Ich habe eine passende Playliste auf Spotify erstellt, die wie ein Soundtrack betrachtet werden kann.
Das Pentagon war ein Labyrinth aus endlosen, beigen Fluren, in denen der Geruch von gewachstem Parkett, abgestandenem Filterkaffee und bürokratischer Strenge schwebte. John Sheppard hatte sich noch nie an diesem Ort wohlgefühlt. Die Welt drinnen war ihm zu steril, zu kalkuliert. Hier wurden Schlachten auf Papier geschlagen, und Strategien wurden nach Budgetplänen bemessen – nicht nach dem Adrenalin, das einem durch die Adern schoss, wenn ein Wraith-Jäger am Himmel auftauchte.
Er zupfte unruhig an den Ärmeln seiner Ausgehuniform. Der Stoff war steif und ungemütlich, eine schneidende Erinnerung daran, dass er sich kilometerweit entfernt von seiner gewohnten Dienstkleidung befand.
John blieb vor einer schweren Eichentür stehen, an der ein schlichtes Messingschild angebracht war. Er holte einmal tief Luft, straffte die Schultern und klopfte.
„Herein“, ertönte eine vertraute, leicht gelangweilte Stimme von drinnen.
John drückte die Klinke nach unten und trat ein. Das Büro von Major General Jack O’Neill war geräumig, aber keineswegs prunkvoll. Der massive Schreibtisch war übersät mit Aktenbergen, Berichten und zwei leeren Kaffeetassen. Das Fenster bot einen Blick auf den Innenhof des Komplexes. O’Neill stand am Fenster, ein Glas Wasser in der Hand, und drehte sich langsam um, als John die Tür hinter sich schloss und militärisch präzise salutierte.
„Lassen Sie das, Sheppard“, winkte O’Neill ab und stellte das Glas auf den Tisch. „Wir sind hier unter uns, und ehrlich gesagt bekomme ich von den ganzen Ehrerbietungen in dieser Stadt langsam Kopfschmerzen.“
John ließ den Arm sinken und erlaubte sich ein schiefes Grinsen. „Wie Sie meinen, Sir.“
O’Neill musterte ihn einen Augenblick lang schweigend. Seine Blicke waren scharf, geschult durch Jahrzehnte im Dienst und unzählige Begegnungen mit Vorgesetzten, Alien-Bedrohungen und den Absurditäten des Stargate-Programms. Er ging um den Schreibtisch herum und griff nach einer kleinen, samtgefütterten Schatulle, die neben einer dicken Bordakten-Mappe lag.
„Sie wissen, wie das üblicherweise läuft“, begann O’Neill und trat auf John zu. „Aufstellung in Reih und Glied, eine Blaskapelle, die irgendeinen Marsch spielt, den niemand hören will, und irgendein Staatssekretär, der eine Rede hält, die drei Entwürfe gebraucht hat. Aber in Ihrem Fall … nun, die Dinge rund um Atlantis sind nach wie vor nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Und ehrlich gesagt ist mir eine kleine, schmerzlose Prozedur ohnehin lieber.“
O’Neill öffnete die Schatulle. Darin lagen zwei silberne Adler-Insignien. Das Abzeichen eines Full Colonel.
„Lieutenant Colonel John Sheppard“, sagte O’Neill, und seine Stimme nahm für einen kurzen Moment den feierlichen Ton an, den der Anlass verlangte. „Aufgrund Ihrer herausragenden Verdienste um die Verteidigung der Erde, Ihrer taktischen Führung in der Pegasus-Galaxie und Ihres unerschütterlichen Einsatzes für Ihre Mannschaft hat der Präsident der Vereinigten Staaten Ihre Beförderung zum Colonel genehmigt.“
Er nahm die Abzeichen heraus, trat dicht an John heran und löste die alten Eichenlaub-Stecker von Johns Schulterklappen. Mit geübten Fingern steckte er die neuen, silbernen Adler fest.
Als er fertig war, klopfte O’Neill John fest auf beide Schultern. Das Metall fühlte sich überraschend schwer an. Es war nicht nur das Gewicht des Materials, sondern die Verantwortung, die unweigerlich daran hing.
