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Das Wichtelgeschenk

von Emony

Oneshot

„Wer ist nur auf diese bescheuerte Idee gekommen?“, fragte McKay mürrisch in den Raum hinein und knallte einen Zettel auf seinen Schreibtisch. Eine leere Kaffeetasse, sein Laptop und ein Stapel unfertiger Berichte machten einen kleinen Satz.

„Regen Sie sich doch nicht so auf“, sagte Ronon mit einem leisen Lächeln. Er war Rodney in dessen Labor gefolgt und lehnte nun entspannt gegen den Türrahmen. „Ich habe das auf Sateda nie gemacht, aber ich halte es für eine gute Tradition.“

„Ich habe es auf der Erde auch nie gemacht, und ich finde die Idee schlichtweg absurd“, konterte der Wissenschaftler. Er starrte finster auf das kleine Stück Papier vor sich, auf dem in sauberer Druckschrift nur zwei Wörter standen: John Sheppard.

Rodney versuchte, seine Stimme so gleichgültig wie möglich klingen zu lassen, während er verstohlen zu Ronons Hand hinübersah. „Wen müssen Sie beschenken?“

Ronon grinste geheimnisvoll und schob seinen Zettel in die Tasche seiner Weste.

„Etwa mich?“, bohrte Rodney weiter, als er merkte, dass er keine visuelle Spur erhaschen konnte. „Oder Dr. Weir?“

„Teyla“, antwortete Ronon schlicht.

„Das ist zutiefst ungerecht! Etwas für Teyla zu finden, ist eine mathematische Leichtigkeit. Sie freut sich über traditionelle Tees, Artefakte oder... was weiß ich.“ Rodney gestikulierte wild in der Luft herum.

„Tatsächlich?“, fragte Ronon amüsiert.

„Natürlich. Sie ist pragmatisch.“ Rodney hielt inne, als er Ronons prüfenden Blick bemerkte. „Was ich damit meine, ist... Frauen sind in dieser Hinsicht kalkulierbarer.“

„Hätten Sie denn lieber eine Frau beschenkt?“

Rodney zuckte mit den Schultern. „Für Katie Brown wäre es ein Kinderspiel gewesen. Eine seltene botanische Probe von irgendeiner Welt der Pegasus-Galaxie, und sie wäre tagelang glücklich. Effizient und logisch.“ Ein Hauch von Zweifel überkam ihn dennoch, und er fügte leiser hinzu: „Vermutlich.“

„Mhm“, nickte Ronon bedeutungsschwer. „Natürlich. Und wer steht auf Ihrem Zettel?“ Bisher hatte er es vermieden, das Papier auf Rodneys Tisch direkt anzusehen, aber die schiere Verzweiflung des Physikers weckte nun doch seine Neugierde.

Rodney hob den Zettel lieblos an einer Ecke an und hielt ihn dem Satedaner vor die Nase. Als Ronons Grinsen noch breiter wurde, seufzte Rodney gequält. „Das ist überhaupt nicht komisch.“

„Warum ist es so ein Problem, etwas für John zu finden?“, fragte Ronon und stieß sich vom Türrahmen ab. „Ihr verbringt doch jede freie Minute miteinander.“

„Weil...“, begann Rodney, doch das Wort blieb ihm im Hals stecken. Ja, warum eigentlich? Weil jedes Geschenk, das er John machen wollte, entweder zu unbedeutend wirkte oder viel zu viel über das verriet, was Rodney seit Jahren mühsam vor der gesamten Galaxie verbarg. Seine Gefühle für den Lieutenant Colonel.

„Haben Sie schon eine Idee?“

„Sie müssen sich selbst etwas ausdenken“, sagte Ronon und klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter. „Ich werde Ihnen nicht helfen. Das würde den Sinn der Sache ruinieren.“

„Wenn ich denjenigen finde, der diesen logistischen Albtraum in die Wege geleitet hat...“, maulte Rodney dem abziehenden Satedaner hinterher. Missmutig ließ er sich in seinen Drehstuhl sinken, stützte das Kinn in die Hände und starrte auf den verhassten Zettel.

***

Über zweiundsiebzig Stunden lang hatte Rodney sein brillantes Gehirn zermartert, doch es wollte ihm schlichtweg nichts einfallen. Danach hatte er es mit Ignoranz versucht – eine Strategie, die er zutiefst verabscheute. Er hasste es, Probleme ungelöst zu lassen. Erst recht, wenn es um John ging.

