[SGA] The Weight of Things Unsaid by Nyada
Summary: „Es wird irgendwann vorbei sein, Ma’am. Eines Tages werden Sie nicht mehr diese Trauer verspüren“, höre ich den Mann zu meiner Linken sagen, doch ich nehme seine Stimme kaum noch wahr. Zu sehr bin ich in Gedanken versunken. Mein Blick trübt sich, als ich an unsere letzte Begegnung denke. Dann sehe ich auf einmal sein Gesicht vor mir, spüre, wie ich erzittere, als ich an sein Lächeln denke…
Categories: Stargate Atlantis Characters: John Sheppard, Other Character, Rodney McKay, Teyla Emmagan
Genre: Alternativ Universum, Character Death, Drama, post-Epi, PoV, UST
Challenges: Keine
Series: Keine
Chapters: 1 Completed: Ja Word count: 7669 Read: 1763 Published: 09.05.13 Updated: 09.05.13

1. The Weight of Things Unsaid by Nyada

The Weight of Things Unsaid by Nyada
Author's Notes:
Seit fast einem Jahr schlummert dieses ‚Schätzchen’ nun schon auf meiner Festplatte, und da ich mich momentan anderen Aufgaben zu widmen habe und nicht wirklich zum Schreiben komme, dachte ich mir, dass es jetzt an der Zeit ist sie euch endlich zu präsentieren.
Die Grundlage dieser Story ist die Episode ‚Vegas’. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich denke, dass ich für sehr viele von euch spreche, wenn ich sage, dass mich diese Folge ganz besonders berührt hat. Die Geschichte von und um Detective John Sheppard, der auf den ersten Blick gar nichts oder nur sehr wenig mit seinem Pendant aus der Pegasusgalaxie gemeinsam hat, hat es mir angetan, und ich verspürte den Wunsch, etwas Licht in das Dunkel seiner bewegten Vergangenheit zu bringen.
Nun ja, das Folgende kam dabei heraus*grins*. Natürlich wäre diese FF keine Nyada-FF, wenn der Fokus nicht irgendwie auf meinem ‚favorite couple’ läge. Ich bin einfach unverbesserlich*zwinker*.
Des Weiteren ist diese Story sozusagen eine „Premiere“ für mich, denn ich kann mich nicht daran erinnern, je zuvor in der Ich-Perspektive geschrieben zu haben. Ihr dürft also gespannt sein!
Miss Emmagan?, ertnt eine mnnliche Stimme hinter mir, und ich erschaudere unwillkrlich. Ich wei nicht, wer dieser Kerl ist, geschweige denn, was er von mir will, doch so langsam habe ich genug von dieser Heimlichtuerei, dem schwarzen SUV mit den getnten Scheiben und den unheimlichen Anzugtrgern, die mich seit ein paar Tagen auf Schritt und Tritt zu verfolgen scheinen.

Ich dachte, ich htte Ihnen deutlich zu verstehen gegeben, dass Sie mich in Ruhe lassen sollen. Ich versuche meine Stimme bedrohlich klingen zu lassen. Der Erfolg ist eher berschaubar und macht mich nicht stolz. Ich komme mir etwas verloren vor, was ich mir natrlich nicht anmerken lasse, als ich mich zu diesem Kerl umdrehe und ihn mit blitzenden Augen ansehe. Er steht unweit von mir entfernt und mustert mich auf eine aufmerksame, neugierige und zugleich irgendwie perverse Weise.

Was wollen Sie?, zische ich.

Das wissen Sie ganz genau, antwortet er mir ruhig und ohne mich aus den Augen zu lassen.

Hren Sie- Ich mache einen Schritt auf ihn zu- ich wei nicht, was Sie von mir wollen, geschweige denn, wer Sie berhaupt sind. Ich wei nur, dass Sie und Ihre komischen Freunde mir allmhlich ziemlich auf die Nerven gehen. Meine Augen verengen sich, und ich deute mit dem Finger auf ihn. Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt: Ich bin nicht die, fr die Sie mich halten, also lassen Sie mich geflligst in Ruhe, verstanden? Hren Sie auf damit, wiederholte ich, wobei die Wut deutlich aus meiner Stimme herauszuhren ist. Haben Sie das verstanden? Hren Sie verdammt noch mal auf damit!

Ich warte seine Antwort nicht ab, sondern mache auf dem Absatz kehrt und marschiere wutentbrannt davon.

Sie wissen nicht-

Ich wirbele im Gehen herum und unterbreche ihn mitten im Satz. Lassen Sie mich verdammt nochmal endlich in Ruhe!, pble ich den Mann, der mir raschen Schrittes folgt, an und es interessiert mich noch nicht einmal, dass sich einige Passanten zu uns umdrehen und mich mit groen Augen anstarren. Verschwinden Sie! Gehen Sie. Und nehmen Sie Ihre Freunde mit, fauche ich, drehe mich um und will zu meinem Auto hetzen, das die Strae hinunter, an der Ecke Mainstreet/Princeton Boulevard geparkt steht, als pltzlich

Teyla.

Es sollte mich nicht berraschen, dass der Kerl meinen Vornamen kennt, aber ich bleibe trotzdem- wie wahrscheinlich von ihm beabsichtigt- stehen und drehe mich zu ihm um. Er kommt den Fuweg entlang, auf mich zugeschlendert, bleibt vor mir stehen und sieht mich eindringlich an.

Bitte, sagt er, bitte, Sie mssen mich anhren, Teyla. Es geht hierbei um weitaus mehr, als Sie sich vorstellen knnen. Bitte, wiederholt er. Ich sehe auf und begegne seinem Blick. In mir regt sich etwas, und auf einmal habe ich dieses seltsame Gefhl, diese meerblauen Augen schon einmal irgendwo gesehen zu haben.

Ich schttele mit dem Kopf. Was kann so wichtig sein, dass Sie mich auf Schritt und Tritt berwachen lassen? Was?, hake ich nach. Was um alles in der Welt ist so wichtig?

Ein kurzes Schweigen, dann: Sie, Teyla, eine Antwort, mit der ich nicht gerechnet habe. Ich blinzele mein Gegenber verwirrt an und frage mich gleichzeitig, was das Ganze zu bedeuten hat. Sie, Teyla. Soll das alles vielleicht ein Scherz sein, frage ich mich. Versteckte Kamera? Verstehen Sie Spa? Was soll das alles, schreit es in mir. Was Warum ich?

Sie mssen sich irren, presse ich hervor. Ich bin nicht die, die Sie suchen. Da muss ein Missverstndnis vorliegen.

Glauben Sie mir, widerspricht mir mein Gegenber, es liegt kein Missverstndnis vor. Ich ffne den Mund, um ihm etwas zu erwidern, doch er kommt mir zuvor. Ich wrde es Ihnen ja erklren, wenn Sie mich lieen.

