu Nicholas Rush sah, denn so hatte Camile den Doktor nie angesehen.
Nachdem sie Platz genommen hatten, eröffnete Christina Mitchell das Gespräch, indem sie in die Runde sagte: „Lieutenant-Commander Kamarov ist hier an Bord bisher der Einzige, außer mir selbst, der weiß, zu welcher Mission die DESTINY ursprünglich von den Antikern losgeschickt wurde. Auf der Erde fand der Pionier-Trupp, der die erhaltenen Bereiche des ehemaligen Hauptquartiers des Homeworld-Command untersuchte, Datenträger auf denen auch Ihre Theorien zu diesem Thema festgehalten worden waren, Doktor Rush. Ihre Schlussfolgerung war zum Teil richtig, denn es geht wirklich darum, eine Form von Intelligenz nachzuweisen, die bereits zu Beginn des Universums da gewesen ist. Jedoch handelt es sich nicht um eine Form von Intelligenz, wie Sie es sich dachten, Doktor.“
Auf dem Gesicht von Nicholas Rush lag Erstaunen. „Dann konnten Sie das Signal, das die Antiker nachweisen konnten, also entschlüsseln?“
Christina Mitchell schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein, das wäre maßlos übertrieben. Doch was wir entdeckten ist, dass die Antiker nicht auf der Suche nach einer Intelligenz waren, die bei der Entstehung des Universums mit entstanden ist. Sie wollten vielmehr nachweisen, dass das Universum selbst eine Form von Intelligenz ist.“
Gleichermaßen ungläubig sahen Perry, Rush und Eli die Bataillons-Kommandeurin an. Erst nach geraumer Weile fragte Nicholas Rush: „Wollen Sie damit etwa sagen, dass das Universum lebt? Dass es denken und fühlen kann? Aber das ist doch…“
„Tun Sie diese Möglichkeit nicht deswegen ab, weil sie unser Weltbild völlig auf den Kopf stellen würde“, fuhr ihm Nordqvist in die Parade. „Natürlich wissen wir nicht, ob die Antiker auf der richtigen Spur gewesen sind. Die Kommandantin hat Sie lediglich damit vertraut gemacht, was die Antiker ursprünglich wirklich zu dieser Mission bewog.“
Nicholas Rush atmete tief durch und sah von Amanda Perry zu Eli. Beide zuckten mit den Schultern und es war Amanda, die erklärte: „Das erscheint im ersten Moment einfach zu fantastisch, als dass ich es glauben könnte. Wir alle haben hier an Bord jedoch Dinge erlebt, die wir uns vorher auch nicht hätten vorstellen können.“
„Ja, aber das?“, platzte Rush heraus. „Ein lebendes und denkendes Universum? Wie passen all die verschiedenen Spezies und ihre Intentionen da hinein?“
Eli, der bisher geschwiegen hatte, meinte missmutig: „Wahrscheinlich sind wir in etwa dasselbe, wie winzige Einzeller oder Bakterien in einem riesigen Blauwal.“
Rush sah seinen Begleiter unwillig an. „Vielen Dank, Eli!“
„Das ist vielleicht gar nicht mal so weit hergeholt“, mischte sich Jan-Findus Nordqvist ein. „Eli Wallace hat möglicherweise Recht. Umso erstaunlicher ist es, dass die Antiker anscheinend versuchten, mit dem Universum selbst in Kontakt zu treten. Möglicherweise haben sie nur deswegen gelernt aufzusteigen?“
Es war Nicholas Rush deutlich anzusehen, dass er mit dieser Erklärung nicht einverstanden war. Andererseits hatte er gegenwärtig auch keine bessere Erklärung, deshalb schwieg er sich aus. Christina Mitchell wollte die Gelegenheit nutzen, um ihre Meinung zu diesem Thema zu sagen, doch sie kam nicht dazu. Eine Meldung, die sie über das flache Funksegment am Kragen der Uniform erreichte, verhinderte das.
„Colonel Mitchell, hier Lieutenant Sabatini. Mein Team hat etwas entdeckt, das Sie sich umgehend ansehen sollten. Ich befinde mich in einer der vorderen Sektionen, die nach Angabe der Pläne, die wir auf der Erde fanden, als unzugänglich ausgewiesen war. Hier gibt es eine Reihe von Anlagen, die wir noch nicht identifizieren konnten. Doch ein Bereich kam uns bekannt vor. Dort fanden wir etwas Interessantes, Sir!“
„Machen Sie es nicht so spannend, Lieutenant, und drücken Sie sich klarer aus!“
„Ich würde das nicht gerne über Funk mitteilen, Sir. Es wäre besser, wenn Sie es sich zuerst ansehen und dann entscheiden. Vielleicht wäre es eine gute Idee, Major Nordqvist, Doktor Rush und Eli Wallace mitzubringen. Sabatini, Ende.“
Christina Mitchell sah grimmig in die Runde. „Wissenschaftler!“
Mit diesem Wort erhob sich die Terranerin. „Wir gehen zusammen hin und sehen uns an, was Lieutenant Sabatini uns zeigen will. Ich hoffe für diese junge Frau, dass sie einen guten Grund dafür hat, mich derart auf die Folter zu spannen.“
Colonel Mitchell setzte sich in Bewegung und die übrigen Anwesenden folgten ihr.

* * *


Eine halbe Stunde zuvor hatte sich Elena Sabatini, auf das Geheiß ihres Vorgesetzten Major Nordqvist hin, mit einem Erkundungsteam von sieben Männern und Frauen in Marsch gesetzt. Sie sollten einen der vorderen Bereiche des Raumschiffs untersuchen, über den es in den auf der Erde gefunden Plänen der DESTINY keine Angaben gab.
Elena Sabatini wusste, dass es ein gutes Dutzend solcher weißer Flecken in den Schiffsplänen gab. Andere Teams, außer dem ihren, waren zeitgleich zu diesen Bereichen der DESTINY unterwegs.
An einer Gangabzweigung blieb Elena Sabatini stehen und rief den Übersichtsplan des Armdisplays auf. Während sie die Abzweigung auf der Karte eintrug, fragte Master-Sergeant Enrico Manetti, der neben Sabatini stand: „Gehen wir weiter geradeaus, bis zu diesem etwas größeren Quergang, oder biegen wir bereits hier ab, Lieutenant?“
„Wir biegen hier ab und erkunden diesen unbekannten Bereich von hier aus zum Bug hin“, entschied Elena Sabatini. Sie sagte etwas lauter, über die Schulter hinweg: „So, wie sich die weißen Stellen in der Seitenansicht über den Deck-Plan verteilen, muss es zudem einen Lift oder eine andere vertikale Verbindung geben. Halten wir also danach Ausschau, wenn wir diesen Bereich betreten. Aktivieren Sie jetzt die Scanner der Arm-Padds.“
Die Männer und Frauen bestätigten und gemeinsam setzten sie den Weg fort. Die Arm-Padds der Kampfanzüge waren miteinander vernetzt und die Ergebnisse der verschiedenen Scanns würden den momentan noch unvollständigen Schiffsplan der DESTINY sehr rasch ergänzen.
Durch den schmalen Gang bewegten sie sich der Zentralachse des Raumschiffes entgegen. Nach etwa zwanzig Metern endete er abrupt vor einem Durchgangsschott. Es bereitete Elena Sabatini keinerlei Problem das Schott zu öffnen. Sie sah für einen Augenblick in den nur spärlich beleuchteten Bereich hinter dem Schott, bevor sie sich in Marsch setzte. Dabei blieb der Master-Sergeant sichernd an der Seite des Lieutenants.
Der Raum, der sie aufnahm, musste mehr als acht Meter hoch sein. Vor ihnen erhoben sich zwei Reihen von jeweils zwei Meter durchmessenden Zylindern, die bis zur Decke des Raumes hinauf reichten. Die Wandungen dieser Zylinder bestanden zu weiten Teilen aus einem transparenten Material, hinter dem die Terraner eine halb-trübe, gelb-orange Flüssigkeit sehen konnten. Jedoch ahnte niemand von ihnen, wozu diese Flüssigkeit diente.
Anders, als in den Gängen des Raumschiffes, aktivierten sich hier keine weiteren Lichtleisten, sodass die acht Männer und Frauen sich in einer dämonisch wirkenden, orange beleuchteten Umgebung umsahen.
„Wenn man bedenkt, dass dieses Raumschiff kürzlich überholt worden zu sein scheint, dann muss es einen Grund dafür geben, dass die Beleuchtung in diesem Raum so speziell ist“, überlegte Elena Sabatini halblaut. „Möglicherweise ist das Gebräu lichtempfindlich. Wie dem auch sei, wir gehen durch die Mitte der Zylinderreihen zur anderen Seite des Raumes. Zumindest auf dieser Seite erkenne ich keine weiteren Schotts, oder Lifteingänge.“
Immer zu zweit nebeneinander bewegten sich die acht Menschen vorsichtig zwischen den Zylindern hindurch und sahen sich dabei aufmerksam um. Erst jetzt nahmen sie wahr, dass von jedem der Zylinder ein beinahe unmerkliches, helles Summen ausging.
Sie erreichten das andere Ende des Raumes und eine der begleitenden Frauen deutete auf eine Wandaussparung, wenige Meter neben dem vor ihnen liegenden Schott. „Das sieht wie einer dieser Liftschächte aus, von denen wir auf dem Raumschiff bereits eine Reihe entdecken konnten.“
Elena Sabatini überlegte einen Moment lang und entschied dann: „Master-Sergeant Manetti: Sie, Corporal Farzamfar und Private Myers werden gemeinsam mit mir den Lift benutzen. Wir werden feststellen, wohin er uns bringt. Der Rest wartet hier auf uns. Sergeant Low, Sie übernehmen in dieser Zeit hier oben. Sollten wir in zehn Minuten nicht wieder bei Ihnen sein, informieren Sie Colonel Mitchell.“
Die zuletzt angesprochene drahtige Asiatin bestätigte und gab ihrem Team die Anweisung auszuschwärmen, um den Bereich zu sichern.
Gemeinsam mit Master-Sergeant Enrico Manetti, Fatmira Farzamfar und Fidel Myers betrat Lieutenant Sabatini die Liftplattform. Nachdem sie die Knöpfe am Wandpaneel einen Augenblick lang studiert hatte, drückte sie einen von ihnen und der Lift setzte sich in Bewegung. Dabei spürten die Männer und Frauen instinktiv, dass es nach unten ging.
Elena Sabatini verließ den Lift als Erste und im nächsten Moment aktivierten sich Lichtleisten an der Decke und im Boden der Halle, die sie betreten hatte.
Die vier Menschen gingen einige Schritte in die Halle hinein und blieben stehen, als sie zu den Apparaturen sahen, die sich im Zentrum der Halle befanden. Sie blickten auf ein Dutzend liegende, stark abgeflachte, und an den Enden abgerundete Zylinder, die auf massiven Sockeln ruhten. Die obere Hälfte dieser Zylinder wies über weite Strecken transparente Elemente auf. Von der Decke der Halle führten Schläuche, aus einem klobigen Sammelgerät zu den einzelnen Zylindern. In ihnen pulsierte jene gelb-orange Flüssigkeit, die sie eine Etage über sich gesehen hatten. Jeweils einer der Schläuche führte zu je einem der Zylinder und einer führte von ihnen zurück zu dem Sammelgerät unter der Decke.
Manetti wandte sich zu seiner Vorgesetzten und fragte: „Könnte es sein, dass die Flüssigkeit, aus den Behältern über uns, hier herunter zu den Zylindern gepumpt wird? Wozu ist das wohl gut, Lieutenant?“
„Finden wir es heraus“, schlug Elena Sabatini vor. „Wir sehen uns zuerst den Zylinder dort vorne an, der uns am nächsten ist.“
Sie setzten sich in Bewegung, wobei sie permanent Umschau hielten.
An dem Zylinder angekommen stellte Elena Sabatini fest, dass ein feiner Raureif auf dem Zylinder lag. Mit ihrer behandschuhten linken Hand strich sie über eines der transparenten Elemente. Gleich darauf wich sie erschrocken zurück.
„Was ist denn?“, erkundigte sich der Master-Sergeant und trat etwas nach vorne. Im nächsten Moment wusste er, was es gewesen war. In dem Zylinder lag ein leicht bekleideter Mensch. Sein Körper wurde komplett von der gelb-orangen Flüssigkeit umspült. Manetti vermutete, dass diese Flüssigkeit auch bei Temperaturen weit unter null Grad nicht gefror.
Auch die anderen beiden Mitglieder des Teams warfen einen Blick ins Innere des Zylinders und Fatmira Farzamfar fragte: „Könnte das ein Antiker sein? Wenn ja, dann würde mich interessieren, wann er an Bord kam.“
„Mich würde eher interessieren, warum er dort drin liegt“, mischte sich Fidel Myers ein. Dabei stachen seine weit aufgerissenen Augen förmlich aus dem dunkelhäutigen Gesicht.
Elena Sabatini sah in die Runde und versicherte: „Das werden wir herausfinden. Wenn meine Vermutung sich bestätigt, dann haben wir es hier mit echten Antikern zu tun. Doch was die hier machen, darüber kann ich nur spekulieren. Unsere Wissenschaftler werden das Rätsel für uns lösen müssen.“
Mit einem letzten Blick auf die elf anderen Behälter nahm Lieutenant Sabatini Kontakt zu Colonel Mitchell auf. Die Kommandantin würde das weitere Vorgehen festlegen, nachdem sie sich angesehen hatte, was sich hier unten befand.