Mit jedem vergehenden Tag wuchs der Druck. Es durfte nichts Banales sein, nichts, das aussah, als hätte er es im Vorbeigehen aus einem Lagerraum gegriffen. Auf der anderen Seite durfte es nicht so persönlich sein, dass die halbe Führungsebene beim Auspacken peinlich berührt schwieg. Rodney bemerkte, wie seine Nerven blank lagen. Gestern hatte er Zelenka wegen eines winzigen Formatierungsfehlers in einem Makro angeschrien – völlig unbegründet, wie er sich später zähneknirschend eingestehen musste.

Normalerweise lief Rodney unter extremem Druck zur Höchstform auf. Wenn ein Wraith die Stadt bedrohte oder der Schild versagte, fand sein Verstand in Sekunden eine Lösung. Aber Weihnachten war kein Wraith. Es gab keine logische Gleichung für das perfekte Geschenk.

Es blieben ihm nur noch vier Tage, und er war vollkommen ideenlos.

Er versuchte es mit Spaziergängen durch die Korridore, um den Kopf freizubekommen, scheiterte jedoch kläglich. Die gesamte Expedition schien in festlicher Stimmung zu sein. Überall wurde getuschelt, gelacht und heimlich verpackt. Rodney fühlte sich wie der personifizierte Ebenezer Scrooge von Atlantis – nur ohne das Geld, dafür mit einem unbrauchbaren IQ von 170.

Völlig in Gedanken versunken bog Rodney scharf um eine Ecke, die zu den Wohnquartieren führte, und prallte mit voller Wucht gegen jemanden. Der Zusammenstoß war so heftig, dass beide Männer den Halt verloren und unsanft auf dem metallischen Boden landeten.

„Verdammt noch mal!“, fluchte Rodney und rieb sich die Hüfte. „Können Sie nicht aufpassen, wo Sie... oh. Du bist es.“

John Sheppard zog eine Augenbraue hoch, rappelte sich geschmeidig auf und klopfte sich den Staub von der Uniform. „Du solltest vielleicht die Verkehrsregeln auf den Gängen beachten, Rodney.“

„Als ob das meine Schuld wäre!“, verteidigte sich Rodney, blieb aber erst einmal sitzen. Vor seinem Gesicht tauchte Johns ausgestreckte Hand auf. „Das kann ich allein“, murrte Rodney, ignorierte die Hand und stemmte sich mühsam in die Höhe. „Ich glaube, mein Steißbein ist geprellt. Das sind unerträgliche Schmerzen.“

„Ich wusste gar nicht, dass du neuerdings Medizin studiert hast“, feixte John und stemmte die Hände in die Hüften. Er kannte Rodneys recht niedrige Schmerzgrenze und seine Neigung zum Drama nur zu gut. „Es tut mir leid, okay? Ich war in Eile.“

„Offensichtlich. Das macht den blauen Fleck auf meinem Allerwertesten auch nicht ungeschehen.“

„Soll ich dich zu Carson bringen?“ Johns Tonfall wurde etwas sanfter, fast besorgt.

„Nicht nötig“, blockte Rodney ab und wich Johns Blick aus. „Ich brauche keine Eskorte.“

Das war die Wahrheit und gleichzeitig eine Lüge. Er brauchte John nicht, um zur Krankenstation zu gehen. Aber er brauchte ihn für so vieles andere. Die Nähe des Colonels machte ihn in diesen Tagen nur noch nervöser, je näher das Fest rückte. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte Rodney sich um und ging schnellen Schrittes davon.

John sah ihm nach, die Stirn in Falten gelegt. Er wollte Rodney erst hinterhergehen, entschied sich dann aber dagegen. Was auch immer den Wissenschaftler im Moment so massiv beschäftigte, er schien die Mauern hochgezogen zu haben. Sie waren Freunde; Rodney würde kommen, wenn er bereit dazu war.

Hoffte er zumindest.

***

Der Weihnachtsabend kam viel zu schnell. Für Rodney fühlte es sich an, als sei die Zeit der letzten Tage wie Sand durch seine Finger geronnen.

Nun stand er in seinem Quartier und betrachtete das kleine Päckchen auf seinem Bett. Er hatte es dreimal eingepackt, bis er mit dem Ergebnis halbwegs leben konnte. Im Verpacken war er noch nie ein Genie gewesen, aber dieses Mal sollte das Äußere zumindest eine gewisse Sorgfalt widerspiegeln. Er hatte sich für ein tiefblaues Papier entschieden, das im Licht der Antiker-Lampen dezent schimmerte, fixiert mit einer sauberen, silbernen Schleife. Es war schlicht, elegant und lenkte nicht vom Inhalt ab. Selbst wenn John mit dem Geschenk nichts anfangen konnte, würde er zumindest sehen, dass Rodney sich Mühe gegeben hatte.