„Herzlichen Glückwunsch, Colonel“, sagte O’Neill und reichte ihm die Hand. Johns Griff war fest. „Sie haben es sich verdient, Sheppard. Auch wenn Sie immer noch aussehen wie jemand, der sich morgens die Haare mit einer Granate frisiert.“
John schmunzelte leise, während er an seiner Uniform nestelte. „Danke, General. Ich muss gestehen … es fühlt sich seltsam an.“
„Das tut es immer“, nickte O’Neill trocken. Er ging zurück zu seinem Schreibtisch und stützte sich mit beiden Händen darauf ab. Die leichtlebige Art wich einer ernsteren Miene. „Genießen Sie den Moment noch ein paar Sekunden, John. Denn ab jetzt wird es ungemütlich. Das IOA hat drüben im Raum 3B Aufstellung bezogen. Und glauben Sie mir, die Herrschaften brennen darauf, Ihnen den Tag zu ruinieren.“
John zog eine Braue hoch. „Das IOA? Ich dachte, die Entscheidungen bezüglich des weiteren Verbleibs der Stadt würden erst nächste Woche fallen.“
„Tja, Diplomaten und Politiker neigen dazu, ihre Meinungen zu ändern, wenn ihnen der Arsch auf Grundeis geht“, brummte O’Neill. „Die Präsenz von Atlantis in der Bucht von San Francisco schlägt höhere Wellen, als uns lieb ist. Gehen wir. Wir wollen die Herrschaften doch nicht warten lassen.“
~
Der Konferenzraum 3B war das genaue Gegenteil von O’Neills Büro. Er war hochmodern, schallgedämpft und von eisiger Kälte durchzogen. In der Mitte stand ein riesiger, hufeisenförmiger Tisch aus dunklem Holz, an dem die Vertreter des International Oversight Advisory Platz genommen hatten.
Richard Woolsey saß mittig, flankiert von den Vertretern der anderen Nationen: Mr. Chapman aus Großbritannien, Madame Dubois aus Frankreich und Dr. Shen aus China. An den Rändern saßen Protokollanten und militärische Berater. Die Atmosphäre im Raum war so angespannt, dass man sie mit einem Messer hätte schneiden können.
Als O’Neill und John den Raum betraten, erhoben sich die Anwesenden kurz. Woolsey deutete auf den freien Stuhl am Kopfende des Tisches, direkt gegenüber den Diplomaten.
„Bitte, nehmen Sie Platz, Colonel Sheppard. General O’Neill“, sagte Woolsey mit gewohnt gestochener Präzision.
John setzte sich. Seine Hände ruhten glatt auf den Armlehnen des Stuhls. Er spürte die Blicke aller Anwesenden auf sich ruhen.
„Zunächst einmal meinen Glückwunsch zu Ihrer Beförderung, Colonel“, begann Woolsey und faltete die Hände vor sich auf dem Tisch. „Ein wohlverdienter Schritt. Doch wie Sie sich denken können, haben wir Sie nicht nur aus Höflichkeit hierher gebeten.“
„Ich habe mir schon gedacht, dass es keinen Kuchen gibt“, erwiderte John trocken.
Madame Dubois lächelte knapp, ein frostiges Lächeln ohne jede Wärme. „Humor ist eine nette Eigenschaft, Colonel, aber die Lage ist ernst. Die Tarnung von Atlantis in den Gewässern vor San Francisco funktioniert zwar einwandfrei, aber wir bewegen uns auf dünnem Eis. Zivile Forschungsschiffe, kommerzielle Sonarsysteme und die zunehmende Auswertung von Satellitendaten machen es statistisch unmöglich, die Stadt noch länger als zwei Wochen unentdeckt zu halten. Ein einziges Leck würde eine globale Krise auslösen.“
„Darüber hinaus“, schaltete sich Dr. Shen ein, „erreichen uns besorgniserregende Berichte aus dem SGC und von unseren verbliebenen Fernaufklärern in Pegasus. Das Machtvakuum, das durch das Fehlen der Stadt und der Flotte entstanden ist, führt zu massiven Verwerfungen. Die Wraith schließen neue Allianzen, und kleinere, aggressive Gruppierungen versuchen, die verlassenen Territorien zu besetzen. Die Stabilität der gesamten Galaxie steht auf dem Spiel.“
Woolsey blickte John direkt in die Augen. „Aus diesem Grund hat das Ausschuss-Komitee heute Morgen einstimmig beschlossen: Atlantis wird so schnell wie logistisch möglich in die Pegasus-Galaxie zurückverlegt. Die Stadt kehrt auf ihren ursprünglichen Planeten, Lantea, zurück.“
Ein Stein fiel John vom Herzen. Die Vorstellung, auf Dauer auf der Erde festgehalten zu werden, eingepfercht in die Bürokratie der militärischen Stützpunkte, hatte ihm die letzten Wochen wie ein Albtraum zugesetzt. Pegasus war gefährlich, unberechenbar und voller Feinde – aber es war das Zuhause geworden, das er nie gesucht, aber gefunden hatte.