* * *


Es dauerte zehn Minuten bis Colonel Mitchell, gemeinsam mit Nordqvist, Rush, Amanda Perry und Eli Wallace die Halle erreichte. Umgehend begab sie sich zu Elena Sabatini, die inzwischen mit ihren Begleitern festgestellt hatte, dass in den Behältern sieben Frauen und fünf Männer lagen. Deren biologisches Alter war schwierig zu bestimmen, da auch nicht aufgestiegene Antiker eine längere durchschnittliche Lebensspanne besaßen, als die Menschen der Erde, zum gegenwärtigen Zeitpunkt.
Christina Mitchell wandte sich zu Nicholas Rush und erkundigte sich: „Was denken Sie, Doktor? Sind das Schlafbehälter? Warum sehen die anders aus, als die Stasiskammern?“
Rush, der sich zuvor im oberen Bereich etwas umgesehen hatte, sah die Terranerin an und meinte nachdenklich: „Ich denke nicht, dass das hier Stasiskammern sind. Diese Männer und Frauen müssen sich seit Jahrtausenden hier befinden, wenn nicht sogar sehr viel länger.“
Eli Wallace begutachtete inzwischen einen der Behälter etwas genauer. Das Gesicht der Frau darin wirkte beinahe ätherisch entrückt. Selbst in dem jetzigen Zustand dieser Frau, in eiskalter Starre und mit geschlossenen Augen, spürte der junge Mann, dass sie zu Lebzeiten an eine höhere Bestimmung geglaubt hatte. Vermutlich hatte sie sich deshalb, zusammen mit elf weiteren Antikern, an Bord begeben. Doch wozu? Das herauszufinden war möglicherweise eine der vorrangigen Aufgaben.
Von dem Behälter zu Rush und Mitchell zurückgehend, sah Eli zu Nicholas Rush und berichtete: „Ich habe an dem Behälter, den ich mir angesehen habe, keine Art von Öffnungsmechanismus entdecken können. Wenn es je einen gegeben haben sollte, dann wurde er unbrauchbar gemacht, nachdem diese Menschen sich dort hineinbegeben haben.“
Rush hob leicht die Augenbrauen und ergänzte: „Wir haben hier unten auch keine Steuerkonsole oder etwas in dieser Richtung entdeckt, Eli. Das finde ich seltsam.“
Der etwas Beleibte nickte und wandte ein: „Ich auch nicht. Aber vielleicht gibt es in der Halle über uns eine.“
Nicholas Rush sah zu den Behältern hinüber und schlug vor. „Wir sollten unbedingt herausfinden, wie wir diese Menschen aus den eisigen Gräbern befreien können. Wir könnten ganz sicher eine Menge über die DESTINY von ihnen lernen.“
„Das sollten sie lieber nicht versuchen. Die Schläfer würden das nicht überleben.“
Rush und die Menschen in seiner unmittelbaren Nähe wandten sich um und sahen in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war.
„Doktor Franklin!“, entfuhr es Rush endlich. „Wissen Sie etwa, zu welchem Zweck sich diese Menschen dort drüben in die Tanks gelegt haben?“
Christina Mitchell und das militärische Team hatten indessen ganz anders reagiert. Mehrere Soldaten visierten die Erscheinung an.
So, als wäre es nicht selbstverständlich, erkundigte sich Nicholas Rush bei Mitchell: „Sie sehen den Mann also auch, Colonel?“
Die Terranerin sah den hageren Mann fragend an. „Wäre es nicht so dann würde ich jetzt damit beginnen an Ihrem Verstand zu zweifeln.“
Der harmlos aussehende, schwarzhaarige Mann im weißen Hemd und dunkler Hose, der diese Szene beobachte, lächelte nachsichtig. „Bitte, schießen Sie nicht in der Gegend herum. Ich existiere nur als Hologramm. Sie würden lediglich die Einrichtung demolieren.“
Es war Eli, der auf das Naheliegende zu sprechen kam: „Wozu dienen diese Behälter, Doktor Franklin? Was ist mit den Menschen darin. Sind es wirklich Antiker?“
Jeremy Franklin, oder besser gesagt dessen Hologramm, machte ein entsagungsvolles Gesicht. „Aber das liegt doch auf der Hand, Eli. Man hatte nie vor, diese Menschen da wieder herauszuholen. Haben Sie sich, in all der Zeit an Bord dieses Raumschiffes, denn nie gefragt was die DESTINY dazu in die Lage versetzt herauszufinden, wie seine Besatzung tickt? Erinnern Sie sich mal an das Testszenario, dem Colonel Young unterworfen wurde, als er nicht mehr dazu in der Lage war das Kommando zu führen.“
Eli Wallace wechselte einen Blick mit Christina Mitchell, die ebenso ratlos schien, wie er selbst. Sich erinnernd sagte er: „Damals behauptete Rush, die Sensoren der DESTINY hätten den Zustand des Colonels aufgenommen und ausgewertet.“
„Ja, dieser Überzeugung war er wohl auch“, schmunzelte Franklin. „Doch haben Sie sich damals nicht gefragt, was eine Automatik dazu in die Lage versetzen könnte, derart weitreichende und scheinbar emotionale Entscheidungen zu treffen? Wie, zum Beispiel, die DESTINY anzuhalten und den Flug zu unterbrechen. Jetzt ahnen Sie sicher bereits, dass es gar keine reine Automatik war.“
Eli begriff, als das Hologramm von Franklin seine Ausführungen beendete. Auf die Zylinder deutend entfuhr es ihm: „Wow. Sie meinen, diese zwölf Menschen dort wären das Gehirn der DESTINY?“
Jeremy Franklin lächelte fein. „Eher die Seele der DESTINY, Mister Wallace.“
Christina Mitchell trat etwas vor und sah, noch immer etwas unter dem Bann der Ereignisse stehend, das Hologramm des Schwarzhaarigen an. „Sie sind also ein Hologramm. Ihr Bewusstsein wurde in die Speicherbank dieses Raumschiffes geladen?“
Erst jetzt sah Franklin die Terranerin an. „Das ist richtig. Mein Körper ist bei der Übertragung aufgelöst worden. Ich existiere seitdem rein geistig. Allerdings kann ich ihnen in dieser holografischen Form erscheinen und mit Ihnen reden.“
„Das würde ich gerne zu einem späteren Zeitpunkt ausgiebig tun, Mister… Wie war der Name? Franklin?“
„Das ist korrekt.“
Die Kommandantin nickte knapp. „Leider stehen für meine Besatzung und mich zunächst dringendere Angelegenheiten an, Mister Franklin. Vorerst würde mich nur interessieren, warum diese Abteilung nicht besser abgeriegelt ist?“
„Das sollte sie im Grunde sein“, versetzte Franklin. „Die DESTINY hatte jedoch bereits eine Menge durchgemacht, bevor sie eine der wenigen, unterwegs von den Vorhutschiffen konstruierten, Weltraum-Werften erreicht hat. Danach hätte der Befehl zum Verriegeln und Sichern dieser Abteilung neu erteilt werden müssen. Das passierte bisher jedoch nicht. Darum konnten Ihre Männer und Frauen problemlos hierher gelangen.“
Nicholas Rush der aufmerksam zugehört hatte, warf ein: „Dann sollte ich das wohl zeitnah erledigen, Mister Franklin?“
Das Hologramm lächelte. „Das wäre wirklich besser, Doktor Rush. Die Ruhe dieser Antiker sollte nicht noch öfter gestört werden. Auch im Sinne der aktuellen Besatzung.“
Colonel Christina Mitchell wandte sich zu Rush. „Erledigen Sie das bitte sofort, nachdem wir diese Abteilung geräumt haben, Doktor.“
Der Wissenschaftler machte eine bestätigende Geste. Als Christina Mitchell wieder zu der Stelle sah, an der Franklin gestanden hatte, war die Stelle leer. Kopfschüttelnd meinte sie, in die Runde blickend: „Eine Art hat der.“
Die Kommandantin gab den Befehl, diese Abteilung zu verlassen.
Sich unauffällig zu Eli Wallace gesellend, meinte Elena Sabatini. „Klasse. Da mache ich eine solche Entdeckung und dann kann ich sie nicht näher untersuchen.“
„Sie finden schon was anderes“, munterte Eli die Frau auf. „Die DESTINY ist groß.“
Eli bemerkte, wie Elena ihm kurz zuzwinkerte. Dabei musste er unwillkürlich an die Worte denken, die ihm Matthew Scott zum Abschied sagte. Vielleicht hatte er recht gehabt.
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ERFAHRUNGSWERTE


Die nächsten zwei Wochen bestanden hauptsächlich aus Ausbildung und lernen. Für Doktor Nicholas Rush, Doktor Amanda Perry und Eli Wallace hauptsächlich daraus auszubilden, während Christina Mitchell und deren Truppe eine ganze Menge zu lernen hatten. Nicholas Rush stellte währenddessen fest, dass Christina Mitchell die größte Affinität zur Koordination der jeweiligen Brückencrews besaß. Was ihm nicht sehr verwunderlich schien, denn immerhin hatte sie bereits zwei Jahre lang das Kommando über ein Raumschiff innegehabt, das noch deutlich größer war, als die DESTINY. Doch auch Mitchells Stellvertreter Kamarov machte eine ganz gute Figur, bei der Schiffsführung. Bei der Ausbildung der Terraner an den Konsolen für Energieverteilung, Navigation und dem Waffenleitstand lief es nicht immer ganz so rund und es war oftmals Amanda Perry zu verdanken, dass Rush nicht übermäßig laut wurde.
Indessen arbeitete Eli Wallace zumeist mit Elena Sabatini und deren Vorgesetzten Jan-Findus Nordqvist zusammen. Letzterer kam sich mitunter vor wie das fünfte Rad am Wagen, wenn die beiden jungen Menschen ins Fachsimpeln gerieten. Das sorgte am Ende dafür, dass sich Nordqvist immer öfter von den beiden zurückzog und damit begann, die Datenbanken der Antiker durchzusehen.
Für Dale Volker, Adam Brody und die Chemikerin und Biologin Andrea Fisher hatte indessen sowohl eine Zeit der Ausbildung, als auch eine Zeit des Ausbildens begonnen. Besonders Brody und Volker waren damit beschäftigt, die Techniker der Terranischen Union in die Funktion und die Aufteilung der Bordsysteme zu unterweisen, während sie sich selbst auf den neuesten Kenntnisstand brachten.
Besonders Andrea Fisher drängte darauf, die Hydroponik-Kuppel schnellstmöglich wieder auf die Aufnahme neuer Pflanzen vorzubereiten. Sobald sie die nächste Galaxie erreichten, wollte sie geeignete Pflanzen einsammeln. Sie gedachte ebenfalls, von einem geeigneten Planeten genug Erde hierher zu bringen, um damit den Grundstein für einen neuen Garten an Bord zu legen. Bevor die Kuppel, beim Durchflug eines blauen Riesensterns beschädigt worden war, hatte sie ihre Freizeit an Bord oft dazu genutzt, zwischen den Pflanzen herumzuwandern. Das hatte ihr, zumindest etwas, die geliebten Waldspaziergänge ersetzt, die sie auf der Erde unternommen hatte, bevor sie sich zum Ikarus-Projekt meldete.
Mit der Erlaubnis von Colonel Mitchell, in Absprache mit Nicholas Rush, hatte Vanessa James gleich zu Beginn einen Parcours abgesperrt, der durch weite Teile des Raumschiffes führte. Diese Strecke für das Lauftraining der Männer und Frauen an Bord bildete eine Art Rundkurs und entsprach in der Gesamtlänge etwa einer halben Meile.
Varro nahm an dem morgendlichen Training teil. Seit der kräftige blonde Mann vom TJ´s Tod erfahren hatte, wirkte er gelegentlich in sich gekehrt. Vanessa James hatte es sich jedoch zur Aufgabe gemacht, sich um ihn zu kümmern. So nahmen diese nicht ansprechbaren Phasen des Mannes von der Luzianer-Allianz stetig ab.
Anfangs zeigte sich Christina Mitchell nicht sehr begeistert davon, dass Varro an Bord war, doch immerhin hatte sie darauf verzichtet auf seine Rückführung in die heimatliche Galaxie zu bestehen. Außerdem hatte sie seinem Wunsch entsprochen, als Scout für zukünftige Außenmissionen in die Mannschaft integriert zu werden.
Varro seinerseits ahnte nicht, dass Christina Mitchell diesbezüglich zuvor mit Vanessa James ein längeres Gespräch unter vier Augen geführt hatte. Erst danach war sie zu der Entscheidung gelangt, dem Wunsch des Mannes nachzugeben. Dabei hatte sich Colonel Mitchell sogar so weit überwinden können, Varro auch den Umgang mit den Handwaffen neuester terranischer Fertigung beibringen zu lassen.
Jetzt, zwei Wochen nach dem Auffinden der zwölf Antiker an Bord, stand die DESTINY kurz davor die Reise fortzusetzen. Auf Anweisung der neuen Kommandantin an Bord hatte Rush den Autopiloten des Raumschiffes abgeschaltet. Christina Mitchell wollte erst in die neue Galaxie einfliegen, nachdem die Crew sich weitgehend mit der DESTINY vertraut gemacht und etwas an Bord eingelebt hatte.
Als Eli Wallace an diesem Abend, natürlich nur nach Bordzeit, mit Elena Sabatini in der Beobachtungs-Lounge stand und auf die Galaxie blickte, die nun riesengroß vor dem treibenden Raumschiff lag, grinste er: „In den letzten Tagen hat sich Doktor Rush zum Schrecken der Besatzung entwickelt. Nachdem die drei Brückencrews fit waren, tauchte er überall im Raumschiff zu den unmöglichsten Zeiten auf, um den Leuten auf die Nerven zu fallen und ihnen zu erklären, was sie gerade wieder falsch machen.“
Die Argentinierin lachte unterdrückt. „Ja, Nordqvist erzählte so etwas. Offensichtlich ist Rush dem Major mehr als einmal auf die Zehen getreten.“
„Oh, ja. Das klingt ganz nach Rush. Der ist bereits wieder ganz in seinem Element. Dabei versucht Perry schon andauernd, ihn etwas einzubremsen.“
Eli deutete nach vorne und wechselte abrupt das Thema. „Ich hoffe, dass wir dort nicht auch auf maschinell gesteuerte Raumschiffe treffen, die uns vernichten wollen, so wie in jener Galaxie die gerade hinter uns liegt. Deswegen hat die Besatzung überhaupt erst über neunzig Jahre verschlafen.“
„Muss schwierig gewesen sein, diesen Drohnen, von denen Sie mir berichtet haben, permanent zu entkommen“, vermutete die junge Frau. „Raumschlachten zu bestreiten war bestimmt nicht das, was Sie sich hier draußen erhofften.“
„Richtig“, bestätigte der junge Mann an der Seite des Lieutenants. „Im aktuellen Zustand wäre die DESTINY vermutlich viel besser mit der Situation fertig geworden. Ich bin nur froh, dass wir diese andere Galaxie hinter uns haben. Hoffentlich kommen wir dort drüben nur nicht vom Regen in die Traufe.“
„Das ist der Eli Wallace, den ich kenne“, meinte Elena Sabatini mit spöttischem Tonfall. „Immer dazu bereit den Sieg in eine Niederlage zu verwandeln.“
Etwas verlegen sah Eli in die Augen der Frau mit der er in den letzten beiden Wochen, zumindest im wachen Zustand, beinahe jede Minute verbracht hatte. Entschuldigend erwiderte er: „Schlechte Gewohnheiten legt man nur sehr langsam ab.“
„Apropos, schlechte Gewohnheiten“, hakte die junge Frau ein. „Ich halte es für eine schlechte Angewohnheit, dass wir uns immer noch Siezen. Immerhin gehören Sie nicht zum Militär. Deshalb würde auch nichts dagegen sprechen, wenn wir das unpersönliche Sie weglassen würden. Was denken Sie?“
Die erfreute Miene des etwas Beleibten sprach Bände. „Wenn Sie vorschlagen, dass wir uns Duzen, dann rennen Sie damit bei mir offene Türen ein.“
„Dann lass jetzt, verdammt nochmal, endlich das Sie weg, Eli.“
Ein zufrieden wirkender Zug legte sich auf Eli´s Miene. Gerne… Elena.“