In der Messhalle waren mehrere Tische zusammengeschoben worden, auf denen sich die Wichtelgeschenke zu einem stattlichen Berg türmten. Rodney mischte sich unter die Menge, legte sein Päckchen unauffällig dazu und steuerte sofort das Buffet an, um sich an einem Glas Punsch festzuhalten. Seine Anspannung war ihm dennoch anzusehen; er wechselte ständig das Gewicht von einem Fuß auf den anderen.

„Fröhliche Weihnachten, alle zusammen“, begann Elizabeth Weir mit fester, warmer Stimme. Die Gespräche im Raum verstummten langsam. Sie hielt eine kurze, bewegende Rede über das vergangene Jahr – über die Opfer, die sie gebracht hatten, die Siege, die sie feierten, und den Zusammenhalt, der die Expedition zu einer Familie machte. Am Ende dankte sie schmunzelnd dem Techniker aus der Logistik, der die Idee zum Wichteln eingebracht hatte. Rodney merkte sich das Gesicht des Mannes für zukünftige Labor-Zuteilungen vor.

„Hey“, ertönte plötzlich eine vertraute Stimme direkt an seinem Ohr. Rodney spürte den leichten Druck von Johns Schulter gegen seine. „Habe ich die Ansprache verpasst?“, flüsterte der Colonel.

Rodney drehte den Kopf und sah ihn an. „Wo hast du gesteckt?“

„Ich musste noch was erledigen. Wie ist das Essen?“ John lächelte schmal, hielt den Blick jedoch fest auf Rodney gerichtet. Er wich der Frage aus, und Rodney beschloss, es gut sein zu lassen.

Elizabeth setzte sich unter dem Applaus der Anwesenden eine rote Weihnachtsmütze auf und begann, die Geschenke zu verteilen. In Rodneys Magen zog sich alles schmerzhaft zusammen. Die Zeit dehnte sich wie Kaugummi. Je mehr Päckchen den Besitzer wechselten, desto deutlicher wurde Rodney klar, dass das Prinzip des Wichtelns vorsah, anonym zu bleiben – es sei denn, man gab sich durch das Geschenk selbst zu erkennen. Und sein Geschenk war... nun ja, es war unübersehbar von ihm.

Die Panik kroch ihm langsam die Kehle hoch. Seine Hände wurden feucht.

„Rodney? Alles in Ordnung? Du bist furchtbar blass“, flüsterte John auf einmal und legte eine Hand an Rodneys Ellbogen.

„Ich... ich glaube, der Fisch am Buffet war nicht mehr gut“, brachte Rodney hervor, entzog sich Johns Griff und flüchtete fast fluchtartig aus der Messhalle, bevor die Situation vollends eskalierte.

***



Das leise Summen der Türglocke riss Rodney aus seinen düsteren Gedanken. Er saß auf der Bettkante seines abgedunkelten Quartiers und starrte auf die Wand. Mit einem flauen Gefühl im Magen öffnete er die Tür.

John stand im Korridor, ein breites Grinsen auf den Lippen. In der Hand hielt er ein kleines, dunkelblaues Päckchen mit einer silbernen Schleife. „Du hast dein Geschenk nicht abgeholt. Und ich habe mich beim Küchenchef erkundigt – es gab heute überhaupt keinen Fisch auf dem Speiseplan. Was ist los mit dir, Rodney? Du stehst seit einer Woche völlig neben dir.“

„Ich... nun ja...“

John wartete keine Einladung ab, sondern schob sich an Rodney vorbei in den Raum. Die Tür glitt hinter ihm zu, und plötzlich wirkte das Quartier sehr klein. John hob den linken Arm und deutete auf sein Handgelenk. Dort schimmerte eine neue, mattschwarze Uhr – das Gehäuse war unverkennbar aus einer Titan-Legierung gefertigt, die Rodney selbst im Labor für militärische Zwecke modifiziert hatte, stoßfest, wasserdicht und mit einer dezenten Antiker-Schnittstelle zur Lebenszeichen-Ortung.

