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Zwischen Träumen und Wachen

von Ziyal

Kapitel 1

„Ich hatte einen sehr merkwürdigen Traum.“

„Sind Sie sicher, dass alles okay ist?“

Ronon sah Dr. Keller zwar an, aber nahm sie kaum wahr. Sein Herz raste ebenso wie seine Gedanken und sein Körper vibrierte förmlich vom freigesetzten Adrenalin.

„Sicher. Machen Sie ruhig weiter“, sagte er, aber ob es wirklich stimmte, vermochte er nicht zu sagen.

„Ich bin gleich fertig“, antwortete Dr. Keller und Ronon legte sich wieder auf den Tisch, damit die zierliche Ärztin die letzten Stiche an seiner Stirn machen konnte.

Ronon mochte die Augen nicht wieder schließen. Dieser Traum hielt ihn in seinen Fängen. Er wirkte noch immer sehr real und für einen Moment war er sich nicht sicher, ob es wirklich geschehen war. Sheppard, der ihn betrog. Sheppard, der ihn fesselte und lebendig begrub… Erneute fühlte er Panik aufkeimen und musste all seine Kraft aufwenden, um sich zu beherrschen. Niemand sollte sehen, dass etwas nicht in Ordnung war – schon gar nicht die leitende Ärztin, die ihn wohlmöglich noch auf der Krankenstation behielt und für nicht einsatzfähig erklärte! Glücklicherweise beendete Dr. Keller ihre Arbeit in dem Moment und bedeutete Ronon mit einem Kopfnicken, dass er aufstehen durfte.

„Danke Doc“, murmelte er und erntete ein kleines Lächeln, während er die Krankenstation verließ.

Ronon hatte sich zu Fuß auf dem Weg zu seinem Quartier gemacht, um ein wenig zu entspannen und das Adrenalin abzubauen. Um diese nachtschlafende Uhrzeit wirkte Atlantis tatsächlich wie ausgestorben – so wie er es in seinem Traum erlebt hatte.

Es war totenstill, er vernahm nur das Hallen seiner eigenen Schritte. Ohne das Gen der Antiker konnte er das Summen der Stadt nicht hören, so wie Sheppard es tat. Der Gedanke an seinen Teamleader brachte die Bilder des Traumes zurück und Ronon merkte, wie sein Puls sich beschleunigte und auch seine Schritte schneller wurden. Das Adrenalin in seinem Kreislauf forderte Aktion: es kribbelte in seinen Fingern, die Muskeln seiner Oberschenkel zuckten und schließlich gab er dem Drang nach. Ronon begann zu rennen.

Er achtete nicht darauf, wohin ihn seine Füße trugen, das Entscheidende war, in Bewegung zu sein. Halbschattige Korridore und Alkoven passierte er, ebenso wie ein paar leere Treppenhäuser und Lifte. Zuerst fühlte er sich wie befreit durch die körperliche Anstrengung, aber obwohl ein Teil seines Bewusstseins sich dem Rausch des Adrenalins hingab, kamen die Bilder des Traumes wieder an die Oberfläche.

Sheppard.

Mit dem Gedanken an ihn kam auch das beißende Gefühl von Betrug hoch. Betrug und Enttäuschung. Auch seine alten Weggefährten kamen ihm wieder in den Sinn – und damit die Erkenntnis, dass er ihretwegen fast sein neues Zuhause und seine Freunde verloren hätte, weil sie ihn hintergangen hatten.

Ronon presste die Lippen aufeinander und knirschte verärgert mit den Zähnen, während er noch einmal an Geschwindigkeit zulegte.

Wieder sah er seinen Teamleader mit der Schaufel in der Hand über ihm stehen und durchlebte erneut seine eigene Verzweiflung bei diesem Anblick. Die Verzweiflung wandelte sich in Enttäuschung, die sich in seinen Bauch bohrte wie ein heißes Messer, und mit der Enttäuschung kam die Wut.
Wut auf Tyre, Ara und Rakai für ihre Treulosigkeit. Wut auf sich selbst, weil er auf sie herein gefallen war. Und er war wütend auf Sheppard, weil…? Weil er Macht über ihn besaß? Ja, das war es. Sheppard besaß Macht über ihn, weil er ihm, Ronon, etwas gegeben hatte, was er vorher nicht besessen hatte. Ein Heim. Und Freundschaft. Er vertraute Sheppard und das machte ihn schwach. Er war so schwach, dass er Angst bekam, etwas zu verlieren. Und Ronon hasste es, Angst zu haben. Für ihn war Angst etwas Lähmendes und gelähmt konnte man auf der Flucht nicht überleben. Das war ein sehr guter Grund, auf Sheppard wütend zu sein. Auf Sheppard und auf sich selbst.

Ronon war so mit seiner Wut beschäftigt, dass er nicht bemerkt hatte, wo er hingelaufen war. Als er seine Umgebung wieder bewusst wahrnahm, hatte er keine Ahnung, wo er sich befand. Er verlangsamte sein Tempo und blieb vor dem nächsten Fenster stehen. Er konnte den Kontrollturm sehen, aber er war ziemlich weit entfernt davon. Er vermutete, dass er sich in der Sektion mit den Laboren der Anthropologen befand. Ganz toll. Hier wollte er überhaupt nicht hin!

