Das vertraute, rhythmische Summen des Stargates beim Deaktivieren verstarb, und für einen Moment war da nur das Rauschen des Pegasus-Ozeans. Als Rodney direkt aus dem schimmernden Ereignishorizont auf den glatten, dunklen Boden des Gateraums trat, die Reisetasche schwer über der Schulter, suchten seine Augen automatisch und gegen jede logische Vernunft die Plattform des Kontrollraums ab. Er hatte sich auf dem gesamten Rückflug von Vancouver nach Colorado Springs eingeredet, dass er froh um die Distanz war, doch als er am oberen Ende der Treppe nur das freundliche, aber geschäftsmäßige Lächeln von Sam Carter sah, versetzte es ihm einen unerwartet heftigen Stich.
John war nicht da. Natürlich war er das nicht; es gab keinen militärischen Grund, warum der Colonel mitten in der Nacht im Gateraum auf die Rückkehr seines Chefwissenschaftlers warten sollte. Und doch fühlte sich die vertraute Kulisse durch seine gut versteckte Enttäuschung seltsam verändert an. Die Stadt der Antiker war wunderschön, majestätisch – und in dieser Nacht wirkte sie auf ihn unendlich einsam.
„Willkommen zurück, Rodney“, sagte Sam, als er die Stufen zum Kontrollraum erreichte. Ihr Lächeln war warm, aber die Müdigkeit einer langen Schicht stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Wie geht es Jeannie?“
„Sie ist gesund. Vollkommen gesund“, erwiderte Rodney. Seine Stimme klang mechanisch, fast ein bisschen zu hastig, während er die Tasche auf seiner Schulter zurechtrückte. „Die Nanobots sind absolut inaktiv. Ich habe ihr... ich habe ihnen einen Prius gekauft. Einen Hybrid. Lange Geschichte. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Colonel, würde ich den offiziellen Missionsbericht gerne auf morgen verschieben. Mein Gehirn streikt nach den letzten Tagen.“
„Natürlich, gehen Sie ruhig schlafen“, nickte Sam verständnisvoll. „Wir sehen uns morgen im Briefing.“
„Morgen. Richtig. Danke.“ Rodney wartete die Antwort kaum ab. Er drehte sich um und ging mit schnellen, fast gehetzten Schritten davon.
Doch seine Füße trugen ihn in dieser späten Stunde nicht zu seinem eigenen Quartier. Es drängte ihn zu Johns privatem Quartier. Jeannies Worte brannten wie Feuer in seinem Kopf, und Rodney spürte eine fast panische Eile. Wenn er jetzt in sein eigenes Bett ging, wenn er anfing, die Dinge wieder zu analysieren, zu sezieren und in logische Schubladen zu stecken, dann würde ihn bis zum Morgen der Mut verlassen. Er musste es jetzt tun.
Die Tür glitt mit einem leisen Zischen auf, als er davorstand.
John lag auf dem Rücken auf seinem Bett, die Beine übereinandergeschlagen, noch in voller Montur, bis auf die schweren Einsatzstiefel. Er hielt ein Automagazin in den Händen, doch als Rodney eintrat, wurde sofort klar, dass John nicht eine einzige Zeile gelesen hatte. Seine Augen fixierten die Decke mit einer Starrheit, die Rodney nur allzu gut kannte. Es war der Blick eines Mannes, der gedanklich noch immer nicht in der Sicherheit von Atlantis angekommen war, sondern weit entfernt in einem schäbigen Büro auf der Erde saß.
„Hey“, sagte John leise. Er setzte sich nicht auf, drehte nur den Kopf in Rodneys Richtung. Seine Stimme klang rauer als sonst, belegt von zu vielen Tassen schlechtem Kaffee und zu wenig Schlaf.