Mir was erklren?, verlange ich zu wissen.

Sein Blick schweift die stark befahrene Strae und den belebten Fuweg entlang. Nicht hier, meint er kopfschttelnd.

Nun, sage ich, dann kann es ja auch nicht so wichtig sein. Ich drehe mich um und schicke mich an, zu meinem Wagen zu gehen, als ich ihn erneut meinen Namen rufen hren.

Teyla, warten Sie. Er kommt mir nachgelaufen und drckt mir, ehe ich mir bewusst werde, was berhaupt passiert, ein Visitenkrtchen in die Hand. Falls Sie es sich anders berlegen. Sie knnen mich jederzeit anrufen. Nur tun Sie es. Glauben Sie mir, es wird alles einen Sinn ergeben, wenn Sie es mich Ihnen erklren lassen.

Ich werfe einen Blick auf das Visitenkrtchen. Schlicht, wei, mit einem Namen und einer Telefonnummer in geraden, schwarzen Lettern. Keine Anschrift oder sonstiges, was mir mehr ber diesen eigenartigen Kerl verraten wrde.

Ich ich muss jetzt los, stammele ich. Ich habe Termine. Mein Magen krampft zusammen, und ich schlucke.

Ja, ich weiߓ, besttigt mein Gegenber und wirft mir einen wissenden Blick zu. Dann dreht er sich, ohne ein Wort des Abschieds zu verlieren, um und geht. Ich bleibe verdutzt zurck und sehe ihm nach, bis die Menschenmasse ihn verschluckt. Ja, ich wei. Es sollte mich nicht berraschen, aber ich habe dennoch ein ungutes Gefhl bei der Sache und beginne, wie immer, wenn ich mir unsicher oder nervs bin, an meiner Unterlippe zu nagen.

Ja, ich wei. Seine Stimme klang ernst und lie keinen Zweifel daran, dass er meinte, was er sagte, und ich werde das Gefhl nicht los, dass es nicht das letzte Mal gewesen soll, dass ich ihn heute gesehen habe. Nachdenklich begebe ich zu meinem Wagen, schliee die Tr auf der Fahrerseite auf und steige ein. Mein Herz schlgt mir bis zum Hals, und erst jetzt bemerke ich, dass ich zittere. Okay, ganz ruhig, sage ich mir und werfe einen erneuten Blick auf das weie Visitenkrtchen, das ich in den Hnden halte.
Doktor Rodney McKay
01 (617) 338-4400


***



Und Du bist sicher, dass ich Dich nicht begleiten soll? Ich spre den Blick meines Mannes auf mir liegen, der mit vor der Brust verschrnkten Armen im Trrahmen lehnt und mich beobachtet. Ich meine, ich knnte mich-

Ich denke nicht, dass das ntig sein wird, Kanaan. Ich brste ein allerletztes Mal durch mein langes, goldbraunes Haar und kontrolliere mein Antlitz, ehe ich mich zu meinem Gatten umdrehe. Wirklich, sage ich, ich schaffe das schon allein, versichere ich ihm.

Hhm, okay. berzeugt hrt sich anders an, und zwischen Kanaans Augenbrauen erscheint eine tiefe Falte. Ich trete auf ihn zu und sehe zu ihm auf. Sein Blick trifft den meinen, und ich lchle leicht.

Sieh mich bitte nicht so an, flstere ich.

Du weit, was ich davon halte, meint er, und ich erschrecke bei dem eisigen Unterton in seiner Stimme, nicke aber und senke den Kopf.

Ja, ich wei.

Eigentlich sollte ich Dich begleiten, nur um ein allerletztes Mal auf das Grab dieses Idioten zu spucken!, hhnt er.

Kanaan!, entkommt es mir entsetzt. Wie Wie kannst Du nur Sein Hohn und sein Spott verschlagen mir die Sprache, und ich starre ihn an. Bitte rufe Dir in den Sinn, dass der Mann tot ist. Ich stolpere ber jenes verhngnisvolle Wort und merke, wie sich alles in mir zusammenzieht. Tot.

Ich kann nicht gerade behaupten, dass ich traurig darber bin. Kanaan wirft mir einen frostigen Blick zu, der mich erschaudern lsst. Dass Du es bist, wundert mich allerdings nicht im Geringsten. Sagt es und dreht sich um.

Kanaan, bitte, rufe ich ihn. Er bleibt stehen und dreht sich halb zu mir um. Bitte, wispere ich und strecke die Hand nach ihm aus, doch er ignoriert sie. Es es ist so lange her. Ich Ich habe ihn seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, lge ich und komme mir dabei berraschenderweise nicht einmal schbig vor. Ich werfe meinem Mann einen flehenden Blick zu. Bitte, flstere ich, sprich nicht so ber ihn.

Seine Miene bleibt unbewegt, und ich bin mir darber im Klaren, dass er wei, dass ich ihm soeben schamlos ins Gesicht gelogen habe. Erneut. Und nicht zum ersten Mal. Ich wei nicht, warum ich das tue- ich tue es einfach. Ich lge ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. Ohne Reue zu empfinden. Und dennoch ist er hier. Bei mir. Noch immer. Trotz allem.

Er hat es nicht anders verdient, Teyla, meint er schlielich mit eiskalter Stimme.

Kanaan

Fahr Du nur, winkt er ab und entzieht sich mir.

Kanaan, bitte, nicht, flstere ich, doch er ist schon zur Tr heraus und ich hre ihn schweren Schrittes den Flur entlang schlurfen. Seine Worte haben mich verletzt, doch ich wei, dass er recht hat. Den Anblick meines davongehenden Mannes nicht lnger ertragend, wende ich mich ab und starre in den Spiegel, der an der Wand hngt. Wieso ich mein eigenes Spiegelbild noch ertragen kann, ist mir schleierhaft. Es ist mir ein Rtsel.
Ich sehe eine junge Frau in einem schwarzen Etuikleid, die langen Haare zu einem franzsischen Zopf geflochten, der ihr bis zur Mitte ihres Rckens reicht, die Lippen dezent geschminkt. Sie sieht mich traurig durch mandelfrmige braune Augen an. Dann, pltzlich, beginnt ihr Mundwinkel zu zucken, und sie schttelt mit dem Kopf.
Ich wende mich ab, schlendere zum Bett zurck und lasse mich auf die Kante sinken. Sie beobachtet mich, noch immer mit dem Kopf schttelnd.

Lgnerin!, hre ich sie schnarren. Meine Schultern sacken ab, und ich verberge mein Gesicht in meinen Hnden, wissend, dass sie recht hat. Lgnerin, denke ich und beginne leise in meine Handflchen zu weinen. Lgnerin!


