„Nein“, sagte Rodney McKay, während er die Arme vor der Brust verschränkte und Samantha Carter mit seinem besten Ich-bin-unersetzlich-Blick fixierte. „Absolut ausgeschlossen. Auf gar keinen Fall. Haben Sie überhaupt eine Vorstellung davon, was auf meinem Schreibtisch liegt? Die Subraum-Telemetrie-Daten der letzten drei Erkundungsflüge sind noch nicht einmal ansatzweise katalogisiert. Ganz zu schweigen von Radeks absurden Versuchen, die Energiefluktuationen in den Jumper-Buchten zu kalibrieren. Wenn ich die Stadt jetzt verlasse, brennt uns der Laden innerhalb von achtundvierzig Stunden ab. Spätestens.“
Sam Carter seufzte leise, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und blickte von Rodney zu John Sheppard, der mit einer bemerkenswerten Nonchalance auf dem Stuhl neben dem Astrophysiker lümmelte. John balancierte ein unbeschriftetes Datenpad auf seinen Knien und starrte fasziniert an die Decke von Elizabeth Weirs altem Büro – oder vielmehr Carters neuem Büro.
„Colonel?“, wandte Carter sich an John, wobei sie die Augenbrauen leicht hob. „Haben Sie McKay zu diesem flammenden Plädoyer gegen die geistige Gesundheit ermutigt?“
John ließ das Datenpad flach auf seinen Oberschenkel sinken und setzte sein unschuldigstes Piloten-Lächeln auf. „Ich? Niemals, Ma’am. Rodney kam ganz von allein zu der Erkenntnis, dass das Universum ohne ihn implodiert. Aber… um ehrlich zu sein, hat er nicht ganz unrecht. Meine Männer sind gerade erst von einer dreitägigen Aufklärungsmission in Sektor 4 zurückgekommen. Die Berichte müssen geschrieben werden, die Patrouillenpläne für den nächsten Monat stehen an, und das Taktik-Training mit den Neuzugängen von der Erde läuft auch nicht von selbst.“
Carter blickte auf den Bildschirm ihres Laptops. Sie war erst seit kurzer Zeit auf Atlantis, aber sie hatte sich fest vorgenommen, einige Dinge anders anzugehen. Die Pegasus-Galaxie war gnadenlos, das wusste sie selbst nur zu gut. Aber sie hatte auch die Akten gelesen. Sie wusste, was dieses Team im vergangenen Jahr durchgemacht hatte.
„John, Rodney“, sagte Carter, und ihre Stimme verlor den offiziellen Tonfall, wurde weicher, getragen von einer tiefen, ehrlichen Empathie. „Ich habe mir die Logbücher der Expedition angesehen. Seit über vierzehn Monaten hat keiner von Ihnen beiden auch nur einen einzigen Tag Urlaub eingetragen.“
„Urlaub?“, wiederholte Rodney, als hätte sie gerade vorgeschlagen, die Wraith zu einer Teeparty einzuladen. „Wir sind in einer anderen Galaxie, Sam! Hier gibt es keinen Urlaub. Hier gibt es nur Überleben und… und gelegentliches Nicht-Sterben!“
„Genau das ist das Problem“, konterte Carter ruhig. Sie faltete die Hände auf dem Schreibtisch. „Diese Expedition hat in den letzten Monaten unerträgliche Verluste erlitten. Sie haben Dr. Beckett verloren und Sie haben Dr. Weir verloren.“ Bei der Erwähnung der beiden Namen ging ein kaum merkliches Zucken durch die beiden Männer. Johns Kiefermuskeln spannten sich an, und Rodney blickte für den Bruchteil einer Sekunde zu Boden. Carter spürte den Schmerz, der immer noch tief in diesem Team saß, und es bestärkte sie nur in ihrem Entschluss. „Ich habe nicht vor, auch noch meinen militärischen Kommandanten und meinen leitenden Wissenschaftler an einen Burnout zu verlieren. Sie beide reisen nach Hause zurück. Auf die Erde. Für exakt zwei Wochen.“
„Aber—“, setzte Rodney an.
„Das ist ein Befehl, Dr. McKay“, unterbrach Carter ihn mit einem warmen, aber absolut unnachgiebigen Lächeln. „Das Gate zur Erde wird in genau einer Stunde für eine routinemäßige Datenübertragung angewählt. Ihre Taschen sind hoffentlich schon gepackt. Wenn nicht, haben Sie jetzt noch sechzig Minuten Zeit.“
John sah Rodney an, der aussah, als hätte man ihm gerade sein Lieblingsspielzeug weggenommen, und stieß ein langes Seufzen aus. Er erhob sich aus dem Stuhl und klopfte dem Wissenschaftler auf die Schulter. „Komm schon, Rodney. Gegen Carter kommen wir nicht an. Wenn sie sagt, wir haben Urlaub, dann machen wir Urlaub.“
Eine Stunde später war das vertraute, gewaltige Rauschen des Stargates im Gateraum von Atlantis zu hören, gefolgt von dem strahlenden, bläulichen Ereignishorizont. Mit ihren Seesäcken über den Schultern traten John und Rodney durch das Tor – und Sekunden später spürten sie bereits die kühlere, künstlich klimatisierte Luft des Cheyenne Mountain Complex auf der Erde.