* * *


Etwa zu derselben Zeit rannten Vanessa James und Varro nebeneinander, dem abgesperrten Parcours folgend, durch das Raumschiff. In den letzten Tagen erst hatte es sich so ergeben, dass sie am Abend noch eine Trainingsrunde einlegten. Dabei hatten sie selten mehr als einige wenige Worte miteinander gewechselt. Wenn es nach der schwarzhaarigen Frau gegangen wäre, hätte sich das mittlerweile geändert doch Varro blieb auch während dieser Trainingseinheiten verschlossen.
„Ich habe mich schon seit langer Zeit nicht mehr dermaßen fit gefühlt“, versuchte James, die ihr langes, lockiges Haar heute lediglich in Form eines Pferdeschwanzes hinter dem Kopf gebändigt hatte, ein Gespräch mit Varro zu beginnen, während sie bei der zweiten Runde in einen der unbelebten Bereiche des Raumschiffes abbogen.
Der Mann, an der Seite des nun ehemaligen Second-Lieutenants, gab nur ein zustimmendes Brummen von sich.
Sich nicht so leicht entmutigen lassend versuchte die Frau es erneut. „Colonel Mitchell hat mit sich gerungen bevor sie das Einverständnis dazu gegeben hat, dich in die Ausbildung an deren neuesten Waffen mit einzubinden.“
Wieder brummte der Mann nur zustimmend, was Vanessa James wütend werden ließ.
Für eine geraume Weile rannten sie weiter. Nachdem sie den Bereich hinter sich gelassen hatten, der am weitesten im Bugbereich der DESTINY lag, versuchte es Vanessa erneut, indem sie direkt fragte: „Wie gehst du inzwischen mit dem Tod von TJ um?“
Diesmal sah Varro seine Begleiterin unwillig an, bevor er kurz ab erwiderte: „Ich denke nicht darüber nach.“
„Ach nein?“, begehrte Vanessa James auf. „Du warst ja nie eine Plaudertasche, doch so wortkarg wie du dich momentan gibst, scheinst du wirklich ziemlich intensiv darüber nachzudenken. Warum gibst du das nicht zu?“
„Wozu?“
Diese lakonische Frage brachte Vanessa James noch mehr in Fahrt. Mit einem festen Griff am Oberarm des Mannes zwang sie ihn anzuhalten. Den Blonden wütend ansehend fauchte sie: „Ich will dir doch nur helfen, verdammt! Es hat doch keinen Sinn, dass du deine Trauer um TJ in dich hineinfrisst!“
Mit einem gefährlichen Funkeln in den grau-blauen Augen machte sich Varro aus dem überraschend festen Griff der Frau frei. Sie hart an den Schultern packend drückte er sie rücklings gegen die Gangwand und erwiderte gefährlich leise: „Meine Trauer um Tamara geht dich nichts an, Vanessa! Ich habe sie sehr gerne gehabt, das ist wahr. Aber Tatsache ist, dass sie nicht an mir, sondern an Colonel Young interessiert war. Das habe ich in ihren Augen gesehen, als wir uns einmal sehr nah standen und Young zufällig hinzukam. Ich hatte das bereits vor unserem langen Schlaf akzeptiert.“
Mit einer Kraft, die Varro der Frau nie zugetraut hätte, drehte Vanessa James den Spieß um. Den Mann halb um seine Achse wirbelnd drückte sie ihm ihren rechten Unterarm gegen die Kehle und herrschte den Blonden aufgebracht an: „Jetzt hörst du mir mal zu! Du hast mehr für TJ empfunden, als du zugeben willst! Deine Gefühle für sie zu leugnen ist Blödsinn! Ich weiß, was du über Verluste denkst, doch es geht dir trotzdem nah! Du hast sie mehr als nur gerngehabt, Varro!“
Für einen langen Moment sah der kräftige Mann in die zornfunkelnden Augen der Frau. Schließlich atmete er tief durch und gab widerstrebend zu: „Kann sein. Sie hat mich sehr oft an meine verstorbene Frau erinnert. Vielleicht reden wir irgendwann darüber, Vanessa, aber nicht heute.“
Vanessa James ließ den Mann zögernd los. „Na schön, du verdammter Dickkopf. Aber diese Unterhaltung ist noch nicht zu Ende.“
Mit einem schiefen Grinsen rieb sich der Mann seinen Arm und fragte, wieder deutlich ruhiger als zuvor: „Bist du sicher, nie bei der Allianz gewesen zu sein? Der Griff war jedenfalls nicht schlecht.“
Die Frau gab ihm einen derben Schlag auf die Stelle, die Varro gerieben hatte. „Wenn du nochmal so grob zu mir werden solltest dann kannst du noch was ganz anderes erleben. Denn ich kann und werde dir in den Hintern treten, falls das nochmal passiert.“
Mit einer Mischung aus Überraschung und Anerkennung sah Varro die Frau an seiner Seite an. Nach einem Moment schlug er beschwichtigend vor: „Das passiert nicht wieder. Lass uns unsere Runde zu Ende laufen, Vanessa. Und danach brauche ich eine Dusche.“
Sie setzten sich wieder in Trab, wobei jeder seinen eigenen Gedanken nachhing.

* * *


In Brody´s Destille saßen an diesem Abend Nicholas Rush und Amanda Perry dicht beisammen. Für den Wissenschaftler war es, nach gut zwei Wochen, kaum noch gewöhnungsbedürftig, Camile Wray vor sich zu sehen und dabei Amanda mit ihrer Stimme zu hören, wenn sie mit ihm sprach. Annähernd dieselbe Situation hatte er erlebt, als der Hyperraumantrieb der DESTINY, zwischen zwei Galaxien, hatte repariert werden müssen. Diesmal war die Eingewöhnungsphase deutlich kürzer gewesen.
Adam Brody hatte es verstanden, aus den Möglichkeiten der nun an Bord befindlichen Nahrungssynthesizer seinen Nutzen zu ziehen. Mit den Ingredienzien, die er sich damit zusammengestellt hatte, war der Ingenieur dazu in der Lage gewesen einen sehr viel besseren Moonshine zu brennen, als bisher.
Als Brody ihnen beiden ein Glas mit seiner neuesten Kreation über den Tisch schob, nahm Nicholas Rush das Glas, schnupperte daran und fragte misstrauisch: „Wieviel Prozent hat dieser Tropfen, Mister Brody?“
„Kann ich nicht genau sagen“, gab der Ingenieur ehrlich zu. „Aber ich schätze, der Wert wird irgendwo zwischen Bourbon-Whiskey und Rum liegen.
Der Wissenschaftler hob leicht seine Augenbrauen bevor er Amanda zuprostete. Dann führte er das Glas zum Mund und nahm einen ordentlichen Schluck.
Auch die Frau setzte das Glas an und bemerkte zu spät, wie Nicholas sein Glas auf den Tisch knallte, dreimal mit seinem angewinkelten rechten Arm wild durch die Luft ruderte, um gleich darauf mit der flachen linken Hand auf die Tischplatte zu schlagen.
Amanda stellte das Glas etwas langsamer ab und sah aus geröteten Augen, dass sich ihr Freund zur Seite drehte um kröchelnd zu husten und danach tief Luft zu holen.
Als sich Rush wieder einigermaßen gefangen hatte, warf er Brody einen vernichtenden Blick zu. Heiser fuhr er den Ingenieur an. „Da ist etwas schiefgelaufen. Das Zeug kann man für medizinische Zwecke nutzen. Wenn Sie das weiter ausschenken, dann brauchen wir bald alle blaue Brillen. Haben Sie irgendwo Wasser?“
Adam Brody probierte vorsichtig von seinem Schnaps und verzog das Gesicht. Sich schüttelnd reichte er Rush eine Wasserflasche.
Rush goss reichlich Wasser in sein Glas und das seiner Begleiterin. Danach reichte er Amanda die Flasche.
Die Frau nahm einen Schluck und gab Nicholas ihm die Wasserflasche zurück, der ebenfalls einen Schluck nahm, um das Brennen im Hals loszuwerden.
„Da werde ich den Brennprozess nochmal überarbeiten müssen“, murmelte Brody und schüttete den Rest in seinem Glas weg.
„Was Sie nicht sagen“, murrte Rush und probierte von dem nun stark verdünnten Schnaps. Erleichtert meinte er. „So kann man den schon eher vertragen.“
Der Wissenschaftler und Amanda prosteten sich erneut zu. Diesmal leerten beide ihre Gläser. Danach fragte die Frau: „Was hat denn Colonel Mitchell zu Ihrer Destille gesagt, Mister Brody?“
„Die Kommandantin war offensichtlich nicht sehr begeistert. Sie hat mir aufgetragen, den Ausschank zunächst nur auf die Zivilisten an Bord zu beschränken.“
Rush nickte verstehend. „Was halten Sie denn davon auf Bier umzustellen jetzt, da Sie auch Hopfen und Malz aus den Nahrungssynthesizern bekommen könnten?“
Der Ingenieur verzog das Gesicht. „Davon verstehe ich leider nicht so viel. Aber ich kann ja mal herumfragen, ob einer unserer Neuankömmlinge sich da besser auskennt. Ich glaube nicht, dass in den Datenbanken der Antiker etwas dazu zu finden ist.“
„Viel Glück dabei“, meinte Amanda Perry aufmunternd. Sie sah zu Nicholas Rush und fragte vielsagend: „Wollen wir dann gehen?“
Rush nickte. „Ja, gehen wir und geben Mister Brody Gelegenheit, den Stoff deutlich zu verbessern, bis wir das nächste Mal wieder herkommen.“
Erst auf dem Gang nahm der Wissenschaftler die Frau an seiner Seite an die Hand. Es tat ihm sichtlich gut, nicht mehr so allein zu sein, wie vor der langen Stase. Ganz selbstverständlich folgte der Hagere Amanda, als sie ihn sanft mit sich in ihr Quartier zog.
Nachdem sich das Schott geräuschvoll hinter ihnen geschlossen hatte, nahmen sie sich in die Arme. Nach einem langen Kuss sah Amanda den Wissenschaftler fragend an, der wusste, was dieser Blick bedeutete.
Unwillkürlich blickte Rush zur Seite, in den Spiegel, der an der Wand hing.
Amanda Perry folgte seinem Beispiel und seufzend meinte sie, als der Mann in ihren Armen sie wieder ansah: „Hey, ich bin es, Nicholas. Amanda. Nicht Camile.“
„Ja, ich weiß. Es ist nur…“
Verstehen zeichnete sich auf dem Gesicht der Frau ab, für die diese Situation ein Déjà-vu war. „Du hast noch immer den Eindruck, du würdest ihren Körper entweihen.“
„Das ist doch Blödsinn“, wehrte Rush schnell ab. Bei dem forschenden Blick der Frau gab er einen Moment darauf zu: „Na, schön, vielleicht doch.“
Amanda Perry streichelte sanft die Wange des Mannes. „Aber das tust du nicht.“
„Ist trotzdem nicht so einfach“, erwiderte Rush leise.
Ein verzweifeltes Lachen der Frau war die Antwort. Nach einer Weile sagte sie: „Vielleicht fangen wir erst einmal mit Kuscheln an? Zumindest das würde doch gehen. Mit der Zeit gewöhnst du dich dann auch an mein neues unbekleidetes Äußeres.“
Ein Lächeln überflog die Miene des Wissenschaftlers. „Das ist eine gute Idee. Irgendwann findet sich das schon. Ist wohl, wie bei Mister Brody und seinem Moonshine, alles eine Frage der Erfahrungswerte.“
„Vielleicht hilft es dir, wenn du vorher das Licht ausmachst“, spöttelte Amanda.
„Übertreib es nicht und komm lieber her.“ Damit reichte der hagere Mann Amanda seine Hand und zog die Frau mit sanfter Gewalt zum Bett hinüber.
Freund oder Feind? by ulimann644
6

FREUND ODER FEIND?