***



Mit zusammengekniffenen Lippen beobachte ich die Zeremonie aus dem Schatten eines Baumes, eine alte Linde, hinter deren langen sten ich mich vor den Augen der Trauergste verberge. Es regnet, und nur eine Handvoll Personen hat sich um das ausgehobene Grab versammelt, doch es hngt unausgesprochen in der Luft, dass diese geringe Anteilnahme nicht nur auf den kalten, schon den ganzen Tag andauernden Sprhregen zurckzufhren ist.
Ich lasse meinen Blick ber die Trauergste schweifen und erkenne Captain Jarrett Hendricks, des Toten ehemaligen Vorgesetzten unter ihnen. Mit geducktem Kopf und angespannten Schultern stiert er auf seine wie immer blitzblankgeputzten Schuhspitzen hinab, seine zitternden Hnde in die Manteltaschen gestopft, die Miene grimmig, verkniffen, ernst.
Neben ihm weint sich eine blasse, junge Frau mit zum Pferdeschwanz gebundenen dunkelbraunen Haaren die Seele aus dem Leib, schnieft und schluchzt leise, schnuzt sich in ein Taschentuch und betrauert den Verschiedenen mit trnenberstrmten Wangen. Ich versuche mich an ihren Namen zu erinnern. Julia? Jody? Oder vielleicht doch Judy? Joyce? Ich bin mir nicht sicher, wei nur, dass sie Krankenschwester in irgendeinem zweitklassigen Krankenhaus in Vegas ist und dass ich sie hasse. Ich kenne sie nicht, aber ich hasse sie. Es ist etwas persnliches, etwas, das ich selbst nicht so wirklich verstehe, aber zu wissen, dass sie es ist, die meinen Platz in seinem Leben, an seiner Seite, in seinem Bett eingenommen hat, krnkt mich. Verletzt mich. Macht mich wtend.
Ich hasse sie.

Verbittert lse ich meinen Blick von ihr, schaue weiter und entdecke an der Seite des Geistlichen, der die Trauerrede hlt, einen hochgewachsenen, dunkelhaarigen Mann mittleren Alters stehen. Sein Anblick verschlgt mir den Atem, und ich blinzele ein paar Mal, bin verwirrt, geschockt und verunsichert. Es dauert, bis ich mich darin entsinne, dass es sich bei diesem Mann nicht um die Person handelt, deren Geist mich in meinen Trumen heimsucht. Trotzdem beruhige ich mich nur langsam, starre ihn aber weiter an und zucke unwillkrlich zusammen, als er den Kopf hebt und mit seinen graugrnen Augen direkt in meine Richtung sieht. Obwohl ich wei, dass er mich nicht sehen kann, ziehe ich mich etwas weiter in den Schatten des Baumes zurck und beginne seinen Namen leise vor mich hinzuflstern, whrend ich gleichzeitig versuche nicht daran zu denken, wie viel mich und ihn noch vor ein paar Monate verbunden hat, ohne dass wir beide davon wussten. Dass wir uns noch nie zuvor persnlich begegnet sind, ist das Obskure daran. Ich kenne ihn nur vom Hrensagen und habe ihn noch nie zuvor gesehen, fhle mich aber dennoch auf eine merkwrdige, schwer zu beschreibende, aber alles berwindende Art und Weise mit ihm verbunden.

Nach einer Weile sieht er weg, und ich seufze erleichtert, als er seine Aufmerksamkeit wieder dem Priester zuwendet, der noch immer von dem ewigen Frieden redet. Ich verstehe nicht jedes seiner Worte, aber was ich hre erfllt mich mit Traurigkeit und einem tiefen Gefhl der Wehmut.

Asche zu Asche, Staub zu Staub, dringt es an meine Ohren, dann noch etwas heiliges Gefasel des glatzkpfigen Geistlichen, dann treten auf einmal vier Friedhofbedienstete vor und postieren sich an den vier Ecken des Sarges, dessen Prsenz ich bis jetzt zu ignorieren versucht habe. Es ist ein schlichter Sarg aus dunklem Holz, ohne irgendwelche unntigen Verziehrungen, genau der Person entsprechend, die in ihm liegt- einfach und unkompliziert, sich nichts aus der Meinung anderer machend.
Mir kommen die Trnen, aber ich bringe nicht die Kraft auf, um mich abzuwenden. Und so beobachte ich durch trnenverschleierte Augen, wie der Sarg angehoben und langsam in das ausgehobene Grab hinabgelassen wird. Meine Aufmerksamkeit gilt in diesem Moment weder Jarrett Hendricks, noch der namenlosen Krankenschwester oder den ein, zwei anderen bekannten Gesichtern, sondern vielmehr dem dunkelhaarigen Mann mit den stechenden graugrnen Augen. Mit regungsloser Miene verfolgt er, wie der Tote auf seine allerletzte Reise geschickt wird.

Der Tote, der sein Bruder ist.

Der mit einem schlichten Blumengesteck verzierte Sarg wird dem Erdreich bergeben, dann ist es vorbei. Letzte Blicke und stummer Abschied. Die Krankenschwester schluchzt, was meinen Unglauben und meine Wut noch mehr schrt. Captain Hendricks wrdigt das Grab eines nachdenklichen Blickes und begibt sich dann auf den Weg zu seinem Wagen. Die anderen Trauernden folgen ihm nach und nach, und schlielich verabschiedet sich auch der Bruder des Verstorbenen und schlurft mit hngenden Schultern allein im Regen davon.
Ich sehe meine Chance gekommen, warte aber noch einige Minuten, ehe ich mich aus meinem Versteck hervorwage, die grne Wiese berquere und auf das Grab zugehe.

Bitte warten Sie noch einen Moment, weise ich die Friedhofsbediensteten an, die sich gerade daran machen wollen, das Grab zu zuschaufeln. Die drei Mnner mustern mich von Kopf bis Fu, nicken dann resigniert und gehen. Ich sehe ihnen nach, warte, bis sie allesamt in dem kleinen Huschen, das sich auf der gegenberliegenden Seite der Wiese befindet, verschwinden. Dann erst wende ich mich dem offenen Grab zu.

Ich bin mir sicher, dass es ihm nichts ausgemacht htte, wenn ich offen, ohne Versteckspiel an der Zeremonie teilgenommen htte, aber nach allem, was in der Vergangenheit zwischen ihm und mir vorgefallen ist, habe ich mich bewusst dagegen entschieden. Nicht seinetwegen und schon gar nicht meinetwegen. Es geht einfach um das Prinzip, sage ich mir auch jetzt, in diesem Augenblick wieder, das Prinzip der Verdrngung und des Vergessens, und es gibt wahrlich so einiges, was ich vergessen mchte.