Verärgert schüttelte er den Kopf. So unaufmerksam war er schon lange nicht mehr gewesen. Für einen Moment stand er da und starrte nach draußen in die Nacht. Er lauschte dem Rauschen seines Blutes und dem Hämmern seines Herzens, um sich etwas in den Griff zu bekommen. Dann vernahm er ein Geräusch, welches vor ein paar Augenblicken noch nicht da gewesen war.

Schritte. Eine Person, die sich leise bewegte – aber nicht leise genug für seine Ohren. Ronon merkte, wie sein Körper erneut das Adrenalin durch die Adern pumpte. Um diese Zeit an diesem Ort sollte sich eigentlich niemand mehr aufhalten. Die Schritte näherten sich. Automatisch spannte er sich und glitt in die Nische neben dem Fenster. Seine Hand wanderte zu seiner Hüfte und griff ins Leere. Ronon verzog das Gesicht; er hatte seinen Blaster in seinem Quartier gelassen. Nun ja, auch im Nahkampf war er nicht wehrlos…

Die Schritte waren nun fast auf gleicher Höhe mit ihm. Blitzschnell sprang Ronon aus seinem Versteck hervor und rammte die Person mit voller Wucht gegen die Wand, den Unterarm gegen die Kehle gepresst und mit dem eigenen Gewicht an der Wand fixiert.

***

Eigentlich wollte er nur feststellen, wer denn um diese Uhrzeit noch allein in Sektor G unterwegs war.
Stattdessen wusste Major Lorne nicht recht, wie ihm geschah, denn aus dem Nichts heraus packte ihn jemand am Kragen und rammte ihn kraftvoll gegen die Wand. Die Luft in seinen Lungen entwich mit einem ‚uff’, bevor ein Arm sich gegen seine Kehle presste und dem Atem den Weg nahm. Er hörte das Schnaufen des Mannes und fühlte den warmen Atem im Gesicht. Mit vor Schreck geweiteten Augen starrte er durch das Halbdunkel zu seinem Angreifer auf und erkannte erleichtert, dass es sich um Ronon handelte.

Doch dieser pinnte ihn weiter gegen die Wand und Lorne wurde langsam unsicher. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ronon musste ihn eigentlich erkannt haben, aber er ließ ihn nicht los. Lorne war sich plötzlich ihrer körperlichen Nähe bewusst. Es gab kaum eine Stelle, an dem Ronon Lornes Köper nicht mit dem eigenen berührte und er roch nach Schweiß und Adrenalin und... mehr. In diesem Moment war Ronon für Lorne der Inbegriff von Männlichkeit. Prompt fiel ihm ein Satz ein, den er Laura Cadman hatte sagen hören: “Der Mann ist eine laufende Hormonbombe.“ und Lorne versuchte schnell seine Position zu ändern, denn sein Körper schien sofort auf diesen Gedanken reagieren zu wollen. Das wiederum konnte und wollte Lorne nicht zulassen – ‚Kontrolle, behalt die Situation unter Kontrolle’, dachte er und klammerte sich an diesen Gedanken.

Er merkte, wie der Druck auf seine Kehle nachließ und brachte ein gekrächztes „Ronon“ heraus. Das schien den Satedaner aus seiner Trance zu wecken, denn er blinzelte und rückte ein wenig von ihm ab. Dann erst schien er sich der Situation bewusst zu werden.
„Major“, sagte Ronon und löste sich langsam von ihm und trat einen Schritt zurück. Seine Stimme klang ein wenig unsicher. „Was machen Sie hier?“

„Die internen Sensoren haben ein Signal lokalisiert und da ich gerade in der Nähe war, wollte ich herausfinden, wer mitten in der Nacht allein bei den Anthropologen sein Unwesen treibt“, antwortete der Major - wie er hoffte – lakonisch und rieb sich den Hals. „Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, hier als Wanddekoration zu enden.“

Ronon sah etwas verlegen aus. „Tut mir leid, Major. Ich… sind Sie okay?“

Lorne machte ein ‚alles wird gut’- Gesicht. „Abgesehen davon, dass ich nach dem Schreck sicher nicht gleich abschalten kann, geht’s mir gut“, versicherte der Major. „Wir sollten jetzt aber langsam zurückgehen. Ich für meinen Teil möchte die Nacht noch zum schlafen nutzen.“
Ronon entspannte sich merklich und rang sich ein Lächeln ab. „Ich komme mit Ihnen“, sagte er und machte Lorne Platz, sodass dieser voraus gehen konnte. „Ist wirklich alles okay? Ich war nicht gerade vorsichtig…“

„Wirklich“, beteuerte Lorne und musste lächeln. „Bei Gelegenheit hätte ich aber gern ein paar Tricks gewusst, wie ich mich künftig besser vor solchen Überraschungen schützen kann“.

„Das ist kein Problem“, antwortete Ronon und Lornes Herzschlag begann sich langsam wieder zu normalisieren. Trotzdem… Irgendwie wusste er, dass ihn dieses kleine Intermezzo sicher noch eine Weile beschäftigen würde. Sie trennten sich am Lift und der Major begab sich in sein Quartier, um noch ein paar Stunden Ruhe zu finden.

Als er das nächste Mal aufwachte, befand er sich in der Isolierzelle und fragte sich, was zum Teufel wohl mit ihm passiert sei.


--ENDE--

© Ziyal 11/2007

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