Einen Tag nachdem die DESTINY die äußere Grenze der vor dem Raumschiff liegenden Galaxie überflogen hatte saßen Eli Wallace und Elena Sabatini am Abend in seinem improvisierten Quartier beisammen. Die junge Frau hatte sich sehr interessiert gezeigt, als Eli die Doppelgänger erwähnte, die durch eine Zeitanomalie entstanden waren, nachdem man ein Anwählen des irdischen Stargates, aus einem Stern heraus versuchte.
Eng an Eli gelehnt blickte die Terranerin gespannt auf den Bildschirm. Fasziniert sah und hörte sie, wie eine ältere Version des jungen Mannes neben dem sie saß von den Fortschritten einer Siedlung auf einem fremden Planeten namens Novus berichtete. Einem Planeten in einer Galaxie, die weit hinter ihnen zurücklag. Immer wieder beobachtete sie dabei Eli von der Seite. Die Unbekümmertheit die er ausstrahlte hatte sich bei der Person, die sie auf dem Bildschirm sehen konnte, etwas verloren. Dafür strahlte diese ältere Version ein ungeheures Verantwortungsbewusstsein aus. Ebenfalls ein deutlich spürbares Vertrauen.
Nachdem sie sich angesehen hatten, wie der Enkel von Eli auf Novus eine neue Schule einweihte, schaltete Eli das Gerät ab. Fragend sah er Elena an. „Was sagst du dazu?“
Elena Sabatini brauchte einen Augenblick, um sich zu sammeln. Endlich sagte sie, sichtlich ergriffen: „Das Ganze muss dir doch vollkommen verrückt erscheinen, Eli. Dich selbst in einem Leben zu sehen, das du nie geführt hast. Mit dieser Leanne Barnes hattest du auf Novus zwei Kinder. Ist sie noch an Bord?“
Die Augen von Eli weiteten sich bei der Frage der Argentinierin. „Nein, sie kehrte mit den meisten anderen zurück. Ich hatte hier an Bord nie viel mit Barnes zu tun. Tatsächlich haben wir kaum mal ein paar Worte miteinander gewechselt. Warum fragst du?“
„Ach, nur so“, wiegelte Elena schnell ab.
„Wie auch immer“, meinte Eli und deutete auf den nun dunklen Bildschirm. „Der Mann in den Aufzeichnungen hat zwar ausgesehen wie ich, doch er war nicht ich. Ich habe dieses Leben mit Barnes nie geführt. Ich habe nie Kinder gehabt.“
„Schon klar“, erwiderte Elena gereizt, ohne dass es einen Grund dafür gab. Das wusste sie und es schien ihr selbst ziemlich schräg, so etwas wie Eifersucht zu verspüren. Doch im Moment hielt sie es nicht in Eli´s Nähe aus.
„Entschuldige mich, Eli. Ich habe noch etwas zu erledigen.“
Bevor Wallace etwas erwidern konnte, hatte sich Elena erhoben und sein Quartier verlassen. Sich ratlos am Hinterkopf kratzend murmelte er: „Was war das jetzt?“
Eli Wallace sah sich in seinem Quartier um und beschloss, es aufzuräumen. Damit fertig schnappte er sich seine neuen Hygieneartikel, die er aus den Beständen der an Bord gekommenen Truppe bezogen hatte und machte sich auf den Weg zum nächstgelegenen Duschraum, auf dem Raumschiff.
Es dauerte nicht allzu lange, bis er eine abgelegenere Duschkammer in der Nähe der Standardquartiere der DESTINY erreichte. Hier würde er Ruhe haben. Rasch seine Kleidung ablegend, betrat Eli schließlich die viereckige Duschkammer, in deren Ecken es vier mannshohe, etwa dreißig Zentimeter durchmessende, Metallzylinder gab. Zu diesen Zylindern, die am Boden endeten, führten faustdicke Rohre zur Decke der großzügig dimensionierten Duschkabine hinauf. Die Zylinder selbst beinhalteten den Mechanismus, der zum Erzeugen des Duschnebels aktiviert wurde, sobald man zwischen sie trat. Zum Ein- und Ausgang hin, gab es drei verglaste Elemente, die Wallace bis zu den Achseln hinauf reichten. Im Bereich darüber führten nur zwei Streben bis zur Decke, sodass man nicht vollständig von der Vorkammer abgeschnitten war.
Nackt in der Duschkammer stehend in einem dichten weißen Nebel, aus dem heraus sich kleine Wassertropfen auf der Haut bildeten, legte Eli seine Hände auf den oberen handbreiten Rand, über der Verglasung. Dabei rief er sich nochmal Elenas Reaktion in Erinnerung. Er fragte sich, warum die Frau so seltsam reagiert hatte. Zu keinem Ergebnis kommend schloss Eli seine Augen und genoss das Gefühl des warmen Wassers auf seiner Haut. Nach einer Weile begann er damit, sich gründlich einzuseifen. Nachdem er den Schaum vom Körper gespült hatte, fühlte er sich etwas besser. Wieder die Unterarme auf den Rand legend, kam er erneut ins Grübeln. Was hatte Elena zu dieser heftigen Reaktion veranlasst.
Leise Geräusche, die sich zu nähern schienen, veranlassten Eli dazu, seine Augen zu öffnen und sich umzusehen. Er hatte die Hauptbeleuchtung nicht aktiviert, sodass nur die im Boden der kleinen Vorkammer eingelassenen Lichtelemente ein dämmeriges, goldgelbes Licht verbreiteten. Im Halbdunkel entdeckte er schließlich Elena, die um die Ecke des geöffneten Schotts trat und leise fragte: „Eli, bist du hier?“
Rasch auf etwas Abstand zu den beschlagenen, transparenten Scheiben der Kabine gehend antwortete Wallace: „Ja, ich bin unter der Dusche, wie du siehst. Was gibt es denn?“
Die junge Frau machte einen verlegenen Eindruck als sie erklärte: „Ich wollte mich bei dir entschuldigen, für meine merkwürdige Reaktion von eben.“
„Unter der Dusche?“
Die junge Frau lächelte verlegen. „Na ja, ich wusste ja nicht…“
„Dass ich bereits blankgezogen habe?“, erkundigte sich Eli ironisch. „Habe ich.“
Statt sich abzuwenden und wieder zu gehen kam Elena Sabatini näher zur mittleren Glasscheibe heran. Ihrem Gegenüber in die Augen sehend sagte sie ernsthaft: „Es tut mir leid, wie ich vorhin reagiert habe. Als ich dich… Ich meine, als ich deinen Doppelgänger, in der Aufzeichnung, mit dieser anderen Frau gesehen habe, da spürte ich einen heftigen Anflug von Eifersucht auf diese Frau. Ich weiß, das klingt reichlich seltsam.“
„Ja“, stimmte Eli ihr lebhaft zu. „Wer rechnet denn mit sowas?“
Die Terranerin legte ihre linke Hand auf die Wange des Mannes. „Ich weiß nicht, wie das passiert ist. Ich weiß nur, dass ich von Anfang an diese seltsame Verbundenheit zu dir gespürt habe. Ab dem ersten Moment, als ich dich sah, Eli. Tut mir leid.
Es dauerte einen Moment, bis Eli verstand und beruhigend antwortete: „Das muss es aber nicht. Ich bin sehr froh, dass du an Bord bist, Elena. Nachdem Ginn und Chloe die DESTINY verlassen hatten fühlte ich mich verlassen. Doch durch die Zusammenarbeit mit dir und durch unsere Gespräche abseits deines Dienstes habe ich das später kaum noch gemerkt. Du bist für mich ebenfalls zu einer sehr wichtigen Person geworden.
Mit einem glücklichen Lächeln hauchte die junge Frau Eli einen Kuss auf die Wange. „Dann bist du also nicht…“
In demselben Moment verließ die DESTINY den Hyperraum und Eli lächelte in der Erinnerung. Jedoch nur für einen Moment, denn der akustische Alarm riss ihn aus der angenehmen Stimmung. Zuvor in beruhigendem Blau leuchtende Wandpaneel-Elemente wechselten ihre Farbe zu orange-gelb und begannen rhythmisch aufzuleuchten. Gleich darauf krachte die Stimme von Nicholas Rush aus der Bordsprechanlage: „Eli, hier Rush: Ich brauche Sie und Lieutenant Sabatini sofort im Interface-Kontrollraum. Rush, Ende!“
Elena zog schnell ihre Hand zurück, und frustriert sagte Eli zu ihr: „Der Kerl gönnt einem aber auch gar nichts. Geh bitte schon vor und sag Rush, dass ich auf dem Weg bin.“
Die junge Frau nickte entsagungsvoll und wandte sich ab. Weniger als zwei Minuten nach Elena erschien Eli im Interface-Kontrollraum, wo Rush bereits den großen Holo-Bildschirm aktiviert hatte.
Der Kontrollraum besaß zwei Eingänge, die sich direkt gegenüber lagen. Die Mitte des Raumes wurde von einer Säule beherrscht, an der etliche Rohre entlang führten. Blassblaue Leuchtkörper sorgten dafür, dass man auch bei minimalem Energielevel nicht gegen sie stieß und sich verletzte. An der Säule herab kondensierte, entlang der Kühlrohre, die zur Säule gehörten, permanent ein Teil der Frischluft, die von oben durch die Belüftung in den Raum strömte.
Neben der Kontrollkonsole, direkt an dieser Mittelsäule, gab es zwei weitere entlang der Wände, die zur Säule hin zeigten. Von ihnen aus konnte man Zugriff auf alle Systeme der DESTINY nehmen. Nach der Entdeckung der Brücke war dieser Raum nicht mehr oft benutzt worden. Das hatte sich erst kürzlich wieder geändert, nachdem die terranischen Brückenbesatzungen nun auf der Brücke den Dienst verrichteten. Nicholas Rush wollte nämlich auch weiterhin informiert bleiben, dabei jedoch gleichzeitig vermeiden, dass ihm zu viele Personen über die Schulter sahen.
Eli Wallace genügte ein Blick auf die Anzeige, die auch von der anderen Seite des Holo-Bildschirms zu erkennen war, um zu ahnen, was den Alarm ausgelöst hatte.
Auf dem Bildschirm zeichneten sich fünf schlanke Objekte ab, die von oben gesehen etwa die Form von Speerspitzen besaßen. Nach den Angaben im unteren rechten Datenfeld waren sie mehr als vierhundert Meter lang, bei einer maximalen Breite von einhundert Metern. Aus dem flachen, ovalen Profil der Objekte erwuchs in der Mitte, nach oben und nach unten, jeweils eine Finne, die an der breitesten Stelle fünfzig Meter maß und sich jeweils maximal vierzig Meter nach oben, beziehungsweise unten erstreckte. Im Heckbereich verbreiterte sich das von der Mitte aus schmaler werdende Heck wieder auf etwas mehr als achtzig Meter.
Über die metallisch schimmernden Oberflächen der Raumschiffe verteilt erkannte Eli zahlreiche Erhebungen und Einbuchtungen. Diese fünf Objekte erweckten bei ihm unwillkürlich den Eindruck von Gefahr. Er schritt zu jener der drei Konsolen, an der Elena stand, und brachte es auf den Punkt, indem er sich an Nicholas Rush wandte und fragte: „Haben die etwa hier auf uns gewartet?“
„Das wissen wir nicht“, beschied ihm der hagere Wissenschaftler. „Colonel Mitchell hat denen bereits eine Nachricht gesendet. Momentan warten wir auf eine Antwort.“
„Steht die Verbindung von dieser Abteilung zur Brücke?“
Die Stimme von Christina Mitchell klang gleich darauf aus den Lautsprechern der Bordsprechanlage. „Die Verbindung steht, Mister Wallace.“
Der etwas Beleibte verzog das Gesicht und sah in die Mienen der Anwesenden. Außer ihm selbst, Elena Sabatini und Rush befand sich noch Amanda Perry hier. Inzwischen dachte Eli beim Anblick der Asiatin nicht mehr an Camile, was er selbst etwas merkwürdig fand. Um die Stille zu durchbrechen, meinte er: „Dass die bisher nicht auf uns gefeuert haben, werte ich mal als gutes Zeichen.“
Einen Augenblick später meldete sich die Kommandantin. „Die Fremden haben uns eine Antwort geschickt. Sie wird gerade übersetzt.“
Gemeinsam mit Elena auf den Bildschirm der Konsole blickend wartete Eli, bis sich schließlich das Kommunikationsfenster öffnete und den Klartext anzeigte.
„Sie fordern uns auf, uns zu ergeben“, stellte die Argentinierin ernüchtert fest.
„Die könnten sich ruhig mal was Neues einfallen lassen!“, entfuhr es Eli indessen. Beim fragenden Blick der Frau an seiner Seite, erklärte er: „Die Aufforderung, sich zu ergeben, ist in dieser Ecke des Universums der Klassiker.“
Aus der Macht der Gewohnheit heraus nahm Eli einige Einstellungen an seiner Konsole vor. Er scannte die Energiewerte der fremden Raumschiffe.
Über die Bordsprechanlage erkundigte sich Colonel Mitchell: „Mister Rush, welche Vorgehensweise empfehlen Sie mir?“
„Etwas überrascht in die Runde sehend, weil Colonel Young für solche Anfragen nie viel übrig gehabt hatte, blieb der Blick des Wissenschaftlers auf Eli hängen.
Eli Wallace kontrollierte kurz die Werte und meinte: „Falls die Unbekannten nicht aus unerfindlichen Gründen die Energieerzeuger ihrer Raumschiffe heruntergefahren haben, besitzen die kaum die Kapazität, der DESTINY gefährlich zu werden. Selbst dann nicht, wenn wir die Schilde auf nur fünfzig Prozent verstärken würden.“
Es dauerte einen Moment, bis die Stimme der Kommandantin erneut aufklang. „Ist das auch Ihre Meinung, Mister Rush?“
„Ja, Colonel. Ich empfehle dennoch, die Waffen in Bereitschaft zu halten. Aber bedenken Sie, dass unsere Geschütze, dank der Reparatur der DESTINY, ziemlich durchschlagskräftig sind. Wir sollten vermeiden, ein Blutbad anzurichten.“
„Danke, für den Hinweis“, klang die ironische Antwort aus den Lautsprechern. „Ich werde die Schilde hochfahren und dann zuerst einmal bei denen anfragen, was sie wollen.“
Für einige Augenblicke geschah gar nichts. Doch dann standen plötzlich grell-weiße Lichtbahnen im Raum. Gleich darauf konstatierte Eli Wallace: „Die unbekannten Fremden haben wieder einmal das Feuer eröffnet. Was für eine Überraschung.“
„Aber die haben nicht viel los“, warf Elena Sabatini drängend ein und deutete auf die Energiewerte. „Nach den hier angezeigten Werten arbeiten die Waffensysteme der Fremden mit einer Art von hochverdichteten Thermostrahlen.“
„Unsere Schutzschirme halten bei siebenundneunzig Prozent“, bestätigte Eli die Gefahreneinschätzung der Frau. „Die könnten wochenlang feuern, ohne etwas zu erreichen. Uns wird nichts passieren, bis die DESTINY wieder im Hyperraum verschwindet.“
„Hier Colonel Mitchell. Verstanden, Mister Wallace. Doch wenn wir schon mindestens zehn Stunden haben, bis zum nächsten Hyperraumsprung, dann sollten wir die Zeit vielleicht nutzen und aktiv werden, anstatt einfach nur stillzuhalten.“
Die Kommandantin ließ offen, was sie damit gemeint hatte.

* * *


Auf der Brücke unterbrach Christina Mitchell die Verbindung zum Interface-Kontrollraum und sah zu Kamarov, der rechts neben dem Stuhl des Kommandanten stand. „Wir werden denen schon nicht allzu sehr einheizen. Aber eine kleine Warnung, sich besser nicht mit uns anzulegen, könnte vielleicht nicht schaden. Möglicherweise ist man dann eher zu einer Unterhaltung mit uns bereit.“
„Ein Schuss vor den Bug?“
Christina Mitchell warf ihr langes Haar zurück und lachte humorlos. „Eher ein Schuss durch den Bug, Lieutenant-Colonel. Laut unserer Scanner ist der Bereich nicht bemannt.“
Kamarov schritt zu der rechten der drei Frontkonsolen und gab dem dort sitzenden weiblichen Captain den Befehl, das vordere der fünf Raumschiffe anzuvisieren.
Captain Ines Garrick bestätigte den Befehl. Die dunkelblonde Frau nahm rasch die notwendigen Einstellungen vor und meldete dann: „Ziel mit dem linken vorderen Drillingsgeschütz anvisiert, Colonel!“
„Feuer!“
Der Captain drückte auf einen der Knöpfe. In demselben Moment durchschnitt ein grellgelber Energiestrahl die Schwärze des Weltalls. Mühelos durchschlug er die schwachen, elektronischen Schilde des fremden Raumschiffes und gleichfalls die Hülle an dessen Bug. Glühende Fragmente der Bugpanzerung des fremden Raumschiffes wirbelten ins All hinaus.
Captain Carrick wandte sich halb zu Colonel Mitchell um und die grauen Augen der zierlichen Frau funkelten förmlich, als sie meldete: „Ziel exakt getroffen, Sir.“
Fast gleichzeitig meldete Sergeant Harding, von der Operationskonsole, auf der linken Seite des Frontbereiches: „Gegner stellt den Beschuss ein. Schilde wieder auf Maximum.“
„Okay, das hat die Freunde offensichtlich nervös gemacht“, stellte die Kommandantin fest. „Feige scheinen die aber nicht zu sein, denn sonst wären sie längst getürmt. Versuchen wir es mit einem weiteren Kontaktversuch, Sergeant Harding. Sagen Sie denen, dass unsere Absichten nicht kriegerischer Natur sind, dass wir uns aber wehren werden, wenn man uns weiterhin attackiert.“
Der untersetzte Sergeant bestätigte und versuchte sein Glück erneut. Diesmal dauerte es nicht lange, bis er vermelden konnte: „Von dem beschossenen Raumschiff kommt eine Antwort, Sir. Die Übersetzung läuft bereits.“
Einige Augenblicke verstrichen, bis der Sergeant erneut meldete: „Colonel, die Antwort liegt vor. Die Fremden bedauern den Angriff. Aufgrund der Bauweise dieses Raumschiffes haben sie uns für jene gehalten, die vor etwa eintausend Jahren auf ihrer Heimatwelt landeten um einen Ring für… Hier bin ich mir nicht sicher, was die Fremden meinen… Einen Ring für den distanzlosen Schritt aufzustellen.“
Aus dem Empfänger der Bordsprechanlage klang die Stimme von Nicholas Rush auf: „Ich bin mir sicher, dass die ein Stargate meinen. Aber die übersetzte Zeitspanne kann nicht stimmen. Sagen Sie denen besser nicht, dass die DESTINY von eben jenen Leuten gebaut wurde die für das Aufstellen der Sternentore verantwortlich sind. Diese Fremden sind offensichtlich nicht gut auf die Antiker zu sprechen.“
Ironisch erwiderte Christina Mitchell über den geöffneten Kanal. „Vielen Dank für die Info, Mister Rush. Auf diese Idee bin ich auch schon gekommen. Wir werden ihnen nur sagen, dass wir Terraner sind und fragen, was sie wollen.“
Noch bevor die Kommandantin sich an den Sergeant wenden konnte, hatte dieser bereits gehandelt und meldete: „Nachricht kann jederzeit gesendet werden.“
Zufrieden wies ihn die Terranerin an: „Nachricht senden, Sergeant.“
„Nachricht ist raus.“
Diesmal dauerte es etwas länger, bis eine Antwort der Fremden erfolgte und in übersetzter Fassung vorlag. Der Sergeant las vor: „Die Fremden, die sich in dieser Nachricht selbst als Fiarrmyden bezeichnen, sind auf der Suche, nach dem Heimatsystem ihrer Feinde. Sie sagen, dass dieser Feind vor eine Zeitspanne, die etwa einhundert Jahren irdischer Zeitrechnung entspricht, aus dem… Sternentor ihres Planeten hervorbrachen. Dieser Feind tötete alle Fiarrmyden jener Stadt, die um das Sternentor herum errichtet worden war. Man hielt das Sternentor in früherer Zeit für ein Geschenk von Göttern. Darum gibt es zahlreiche Darstellungen des großen Himmelswagens, der den Himmel verdunkelte. Der Feind aktivierte um das Sternentor herum eine Energiekuppel, die sie bisher nicht durchdringen konnten. Deshalb schickte man Raumschiffe aus, um die Verbindung von der anderen Seite her unmöglich zu machen, indem man das Gegengerät zerstört. In einer Erholungsphase für die FTL-Antriebe ihrer Raumschiffe tauchten wir dann auf und man hielt uns für den Feind.“
Christina Mitchell wechselte einen vielsagenden Blick mit ihrem Stellvertreter. Alexander Kamarov verstand und sagte: „Wir könnten denen vielleicht helfen, Colonel. Mit unserem Sternentor an Bord könnten wir innerhalb der Energiekuppel auftauchen.“
„Dieser Gedanke kam mir auch“, sagte die Frau nachdenklich. „Die Frage ist jedoch, ob wir uns einmischen sollten.“
„Das haben die Antiker bereits getan. Ohne ein Sternentor auf deren Planeten wäre die aktuelle Gefahr für diese Fremden gar nicht entstanden.“
Langsam erhob sich die Kommandantin aus dem Sessel. „Sie meinen also, wir Terraner tragen, als Nachfahren der Antiker, einen Teil von Mitverantwortung?“
„Ich denke, Sie kennen die Antwort darauf, Colonel.“
Über die Verbindung zum Interface-Kontrollraum meldete sich Eli Wallace vehement zu Wort. „Wir können doch nicht einfach wegfliegen und diese Fremden ihrem Schicksal überlassen. Die Antiker sind verantwortlich, Colonel Mitchell. Darum müssen wir etwas für die da draußen tun.“
„So, müssen wir das?“, erkundigte sich Christina Mitchell mit gefährlicher Sanftmut. „Können Sie mir denn garantieren, dass uns die Fremden die Wahrheit gesagt haben? Vielleicht sind ja diese Fremden da draußen die Bösen.“
„Kann ich nicht“, erwiderte Eli dunkel. „Aber wir könnten den Autopiloten der DESTINY abschalte und mit den Fiarrmyden zu ihrem Heimatplaneten fliegen. Nun ja, um uns dort ein Bild von den tatsächlichen Verhältnissen zu machen.“
Die Kommandantin der DESTINY sah kurz in das amüsierte Gesicht von Kamarov und seufzte dann: „Na schön, ich werde den Fremden Ihren Vorschlag unterbreiten, Mister Wallace. Mal sehen, was die dazu sagen werden.“
Sie gab den entsprechenden Befehl an Sergeant Harding.
Wieder dauerte es etwas länger, bis eine Nachricht eintraf und der Sergeant meldete: „Die Fremden möchten sich davon überzeugen, dass wir wirklich nicht der Feind sind, bevor sie ein so kampfstarkes Raumschiff wie die DESTINY nach Fiarrmyd führen. Darum bittet der Kommandeur dieser Kampfgruppe um ein persönliches Treffen. Er fragt, ob wir die Möglichkeit haben ein Shuttle zu entsenden um ihn und zwei Begleiter zu uns an Bord zu holen. Er will sich selbst ein Bild machen.“
Vom Interface-Kontrollraum meldete sich erneut Nicholas Rush. „Das könnte eine Falle sein, um an Geiseln zu kommen.“
„Mir ist klar, dass das jetzt etwas Vertrauen von beiden Seiten erfordert“, beschied ihm die Kommandantin. „Ich werde das Risiko eingehen.“
Über die Kommunikationsanlage der DESTINY erteilte Christina Mitchell den Befehl, eines der Shuttles mit einem Trupp aus drei Personen zu bemannen. Auf den fragenden Blick ihres Stellvertreters hin erklärte sie: „Falls es doch eine Falle ist, will ich denen nicht mehr Geiseln geben, als unbedingt notwendig. Nur der Pilot würde hingegen vielleicht etwas feige aussehen. Wir wissen nicht wie das ankommen würde.“
Alexander Kamarov nickte stumm während seine Vorgesetzte meinte: „Sie übernehmen hier auf der Brücke das Kommando, Lieutenant-Colonel. Ich selbst werde mich auf den Weg machen, um unsere bald hier eintreffenden Gäste zu empfangen.“
„Viel Glück, Sir“, schickte ihr Kamarov hinterher. Er schritt zum Kommandosessel und nahm darin Platz. An Ines Garrick gewandt befahl er: „Captain, Sie bleiben wachsam. Sollten die da drüben Verrat planen, dann brennen wir denen eins auf das Fell.“
Kamarov ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, wie zutreffend seine Worte waren.
Unabsehbare Konsequenzen by ulimann644
7