Der Regen lsst nach, doch der Wind frischt auf, ein typisches Phnomen in Seattle, der Stadt mit der hchsten Niederschlagsquote in den Staaten. Ich erschaudere und schlage den Jackenkragen hoch, um mich vor dem eiskalten, feuchten Wind zu schtzen. Dann starre ich auf das Grab hinab. Und starre. Und starre. Und starre. Mehrere Minuten vergehen, und ich bin vllig durchnsst und durchgefroren, doch ich stre mich nicht daran. Bedchtig gehe ich in die Hocke und linse vorsichtig ber den Rand des Grabes hinweg. Ein eisiger Schauer rinnt meinen Rcken hinab, als mein Blick auf den Sarg trifft, und ich weiche zurck. Meine Kehle ist wie zugeschnrt. Ich richte mich auf und wende mich ab. Nein, ich kann das nicht. Trnen schieen mir in die Augen und mir wird bel. Ich kann das nicht. Smtliche Versuche, mich wieder zu fangen, scheitern und so verbringe ich die nchsten Minuten weinend und schluchzend.

Maam? Ich erschrecke, als auf einmal eine Stimme hinter mir ertnt, und wirble herum. Es ist einer der Friedhofsbediensteten, die ich weggeschickt habe. Er sieht mich besorgt an. Ist alles in Ordnung mit Ihnen?, fragt er mich, aber ich wei nicht, ob ich nicken oder mit dem Kopf schtteln soll. Ich schluchze, worauf er mir ein verstndnisvolles, trstendes Lcheln schenkt. Jemanden, den man liebt, durch den Tod zu verlieren, ist das Schlimmste, was einem widerfahren kann, bemerkt er scharfsinnig und ich nicke.

JJa, bringe ich gepresst hervor. Ja, das ist es.

Mein Gegenber schweigt, worber ich sehr froh bin. Er stellt sich neben mich, und wir beide starren schweigend in das offene Grab hinab. Trnen rinnen meine Wangen hinab, vermischen sich mit den feinen Regentropfen; ich wage es nicht, die Hand zu heben und sie wegzuwischen. Stattdessen rhre ich mich und lasse zu, wie mein Blick sich in der dunklen Leere des Grabes verliert.

Es wird irgendwann vorbei sein, Maam. Eines Tages werden Sie nicht mehr diese Trauer verspren, hre ich den Mann zu meiner Linken sagen, doch ich nehme seine Stimme kaum noch wahr. Zu sehr bin ich in Gedanken versunken. Mein Blick trbt sich, als ich an unsere letzte Begegnung denke. Dann sehe ich auf einmal sein Gesicht vor mir, spre, wie ich erzittere, als ich an sein Lcheln denke

Der Wind hat meine Trnen getrocknet, aber ich fhle mich nicht besser, im Gegenteil, ich fhle mich innerlich zerrissen und wie ein zu Boden geprgelter Hund. Ich muss fort von hier, sage ich mir, und zwar schnell. So schnell es geht ganz weit fort von hier! Panik erfasst mich und ich ergreife die Flucht, ohne mich von dem freundlichen Friedhofbediensteten zu verabschieden, der mir nachsieht, als ich davonlaufe.
Der Regen peitscht mir ins Gesicht, doch ich bleibe nicht stehen, renne weiter, lasse das Grab, den Friedhof und alles damit zusammenhngende hinter mir, laufe, bis mein Krper rebelliert und meine Beine den Dienst quittieren. Ich strauchle, stolpere, kann mich aber gerade noch rechtzeitig abfangen, lehne keuchend und schluchzend gegen einen Baumstamm und weine, bis mir die Trnen versiegen.

Und was ist mit mir? Ich zucke zusammen. Obwohl ich wei, dass mir meine Fantasie einen Streich spielt, einen ganz blen Streich, beginne ich mich umzusehen. Was bin ich fr Dich?, hre ich ihn fragen und sehe dabei sein verzweifeltes Gesicht direkt vor meinem geistigen Auge. Sag es! Ich erinnere mich an seinen festen Griff, als er meine Arme packte. Sag es verdammt!

Tollkhn hatte ich ihm in die Augen geblickt. Ich erinnere mich an meine Worte, als sei es gestern gewesen. Worte, die alles zerstren sollten, was je zwischen uns gewesen war. Worte, die ich heute zutiefst bereute. Worte einem tdlichen Schwerthieb gleich.

Ein Fehler, John, ein Fehler, den ich niemals htte machen drfen.

Die Sekunden danach glichen einer Ewigkeit. Wir starrten uns an. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, und ich wunderte mich, was er als Nchstes tun wrde. Er starrte mich nur an, die Miene unbewegt, die Augen leer, die Lippen zu einer dnnen Linie zusammengekniffen. Ich erinnere mich genau. Er hatte so verzweifelt, so verletzt, so gedemtigt ausgesehen, doch ich wusste, dass ich meine Worte nicht zurcknehmen wrde, auch wenn ich es wollte. Es musste gesagt werden, und ich hatte es getan. Ich hatte es gesagt!

Ein Fehler.

Miss Emmagan? Ich schrecke aus meinen Gedanken und wirbele herum, nur um gleich wieder zu erstarren.

Doktor McKay, sage ich gedehnt. Wieso berrascht es mich nicht, dass er hier ist? Bestimmt ist er oder einer seiner anzugtragenden Freunde mir gefolgt. Ich htte es wissen mssen. Er ist nicht allein. Im Hintergrund entdecke ich zwei weitere Mnner, die die Umgebung im Blick behalten und ab und zu herbersehen.

Ihr Verlust tut mir leid. Aus irgendeinem Grund glaube ich ihm kein einziges Wort.

Was wollen Sie?, frage ich seufzend und reibe meine Schlfen, um das schmerzhafte Pochen zu vertreiben, welches sich dort festgesetzt hat- ohne Erfolg. Ich beie mir auf die Lippe und sehe ihn an. Wieso sind Sie hier?

Wegen Ihnen, Teyla, antwortet er.

Wieso?, hake ich schwach nach. Ja, wieso, schreit eine Stimme in meinem Kopf. Wieso, zum Teufel, lassen Sie mich nicht endlich in Ruhe? Wieso?

Ein Anflug eines Lchelns umspielt seine Mundwinkel. Er wei, dass er gewonnen hat, und ich wei es auch. Ich habe es satt, mich zu struben. Meine Kraft ist aufgebraucht. Der Besuch an Johns Grab und die Erinnerungen an ihn haben mir meine letzten Reserven genommen. Ich kann nicht mehr. Dieser Kerl, Doktor McKay, hat gewonnen. Ich gebe mich geschlagen.

Kommen Sie. Doktor McKay bedeutet mir ihm zu folgen, und ich tue es; ich folge ihm, ohne zu wissen, was mich erwartet. Ich bin froh, dass Sie es sich doch anders berlegt haben, meint ihr, als wir den Parkplatz erreichen. Drei schwarze SUVs mit verdunkelten Scheiben stehen bereit; wir besteigen den mittleren. Erst als wir vom Parkplatz des Friedhofs auf die Strae biegen, wird mir bewusst, was hier gerade geschieht.

