Stargate Fanfic

Dein Stargate FanFiction Archiv!

Phasen der Trauer

von Emony

Verleugnung

Die Stille auf Atlantis hatte normalerweise einen bestimmten Rhythmus. Es war das leise, beinahe unmerkliche Summen der Energieleitungen in den Wänden, das rhythmische Rauschen des Ozeans tief unter den Piers und das ferne Echo von Schritten auf den Balkonen.

Seit drei Tagen aber war die Stille anders. Sie war schwer, zäh und roch nach Desinfektionsmittel und verbranntem Metall.

Rodney McKay starrte auf seinen Monitor. Seine Finger schwebten über der Tastatur, rührten sich jedoch nicht. Auf dem Bildschirm liefen die Diagnoseprotokolle der sekundären Energiesysteme von Sektor 4 – eine völlig banale, routinemäßige Arbeit, die auch jeder Junior-Wissenschaftler im ersten Jahr hätte erledigen können. Aber Rodney hatte sich seit achtundvierzig Stunden in seinem Labor verbarrikadiert und niemanden hereingelassen. Nicht Zelenka, nicht Dr. Weir und erst recht nicht die neue Ärztin.

Er hatte die Tür verriegelt. Wenn er niemanden sah, musste er nicht mit ihnen reden. Wenn er nicht mit ihnen redete, musste er keine mitleidigen Blicke ertragen. Und wenn er die Krankenstation mied, gab es dort auch keinen leeren Stuhl, kein verwaistes Büro und keine schottische Flagge, die ordentlich zusammengelegt auf einem Schreibtisch wartete.

Es ist nur ein mathematisches Problem, redete er sich ein, während seine Augen brannten. Ein logischer Ablauf von Ereignissen. Ein Unfall. Er zwang seine Finger, eine Zeile Code einzutippen. Sie tippten das falsche Kommando. Er löschte es wieder.

„Verdammt“, flüsterte er in das leere Labor. Seine eigene Stimme klang ihm fremd in den Ohren. Zu dünn. Zu brüchig.

Er griff nach seinem Kaffeebecher, stellte fest, dass er bis auf den Boden eingetrocknet war, und ließ die Hand wieder sinken. Er würde nicht in die Kantine gehen. Dort saßen die Leute. Sie flüsterten. Sie saßen an den Tischen und ließen instinktiv einen Platz frei, als könnte der Geist von Carson Beckett sich jeden Moment mit einem Tablett voller ungesundem Essen zu ihnen gesellen und sich über den Mangel an gutem Tee beschweren.

Rodney schloss die Augen. Nicht daran denken.

***

Am anderen Ende der Stadt, auf dem östlichen Pier, stand Lieutenant Colonel John Sheppard und starrte auf das dunkle Wasser. Die Nacht war kalt, der Wind peitschte ihm die Haare ins Gesicht, aber er spürte es kaum. Er trug seine volle Uniform, die Knöpfe vorschriftsmäßig geschlossen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Die Haltung eines Mannes, der alles unter Kontrolle hatte.

Er hatte in den letzten drei Tagen mehr Flugstunden im Jumper absolviert als im gesamten Monat zuvor. Er hatte Patrouillen geflogen, Berichte geschrieben, die Dienstpläne der Marines neu strukturiert und jede einzelne Akte mit einer Akribie geprüft, die seinen Untergebenen Angst machte. Wenn er flog, gab es nur ihn, die Trägheitsdämpfer und den endlosen Himmel von Lantea. Am Himmel gab es keine Explosionen. Am Himmel gab es keine Ärzte, die zu spät kamen.

John schluckte den bitteren Geschmack in seinem Mund hinunter. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er das grelle Licht. Er spürte die Erschütterung, die durch die Gänge von Atlantis gegangen war, als die Antiker-Bombe detoniert war.

Und dann sah er Aiden Ford.

Das Gesicht des jungen Lieutenants schob sich vor das von Carson. Die Erinnerungen vermischten sich zu einem einzigen, quälenden Knoten in seiner Brust. Er hatte Ford auf diesem gottverlassenen Planeten zurücklassen müssen, hatte zusehen müssen, wie das Enzym aus dem loyalen Soldaten ein Wrack machte, das er nicht mehr erreichen konnte. Er hatte versagt, Ford zu retten. Und jetzt war Carson tot. In Stücke gerissen, weil John die Sicherheitszonen nicht schnell genug abgeriegelt hatte. Weil er der Kommandant war und seine Leute verdammt noch mal nicht beschützen konnte.

John ballte die Hände in den Taschen zu Fäusten, bis die Knöchel weiß wurden. Du bist der Colonel. Funktioniere einfach.