„Hey“, erwiderte Rodney. Er blieb unsicher in der Nähe der Tür stehen, die Hände tief in den Taschen seiner Feldjacke vergraben. Er fühlte sich ertappt, nackt unter Johns intensivem Blick, als könnte der Colonel die Worte, die Jeannie ihm im Krankenhaus ins Gewissen geredet hatte, direkt von seiner Stirn ablesen. Er steuerte auf den einzigen freien Stuhl im Raum zu und ließ sich fast mechanisch hineinfallen. „Ich bin zurück. Die Familie... lässt grüßen.“
John schloss das Magazin mit einem leisen Klatschen und legte es auf den Nachttisch. Ein schwaches, fast gequältes Lächeln stahl sich auf seine Lippen, erreichte aber seine Augen nicht. „Und? Wie war's? Hast du ihnen ein Auto gekauft?“
„Einen Prius“, murmelte Rodney und blickte zu Boden. Er hatte den Prius für Jeannie und Kaleb tatsächlich gekauft. Die Quittung steckte noch in seiner Jackentasche, ein teures, greifbares Zeugnis seiner Schuldgefühle. „Einen Hybrid. Sie hat darauf bestanden.“
„Schuldgefühle“, sagte John. Es war keine Frage. Es war eine Feststellung. Seine Stimme war leise, fast sanft, aber das Wort hing schwer wie Blei im Raum.
„Ja“, gab Rodney zu, und zum ersten Mal hob er den Blick, um John direkt anzusehen. „Ein riesiger Haufen Schuldgefühle. Aber sie lebt, John. Sie ist gesund. Die Nanobots sind inaktiv.“ Er schluckte trocken, die Erinnerung an das Erden-Labor drängte sich unbarmherzig dazwischen. „Hör zu... ich kann immer noch nicht ganz glauben, was du getan hast.“
Es war das erste Mal, dass Rodney es offen ansprach. Das schmutzige Geheimnis, das sie von der Erde mitgebracht hatten.
Johns Miene verhärtete sich augenblicklich. Das schwache Lächeln erlosch, und ein dunkler, gehetzter Ausdruck legte sich über seine Züge. Er setzte sich langsam auf, stützte die Ellbogen auf die Knie und starrte ins Leere. „Ich will nicht darüber reden, Rodney.“
„Du hast Wallace dazu gebracht, sich selbst zu opfern, John“, bohrte Rodney leise weiter, unfähig, es auf sich beruhen zu lassen. Er musste wissen, was in diesem Raum vorgegangen war, während er ausgesperrt gewesen war. Er musste verstehen, wie weit John für ihn gegangen war. „Wie hast du...“
„Ich habe gar nichts getan!“, fiel John ihm ins Wort. Seine Stimme war nicht laut, aber sie besaß eine scharfe, schneidende Intensität, die Rodney augenblicklich verstummen ließ. John hob den Kopf. Um seine Augen lagen Schatten, gezeichnet von einer moralischen Last, die er ganz allein trug. Er atmete tief durch, versuchte, die gewohnte, kühle Maske des Soldaten hochzuziehen. „Ich habe ihm lediglich die Situation dargestellt. Er wollte es tun. Er wollte alles wieder gut machen.“
Er wollte es tun. Rodney starrte den Colonel an und sah die nackte Lüge in dessen Augen. John hatte Wallace nicht einfach nur „die Situation dargestellt“. John hatte eine eiskalte, kompromisslose Entscheidung getroffen. Er hatte Wallace dem Wraith zum Fraß vorgeworfen, um die Codierung zu erzwingen – um Jeannie zu retten, ja. Aber vor allem, um zu verhindern, dass Rodney in diesen Keller zurückkehrte. John hatte seine eigene moralische Integrität geopfert, um Rodneys Leben zu erkaufen.
Die Schwere dieser Erkenntnis raubte Rodney fast den Atem. Das war kein Verhalten eines Colonels, der seinen Chefwissenschaftler schützte. Das war das Handeln eines Mannes, der vor der absoluten Katastrophe stand, den wichtigsten Menschen in seinem Leben zu verlieren. Jeannies Worte hallten mit ohrenbetäubender Lautstärke in seinem Kopf wider: „Ein Mann, der so reagiert... der tut das aus einem ganz anderen Grund.“
Rodney spürte, wie die Panik in ihm aufstieg – die Panik vor der monumentalen Wahrheit, die zwischen ihnen stand, und die absolute Unfähigkeit, sie jetzt, in diesem Moment, auszusprechen. Er war ein Mann der Wissenschaft, der Logik; mit so viel roher, destruktiver Emotionalität konnte er nicht umgehen. Also tat er das, was sie immer taten. Er flüchtete sich in die vertraute Oberfläche.
„Ich hab lediglich …“, begann John, nach kurzem Zögern und suchte nach den richtigen Worten.