Wo fahren wir hin?, verlange ich von Doktor McKay zu wissen, der seelenruhig aus dem Fenster sieht. Statt mir eine klar definierte Antwort zu geben, schenkt er mir ein geheimnisvolles Lcheln.

Glauben Sie mir, sagt er mit ruhiger Stimme, es wird alles gut werden. Vertrauen Sie mir, Teyla. Es wird alles gut werden.

Ich starre ihn an, fassungslos, erschrocken, verunsichert und neugierig zugleich. Was hat das alles hier zu bedeuten, will ich ihn fragen, tue es aber nicht, und ehe ich mich versehe, blickt er auch schon wieder aus dem Fenster. Nach einer Weile tue ich es ihm gleich, lehne mich zurck und schaue aus dem Fenster. Seattle fliegt an uns vorbei. Mit einem Mal wandern meine Gedanken zu Kanaan, und ich zucke zusammen.

Machen Sie sich keine Sorgen um Ihren Mann, ertnt in diesem Augenblick McKays Stimme. Wir haben uns um ihn gekmmert. Wir haben uns um ihn gekmmert?! O Gott, denke ich, was soll das denn bedeuten?

Sind Sie vom FBI oder so?, platzt es pltzlich aus mir heraus. CIA?

Doktor McKay lchelt besnftigend. Nein, ich bin weder vom FBI, noch vom CIA, antwortet er. Haben Sie nur ein wenig Geduld. Schon bald werden Sie Antworten auf Ihre Fragen bekommen.

Ich erwidere ihm nichts und lehne mich wieder zurck. Herrje, grble ich, in was bin ich da nur hineingeraten?!

Verraten Sie mir eines, meint McKay eine Weile, nachdem wir Seattle verlassen haben und auf dem Interstate Highway in Richtung Osten unterwegs sind. Verwirrt sehe ich ihn an, obschon ich tief in meinem Inneren bereits ahne, was nun folgen wird. Was verbindet Sie mit diesem Detective?

Ich schlucke. Wie bitte?

Teyla, ich mag zwar nicht vom FBI oder der CIA sein, aber ich habe die Mglichkeiten mehr ber Sie herauszufinden, als Sie sich jemals ertrumen, entgegnet McKay mit amsiert klingender Stimme. Ich wei Bescheid von Ihrer Zeit in Afghanistan. Sie waren bei rzte ohne Grenzen, richtig?

Ja, das war ich, antwortete ich und nicke. Aber das ist lange her.

Erinnern Sie sich an Elizabeth Weir?

Wieder nicke ich. Ja, ich erinnere mich an sie. Sie war eine Sanitterin. Aber ich erinnere mich nur noch sehr vage daran, lge ich. Wie gesagt, es ist sehr lange her.

Sie beide waren Freundinnen, nicht wahr? Ihr damaliger Vorgesetzter, ein gewisser Doktor Simon Wallace hat Sie beide in seinen Berichten immer als ein sehr eingeschweites Team beschrieben.

Ich werfe meinem Gegenber einen finsteren Blick zu. Wieso fragen Sie mich das alles?, will ich wissen. Sie scheinen doch eh schon alles ber mich zu wissen. Wieso also fragen Sie dann?

Doktor McKay wirft einen Blick auf die Mappe in seinen Hnden. Erst bei genauerem Hinsehen wird mir bewusst, dass es sich um eine Akte handelt, meine Akte. Mein Bild prangert am rechten oberen Ende des Blatt Papiers. Ich schlucke. Herrje!

Es interessiert mich blo, es aus Ihrem Mund zu hren, Teyla, antwortet er mir ruhig und klappt die Akte zu, ehe ich noch einen weiteren Blick erhaschen kann. Nun, diese Elizabeth Weir Befinden Sie beide sich noch immer in Kontakt zueinander?

Ich schliee die Augen, seufze und beschliee mich auf dieses sinnlose Spiel einzulassen. Nein, sage ich und schttele mit dem Kopf, sie ist tot. Sie ist whrend eines Feuergefechts mit den Taliban ums Leben gekommen. Es ist etliche Jahre her. Eigentlich sollte es nur ein Versorgungseinsatz werden, aber ihr Trupp geriet in einen Hinterhalt. Ein Einsatzteam hat versucht, sie da raus zu holen, doch es endete in einem Desaster- Ich breche ab und schlucke.

Zwlf Tote, vier Soldaten, acht Zivilisten, die meisten von ihnen waren Kinder. McKays Stimme klingt sachlich, und auch ohne aufzusehen wei ich, dass er die Zahlen nicht von irgendeinem Blatt Papier abliest, sondern sich intensiv mit diesem Bericht befasst haben muss.

Ja, presse ich erstickt hervor, so war es. Es ist inzwischen fast fnfzehn Jahre her, doch ich habe noch immer Alptrume von diesem schrecklichen, blutgetrnkten Tag, ein schwarzer Tag, der das Camp erschtterte. Von Elizabeths Tod zu erfahren, riss mir den Boden unter den Fen weg, und nur wenige Tage spter hatte ich in einem Versorgungsflieger der U.S. Air Force gesessen und war in die Staaten zurckgekehrt, zusammen mit...

Haben Sie dort den Detective kennengelernt? Ich spre Doktor McKays forschenden Blick auf mir liegen. Ein eiskalter Schauer rinnt mir den Rcken hinab, als mir klar wird, worauf diese ganze Befragung hinausluft. Zgerlich nicke ich.

Ja, ich habe ihn dort kennengelernt. Niemals wrde ich den in sich zusammengesunkenen Soldaten vergessen, der mir im Flugzeug gegenbergesessen hatte. Ich hatte gleich gewusst, dass es etwas nicht stimmte. Er war blass und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Auf dem mehrstndigen Flug begegneten sich unsere Blick mehr als nur einmal. Ich lchelte, er nicht. Wir beide schwiegen. Ohne zu wissen, dass dieser Mann fr den Tod meiner besten Freundin und geschtzten Kollegin verantwortlich war, schloss ich ihn ins Herz. Erst viel spter sollte ich erfahren, dass dieser gebrochene Soldat jener Mann war, den Elizabeth mir immer so wortreich und mit vertrumtem Blick beschrieben hatte. Dass er spter einmal ihr Tod sein sollte, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Ebenso wenig, wie ich wusste, dass er eines Tages in mein Leben zurckkehren und es gehrig durcheinander wirbeln wrde und dass ich seinetwegen alles in Frage stellen wrde, woran in festgehalten hatte.