Es war weit nach Mitternacht, als Johns Füße ihn wie von selbst durch die Korridore führten. Er wollte nicht in sein Quartier. Das Bett war zu groß, die Stille dort zu laut. Stattdessen ertappte er sich dabei, wie er vor dem Labor des leitenden Wissenschaftlers stehen blieb.

Durch den schmalen Glasspalt der Tür brannte noch Licht.

John drückte auf den Türöffner, doch das Summen blieb aus. Abgeriegelt. Typisch McKay. Er seufzte leise und tippte seinen Autorisierungscode in das Panel. Als Lieutenant Colonel konnte er jede Tür der Stadt umgehen – ein Privileg, das Rodney in normalen Zeiten lautstark als Verletzung seiner Privatsphäre verurteilt hätte.

Die Tür glitt beiseite. Das Labor war im Chaos versunken. Überall lagen Datenpads, halb leere Kaffeetassen und wild beschriebene Notizzettel. Mitten in diesem Trümmerfeld aus Technologie saß Rodney, den Kopf auf die verschränkten Arme auf dem Schreibtisch gebettet, das Gesicht vom Blaulicht des Monitors beschienen.

Er schlief nicht. Er starrte einfach nur starr auf die Tischplatte.

„McKay“, sagte John leise. Er hielt absichtlich Distanz, blieb an der Schwelle stehen. Seine Stimme war die des Colonels – ruhig, kontrolliert, professionell. „Die Kantine vermisst ihren anstrengendsten Gast. Du hast seit gestern keine Ration mehr abgeholt.“

Rodney rührte sich erst nicht. Dann hob er langsam den Kopf, ohne John direkt anzusehen. Seine Augen waren gerötet, seine Schultern sackten nach unten. „Ich habe zu tun, Sheppard. Die Diagnostik von Sektor 4 läuft nicht von alleine. Wenn wir einen Energieabfall im Schildsystem haben, während die Wraith...“

„Sektor 4 ist stabil, Rodney. Zelenka hat mir die Berichte vor sechs Stunden gegeben.“ Johns Stimme war nicht streng, aber unnachgiebig. Er trat einen Schritt näher. „Du vergräbst dich.“

„Ich vergrabe mich nicht!“, begehrte Rodney auf, und für einen kurzen Moment blitzte die alte, schrille Energie in ihm auf, ehe sie sofort wieder in sich zusammenbrach. Er wandte den Blick ab und starrte auf eine verstaubte, ungeöffnete Kiste in der Ecke des Raums. „Ich arbeite. Irgendjemand muss es ja tun. Wir können nicht alle... wir können nicht einfach rumsitzen.“

John folgte seinem Blick zu der Kiste. Es war medizinisches Equipment, das Carson vor einer Woche für Rodney angefordert hatte – ein tragbarer Bioscanner, den Rodney eigentlich modifizieren sollte, damit Carson bei Außenmissionen schneller die Lebenszeichen analysieren konnte. Die Kiste war ungeöffnet. Sie stand da wie ein Mahnmal.

Die Stille kehrte zurück, aber sie war nicht mehr so leer wie zuvor. Sie war geteilt.

John trat ganz an den Schreibtisch heran. Er sagte nichts. Er bot keine tröstenden Worte an, weil er selbst keine hatte. Stattdessen zog er eine kleine, unauffällige Flasche aus seiner Jackentasche – den guten irischen Whiskey, den er aus seinen privaten Vorräten von der Erde gerettet hatte – und stellte sie geräuschlos neben Rodneys leere Kaffeetasse.

Rodney sah auf die Flasche. Dann sah er auf Johns Hand, die noch einen Moment lang auf dem Holz des Schreibtischs verweilte, nur Zentimeter von seiner eigenen entfernt.

„Er hat Whiskey gehasst“, flüsterte Rodney plötzlich, und seine Stimme war kaum mehr als ein raues Krächzen. „Er hat immer gesagt, das Zeug schmeckt wie Torf und Moorwasser. Er wollte immer seinen schottischen Single Malt.“

John spürte einen schmerzhaften Stich in der Brust, aber er hielt der Erwähnung des Namens stand. Er zog die Hand nicht zurück. „Ich weiß“, sagte er leise. „Aber das hier ist alles, was wir haben.“

Rodney nickte langsam, die Augen fest auf die Flasche gerichtet, als wäre sie der einzige Fixpunkt in einem Universum, das komplett aus den Fugen geraten war. Er griff nicht danach. Er bewegte sich überhaupt nicht. Aber er schloss die Tür nicht wieder, als John sich schweigend auf den Stuhl daneben setzte und einfach nur mit ihm in der Dunkelheit wartete.


Rezensionen