„Das ist viel zu viel für ein einfaches Wichtelgeschenk, Rodney. Das weißt du, oder?“

Rodney schluckte schwer und starrte auf den Boden. „Mir war aufgefallen, dass deine alte Dienstuhr beim letzten Außeneinsatz Schaden genommen hat. Es war... eine rein pragmatische Modifikation. Nichts weiter.“

„Pragmatisch?“, wiederholte John leise. Er trat einen Schritt näher, das Grinsen wich einem weichen, ernsten Ausdruck. „Das Gehäuse hält einem direkten Treffer stand, und die Software ist auf meine Gen-Signatur kalibriert. Es ist das beste Geschenk, das ich seit Jahren bekommen habe. Danke.“

„Gern geschehen“, murmelte Rodney und spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. „Wenn es dir also nicht unangenehm ist... können wir den Vorfall in der Messhalle einfach vergessen?“

„Nein, das können wir nicht“, sagte John bestimmt. Er ging zum Schreibtischstuhl, drehte ihn um und setzte sich rittlings darauf, den Blick fest auf Rodney gerichtet. „Du bist weggelaufen, weil du Angst hattest, dass ich herausfinde, von wem das Geschenk ist. Und du hattest Angst, weil diese Uhr mehr sagt als tausend Worte.“

Rodney atmete scharf ein. „John, bitte. Lass es gut sein. Ich will nicht riskieren, dass sich hier... dass sich zwischen uns etwas ändert. Wir arbeiten zusammen. Wir sind ein Team.“

„Rodney.“ John stand auf, trat direkt vor ihn und legte ihm beide Hände auf die Schultern. Die Berührung war fest und erdend. „Glaubst du ernsthaft, ich bin blind? Ich kenne dich. Ich weiß, wie du mich ansiehst, wenn du denkst, ich merke es nicht.“

Rodney schloss für einen Moment die Augen. Die Wahrheit lag auf dem Tisch, ungeschützt und nackt. „Und? Was machen wir jetzt? Du bist der unnahbare Militärkommandant, der jede emotionale Bindung meidet wie die Pest. Ich habe mir jahrelang eingeredet, dass es besser ist, nichts zu sagen, um das hier nicht zu zerstören.“

„Dann lagst du verdammt noch mal falsch“, flüsterte John.

Bevor Rodney das rational verarbeiten konnte, schloss John die verbleibende Distanz. Er legte eine Hand an Rodneys Nacken und zog ihn sanft, aber mit einer absoluten Bestimmtheit zu sich heran.

Der Kuss war nicht überstürzt, sondern tief, intensiv und von einer Intensität, die Rodney den Atem raubte. Es war das Ende jahrelanger unausgesprochener Spannungen, das Einlösen eines Versprechens, das schon viel zu lange in der Luft gelegen hatte. Rodney spürte, wie das Zittern in seinen Händen nachließ, als er seine Finger in Johns Uniformjacke vergrub und den Kuss erwiderte, bis ihm schwindelig wurde.

Als John sich schließlich ein Stück von ihm löste, blieben ihre Stirnen aneinandergelehnt. Beide atmeten schwer.

„Du bist ein Genie, McKay“, raunte John mit einem leisen, fast erschöpften Lächeln. „Aber in manchen Dingen bist du ein absoluter Idiot.“

Rodney öffnete die Augen und blickte in das vertraute Gesicht, das ihm nun so nah war wie nie zuvor. Ein echtes, befreites Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Das Kompliment gebe ich gerne zurück, Colonel.“

John lachte leise, strich mit dem Daumen über Rodneys Wange und zog ihn ohne ein weiteres Wort in einen zweiten, noch tieferen Kuss.



ENDE


Ich bin bei der Entstehung dieser Story damals beinahe verzweifelt. Sie entstand innerhalb weniger Stunden, kurz vor Ablauf der Abgabefrist für das Wichteln. Denn genau wie McKay in der Geschichte wollte mir absolut nichts einfallen! Mein Mann brachte mich dann auf die geniale Idee, einfach genau diese Schreibblockade zum Thema zu machen. Und plötzlich wusste ich nicht, was McKay Sheppard schenken könnte … und irgendwie hat sich die Story dann wie von selbst geschrieben. Da der Abgabetermin damals so extrem drängte, gab es keine 100%-ige Zufriedenheit und auch kein Beta-Lesen – Druck und Muse vertragen sich eben nicht immer. Aber ich hoffe, Birgitt (magnifica7), du hattest damals trotzdem ein wenig Spaß mit deinem Wichtelgeschenk! Fröhliche Weihnachten!

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