Doktor McKay mustert mich aufmerksam, dann seufzt er pltzlich und wendet sich mir zu. Versprechen Sie mir bitte etwas?, fragt er, worauf ich nicke. Egal was es ist, ich werde es tun. Auf irgendeine unheimliche Art und Weise vertraue ich diesem fremden Mann. Er kommt mir auf einmal mehr als bekannt vor, und ich frage mich, ob ich ihn nicht vielleicht doch schon irgendwann einmal gesehen habe.

Ich rechne es Ihnen hoch an, dass Sie heute mit mir mitkommen, beginnt er. Ich wei, Sie haben nicht den kleinsten Grund mir zu vertrauen, und Sie haben mir in den letzten Tagen mehr als nur einmal zu verstehen gegeben, dass ich verschwinden soll. Er macht eine kurze Pause und sieht mich an. Trotzdem habe ich nicht aufgegeben, weil ich wusste, dass ich Sie irgendwann soweit haben wrde.
Sie werden heute noch sehr viel erfahren, Teyla, fuhr er fort. Manches mag vielleicht Ihre Vorstellungskraft sprengen, aber ich bitte Sie, es sich anzuhren. Ich tue das alles hier nicht ohne Grund. Ich wei, dass Sie die Richtige fr diesen Job sind. Wir wissen es.

Zwei Worte lassen mich aufhren. Job? Wir? Was was wollen Sie mir damit sagen, Doktor?, frage ich etwas verunsichert. Ich habe einen Job, zwar keinen sonderlich gut bezahlten, aber es reicht aus, um mir und Kanaan ein relativ zufriedenes Leben zu garantieren.

Alles zu seiner Zeit, antwortet mein Gegenber. Glauben Sie mir, Sie werden heute noch genug erfahren, Teyla. Aber wir sind uns sicher, dass Sie das schaffen werden.

Wieder dieses mysterise wir. Mein Magen krampft sich zusammen und in meiner Verzweiflung werfe ich einen Blick aus dem Fenster, nur um feststellen, dass der Wagen auf einem leeren Parkplatz vor einem typisch amerikanischen Diner zum stehen gekommen ist. Ich werfe McKay einen verwirrten Blick zu, als sich pltzlich die Wagentr auf meiner Seite ffnet.

Steigen Sie aus, befiehlt McKay mir. Gehen Sie in den Diner. Alles Weitere wird er Ihnen erklren.

Er?, wiederhole ich. Ich soll ins Diner gehen?

Nur wenn Sie das mchten, sagt McKay. Sie mssen sich aber darber im Klaren sein, dass, sobald Sie die Schwelle dieses Diners berschritten haben, nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Es wird sich alles ndern. Ob nun zum Guten oder zum Schlechten, dass entscheiden ganz allein Sie, Teyla.

Was was erwartet mich?, frage ich.

Er, lautet die einsilbige Antwort, und dann heit es wieder: Er wird Ihnen alles erklren. Keine Sorge, er brauchte auch etwas Bedenkzeit, aber er und auch wir sind berzeugt, dass Sie die Richtige fr den Job sind.

Er was? Ich ringe um meine Fassung, wei nicht, was ich tun soll. Aussteigen und in dieses Diner gehen? Doktor McKays Worte schwirren mir noch immer im Kopf herum. Mchte ich das wirklich? Dass nichts mehr so sein wird, wie es einmal war? Mein altes Leben verlassen, wenn es darauf ankommt? Was ist mit Kanaan? Wir haben uns um ihn gekmmert. War ich bereit, ihn aufzugeben? Einen Mann, den ich liebte, aber dennoch sooft es nur ging belog und betrog? Was wrde er von mir denken, wenn ich nun dieses Diner betrat? Wrde er enttuscht sein? Das ist er doch schon lngst, meldet sich in diesem Moment wieder meine innere Stimme zu Wort. Was hlt Dich also zurck?

Lassen Sie sich Zeit, Teyla. Kaum, dass er die Worte ausgesprochen hat, verlasse ich den Wagen, steige aus und bedenke Doktor McKay eines letzten nachdenklichen Blickes, ehe ich die Autotr schliee und auf das Diner zu marschiere. Ich wei, dass in diesem Augenblick mehrere Augenpaare auf mir liegen, doch ich versuche dieses Wissen zu ignorieren, denn es irritiert mich nur. Tief Luft holend betrete ich das Diner, nur um sofort berrascht festzustellen, dass es menschenleer ist. Kein Gast weit und breit. Auf den ersten Blick entdecke ich nur eine ltere Bedienung hinter dem Tresen, die mich freundlich anlchelt.

Sie sind bestimmt, Teyla, richtig? Ich nicke verwirrt. Kommen Sie, ich bringe Sie zu Ihrem Tisch. Verunsichert folge ich ihr. Auf dem Weg zu einem Tisch in der hintersten Ecke des Diners erklrt sie mir, dass sie auf den Namen Dorothy hrt. Ich knne sie aber ruhig Dorrie nennen, das tten schlielich alle. Kaum, dass ich auf der quietschendroten Sitzgarnitur Platz genommen habe, beginnt sie die Speise- und Getrnkekarte herunterzurappeln. Ich entscheide mich fr eine Tasse Kaffee.

Sie sollten auch etwas essen, meine Liebe, entscheidet Dorrie. Sie sehen ja ganz blass aus. Warten Sie, ich bringe Ihnen ein Stck meines berhmten Apfelkuchens. Nicht, dass Sie mir hier noch aus den Latschen kippen.

Das ist wirklich nicht ntig, begehre ich auf. Ein Kaffee ist vollkommen ausreichend. Etwas anderes wrde ich auch nicht bei mir behalten knnen, befrchte ich. Doch die resolute Bedienung lsst sich nicht abwimmeln und bekommt aus heiterem Himmel Untersttzung, von einer mnnlichen Stimme. Dorrie lchelt dem Unbekannten dankbar zu, whrend mir das Blut in den Adern gefriert.

Nein nein Das kann nicht Das ist doch

Ganz langsam drehe ich mich um und erstarre, als ich beobachtete, wie sich Dorrie mit Nein, das kann nicht sein! Das darf nicht sein! Ich verspre das Bedrfnis auszuspringen und aus dem Diner zu strmen, als ich ihn auf mich zukommen sehe, langsam, unversehrt. Am Leben! Einzig und allein eine Armschlinge erinnert an den schlimmen Unfall, bei dem er ums Leben gekommen ist. Oder, besser ausgedrckt, ums Leben gekommen sein soll, denn tot sieht anders aus. Tot ist tot.

Hallo, Teyla, begrt er mich und lchelt. Seine raue Stimme lsst mich zusammenzucken, sein leicht schiefes Lcheln erschaudern. Er setzt sich mir gegenber, als sei es das natrlichste auf der Welt, als sei ich nicht erst vor weniger als zwei Stunden auf seiner Beerdigung gewesen.