„... die Situation dargestellt“, wiederholte Rodney leise. Er strich sich mit einer nervösen, fahrigen Geste über die Hose, dankbar für die goldene Brücke, die John ihm baute. Es war ihre stillschweigende Vereinbarung, das Unaussprechliche einfach totzuschweigen und so zu tun, als gäbe es den Abgrund zwischen ihnen gar nicht.
John sah ihn an, und für einen kurzen Sekundenbruchteil flackerte Erleichterung in seinem Blick auf, gemischt mit einer unendlichen, tiefen Müdigkeit. „Ja“, flüsterte er.
„Danke“, sagte Rodney ehrlich.
Ein schweres Schweigen breitete sich im Quartier aus. Die Luft war dick von allem, was ungesagt blieb. Rodney hielt es nicht mehr aus. Er musste sich bewegen, musste das Thema wechseln, bevor er unter dem Gewicht von Johns gequältem Blick zusammenbrach. Er stand abrupt auf, strich seine Jacke glatt und deutete vage in Richtung der Tür.
„Wollen wir... was essen gehen?“, fragte er, und seine Stimme bemühte sich um einen alltäglichen, fast munteren Tonfall. „Ich verhungere mitsamt meinen verbliebenen Gehirnzellen, und das Kantinenessen auf der Erde war eine absolute Beleidigung für jeden zivilisierten Gaumen.“
John starrte ihn einen Moment an, als müsste er den abrupten Wechsel erst verarbeiten, dann entspannten sich seine Schultern ein wenig. Er stand ebenfalls auf, fuhr sich mit einer Hand durch die ohnehin wild abstehenden Haare und schaffte es, ein echtes, wenn auch müdes Grinsen aufzubringen. „Sicher. Warum nicht.“
Gemeinsam verließen sie das Quartier und machten sich auf den Weg durch die langen, von warmem Antiker-Licht erfüllten Korridore Richtung Kantine. Es war tief in der Nacht, die Gänge waren menschenleer, und das gleichmäßige Klacken ihrer Schritte bildete den Takt für ihr gewohntes, rituelles Geplänkel – die Schutzmauer, die sie so sorgfältig zwischen sich und dem Abgrund hochgezogen hatten.
„Sag mal, Sheppard“, fing Rodney an, die Hände lässig in den Taschen, während er die Schultern straffte. „Du und ich... wir sind doch rein optisch ungefähr auf demselben Level, oder? Also, was das Aussehen angeht. Ziemlich ebenbürtig.“
John hielt mitten im Schritt inne und sah Rodney von der Seite an, die Augenbrauen amüsiert hochgezogen. „Wer hat hat dich angelogen?“
„Nein, ich meine das vollkommen ernst!“, protestierte Rodney sofort, die Stimme eine Nuance höher, genau so, wie es von ihm erwartet wurde. Er dachte an Jeannies spöttisches Lachen im Keller des Erden-Labors („Physikalisch bist du nun mal kein John Sheppard“), und ein schmerzhafter Stich traf seine Brust. Er wollte es von John hören. Er musste diese Grenze austesten. „Wir bewegen uns auf einer ästhetischen Augenhöhe.“
John schüttelte nur den Kopf, ein echtes, leises Lachen entwich ihm, das die Düsterkeit der letzten Stunden zumindest oberflächlich vertrieb. „Ich meine das auch ernst, Rodney. Wer verdammt noch mal hat dich so schamlos angelogen?“
Sie setzten ihren Weg fort, warfen sich gegenseitig die gewohnten, spitzfindigen Bemerkungen an den Kopf und taten so, als wäre die Welt in bester Ordnung. Sie holten sich ihr Essen, setzten sich an einen einsamen Tisch in der riesigen, dunklen Kantine und spielten ihre Rollen perfekt.
Doch als sie sich Stunden später trennten und Rodney in sein eigenes, kaltes Quartier zurückkehrte, merkte er, dass die Illusion nicht hielt. Das Gekabbel hatte die Geister nicht vertrieben. Johns gequälte, brennende Augen, die Lüge über Wallace, das Wissen um das Beinahe-Opfer – all das saß mit ihm im Raum. Und als er sich schließlich schlaflos im Bett hin und her wälzte, die Stirn voller Schweiß, wurde ihm klar, dass diese Nacht noch lange nicht vorbei war.
Er konnte nicht hierbleiben. Er musste ins Labor. Er musste an den Ort, an dem er zumindest so tun konnte, als hätte er die Kontrolle über sein Leben.