UNABSEHBARE KONSEQUENZEN


Major Hauke Hansen, der Kommandeur der Kommandotrupps, hatte es selbst übernommen, gemeinsam mit First-Lieutenant Keyah Okotie-Eboh an Bord zu gehen. Der Pilot, Second-Lieutenant Kenan Jafarzadeh, gehörte ebenfalls zu dieser Spezialeinheit.
Hansen hatte zuvor den Befehl erteilt, keine Waffen mitzunehmen, was ihm einige lange Blicke des in Teheran geborenen Piloten und seiner südafrikanischen Begleiterin einbrachte, während sie zum vorderen Shuttle unterwegs waren. Stattdessen hatte sich der Major einen der Universalübersetzer angeheftet, die nach Plänen der Antiker auf der Erde produziert worden waren. Wenn die Fremden dazu bewegt werden konnten, nur genug zu sagen, dann war das Gerät dazu in der Lage schnell eine relativ genaue Syntax zu berechnen, die sich bei weiteren Sprachinformationen immer weiter anpassen konnte.
Lieutenant Jafarzadeh, der seit seiner Ankunft auf der DESTINY die meisten Flugstunden in den 26,5 Meter langen Shuttles gesammelt hatte, nahm im Sessel des Piloten Platz, der zentral vor dem großen Frontfenster stand. Rechts, nach hinten versetzt, setzte sich der Major an eine der beiden Hilfskonsolen. Den Platz an der linken Konsole nahm die südafrikanische Terranerin ein.
Beinahe schon wie selbstverständlich aktivierte Kenan Jafarzadeh die Aggregate des Shuttles, löste die Andockklammern der Andockvorrichtung und hob die Maschine sanft ab.
In einer weiten Kurve ließ der Pilot das Antiker-Shuttle nach links oben herumschwingen und nahm dann direkten Kurs auf das in Flugrichtung vordere der fünf schnittig aussehenden Raumschiffe.
An der Steuerbordseite des fremden Raumschiffes öffnete sich ein Schott, als sich das Shuttle bis auf einen Kilometer genähert hatte.
„Die Öffnung ist etwas mehr als dreißig Meter breit und knapp elf Meter hoch“, meldete Keyah Okotie-Eboh, die auf die Anzeigen ihrer Konsole sah.
Der Iraner gab ein Brummen von sich. „Das lässt nicht sehr viel Platz zum Manövrieren, bei einer Shuttle-Breite von 24,2 Metern und einer Höhe von 8,43 Metern. Keyah, ich wäre dir sehr verbunden, wenn du zum Heckschott gehen würdest. Da gibt es eine Sichtluke. Wäre gut, wenn du meinen Anflug von dort aus kontrollierst.“
Die athletische, hochgewachsene Frau stand auf, klopfte Jafarzadeh bestätigend mit der Hand auf die Schulter und machte sich auf den Weg in den Heckbereich.
Inzwischen wendete der Pilot das Shuttle und steuerte es, mit Hilfe seiner Instrumente auf die Schottöffnung des fremden Raumschiffs zu. Dabei erkundigte er sich bei seiner Kameradin, die er bereits zu Akademiezeiten kennengelernt hatte: „Was meinst du, Keyah?“
„Sieht okay aus.“
Einen Moment später durchfuhr ein kreischendes Geräusch das Shuttle, als die obere flache Finne des Shuttles über die Decke des Innenbereiches schleifte, in den sie einflogen.
Der Iraner verzog das Gesicht und rief nach hinten: „Verdammt, Keyah! Du hast doch gesagt, der Anflug wäre okay?“
„Nein, ich habe gesagt, er sieht okay aus!“
Der Second-Lieutenant gab ein Seufzen von sich und korrigierte den Anflugkurs, bevor er sich mit gereiztem Tonfall erkundigte. „Und jetzt?“
Trocken erwiderte Keyah Okotie-Eboh seelenruhig: „Sieht okay aus.“
Hauke Hansen unterdrückte ein Grinsen. Ernsthaft ermahnte er die beiden Offiziere: „Ab jetzt bitte allerhöchste Konzentration!“
Nur Sekunden später setzte Jafarzadeh das Shuttle auf. Gleich darauf meldete er aufgeregt: „Die schließen das Schott.“
„Das war doch zu erwarten“, versetzte der Major ruhig. „Es ist eben einfacher, den Druckausgleich vorzunehmen um dann ohne hinderliche Raumanzüge an Bord des Shuttles zu gehen.“
Damit erhob sich Hansen und ging zu Lieutenant Okotie-Eboh. Bei der dunkelhäutigen Frau angekommen meinte er: „Tja, nu geht das los.“
Die Miene der Frau spiegelte wider, dass sie sich amüsierte. Hansen war bekannt dafür, dass er die Endungen mancher Wörter beim Reden verschluckte. Außerdem zog er die Vokale mancher Wörter ziemlich in die Länge, was sich in ihren Ohren seltsam anhörte. Vielleicht pflegte der Major diese Marotten deswegen, weil er auf einer sehr kleinen Nordsee-Insel aufgewachsen war, die man zu Ostfriesland zählte.
„Vielleicht hätten wir doch Waffen mitnehmen sollen, Sir“, meinte Jafarzadeh von den Steuerkontrollen.
„Nein!“, widersprach ihm der Major umgehend. „Das wäre ein ziemlich übler erster Gruß, finden Sie nicht?“
Der Pilot des Shuttles fasste die Frage als rhetorisch auf und enthielt sich eines Kommentars dazu.
Keyah Okotie-Eboh, die aus der Sichtluke des Heckschotts sah, meldete im nächsten Moment: „Da kommen welche in diesen Bereich. Wenn Sie mich fragen, Major, dann ist das hier aber kein Hangar, sondern eher ein Lagerraum, den man hastig zu einem Hangar umfunktioniert hat. All diese Kisten und Behälter an den Wänden weisen darauf hin. Aber sehen Sie selbst, Sir.“
Der Major sah durch den transparenten Bereich des Schotts, nachdem die Frau Platz für ihn gemacht hatte. Nach einem Moment meinte er heiser: „Erschrecken Sie nich, beim Anblick der Fremden. Ich kann jetzt erkennen, dass die wie aufrecht gehende Panther aussehen. Was für ein Anblick. Lieutenant Jafarzadeh, bitte öffnen Sie das Heckschott.“
„Ich öffne, Sir!“
Die beiden Schotthälften glitten vor Hansen und seiner Untergebenen, mit einem metallischen Klang, zur Seite. Gemeinsam schritten die beiden Terraner ein Stück in den Lagerraum hinein und blieben dann stehen.
Fasziniert musterte Hauke Hansen die neun Wesen, die sich ihnen bereits auf wenige Schritte Abstand genähert hatten. Sie trugen grünbraune Kombinationen, mit Ärmeln, die über den Ellenbogen endeten. Die Hosen reichten eine Handbreit über das Kniegelenk. So etwas, wie Schuhe, schienen ihnen unbekannt zu sein. Dort, wo die Uniformen nicht die Körper der Feloiden bedeckten, erkannte der Terraner dichtes, schwarzblaues Fell. Im Gegensatz zu irdischen Panthern waren die Ohren der Fremden etwas kleiner. Schnurrhaare konnte Hansen keine entdecken. Dafür fiel ihm auf, dass ihre vorspringenden Augen deutlich größer waren, als die ihrer tierischen Verwandten, auf der Erde. Die Iris besaß bei allen Fremden einen hellen Blauton, wobei die Pupille einen nachtblauen Ton aufwies. Unterschiede, wie bei den Menschen, schien es in dieser Hinsicht nicht zu geben, obwohl man das nicht mit Bestimmtheit sagen konnte. Die Hände der Außerirdischen wirkten nicht wie Tatzen. Sie sahen annähernd so aus, wie bei Menschen. Nur hatten sie vier Finger, anstatt fünf. Die Füße der Wesen besaßen hingegen weniger Ähnlichkeit zu Humanoiden. Hinter ihren Körpern zuckten meterlange Schwänze, mal zur einen, mal zur anderen Seite. Offensichtlich gab es in den Hosen der Uniformen entsprechende Öffnungen für sie.
Auf zwei Armlängen Abstand blieben drei der schlanken, jeweils mindestens zwei Meter hochgewachsenen Gestalten stehen. In den Händen von sechs der Wesen erkannte der Major so etwas wie Waffen. Als die Wesen sie sahen, zielten sie damit auf sie, was Hansen als ein schlechtes Zeichen wertete.“
Ganz langsam drehte der Terraner seine Hände so, dass die leeren Handflächen zu den Fremden zeigte, in der Hoffnung, die feloiden Wesen würden diese Geste richtig deuten. In ruhigem, langsamen Tonfall sagte der Major: „Wir kommen in friedlicher Absicht. Wer von Ihnen ist der Kommandant?“
Aus dem Übersetzungsgerät an Hansens Uniform drangen seltsam fauchende und knurrende Laute.
Eines der Wesen trat vor und erst jetzt erkannte Hauke Hansen, schwach ausgebildete aber dennoch deutlich erkennbare, weibliche Sekundärattribute. Außerdem trug das Wesen, anders als seine Begleiter, zwei breite, goldene Armreifen an den Handgelenken.
Das Wesen öffnete den Mund und zur Überraschung des Majors, der instinktiv mit einem Raubtiergebiss gerechnet hatte, erkannte er zwei makellose, silberweiße Zahnreihen, die eher zu Humanoiden gepasst hätten. Es gab eine Reihe von ähnlich heiseren Tönen von sich, wie sie zuvor aus dem Übersetzungsgerät gedrungen waren. Erst nach einigen Augenblicken ertönte eine neutrale Stimme aus dem Gerät, die sagte: „Ich bin die kommandierende Za’Mascar dieses Flottenverbandes. Mein Name ist Maz’Kanaar.“
Momentan hatte der Übersetzer offensichtlich noch nicht genug Sprachinformationen gesammelt, um den Rang der Fiarrmyden-Kommandantin adäquat übersetzen zu können. Hansen vermutete jedoch, dass er dem Äquivalent eines Flaggoffiziers entsprach.
Sich leicht verbeugend, erwiderte der Major: „Ich habe den Auftrag, Sie und zwei ihrer Begleiter auf unser Raumschiff zu bringen. Ganz so, wie es Ihr Wunsch ist.“
In einer fremdartig anmutenden Geste hielt die Fiarrmydin ihre angewinkelten Arme vor den Körper und legte die Handflächen aufeinander. Gleichzeitig fauchte sie die Bewaffneten an, die erst jetzt ihre Waffen senkten. Sofern es wirklich welche waren.
Erst nach einem langen Moment wurde dem Hauke Hansen klar, dass es sich bei der Geste um eine Art von militärischer Ehrenbezeigung handelte. Sie imitierend deutete er schließlich zum Schott des Shuttles.
Forsch schritt die Kommandantin der Fiarrmyden an Hansen und seiner Begleiterin vorbei und betrat geschmeidig das Innere des Shuttles.
Die beiden Menschen folgten ihr und Hansen deutete auf die linke Sitzreihe. Er selbst setzte sich demonstrativ auf die Bank gegenüber.
Die Fremde, die über eine rasche Auffassungsgabe zu verfügen schien, folgte der Einladung Platz zu nehmen und ihre beiden Untergebenen setzten sich flankierend neben sie.
„Nehmen Sie neben mir Platz, Lieutenant“, forderte Hansen Keyah Okotie-Eboh auf. Ihm war aufgefallen, dass die Frau von den Fremden am intensivsten gemustert wurde. Als sie saß, sagte Hansen zu Jafarzadeh gewandt: „Warten Sie, bis die Fiarrmyden den Lagerraum geräumt und den Druckausgleich hergestellt haben. Sobald das Schott sich geöffnet hat, möchte ich einen Bilderbuchstart sehen. Die Landung war ja nicht so toll.“
„Verstanden, Sir“, brummelte der Pilot und Hansen schmunzelte fein. Dann sah er zu den drei Fremden und er fragte sich, welche Konsequenzen diese Begegnung haben mochte.

