Dr. Jennifer Keller saß, wie so oft als Letzte des medizinischen Teams, noch spät am Abend in ihrem Büro gleich neben der Krankenstation und schrieb einen Bericht fertig. Auf dem Schreibtisch neben ihrem Laptop stand eine Kaffeetasse. Sie griff danach, ohne hinzusehen. Als sie einen Schluck nehmen wollte, stellte sie fest, dass die Tasse leer war. Sie war so in ihre Arbeit vertieft gewesen, dass sie völlig vergessen hatte, den letzten Schluck bereits getrunken zu haben. Zerknirscht stellte sie die Tasse zurück an ihren Platz und seufzte hörbar.
„Sie sollten für heute Schluss machen.“
Die tiefe Stimme ließ sie heftig zusammenzucken. Sie hatte so spät niemanden mehr auf der Krankenstation erwartet. Jennifer drehte sich auf ihrem Stuhl zu ihm um und versuchte ein Lächeln aufzusetzen, das jedoch prompt von einem herzhaften Gähnen aus ihrem müden Gesicht gewischt wurde.
Ronon stand im Türrahmen, die Arme locker verschränkt. „Sie arbeiten zu lange.“
„Die meisten dieser Berichte habe ich Ihnen zu verdanken“, feixte sie, stand auf und deutete mit dem Daumen über ihre Schulter zurück auf den Laptop. „Aber das ist der letzte für heute.“
„Warum gehen Sie mir aus dem Weg?“, fragte er geradeheraus. Er wechselte das Thema so abrupt, dass Jennifer ihn für einen Moment sprachlos ansah.
„Ich… ich gehe Ihnen nicht aus dem Weg.“
„Seit dieser Sache neulich… tun Sie es doch.“ Er trat einen Schritt näher, verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust und musterte sie aus dunklen, unergründlichen Augen.
Jennifer schüttelte fast unmerklich den Kopf und wich seinem Blick aus. „Ich… ich muss wirklich weiterarbeiten.“
„Sehen Sie? Schon wieder. Das machen Sie neuerdings ständig. Sie weichen aus.“
Jennifer atmete tief durch. Es hatte keinen Sinn, sich herauszureden. „Vielleicht tue ich das. Aber bestimmt nicht absichtlich. Nach der Quarantäne, als wir alle zusammen in der Kantine saßen, haben Sie mich kaum eines Blickes gewürdigt. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass das Thema für Sie damit erledigt ist.“
Er machte zwei große Schritte auf sie zu und stand plötzlich unmittelbar vor ihr. Instinktiv wollte Jennifer zurückweichen, doch hinter ihr blockierte der Schreibtischstuhl den Weg. Sie stolperte leicht rückwärts, verlor das Gleichgewicht und drohte zu stürzen. Doch Ronon reagierte blitzschnell. Seine starken Hände packten sie an den Oberarmen und fingen sie ab. Der Schwung beförderte sie sanft zurück auf die Sitzfläche ihres Stuhls. Aus einem Reflex heraus hielt sie sich an seinen Unterarmen fest – und Ronon nahm den Moment zum Anlass, direkt vor ihr in die Knie zu gehen, sodass sie sich auf Augenhöhe befanden.
„Es ist nicht erledigt. Nicht für mich“, sagte er, und seine tiefe Stimme klang auf einmal unheimlich sanft.
Seine Worte verursachten eine wohlige Gänsehaut auf ihren Armen. „Nicht?“, fragte sie ungläubig.
Ronon schüttelte mit einem kleinen Lächeln den Kopf. Er lächelte nicht besonders oft, und so war es jedes Mal etwas Besonderes, wenn er es doch tat.
„Aber warum verhalten Sie sich dann so?“, hakte sie leise nach.
„Die anderen brauchen nichts davon zu wissen. Mein Privatleben soll privat bleiben. Ich… öffne mich nicht gerne vor anderen.“
So viel war ihr natürlich auch schon aufgefallen. „Sheppard und Teyla sind doch aber Ihre Freunde.“ Die Verwirrung stand Jennifer ins Gesicht geschrieben. Ihr war unbegreiflich, wie man selbst vor den engsten Vertrauten derart verschlossen sein konnte. Natürlich war sie noch nicht sehr lange auf Atlantis, vielleicht schätzte sie die Beziehungen der anderen auch einfach falsch ein.
„Wo ich herkomme, hält man sich bedeckt. Ist das ein Problem für dich?“ Der abrupte Wechsel zum Du ließ ihr Herz einen Schlag aussetzen.
Nur sehr langsam schüttelte sie den Kopf. Sie war sich nicht sicher, ob sie es schaffte, geheim zu halten, was sich da gerade zwischen ihnen anbahnte. „Ich… weiß nicht, ob ich das kann“, gestand sie ehrlich. „Teyla hat mich schon angesprochen, als sie zuletzt hier war. Sie hat gesehen, wie ich dich angesehen habe und… ihre Schlüsse gezogen.“
„Und was hast du ihr gesagt?“
„Die Wahrheit.“ Ronon nickte, verzog dabei das Gesicht allerdings ein wenig missmutig. Daher fügte sie schnell hinzu: „Ich habe ihr gesagt, dass da nichts ist. Dass ich wohl etwas missverstanden habe und…“
„Du hast nichts missverstanden“, unterbrach er sie rauh.