Nachdem sie die obligatorische medizinische Nachuntersuchung im Stargate-Center hinter sich gebracht und ihre Entlassungspapiere für die kommenden vierzehn Tage unterschrieben hatten, standen sie schließlich im geschäftigen Hauptkorridor des SGC. Soldaten und Wissenschaftler eilten an ihnen vorbei, und zum ersten Mal seit über einem Jahr gab es für die beiden absolut nichts zu tun. Keine Mission, kein Alarm, kein drohender Weltuntergang.
John warf seinen Seesack mit einer fließenden Bewegung über die Schulter und sah Rodney von der Seite an. Der Astrophysiker stand etwas verloren neben einem Kaffeeautomaten und starrte mit finsterer Miene auf den Boden.
„So“, sagte John locker. „Das wäre also geschafft. Sicher auf der Erde gelandet. Was sind deine Pläne für die nächsten zwei Wochen, Rodney? Fliegst du nach Vancouver?“
Rodney schnaubte verächtlich und warf die Hände in die Luft. „Oh, großartig. Vancouver. Zu Jeannie und Kaleb. Weißt du, was Kaleb kocht, John? Vegan. Alles ist aus Grünkohl, Soja oder irgendeinem unidentifizierbaren Getreide, das schmeckt wie getrocknete Pappe. Madison wird mich wieder den ganzen Tag mit ihren Mathe-Hausaufgaben belästigen, die für eine Achtjährige zwar beeindruckend, für mein Niveau aber reine Folter sind. Und Jeannie wird mich ununterbrochen fragen, warum ich so gestresst aussehe.“ Er schüttelte den Kopf. „Vielleicht bleibe ich einfach in meinem alten Apartment in Colorado Springs. Ich habe da noch eine Doktorarbeit auf einem Flash-Drive, die ich vor ein paar Jahren angefangen habe. Über die Quanten-Fluktuationen in künstlichen Singularitäten. Ich könnte die Einleitung umschreiben, die Berechnungen überprüfen und— „
„Rodney“, unterbrach John ihn fassungslos und trat einen Schritt näher. „Hör dir mal selbst zu. Du willst deinen ersten Urlaub seit über einem Jahr damit verbringen, an einer Doktorarbeit zu schreiben? Du hast schon zwei Doktortitel!“
„Drei, wenn man den Ehrendoktor der— „
„Das ist kein Urlaub, Rodney!“, rief John aus, wobei er halb amüsiert, halb besorgt den Kopf schüttelte. „Urlaub bedeutet Entspannung. Nichts tun. Die Füße hochlegen.“
Rodney sah ihn an, und für einen kurzen Moment blitzte etwas seltsam Ehrliches und fast schon Verletzliches in seinen blauen Augen auf. Er ließ die Schultern sinken. „Ich weiß nicht, wie das geht, John“, gab er leise zu. „Ich habe… ich habe noch nie in meinem Leben wirklich Urlaub gemacht. Entweder habe ich gearbeitet, geforscht, oder ich war in Area 51 eingesperrt. Wenn ich nichts zu tun habe, fängt mein Gehirn an, sich selbst zu zerfleischen.“
John starrte ihn an. Er wusste, dass Rodney ein Workaholic war – das war auf Atlantis ihr tägliches Brot –, aber die Vorstellung, dass dieser geniale, anstrengende, faszinierende Mann noch nie im Leben einfach nur die Seele hatte baumeln lassen, traf John völlig unvorbereitet. In Johns Kopf, der in einer Welt von Privatschulen, Country Clubs und Yachten aufgewachsen war, war Urlaub so selbstverständlich wie das Atmen gewesen. Zugegeben, er hatte sich von dem Vermögen seines Vaters losgesagt, aber die Konten, die ihm zustanden, existierten immer noch. Und sie waren mehr als prall gefüllt.
Ein plötzlicher Funke blitzte in Johns Augen auf. Ein breites, fast schon lausbubenhaftes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Weißt du was, McKay?“, sagte John, packte Rodney fest am Oberarm und wirbelte ihn in Richtung des Ausgangs herum. „Das ist eine inakzeptable Bildungslücke. Und ich werde sie höchstpersönlich schließen.“
„Was? Wie? Wohin gehen wir?“, stammelte Rodney, der völlig überrumpelt stolperte, um mit Johns langen Schritten mitzuhalten.
„Wir fliegen weg, Rodney. Pack deine Badesachen ein – oder besser gesagt, pack gar nichts ein, wir kaufen alles neu. Ich spendiere uns einen Luxusurlaub. Und ich kenne zufällig den absolut perfekten Ort dafür.“
„John, ich fliege nirgendwohin, wo es Malaria oder unhygienisches Leitungswasser gibt!“, rief Rodney panisch, während sie auf den Aufzug zusteuerten.
John lachte laut auf, ein befreites, echtes Lachen, das Rodney schon lange nicht mehr von ihm gehört hatte. „Keine Sorge, McKay. Keine Malaria. Nur Strand, Sonne und der beste Wellengang der Welt. Wir fliegen nach Hawaii.“