* * *


Zusammen mit Doktor Nicholas Rush, Amanda Perry, und Eli Wallace wartete Christina Mitchell an der Schleuse der vorderen Andockvorrichtung. Zusammen mit einer Ehrengarde, bestehend aus zehn Männern und Frauen ihrer Einheit. Lieutenant Sabatini hatte sie befohlen im Interface-Kontrollraum zu bleiben, um den Anflug zusätzlich zu überwachen.
Bereits vor zwei Minuten hatte der Pilot des Shuttles sich gemeldet und einen knappen Bericht vom Verlauf des Erstkontaktes mit den Fiarrmyden erstattet. Seither war die Kommandantin der DESTINY noch gespannter auf die Fremden, als zuvor bereits.
Eli sah zu Nicholas Rush und meinte, etwas spöttisch: „Ich habe Katzen immer gemocht. Hoffentlich bleiben diese hier friedlich.“
„Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, die Befehlshaberin der Fiarrmyden hinter den Ohren zu kraulen, wenn sie an Bord ist“, warf Colonel Mitchell ironisch ein. „Das könnte falsch verstanden werden.“
„Ich würde lachen, wenn das am Ende zum Begrüßungsritual bei denen gehört“, konterte der etwas Beleibte grimmig.
Rush und Perry schien das Geplänkel gleichermaßen zu amüsieren.
Die vier Menschen wurden abgelenkt, als das Shuttle zur Landung ansetzte. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis sich endlich das massive Schott der Andockvorrichtung öffnete und drei hochgewachsene, feloide Wesen vor ihnen standen. Hinter ihnen folgten die drei Soldaten, die Mitchell zu dem Raumschiff der Fiarrmyden entsandt hatte.
Die Kommandantin der DESTINY, die nun ebenfalls ein Übersetzungsgerät an ihrer Uniform trug, salutierte vor den drei fremden Wesen und sagte: „Ich bin Colonel Christina Mitchell die Befehlshaberin dieses Raumschiffes. Ich begrüße Sie an Bord und hoffe, dass wir die anfänglichen Missverständnisse schnell ausräumen können.“
Maz’Kanaar wiederholte die Geste die sie bereits vor Hauke Hansen an Bord ihres eigenen Raumschiffes ausgeführt hatte und stellte sich der Terranerin und ihren Begleitern vor. Danach wies sie auf die beiden anderen Fiarrmyden die sie namentlich als Kir’Zamaer und Var’Geroon vorstellte. Die letztgenannte Person wies keine weiblichen Attribute auf. Außerdem war dieser Fiarrmyde etwa zwei Fingerbreit kleiner, als seine Artgenossinnen.
„Das hoffen wir ebenfalls“, antwortete die Za’Mascar mit fauchender Stimme.
Christina Mitchell ließ die Ehrengarde abtreten und sagte dann zu den drei Außerirdischen: „Bitte folgen Sie mir. Hansen, Sie und Ihre beiden Leute kommen auch mit und warten vor dem Schott der Kantine. Sie werden unsere Gäste später wieder sicher zu ihrem Raumschiff zurückbringen.“
Die terranische Kommandantin schritt voraus, in Richtung der Messe. Sie hatte den Bereich zuvor räumen lassen, um in Ruhe mit den Außerirdischen reden zu können. Dort angekommen deutete sie auf eine Bank an einem der größeren Tische, wo sie alle Platz finden würden. Sie setzte sich, zusammen mit Rush, Perry und Eli auf die eine Bank, während die drei katzenhaften Wesen sich ihnen gegenüber niederließen.
Als die Feloiden keine Anstalten machten, das Gespräch zu beginnen, sagte Colonel Mitchell: „Ich möchte damit beginnen Ihnen zu versichern, dass wir Verständnis dafür aufbringen, weshalb Sie anfangs glaubten wir wären der Feind. Wir sehen die Feindseligkeiten Ihrerseits als ein Missverständnis an.“
„Sie haben sich ziemlich eindrucksvoll gewehrt“, hielt Maz’Kanaar dagegen.
„Wir hätten Sie auch ganz entspannt weiterfeuern lassen können“, versetzte die Terranerin. „Doch wir waren neugierig, warum Sie uns ohne Vorwarnung unter Feuer genommen haben. Also mussten wir handeln, um Ihre Aufmerksamkeit zu erregen.“
„Die haben Sie jetzt.“
Eli Wallace grinste breit bei den Worten der Fiarrmydin. Erst, als Christina Mitchell ihm einen warnenden Blick zuwarf wurde dessen Miene wieder ernst.
Die terranische Kommandantin der DESTINY ergriff wieder das Wort. „Sie haben in Ihrer Nachricht an uns geschildert, dass Ihre Welt von einer invasiven Spezies angegriffen wird, die durch Ihr Sternentor einfällt. Ist das richtig?“
Die Befehlshaberin der Fiarrmyden hielt ihre Hand mit dem Handrücken nach oben und bewegte sie auf und wieder ab. Offensichtlich eine Geste der Zustimmung, denn sie erwiderte: „Ja. Wir hielten diesen Ring aus Metall in früherer Zeit für ein Symbol von Göttern. Wir wussten nicht, dass es einem ganz anderen Zweck dient. Mir fiel eben auf, dass Sie ganz selbstverständlich Sternentor gesagt haben. Sie kennen also die Spezies, die für dieses Artefakt verantwortlich ist, das so unendliches Leid über unser Volk bringt?“
Die Terranerin zögerte für einen Moment, bevor sie sich dazu entschloss mit offenen Karten zu spielen. „Ja, wir wissen, wer diese Sternentore errichtet hat. Eine Spezies, deren Heimatwelt mehrere Milliarden Lichtjahre von hier entfernt liegt. Sie schickten, bereits vor mehr als einer halben Million Jahren, eine Flotte von Raumschiffen los, um entlang der Flugroute dieses Raumschiffes, auf für humanoides Leben geeigneten Planeten, Sternentore zu errichten. Sie taten das, um potenziellen Besatzungen dieses Raumschiffs eine Nachschublinie zu gewährleisten, die von der Heimat autark ist. Zwar schickten sie dieses Raumschiff ursprünglich unbemannt los, doch sie hatten vor, später an Bord zu kommen. Mit eben jener Art von Technik, welche die Sternentore darstellen.“
Für einen Augenblick passierte nichts. Dann begann Maz’Kanaar leise zu fauchen.
Schnell sprang Nicholas Rush in die Bresche und sagte beschwörend: „Wir sind die Nachfahren jener, die diese Mission begannen. Doch ich versichere Ihnen, es lag nicht in der Absicht unserer Vorfahren, irgendwem zu schaden. Normalerweise braucht man ein Steuergerät, um die Sternentore zu aktivieren. Mir ist schleierhaft, wie es die Invasoren Ihrer Welt geschafft haben, ohne diese Geräte.“
„Ich bin immer noch misstrauisch. Sie sagen, sie kennen den Feind nicht, doch vielleicht paktieren Sie ja mit ihm“, meldete sich erstmals die zweite weibliche Fiarrmydin zu Wort. „Außerdem…“
Eine herrische Handbewegung von Maz’Kanaar unterbrach ihre Untergebene.
„Das ist nicht der Fall“, versicherte Christina Mitchell dem feloiden Wesen.
„Dann helfen Sie uns, die Welt der Invasoren zu finden!“, forderte Maz’Kanaar impulsiv und reckte sich über die Tischplatte vor. „Mit den Waffen Ihres Raumschiffs wäre es bestimmt ein Leichtes, das Tor auf deren Welt zu vernichten!“
„Wir können uns von denen nicht in einen Krieg ziehen lassen, Colonel“, warnte Amanda Perry, die sich bisher zurückgehalten hatte. „Das birgt unabsehbare Risiken. Außerdem würden wir uns in die Entwicklung zweier Spezies einmischen.“
„Aber das haben wir doch schon“, wandte Eli Wallace auf ähnliche Art und Weise ein, wie bereits Kamarov zuvor. „Na ja, zumindest unsere Vorfahren, meine ich.“
„Vielleicht gibt es eine andere Lösung“, mischte sich Rush ein. „Das Problem ist nicht das Tor der Invasoren, sondern das Tor der Fiarrmyden. Wenn wir das Tor auf deren Heimatwelt unbrauchbar machen könnten, dann wären die Invasoren abgeschnitten.“
„Das geht aber nicht!“, fauchte der männliche Fiarrmyde. „Die Invasoren schützen das Sternentor durch eine Energiekuppel, die unsere Waffen nicht durchdringen können. Wir hatten dieselbe Idee, doch wir kommen nicht an das Tor heran. Außerdem würden sich dann immer noch etwa eintausend Feinde in dem geschützten Bereich befinden. Etwa so viele Invasoren bilden die permanente Schutztruppe unter der Energiekuppel.“
„Es gäbe dafür aber eine Lösung“, murmelte Eli grübelnd.
Christina Mitchell, die ahnte, worauf der junge Mann hinaus wollte, gab ärgerlich zurück: „Denken Sie nicht einmal daran, Mister Wallace. Mein Bataillon besteht gerade einmal aus dreihundertzwanzig Personen. Ich inklusive.“
„Ich dachte eher an die Fiarrmyden“, erklärte Eli.
Maz’Kanaar, die aufmerksam die Diskussion der Menschen verfolgt hatte, fauchte ungeduldig in Richtung von Christina Mitchell: „Wovon redet der? Ich verstehe nicht.“
Die angesprochene Terranerin wandte sich wieder an die Feloide. „Sie sagten, sie kommen nicht an den Feind heran. Nun, mit einem Sternentor kann man den Energieschild überwinden und direkt bei den Feinden auftauchen.“
„Sie meinen also ein Selbstmordkommando, das eine Sprengladung am Sternentor anbringt? „Eine gute Idee!“
„Nein, das ist keine gute Idee!“, warf Rush ein. „Denn bei einer Sprengung würde das Material des Tores die Wirkung der notwendigen Ladung möglicherweise um ein Vielfaches verstärken. Dabei geriete Ihre Bevölkerung in Gefahr. Nein, was Colonel Mitchell meinte war, dass Ihre Soldaten durch ein benachbartes Sternentor gehen könnten, um im Innern der Energiekuppel aufzutauchen. Dazu müssen wir nur zuerst die Adresse des Sternentores auf Ihrem Planeten ermitteln und dann einen Planeten anfliegen, der ebenfalls ein solches Sternentor besitzt und in Reichweite liegt. Diese Planeten können wir ermitteln, sobald sich die DESTINY in der Nähe des Sonnensystems befindet, in dem Ihre Heimatwelt liegt.“
Die drei Fiarrmyden sahen sich an und gaben ein rhythmisches Schnurren von sich, das von dem Übersetzungsgerät nicht interpretiert werden konnte.
Nach einer Weile war es erneut Maz’Kanaar, die sich an die Menschen wandte. „Vielleicht ist das eine Falle von Ihnen. Wir kennen Sie nicht und wir wissen nicht, ob Sie es ehrlich meinen. Es wäre äußerst riskant, ein so kampfstarkes Raumschiff, wie das Ihre, direkt bis zu unserer Heimatwelt zu führen.“
Nicholas Rush schien etwas darauf erwidern zu wollen, doch Amanda Perry hielt ihn mit einem Griff nach seinem Unterarm davon ab. Stattdessen sagte sie selbst: „Dieses Raumschiff kann Sternentore aufspüren. Also wäre es für uns nicht schwierig, Ihre Welt zu finden, wenn wir das wollten. Sie müssen uns auch nicht in Ihr System einfliegen lassen. Es genügt, wenn wir bis auf drei Lichtmonate heranfliegen. Das genügt, um die Adresse festzustellen und die in Reichweite liegenden Welten mit einem Sternentor zu ermitteln.“
„Das ist richtig“, bekräftigte Rush. „Falls es mehrere Sternentore in Reichweite gibt, dann stehen die Chancen gut, dass einer der Planeten unbewohnt ist. Besitzen Ihre Raumschiffe die Fähigkeit auf einem Planeten zu landen?“
Maz’Kanaar bestätigte mit derselben Handbewegung, die sie schon zuvor ausgeführt hatte. „Ja, aber ich verstehe noch immer nicht.“
Rush sah zu Mitchell und die Frau übernahm es, der Za’Mascar zu erklären: „Er meint, dass wir die technische Möglichkeit haben, von einem solchen Planeten aus das Sternentor ihrer Heimatwelt anzuwählen. Ihre Truppen können dann hindurchgehen und dem Feind in den Rücken fallen. Ein Trupp meiner Spezies sollte Sie dabei unterstützen, denn um das Sternentor anschließend für immer zu deaktivieren muss es zunächst von der Energieversorgung getrennt werden. Das sollten jedoch Personen machen, die sich damit auskennen, damit es nicht zu einer Katastrophe kommt.“
Die Kommandantin der Außerirdischen fixierte Christina Mitchell mit ihren großen Augen. „Sie wären bereit, Seite an Seite mit uns zu kämpfen?“
Colonel Christina Mitchell, die bereits ihre Entscheidung getroffen hatte, erwiderte zustimmend: „Ja, Za’Mascar.“
Wieder gaben alle drei feloiden Wesen schnurrende Laute von sich, die der Übersetzer nicht in Worte umwandelte, bevor Maz’Kanaar verständlich antwortete: „Bitte bringen Sie uns nun auf unser Flaggschiff zurück, Colonel. Als Brigadegeneral besitze ich die Autorität, meine ursprünglichen Befehle zu ignorieren und einer solchen Vereinbarung zuzustimmen, falls ich mich dazu entschließen sollte Ihnen zu vertrauen. Ich werde mit Ihnen Kontakt aufnehmen, sobald diese Entscheidung gefallen ist.“
Die Britin, die bemerkt hatte, dass der elektronische Übersetzer endlich den Rang der Feloiden übersetzen konnte, erhob sich bedächtig, um ihre Gäste nicht zu verschrecken.„Einverstanden. Wir erwarten Ihre Entscheidung, Za’Mascar.“
Auch die drei Fremdwesen und die übrigen Menschen am Tisch erhoben sich.
Das Team von Hauke Hansen machte einen ungeduldigen Eindruck, als sich das Schott der Kantine öffnete und sich ihre Vorgesetzte an sie wandte.
„Major, Sie und ihre Leute führen unsere Gäste zum Shuttle und fliegen Sie zurück zu ihrem Raumschiff. Im Anschluss melden Sie sich in meinem Quartier.“
Den sechs unterschiedlichen Personen hinterhersehend, meinte Christina Mitchell nachdenklich: „Nun heißt es: Abwarten.“
Situationsanalyse by ulimann644
8