Ich wei nicht, was ich sagen soll. Mein Kopf ist leer. Nichts. Absolut nichts. Ich starre ihn an, ohne dabei auch nur das Geringste zu empfinden, weder Trauer, noch Freude, noch Wut, noch Erleichterung- nichts. Nicht nur mein Kopf ist leer, mein Herz ist es auch.

DDas, presse ich mhsam hervor. Aber aber das Ich nicke, schttele mit dem Kopf und dann beides zur selben Zeit. Pltzlich habe ich Trnen in den Augen. JJohn?, krchze ich, was ihn noch breiter lcheln lsst. Er nimmt meine Hnde und drckt sie.

Ich wei, dass das alles sehr verwirrend auf Dich sein muss, beginnt er. Kein Hallo oder Es tut mir leid, dass Du mich fr tot gehalten hast. In der Tat, es ist verwirrend fr mich; ich verstehe es einfach nicht. Wie, um alles in der Welt, ist das hier mglich? Ich selbst habe gesehen, wie sein Sarg dem Erdreich bergeben wurde, wie das Grab zugeschaufelt wurde. Das hier ist unmglich! Es kann sich dabei nur um einen schlechten Traum handeln!

Teyla. Hey, hey, Teyla, ruft er meinen Namen, als ich unruhig auf dem roten Polster herumzurutschen beginne. Sieh mich an, befiehlt er mir, und ich tue, was er sagt, und sehe ihn an. Blicke ihm tief in die Augen. Er hat schne Augen. Sonderbare Augen. Sie waren das Erste, was mir damals auf dem Flug aufgefallen war. Nicht grn und auch nicht braun, sondern irgendwo dazwischen. Haselnussfarben- nein, wunderschn. Tiefgrndig. Geheimnisvoll. Und dennoch so offen.
Mich in diesen wunderschnen, tiefgrndigen, geheimnisvollen haselnussfarbenen Augen verlierend, starre ich ihn an und warte darauf, dass er etwas sagt. Dass er mir endlich erklrt, was hier los ist. Dass er mir sagt, warum ich hier bin. Herrgott, warum er hier ist!

John, flstere ich, doch er schttelt mit dem Kopf, und ich verstumme wieder. Er war schon immer gut darin gewesen mir die Sprache zu rauben, in mehr als nur einer Hinsicht.

Nicht, sagt er und lst seinen Blick von meinem Gesicht, als Dorrie mit zwei Tassen Kaffee und einem Stck Apple Pie mit Sahne zurckkommt. Als ob jetzt auch nur einer von uns beiden ans Essen denken knnte. Ich ignoriere Tasse und Teller vollends, whrend John meine Hnde loslsst und seinen Kaffee in einem Zug heruntersplt.
Wir haben nicht viel Zeit, meint er dann, stellt die Tasse ab und greift wieder nach meinen Hnden, doch dieses Mal bin ich schneller und entziehe sie ihm. Verwundert sieht er mich an.

John- Ich schttele mit dem Kopf- was zum Teufel soll das hier? Ich ich meine, Du Du bist Mir versagt die Stimme und Trnen der Verzweiflung und der berforderung strmen ber meine Wangen. Was soll das?, flstere ich heiser. Warum bist Du hier und nicht-

Tot?, beendet er meinen Satz. Das ist eine lange Geschichte. Eine verdammt lange Geschichte, aber wir haben nicht die Zeit, um das alles hier zu besprechen, Teyla. Ich habe nicht die Zeit.

Wei Dein Bruder es?, platzt es aus mir heraus und ich muss an den geknickten Mann auf dem Friedhof denken.

John verneint. Niemand wei es- auer Du- und das muss auch so bleiben, sagt er.

Warum?, frage ich und greife dieses Mal nach seinen Hnden. Und weshalb bin ich hier?

Ein Lcheln umspielt seinen Mund. Ich muss gestehen, dass das meine Schuld ist, antwortet er. Ich hab sie berredet, dass sie Dich herholen lassen. Dass war meine Bedingung.

Bedingung?, wiederhole ich perplex. Was denn fr eine Bedingung? Verflucht, John, was ist hier los? Was hast Du angestellt?

Ich habe berhaupt nichts angestellt, beteuert er. Naja, nicht unbedingt, fgt er kleinlaut hinzu. Hr zu, beginnt er von Neuem, ich hab ehrlich nicht viel Zeit, Teyla, also hr mir verdammt nochmal ganz genau zu. Ich kann und werde Dir das nur ein einziges Mal erklren. Es ist sehr wichtig.

Hat es etwas mit diesem Doktor McKay zu tun?, frage ich leise, fast flsternd.

Ja, antwortet John, aber auch wenn Du jetzt was anderes denkst, das sind die Guten, okay? Die wollen nur das Beste. Die haben mich gerettet, gesteht er mir. Ohne McKay und seine Leute wre ich jetzt tot. Ich wre gestorben, htten sie nicht nach mir gesucht. Sie haben mir eine zweite Chance gegeben, Tey, eine Chance, die ich vielleicht nie wieder bekomme.

Ich ahne Schlimmes. Du gehst fort. Es ist mehr eine Feststellung, als eine Frage, und John besttigt mich in meiner Annahme, indem er nicht.

Ja, sagt er und drckt meine Hnde, und ich will, dass Du mitkommst.

Was?! Ein panisches Lachen entkommt meiner Kehle. Das kann doch nur ein Scherz sein, oder? Das hat er gerade nicht wirklich gesagt! John, was meinst Du damit?

Das, was ich gesagt habe, antwortet er. Ich will, dass Du mit mir kommst. Wirklich, ich meine es Ernst, Teyla. Es wre eine Herausforderung. Etwas komplett Neues. Davon hast Du doch immer getrumt- von einer Vernderung, oder? Jetzt hast Du die Chance dazu! Glaub mir, ich habe in den letzten Woche Dinge gesehen, die ich niemals fr mglich gehalten htte! Dinge, die es eigentlich nicht geben sollte!
Ich habe ihn noch nie soenthusiastisch erlebt, und wenn ich mich recht entsinne, habe ich ihn auch noch nie so viel am Stck reden hren! Ich habe ihn als einen schweigsamen Mann in Erinnerung, einen Mann, dem Worte nicht so wichtig sind. Ihn jetzt so verndert zu erleben, verwirrt mich. Er ist nicht mehr der John, den ich vor ein paar Jahren kennengelernt habe. Nichts erinnert mehr an das Hufchen Elend, welches er nach Elizabeths tragischem Tod und in den Monaten danach gewesen ist.

Es wre eine Art Job, hre ich ihn nun sagen und erinnere mich prompt an McKays Worte. Aha, ein Job also. Ich habe einen Job, denke ich, einen mit dem ich zufrieden bin. Ein Job, eine sichere Einnahmenquelle. Und ich habe Kanaan, einen Mann, der mich trotz allem liebt.
Allerdings sitzt mir ein weiterer in diesem Moment gegenber und sieht mich erwartungsvoll an.