Jennifer schluckte den Kloß hinunter, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, seit er begonnen hatte, sie so intensiv zu fixieren. Sie wollte etwas erwidern, aber es war, als wäre ihr kompletter Wortschatz gelöscht worden. Sie konnte ihn nur fassungslos ansehen.
Ronon hob die rechte Hand zu ihrem Gesicht und streichelte mit dem Handrücken zärtlich ihre Wange. „Wir haben da noch etwas offen stehen. Etwas, bei dem wir unterbrochen wurden.“ Seine Hand glitt hinter ihr linkes Ohr, hinunter in ihren Nacken. Behutsam zog er sie zu sich, während er sich ein wenig streckte, um ihr entgegenzukommen.
Dann, endlich, nach den quälenden Stunden der Unsicherheit, seit sie zusammen in der Krankenstation eingeschlossen gewesen waren, fühlte sie seine Lippen auf ihren. Sie waren ein wenig rau, genau wie seine Hände, doch genau das gefiel ihr an ihm. Weiche Lippen hätten einfach nicht zu diesem Mann gepasst. Als seine Zunge sanft Einlass forderte und ihre Lippen spaltete, glaubte sie, vom Stuhl abzuheben. In ihrem Magen begann es erst nur leicht zu kribbeln, bevor eine Welle der Wärme durch ihren Körper schoss, als flösse prickelnder Sekt durch ihre Adern.
Seine Hände wanderten an ihren Rücken und zogen zärtliche Kreise auf ihrer Haut, während sie sich enger an ihn presste. Sie hatte viel zu lange auf die Nähe eines Mannes verzichtet, um sich ganz ihrer Karriere zu widmen – jetzt gab es keinen Raum mehr für Zweifel oder Zaudern.
Sie hatte nicht erwartet, die Liebe auf Atlantis zu finden. Und schon gar nicht hätte sie damit gerechnet, dass ausgerechnet Ronon Dex – der unnahbare Krieger – der Mann sein würde, der sie mit einer solchen Zärtlichkeit erfüllte. Ob es wirklich schon Liebe war, konnte sie noch nicht sagen. Aber alles in ihr verlangte nach mehr. Sie wollte ihn nicht loslassen, wollte diesen Kuss niemals beenden, der sie in einen regelrechten Rauschzustand versetzte. Dennoch löste sie sich nach einer gefühlten Ewigkeit schweren Herzens von ihm und sah ihn mit festem Blick an. Sie suchte in seinen Augen nach Antworten, was er als Nächstes erwartete. Sie wollte sich Zeit lassen, nichts überstürzen.
Ronon sah sie mit einem hungrigen, aber weichen Blick an. Er strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, die sich in der Hitze des Moments aus ihrem Haargummi gelöst hatte. „Was denkst du?“
„Ich werde das nicht lange geheim halten können“, flüsterte sie. „Man wird es mir ansehen. Ich kann so etwas nicht verstecken, darin bin ich einfach nicht gut.“
„Nur ein bisschen. Lass uns sehen, wie es sich entwickelt.“ Er beugte sich vor und gab ihr einen federleichten Kuss auf die Nasenspitze.
Ausgerechnet dieser Mann, von dem sie anfangs geglaubt hatte, er sei nur fürs Kämpfen geschaffen, sah sie nun mit einer solchen Hingabe an. Er küsste sie, streichelte sie, begehrte sie. Sie hätte nicht für möglich gehalten, wie viel Sanftmut in ihm steckte.
Sie lächelte matt und nickte. „Ich werde es versuchen.“
Er erwiderte das Lächeln und zog sie erneut in einen langen, innigen Kuss. Als er sich schließlich endgültig von ihr löste, stand er auf und drehte ihren Stuhl mit einer sanften Bewegung wieder in Richtung des Schreibtischs.
„Dann will ich dich jetzt nicht länger stören. Ich wollte das nur zwischen uns klären.“
Jennifer drehte den Kopf so weit wie möglich zurück und blickte zu ihm auf. Er drückte flüchtig ihre Schultern und hauchte ihr einen Abschiedskuss auf die Stirn. „Ich bin noch eine Weile wach.“
Mit diesen Worten ließ er sie in ihrem Büro allein und verschwand so lautlos, wie er gekommen war.
Für einen Moment starrte Jennifer einfach nur perplex auf den leeren Türrahmen. Dann breitete sich ein tief zufriedenes, breites Lächeln auf ihren Lippen aus. Sie drehte sich ganz zu ihrem Laptop um und tippte mit neuer Energie los, um so schnell wie möglich für heute fertig zu werden.
ENDE
Über ein kurzes Feedback oder eure Gedanken zu dieser kleinen Post-Episoden-Szene würde ich mich sehr freuen. Danke fürs Lesen!