SITUATIONSANALYSE


Etwas mehr, als drei Stunden später lag die Antwort der feloiden Kommandeurin vor. Sie hatte sich dazu entschieden, das Angebot der Terraner anzunehmen.
Christina Mitchell hatte daraufhin die gesamte Besatzung der DESTINY, über die Bordsprechanlage, von den jüngsten Entwicklungen informiert. Inzwischen stand fest, dass der Flug zum Heimatsystem der Fiarrmyden etwas länger als drei Tage dauern würde.
Am Abend hatte sich Elena Sabatini sehr neugierig gezeigt. Gemeinsam mit Eli hatte sie die Aussichts-Lounge aufgesucht. Zur Freude der Argentinierin war die große Couch auf der linken Seite der Lounge noch frei. Dieses große und sehr gemütliche Möbelstück war einer ihrer Lieblingsplätze an Bord der DESTINY geworden.
Neben dem jungen Mann fast auf der Ledercouch liegend, sah sie ihn an und fragte: „Was hältst du davon, dass der Colonel in diesen Krieg zweier Spezies eingreifen will?“
Eli verzog das Gesicht etwas. „Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll. Jetzt, nachdem ich etwas Zeit hatte darüber nachzudenken, ist mir nicht ganz wohl bei dem Gedanken daran, dass mein Einwand Colonel Mitchell erst auf die Idee gebracht haben könnte. Zumindest Amanda Perry war hinterher nicht begeistert von mir.“
Die junge Frau lachte leise: „Ich sage dir was: Colonel Christina Victoria Mitchell lässt sich ganz bestimmt nicht so leicht beeinflussen. Die hat sich angewöhnt, das zu tun, was sie für richtig hält. Ungeachtet dessen was andere Leute sagen oder meinen. Außerdem erfuhr ich, dass Kamarov denselben Vorschlag bereits vor dir machte.“
Sie sah kurz zur Frontscheibe hinaus, wo in einiger Entfernung die fünf Kreuzer der Fiarrmyden im Hyperraum zu erkennen waren. Mit veränderter Stimme sagte sie: „Apropos, was Mitchell meint. Sie gab mir vorhin den Auftrag dir schonend beizubringen, dass du eines der normalen Quartiere beziehen sollst. Der Raum für die fliegenden Augen soll zukünftig allgemein zugänglich sein. Natürlich darfst du dort weiterhin deine Aufnahmen zu deinem Laptop übertragen. Aber dort zu übernachten ist nicht länger drin.“
„Was? So ein Mist!“
„Hey, sieh mich nicht so finster an“, forderte die Schwarzhaarige. „Meine Idee war das nicht, auch wenn ich sie gar nicht so verkehrt finde. Zumindest hast du jemanden, der dir beim Umziehen helfen wird.“
„Toll!“
Die Augen der Frau begannen zu rollen. „Na hör schon auf zu jammern und sieh dir erst einmal das Quartier an, das ich für dich, im Auftrag des Colonels, reserviert habe.“
Erst nach einem Moment bemerkte der etwas Beleibte den auffordernden Blick und etwas erstaunt fragte er: „Jetzt sofort?“
Na, wann denn sonst? Oder willst du erst abwarten, bis dir die Augen zufallen?“
Eli erhob sich mürrisch. Dabei entfuhr es ihm: „Wie schön könnte die Raumfahrt sein, ohne das Militär.“
„Danke, Eli!“
Erst beim Blick ihrer funkelnden Augen wurde dem jungen Mann bewusst, was er gesagt hatte und entschuldigend erwiderte er: „Das passiert mir immer wieder. Ich quatsche irgendeinen Blödsinn und jemand Anderes fühlt sich deswegen schlecht.“
Beruhigend legte Elena Sabatini ihre Hand auf seinen Unterarm. So, wie sie es bereits mehrmals getan hatte, seit sie einander begegnet waren. Dabei beruhigte sie ihn: In deiner Nähe fühle ich mich nie schlecht, Eli.“
Bevor Eli etwas darauf erwidern konnte, drängte sie ihn: „Los jetzt, sonst ziehst du am Ende doch noch allein um.“
Gemeinsam verließen die beiden jungen Leute die Aussichts-Lounge. Nachdem sie die wenigen Sachen und Habseligkeiten des Mannes zusammengepackt hatten, ließ er sich von seiner Begleiterin durch die Korridore des Raumschiffes führen. Dabei erklärte sie: „Ich habe darauf geachtet, dass dein neues Quartier auf der unteren Ebene des Brückenturmes liegt, ganz in der Nähe des Interface-Kontrollraumes und dem Raum für die fliegenden Augen. Dadurch hast du, trotz des Umzuges, auch zukünftig relativ kurze Wege.“
Eli´s Gesicht heiterte sich auf. „Klingt schon nicht mehr ganz so trüb.“
Ist es auch nicht. Da sind wir schon.“
Elena öffnete das Schott und nachdem es sich vor ihnen geöffnet hatte, traten sie in den großzügig dimensionierten Raum ein.
Gegenüber dem Bett zu seiner Linken, in dem bequem drei Leute hätten schlafen konnten, entdeckte Eli unter einem der drei Fenster eine große Couch. Davor stand ein breiter Tisch flankiert von zwei Sesseln. An der Wand gegenüber entdeckte er rechts und links zweier karoförmiger Kunstwerke, wie sie im gesamten Raumschiff zu finden waren, die auffälligen Doppelzylinder der Klimaanlage. Daneben gab es ein breites Waschbecken mit einem Spiegel darüber. Zwei Tischlampen, die rechts und links des Bettes auf niedrigen quadratischen Kommoden standen und bei Bedarf ein blass-blaues Licht verbreiteten, rundeten die Einrichtung ab. Abgesehen davon gab es hier natürlich auch die obligatorischen Boden-, Wand- und Decken-Leuchtkörper.
Nachdem Eli sich umgesehen hatte, legte seine Sachen zunächst auf dem Tisch ab. Dabei meinte er: „Gar nicht schlecht. Auch, wenn ich das bisher nie vermisst habe.“
„Die nächste Dusche liegt gleich gegenüber deines neuen Quartiers“, säuselte Elena und grinste zufrieden, als sich das Gesicht ihres Gegenübers nochmal deutlich aufheiterte. Sie legte die Sachen, die sie in ihren Händen hielt, neben die anderen. „Und dann erst diese wunderbare Aussicht.“
Eli wandte sich zu ihr um. „Sogar die Richtung, in die diese Fenster zeigen stimmt. Hast du etwa gewusst, dass ich lieber nach Steuerbord aus den Fenstern sehe?“
„Nein, das dieses Quartier an Steuerbord liegt, ist reiner Zufall.“
Elena schloss das Schott und schritt langsam zu Eli. Das Farbenspiel des Hyperraumes auf der einen Gesichtshälfte und der warme, goldgelbe Ton auf der anderen Seite verliehen ihm gegenwärtig fast etwas Magisches. Dicht vor ihm stehenbleibend legte sie beide Hände auf die Wangen ihres Gegenübers. Leise sagte sie: „Ich bin Colonel Mitchell wirklich dankbar für diesen Auftrag.“
Im nächsten Moment küsste Elena den Mann, den sie erst so kurze Zeit kannte. Nachdem sie sich wieder von ihm getrennt hatte, lachte sie leise. „Ich habe noch nie zuvor einen Mann geküsst, der über einhundert Jahre alt ist.“
„Einhundertundsiebzehn um genau zu sein. Das bringt uns auf dieselbe Ebene. Ich habe noch nie eine Frau geküsst, die neunzig Jahre jünger ist, als ich.“
Elena Sabatini ging nicht auf die Worte ihres Gegenübers ein. Nachdrücklich nahm sie seine Hände und legte sie sich um die Hüften. Dabei meinte sie: „Wir haben unser Gespräch noch nicht zu Ende geführt. Ich meine, das unter der Dusche.“
Eli runzelte die Stirn. „War da noch etwas unklar?“
„Ja, du hast mir nicht gesagt, ob du noch sauer auf mich bist.“
Ein ungläubiges Lachen klang auf. „Hat sich das eben etwa für dich so angefühlt, als wäre ich sauer?“
Die Latina schüttelte den Kopf. „Nein, nicht wirklich. Ich wollte nur sichergehen, denn es ist so, wie ich es dir unter der Dusche gesagt habe. Da war vom ersten Moment an diese unerklärliche Verbundenheit.“
Eli grinste schief. „Ja, wer hätte geahnt, dass Mathematik so etwas bewirkt.“
„Mathematik?“
Der junge Mann schmunzelte und meinte: „Das erkläre ich dir an einem anderen Tag. Jetzt brauche ich erst einmal eine Dusche.“
„Nimmst du mich mit?“
Die Augenlider des etwas Beleibten weiteten sich. „Ernsthaft?“
Elena nickte, wobei sie dem jungen Mann mit den so sanft blickenden Augen direkt ansah. „Also nimm bitte zwei Badetücher und Handtücher mit.“

* * *


Etwa zu derselben Zeit, als Eli und Elena gemeinsam duschten, beendeten Vanessa James und Varro das allabendliches Lauftraining. Vor ihrem Quartier angekommen, sah die vollbusige Frau den Blonden fragend an.
„Was ist?“, erkundigte sich Varro, der den Blick bemerkt hatte. Obwohl er ahnte, warum sie ihn so ansah. Ihre Antwort bestätigte seine Vermutung.
„Wir haben noch ein Gespräch zu führen. Kommst du nach der Dusche vorbei?
Der kräftige Mann lächelte schwach. „Also schön, du lässt ja doch nicht locker. Sagen wir, in dreißig Minuten?“
Die Mundwinkel der Frau verzogen sich in die Breite. Abgemacht.“
Nach etwas weniger als dreißig Minuten öffnete sich das Schott von Vanessas Quartier und Varro trat ein, nachdem er sich versichert hatte, dass sie anwesend war.
In T-Shirt und Uniformhose saß die Soldatin, mit angezogenen Beinen auf einem der breiten Sessel. Dabei hatte sie die nackten Füße auf die Kante der Sitzfläche gestellt. Die Arme um die Knie geschlungen sah sie nachdenklich zu ihm auf.
Varro bemerkte den Gemütszustand der schwarzhaarigen Frau und so fragte er ohne lange Umschweife: „Warum so trübselig, Vanessa?“
Die Soldatin druckste etwas herum, bevor sie sich dazu durchrang zu sagen: „Mir ist unser letztes Gespräch etwas peinlich. Dabei hatte ich mir fest vorgenommen, diesmal nichts übers Knie zu brechen. Doch anscheinend passiert mir das immer wieder, sobald ich etwas für einen Mann empfinde. Dann versuche ich, sofort eine Entscheidung herbeizuführen. Das letzte Mal bei Matthew Scott. Was daraus wurde, das weißt du ja wohl.“
Varro schritt langsam zu dem zweiten Sessel. Sich darauf niederlassend meinte er: „Du hast mir nie erzählt, dass du mal mit Scott zusammen warst.“
Na ja, das waren wir irgendwie auch nie wirklich. Wir haben ein paarmal miteinander geschlafen, doch für ihn war es nie wirklich etwas Ernsthaftes. Als er dann mit Chloe zusammen war, da kam ich anfangs überhaupt nicht damit klar. Zu dem Zeitpunkt hätte ich die Kleine am liebsten über den Haufen geschossen.“
Varro nickte nachdenklich. „Hast du nun Angst, dass ich mich in Gedanken an eine Frau klammern könnte, mit der ich nie zusammen war?“
Vanessa nickte wortlos. Erst nach geraumer Zeit sagte sie rau: „Ich weiß selbst, wie blöd das ist, doch als wir zuletzt von TJ sprachen, da kam mir dieser Gedanke.“
Der Mann sah für einen Moment durch Vanessa hindurch. In Gedanken meinte er: „Bevor ich meine Frau getroffen habe war ich manchmal auch so ungeduldig. Sie hatte einen guten Einfluss auf mich. Durch sie wurde ich deutlich reifer, als ich es zuvor war. Sie zu verlieren war ein schwerer Schlag für mich. Doch damals habe ich begriffen, dass Verlust zum Leben dazugehört. Niemand kann daran etwas ändern. Trotzdem ist es vollkommen normal, dass wir uns davor fürchten. Deshalb klammern wir uns an irgendetwas, oder an irgendjemanden, Vanessa. Uns allen geht das so.“
Er sah zu ihr und erkannte die glitzernden Tränen, die über ihre Wangen rannen. Geschmeidig stand er auf, schritt zu ihr und reichte ihr seine rechte Hand. Als sie ihre Hand in seine legte, zog er sie sanft aus dem Sessel, bis sie dicht vor ihm stand.
„Ich bin vielleicht jetzt noch nicht über Tamaras Tod hinweg, Vanessa, aber das heißt nicht, dass ich für dich nichts empfinde. Das zu glauben wäre falsch.“
Varro zog die Frau zu sich heran und legte tröstend seine Arme um sie. Dabei spürte er, wie sich die Frau an ihn schmiegte. Ebenfalls das schwache Zucken ihrer Schultern. Nach einer Weile sagte er rau: „Gib uns einfach etwas Zeit, dann wird sich am Ende alles finden.“