„Das sind gute Nachrichten“, sagte John und nickte langsam. „Wir können die Stadt innerhalb von 72 Stunden startklar machen. Die Energiesysteme sind stabilisiert, und Zelenkas Team hat die Subraum-Antriebe überprüft.“
„Nicht so schnell, Sheppard“, grätschte O’Neill von der Seite ein. Er lehnte an der Wand neben dem Projektor und verschränkte die Arme. „Es gibt noch ein klitzekleines Detail.“
Woolsey räusperte sich leicht und rückte seine Brille zurecht. „In der Tat. Die Rückkehr nach Pegasus birgt enorme Risiken. Wir wissen nicht, ob der Orbit von Lantea vermint ist oder ob die Wraith bereits auf dem Festland auf uns warten. Die zivile Führung der Expedition, wie wir sie unter Dr. Weir und später unter mir hatten, ist für die kritische Übergangsphase schlichtweg nicht ausgelegt.“
Madame Dubois beugte sich vor. „Wir brauchen in der ersten Phase eine lückenlose, militärische Kommandostruktur. Jemanden, der taktische Entscheidungen ohne die Verzögerungen durch zivile Beratungsgremien treffen kann. Jemanden, der die Galaxie, die Völker und die Gefahren besser kennt als jeder andere.“
John spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Ein ganz miese Vorahnung keimte in ihm auf. „Worauf wollen Sie hinaus?“
Woolsey sah ihn ernst an. „Colonel Sheppard, das IOA bietet Ihnen hiermit offiziell die Gesamtleitung der Atlantis-Expedition an. Sie würden fortan nicht nur das Militärkontingent kommandieren, sondern die gesamte Stadt. Die Wissenschaftler, die Zivilisten, die diplomatischen Beziehungen. Sie wären der höchste Repräsentant der Erde in der Pegasus-Galaxie.“
Im Konferenzraum herrschte absolute Stille. Das Surren der Klimaanlage schien plötzlich dröhnend laut zu werden.
John starrte Woolsey an. Die Worte hingen in der Luft wie ein schwerer Nebel. Die Expedition leiten? Er? Er dachte an Elizabeth Weir. An ihr Verhandlungsgeschick, ihre Geduld mit den Vertretern verschiedener Welten, ihre Fähigkeit, stundenlang Berichte zu lesen und Kompromisse zu schließen. Er dachte an Woolseys akribische Regelkonformität.
Und dann dachte er an sich selbst. An das Gefühl, einen Puddle Jumper durch ein aktives Stargate zu manövrieren. An das Adrenalin bei einem Off-World-Einsatz. An das Schießen, das Taktieren im Feld, das Retten seiner Leute aus aussichtslosen Situationen.
Wenn er diesen Posten annahm, bedeutete das das Ende seiner Zeit als Feldkommandant. Er würde hinter einem massiven Schreibtisch im Kontrollraum sitzen. Er würde Budgets verwalten, Beschwerden von Wissenschaftlern bearbeiten und langatmige Berichte an genau die Leute tippen, die ihm gerade gegenüber saßen. Er wäre gefangen in einer bürokratischen Festung – mitten im Weltall.
„Das … ist ein unerwartetes Angebot“, sagte John schließlich. Seine Stimme klang ruhiger, als er sich fühlte.
„Es ist kein Angebot, das wir leichtfertig machen, Colonel“, betonte Dr. Shen. „Es ist die effizienteste Lösung für die Sicherheit des Projekts.“
„Mit all dem Respekt, Dr. Shen“, entgegnete John und sah die Delegierten nacheinander an, „ich bin Soldat. Ein Kampfpilot. Ich habe meine Karriere darauf aufgebaut, Befehle im Feld auszuführen und meine Männer da draußen lebend rauszuholen. Ich bin kein Diplomat. Ich bin kein Politiker.“
„Sie haben in den letzten fünf Jahren bewiesen, dass Sie mehr als nur ein Soldat sind, John“, wandte Woolsey sanft ein. „Sie haben Bündnisse mit den Genii verhandelt, Sie haben das Vertrauen der Athosianer gewonnen, und Sie haben die Stadt mehr als einmal vor der Vernichtung bewahrt.“
„Das habe ich getan, weil ich ein Team hinter mir hatte!“, konterte John, und seine Stimme bekam einen härteren Klang. „Und weil ich im Feld war. Nicht hinter einem Schreibtisch.“
O’Neill stieß sich von der Wand ab und trat zwei Schritte näher an den Tisch. „Das IOA hat gesprochen, Sheppard. Aber niemand zwingt Sie, diesen Posten sofort anzunehmen.“ Er blickte zu Woolsey. „Geben wir dem Colonel Bedenkzeit. Er ist gerade erst befördert worden. Lassen Sie ihn das Ganze verdauen.“
Woolsey zögerte einen Moment, nickte dann aber zustimmend. „Einverstanden. Wir erwarten Ihre finale Rückmeldung morgen früh um genau 08:00 Uhr. Sollten Sie ablehnen, werde ich das Kommando über die zivile Verwaltung vorerst behalten, während Sie das rein militärische Kommando führen. Aber bedenken Sie: Die Lage in Pegasus erfordert harte, schnelle Entscheidungen.“
„Ich verstehe“, sagte John kurz angebunden. Er stand auf, straffte sich und salutierte knapp in Richtung O’Neill und der Delegierten. „Meine Herrschaften.“
Er drehte sich um und verließ den Konferenzraum mit zügigen Schritten. Die kühle Luft des Flurs schlug ihm entgegen, doch in seinem Kopf brodelte es. Die silbernen Adler auf seiner Schulter brannten sich förmlich in seine Haut ein. Er brauchte dringend Abstand von diesem Gebäude, von dieser Stadt – und vor allem brauchte er Zeit zum Nachdenken.