John, seufze ich, Du verstehst nicht, was Du da von mir verlangst.

Doch, das verstehe ich, widerspricht er mir. Und ich verstehe auch, dass Du mich nach allem, was zwischen uns passiert ist, wahrscheinlich fr verrckt halten musst. Aber ich mchte, dass Du trotzdem darber nachdenkst. Es wre die Chance, auf die Du immer gewartet hast. Pltzlich liegt seine Hand an meiner Wange und sein Daumen streicht ber meine Unterlippe; ich zucke zusammen, weiche jedoch nicht zurck. Diese ewige Schufterei in diesem jmmerlichen Krankenhaus ist nichts fr Dich. Das wird Dich eines Tages kaputtmachen, glaub mir.

Wie kannst Du Dir sicher sein, dass es dieser groartige Job nicht tun wird?, frage ich ihn, wohl wissend, dass er mit seiner Berhrung ein klaffendes Loch in die Mauer, die mein Herz umgibt, gerissen hat.

Das kann ich nicht, erwidert er. Ich musste nur an Dich denken. Und an das, was wir immer besprochen haben. Erinnerst Du Dich?, fragt er mit butterweicher Stimme. Ich errte und senke den Blick auf unsere Hnde.

Natrlich erinnere ich mich, sage ich. Aber das ndert nichts daran, dass ich mein Leben mir nichts dir nichts fr etwas wegwerfe, von dem ich absolut keine Ahnung habe.

Dann lass es mich Dir erklren!, ruft John aus. Verdammt, Du lsst mich ja kaum zu Wort kommen, Tey!

Dann erklrs mir doch, feuere ich spitz zurck. Erklr mir verflucht nochmal, warum wir hier sind und was Du von mir willst!

Wenn es doch nur so einfach wre, seufzt John. Wie gesagt, ich werde es Dir nur einmal erklren knnen, dann wirst Du Dich entscheiden mssen. Entweder Du kommst mit mir mit oder nicht. Dann, allerdings, wei ich nicht, ob und wann wir uns wiedersehen werden, Teyla.

Irgendetwas in seiner Stimme vernderte sich im Verlauf des Satzes, und seine letzten Worte berhrten mich tief in meinem Innern. Nie wiedersehen? Hatte ich mich gerade verhrt? Ich hoffe, dass ich mich verhrt habe! Ihn nie wiederzusehen ist jetzt, da ich wei, dass er am Leben ist, etwas Unvorstellbares. Ich habe drei Monate mit dem Wissen, dass er tot ist, leben mssen, und es war eine schreckliche, von Alptrumen geplagte Zeit, die ich bestimmt nicht noch einmal durchstehen wrde.
Verzweifelt lasse ich meinen Blick zwischen ihm, meiner Tasse Kaffee und dem unangerhrten Stck Apple Pie hin- und herspringen und beginne auf meiner Unterlippe zu nagen.

Du sollst doch nicht auf deiner Lippe nagen, Teyla, tadelt John mich augenblicklich und erinnert mich daran, wie sehr er es hasst, wenn ich das tue. Hey, hre ich ihn dann flstern, sieh mich an. Er schiebt einen Finger unter mein Kinn und drckt es hoch. Lass es mich Dir erklren, und dann sehen wir weiter, okay?

Er lsst es so einfach klingen. So als hinge nicht meine Zukunft von dieser einen Entscheidung ab. Im Gegensatz zu mir ist er nun vollkommen ruhig und strahlt etwas aus, das auch mir etwas von meiner Angst nimmt. Ich sehe ihn an und wei, dass ich eigentlich nichts falsch machen kann. Ich werde ihn anhren und dann eine Entscheidung treffen. Ja, so werde ich es machen, sage ich mir. Ich kann immer noch nein sagen, sollte es nichts fr mich sein, versuche ich mir einzureden, aber kann ich das wirklich? Der Gedanke, dass ich John womglich niemals wiedersehen werde, falls ich mich falsch entscheide, drngt sich mir auf. Ich schlucke. War es wirklich so einfach? Ja oder nein? Konnte ich es riskieren nein zu sagen? Wollte ich es riskieren?

Okay, erklr es mir. Die Worte verlassen meine Lippen wie von selbst und zaubern das Lcheln zurck in Johns Gesicht. Wie aus dem Nichts zaubert er zwei dicke Akten unter dem Tisch hervor und breitet sie vor uns auf dem Tisch auf. Kurz bevor er sie aufschlgt, bedenkt er mich allerdings eines ernsten, intensiven Blickes.

Bist Du sicher, Teyla?, fragt er, und ich nicke.

Ja, sage ich, ja, ich bin mir sicher.

Gut. Er schlgt eine der Akten auf, greift dann aber wieder nach meinen Hnden. Was ich Dir jetzt erzhlen werde, unterliegt strengster Geheimhaltung. Falls Du Dich also dagegen entscheiden solltest, darf nichts von dem, was wir jetzt besprechen werden, jemals diesen Raum verlassen. Verstehst Du das, Teyla?

Irgendwie schaffe ich es zu nicken. Strengste Geheimhaltung? OOkay. Ich werfe einen unsicheren Blick in Dorries Richtung. Was.. was ist mit

Sie ist eine von uns, antwortet John, ohne den Blick von mir zu lsen, und lchelt. Sie wird schon nicht plaudern, grinst er und zwinkert mir zu.

Eine von uns?, wiederhole ich.

Fangen wir doch von ganz vorne an, okay? John schenkt mir ein aufmunterndes Lcheln, ehe er einen ziemlich groen Batzen Papier vor mir ausbreitet, auf dem Dinge vermerkt sind, die ich nicht verstehe. Angefangen von archologischen Funden in gypten Anfang des 20. Jahrhundert bis hin zu nicht erklrbaren Vorkommnissen in der Neuzeit wie dem groflchigen Stromausfall, der vor wenigen Wochen Las Vegas fr mehrere Minuten lahm legte.

Ich lasse meinen Blick immer wieder ber die Aufzeichnungen schweifen, schttele schlielich aber mit dem Kopf und seufze. John, ich verstehe nicht, was das alles hier soll.

Deswegen bin ich hier, erwidert er. Um es Dir zu erklren. Teyla- Zum ersten Mal, seit ich ihn kenne, klingt er, whrend er meinen Namen ausspricht, ernst und absolut professionell. Gespannt richte ich meine volle Aufmerksamkeit auf ihn, um auch nicht eines seiner Worte zu verpassen. Und dann geht es tatschlich los- er fngt an.

Teyla, ich mchte Dir heute etwas ber das Stargateprogramm erzhlen

The End (?)
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