* * *


In ihrem Quartier saß Christina Mitchell an diesem Abend mit Alexander Kamarov, Jan-Findus Nordqvist und Hauke Hansen zusammen. Sie hatten in der letzten Stunde über das Für und Wider einer Intervention auf dem Planeten Fiarrmyd diskutiert.
Lieutenant-Colonel Kamarov und Major Nordqvist hatten sich zunächst ähnlich erstaunt gezeigt, als ihn die Kommandantin darüber in Kenntnis setzte, was sie plante. Dabei hatte es sich besonders Kamarov nicht nehmen lassen seine Bedenken kundzutun, in Bezug auf das bevorstehende Unternehmen.
Etwas anders hatte sich Major Hansen geäußert, der die Fiarrmyden persönlich kennengelernt hatte. Nach seiner Meinung war der geplante Einsatz, schon aus der moralischen Verantwortung heraus, unbedingt notwendig.
Die Kommandantin fasste zusammen: „Die Fiarrmyden haben uns detaillierte Pläne von der Umgebung ihres Sternentores zukommen lassen, meine Herren. Wir sind also in der Lage, einen groben Plan zu entwickeln, wie wir das Problem am besten angehen können. Das werden Sie erledigen Major. Lassen Sie Raum für Korrekturen. Rechnen Sie damit, dass wir einhundert unserer Leute aufbieten werden. Die Fiarrmyden bringen es auf knapp zweitausend, womit wir gut zwei zu eins überlegen sein werden, was die reine Anzahl an Personen betrifft.“
„Sie wissen, so gut wie ich, dass das Verhältnis zwischen Verteidigern in einer gut befestigten Stellung und Angreifern einer solchen, bei etwa drei zu ein liegt, Colonel“ wandte Kamarov ein. „Wenn die Fiarrmyden mehr Soldaten abstellen könnten, wäre das von Vorteil.“
Die rotblonde Frau schüttelte bedauernd den Kopf. „Die Feloiden haben kaum mehr Leute an Bord ihrer fünf Raumschiffe. Doch unsere überlegene Waffentechnik und die Kenntnisse der Fiarrmyden in Bezug auf die lokalen Gegebenheiten gleicht das Kräfteverhältnis in etwa aus. Was wir dringend nutzen müssen, ist der Überraschungseffekt. Die Invasoren rechnen nicht mit einem Angriff von innen heraus.“
„Was mich etwas stutzig macht ist, dass die Riesenkatzen uns keine Angaben über den Gegner machen wollen. Ich finde das reichlich merkwürdig.“
Christina Mitchell machte eine zustimmende Geste. „Es scheint mir ebenfalls seltsam. Bei der Aussage von Maz’Kanaar, sie wolle unsere Entscheidung ihnen zu helfen nicht durch dieses Detail beeinflussen, hatte ich das erste Mal das Gefühl, sie verbirgt etwas vor uns. Was etwas seltsam scheint, da sie ansonsten einen sehr offenen und direkten Eindruck bei mir hinterließ. Mit Betonung auf direkt.“
Hauke Hansen lachte unterdrückt. „Ja, diese Feloiden nehmen kein Blatt vor den Mund. Ist Ihnen aufgefallen, dass bei denen offensichtlich die Frauen das Sagen haben?“
„Bei uns etwa nicht?“, erkundigte sich die Britin mit ironischem Unterton. „Aber ich weiß, was Sie andeuten wollen. Die beiden weiblichen Fiarrmyden wirkten kräftiger, als ihr männlicher Begleiter. Vielleicht war das aber auch nur Zufall.“
Kamarov rieb sich das Kinn. „Ich schlage vor, dass wir in Bezug auf unsere neuen Verbündeten vorsichtig bleiben. Leute, die etwas verbergen, sind mir suspekt.“
„Das sehe ich auch so“, sprang Nordqvist ihm zur Seite.
„Vielleicht sehen Sie die Situation etwas zu schwarz, meine Herren?“, bemerkte Hansen nachdenklich. „Auf mich wirken diese Fremden, als könne man ihnen trauen.
„Ja, vielleicht“, gab der Belaruse zu. „Aber bedenken Sie, dass eine Schwiegermutter auch nicht gleich beim ersten Besuch zeigt was mit ihr los ist.“
Die beiden Majore und Colonel Mitchell wirkten gleichermaßen amüsiert. Am Ende war es die Frau, die sagte: „Wir werden die Fremden sehr genau im Auge behalten. Kommen wir jetzt, da wir schon beim Thema sind, zu einem anderen Problem. Ich meine die Personen, die wir an Bord behalten haben. Sie haben über neunzig Jahre lang im Tiefschlaf gelegen, während sich die Erde sehr verändert hat. Noch können wir nicht sagen, welche psychischen Folgen dies in der Zukunft haben wird.“
„Dieser Doktor Rush ist eine seltsame Type“, stimmte Kamarov zu. „Obwohl Eli Wallace behauptet hat, der wäre auch zuvor nie anders gewesen. Was halten Sie übrigens die Entwicklung, in Bezug auf ihn und Lieutenant Sabatini? Da scheint etwas zu laufen.“
„Ja“, stimmte Christina Mitchell zu. „Lieutenant Sabatini hat von mir gestern sehr klare Anweisungen erhalten. Sie behält den Jungen für mich im Auge.“
Etwas überrascht erwiderte Kamarov: „Das wird für Spannungen sorgen, wenn Mister Wallace das herausfindet. An dem ist kein Falsch, wenn Sie meine Meinung hören wollen.“
„Vielleicht ist es dennoch ganz gut, dass er sich mit Lieutenant Sabatini so gut versteht“, meinte Nordqvist. „Auch wenn ich es nicht gerne sehe, dass Sie mir dafür einen meiner besten Offiziere abspenstig gemacht haben.“
„Ich glaube auch nicht, dass Wallace etwas vor uns verbirgt“, beschwichtigte die Frau beide Männer. „Doch ich kann es mir nicht leisten, darauf zu vertrauen. Zumindest jetzt noch nicht. Ich halte Wallace für die gefährlichste Person an Bord, falls er sich gegen uns wenden sollte. Der Knabe weiß mehr über die Systeme des Raumschiffs, als Rush oder Perry. Das hat mir zumindest Lieutenant Sabatini berichtet. Ich denke, sie kann das beurteilen.“
„Wer weiß von dem Auftrag?“, erkundigte sich Major Hansen bei dem Colonel.
„Nur wir vier. Der Lieutenant natürlich auch.“
Missmutig warf Kamarov ein: „Was ist mit Brody, Volker und Fisher? Nach meiner Einschätzung geht von den dreien keinerlei Gefahr aus. Obwohl die Gerüchte besagen, der Fusel, den Brody in seiner Destille brennt, wäre waffentauglich.“
Die Britin nickte knapp. „Dem stimme ich zu. Die drei scheinen froh zu sein, eine vernünftige Aufgabe in unserer Crew zu haben.“
„Was ist mit diesem Varro“, hakte Nordqvist nach. „Der war immerhin bei der Luzianer-Allianz. Laut dem, was wir in Erfahrung bringen konnten, gehörte er sogar einem Angriffstrupp der Allianz an, die dieses Raumschiff übernehmen wollten.“
Christina Mitchell sah zu dem Skandinavier. „Das stimmt, Major. Aber Sie wissen selbst, dass man sehr viele Mitglieder der Allianz dazu zwang mitzumachen. Die meisten von denen hatten keine andere Wahl und kannten auch gar nichts anderes. Die an Bord gebliebenen Personen haben übereinstimmend ausgesagt, er hätte sich auch während des Überfalls, als einer der Wenigen, stets anständig verhalten und nach Möglichkeit versucht, Leben zu schonen. Ansonsten würde sich Lieutenant Vanessa James wohl kaum so gut mit ihm verstehen. Ich hatte zumindest nicht den Eindruck, sie würde ihn als einen Feind betrachten. Beide verhalten sich übrigens seit Tagen, wie gefangene Tiger. Denen fehlen wohl die Außenmissionen.“
„Nach unserer nächsten Außenmission legt sich das vielleicht“, spottete Hansen düster. „Denn die könnte ziemlich haarsträubend werden.“
„Sie sagen es“, stimmte die Kommandantin zu. Danach sah sie zu Nordqvist und fragte ihn: „Wie weit sind Sie damit, die drei mitgebrachten ZPM an die Energieversorgung der DESTINY anzupassen? Sie sagten, es gäbe Probleme bei der Kompatibilität.“
„Ja, leider“, erwiderte der Major. „Als die Antiker die Vorrichtung zur Aufnahme der ZPM bauten, da haben sie noch keine dieser Energiequellen besessen. Weshalb die Technik dieser Vorrichtung damals auf reiner Theorie basierte. Außerdem sind die von ZPM ihrer Bauweise ausgegangen und nicht von effektiveren Nachbauten. Deshalb müssen wir die Vorrichtung zuerst an unsere ZPM und deren Leistungsniveau anpassen. Ansonsten könnte es uns passieren, dass uns das gesamte Raumschiff um die Ohren fliegt. Hoffentlich reicht das Potenzial der DESTINY für den kommenden Einsatz, auch ohne die Energie der ZPM.“
Der Colonel nickte zustimmend in Richtung des Majors. „In etwas weniger als drei Tagen erfahren wir das vielleicht.“
Die drei Männer verstanden den Wink. Sie erhoben sich und verließen das Quartier ihrer Vorgesetzten.
Nachdem sich das Schott hinter den Männern geschlossen hatte, erhob sich Christina Mitchell und schritt zu einem der Fenster. Auf die vorbeiziehenden Sterne blickend fragte sie sich, ob sie mit ihrer Entscheidung, den Fiarrmyden zu helfen, nicht zu weit ging. Bei jeder militärischen Auseinandersetzung gab es Verluste. Was sollte sie den Hinterbliebenen sagen, wenn es wirklich dazu kam? Würden die verstehen, dass die Menschen, die sie geliebt hatten, für die Freiheit einer Spezies ihr Leben gegeben hatte, deren Lebensraum von der Milchstraße mehrere Milliarden Lichtjahre entfernt lag? Würden sie Verständnis dafür aufbringen, dass diese Menschen von ihr in den Tod geführt worden waren?
Wie immer bei solchen Überlegungen sagte sie sich, dass Soldaten das Risiko zu tragen hatten, im Einsatz zu sterben. Soldaten wussten um dieses Risiko. Seit Jahrtausenden. Christina Mitchell war gleichfalls klar, dass es an ihr war, die Last der Verantwortung zu tragen und das würde sie. Auf die ein oder andere Weise.

* * *


Knapp drei Tage später erreichte der Raumschiff-Pulk einen Punkt im Weltall, der etwas weniger als drei Lichtmonate von der Heimatwelt der Fiarrmyden entfernt lag.
Im Torraum verfolgte Eli Wallace auf dem Bildschirm einer der beiden Steuerkonsolen des Sternentores an Bord, was für Ergebnisse die Scanner der DESTINY lieferten. Nach einer Weile deutete er auf die Anzeige und rief: „Es sind insgesamt vier Tore in Reichweite.“
Elena Sabatini, die an der zweiten Konsole stand, bestätigte und sah zu ihren beiden Vorgesetzten, Colonel Mitchell und Lieutenant-Colonel Kamarov. „Wir können damit beginnen, das erste Tor anzuwählen um zu ermitteln, ob der Planet unbewohnt ist. Hoffentlich wurden nicht alle von den Feinden der Fiarrmyden besiedelt.“
Eli Wallace sah lächelnd zu der Argentinierin und meinte: „Das halte ich für eher unwahrscheinlich. Vermutlich haben die Feinde der Fiarrmyden ewig gebraucht, um deren Adresse zu ermitteln und eine Verbindung herzustellen.“
Christina Mitchell sah auffordernd zu dem Zivilisten. „Wählen Sie eines der vier Tore an und schicken Sie ein fliegendes Auge dorthin.“
Eli Wallace übernahm sofort die Anwahl des ersten Tores.
Nachdem sich der leuchtende Vortex etabliert hatte, trat er vor und positionierte eins der mitgebrachten Aufklärungsgeräte in der Luft. Es schwebte auf der Stelle, bis der junge Mann seine Fernbedienung zur Hand nahm und es auf den Weg durch den Vortex steuerte.
Als das fliegende Auge im Vortex verschwand, rannte Eli schnell wieder zu seiner Konsole. Er wusste, dass Rush in diesem Moment im Interface-Kontrollraum stand und über den Holo-Bildschirm alles mitverfolgte und aufzeichnete, was das Auge aufnahm.
Die beiden Stabsoffiziere begaben sich zu den Konsolen, wobei sich Kamarov zu dem Zivilisten gesellte, während Christina Mitchell sich neben Elena Sabatini aufbaute.
Alexander Kamarov erkannte sofort, dass offensichtlich zufällig der Heimatplanet des bisher unbekannten Gegners angewählt worden war, denn im Hintergrund erhoben sich die Gebäude einer großen Stadt.
„Lassen Sie das Auge bitte um seine Achse rotieren“, sagte Kamarov zu Eli.
Auf den Bildschirmen begann die angezeigte Umgebung sich zu verändern. Nach einer Weile geriet das aktive Sternentor in Sicht. Zur Überraschung der Beobachter waren einige seltsame Apparaturen seitlich an dem Sockel des Sternentores angebracht.
Eli hielt das Auge für einige Sekunden lang auf diese Geräte gerichtet, bevor er es weiter rotieren ließ. Nachdem es sich bereits um mehr als 300 Grad gedreht hatte, geriet etwas in den Fokus der Kamera, das seine Aufmerksamkeit erregte. Er stoppte die Rotation des Gerätes und steuerte es, über die Subraumverbindung des aktiven Wurmloches, schnell darauf zu, da er zuvor undeutlich Wesen gesehen hatte, die sich dem Tor näherten.
Nach einem kurzen Moment stand für Eli fest, dass er sich nicht geirrt hatte. Fast gleichzeitig drang die Stimme von Nicholas Rush aus den Lautsprechern der Kommunikationsanlage. „Sehen Sie das, Eli?“
„Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, Rush“, versetzte der junge Mann. „Warum, denken Sie wohl, steuere ich das Auge darauf zu?“
Kamarov, der nicht wusste, wovon die beiden Männer redeten und was sie so aus der Fassung brachte, fragte drängend: „Was ist, Mister Wallace? Wovon reden Sie denn?“
Bevor Eli antworten konnte, tauchten aus dem seitlichen Erfassungsbereich nachtschwarze Gestalten auf. Sie trugen weitgehend helle Kombinationen, die Uniformen ähnelten und von denen sich die tiefschwarze Haut der Gestalten deutlich abhob. Sie starrten auf das fliegende Auge und hoben die Waffen in ihren Händen an. Mit einem Blitz erlosch die Anzeige und der Bildschirm wurde dunkel. Doch Eli und der Lieutenant-Colonel hatte die Zeit genügt, um zu erkennen, welcher Spezies die Einheimischen angehörten.
Christina Mitchell, die es auch gesehen hatte, sagte ungläubig: „Jetzt weiß ich, warum die Fiarrmyden uns etwas verschwiegen haben. Die Invasoren ihrer Welt sind Menschen.“
„Ja, aber das ist noch nicht alles, Colonel“, mischte sich Eli ein. „Das Objekt, auf das ich die Kamera zugesteuert habe, ist das Wrack eines Vorhutschiffes der Antiker. Wir sind, etwa ein Jahr nach unserer Ankunft hier, einem solchen Raumschiff begegnet. Es dockte an der DESTINY an. Bei einer Besichtigung dieses Vorhutschiffes fanden wir einen riesigen Bereich, der einer Werkstatt glich. In ihm haben wir Sternentore gefunden, eines davon noch nicht ganz fertiggestellt. Die Tore werden an Bord dieser Raumschiffe gebaut, bevor sie auf geeigneten Planeten aufgestellt werden.“
Noch während die drei Soldaten der Terranischen Union die Worte des Zivilisten verarbeiteten, klang erneut die Stimme von Rush im Torraum auf. „Eli, ich habe die Koordinaten und die Adresse des Tores mit den Angaben der Antiker-Datenbank verglichen. Auf diesem Planeten sollte es gar kein Sternentor geben. Vermutlich, weil eine weitere Welt mit einem Tor in relativer Nähe zu diesem System liegt und die dortigen Rohstoff- und Nahrungsvorräte besser zur Aufnahme geeignet sind.“
Eli bemerkte die fragenden Blicke der Anwesenden und sagte: „Das klingt plausibel. Damit ist aber nicht geklärt, warum es auf dem Planeten pechschwarze Menschen gibt. Wie ist so etwas überhaupt möglich?“
„Vielleicht können uns das die Fiarrmyden erklären“, knurrte Christina Mitchell. „Zumindest werde ich diesen Leuten bald, und das ziemlich eindringlich, ein paar kritische Fragen stellen. Mister Wallace, wir brechen ab. Die übrigen Welten überprüfen wir nicht, bevor ich noch einmal mit Maz’Kanaar gesprochen habe. Vorerst brauche ich Sie und den Lieutenant hier nicht mehr.“
Eli Wallace und Elena Sabatini verließen den Torraum, nachdem der junge Mann die Wurmloch-Verbindung unterbrochen hatte.
Als Christina Mitchell allein mit ihrem Stellvertreter war, sah sie ihn an und fragte düster: „Was denken Sie, Lieutenant-Colonel. Sind die Fiarrmyden wirklich die Opfer einer Invasion, oder sind am Ende sie die Bösen?“
„Das kann ich Ihnen nicht beantworten“, erwiderte Kamarov. „Aber bevor wir vielleicht einen schwerwiegenden Fehler machen sollten wir das herausfinden. Eli hat übrigens Recht: Menschen hier draußen - das ist im Grunde unmöglich.“
„Dennoch sind sie da draußen, auf der Welt die wir eben angewählt haben. Auch dieses Mysterium sollten wir klären bevor wir den Fiarrmyden weiterhin vertrauen.“
Die Kommandantin sah sich im Torraum um und meinte nach einer Weile: „Wissen Sie, als wir hier ankamen, da hätte ich mit den heutigen Ereignissen nicht gerechnet.“
„Ich auch nicht, Colonel.“
Die Frau lächelte. „Hätte mich auch gewundert. Kommen Sie mit zur Brücke. Ich habe einige Fragen, die ich den Fiarrmyden dringend zu stellen gedenke.“

ENDE
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