Die Sonne brannte - nach über zwölf Stunden - noch immer gnadenlos vom wolkenlosen Himmel und der seltsame Grünstich der Atmosphäre, der dem Planeten das nicht sonderlich einladende "gewisse Etwas" gab, machte das Ganze auch nicht besser. Selbst der letzte Hauch von Neugier über die extrem langsame Rotation des Planeten und die seltsame Farbe des Himmels hatte Rodney schon vor Stunden verlassen.
Und zwar schon einige Zeit bevor John auf einmal auf die Knie gefallen war und Rodney ihn nur mit Mühe wieder auf die Beine bekommen hatte. Der Sand war mittlerweile überall und Rodney spürte ihn die meiste Zeit über nicht einmal mehr - eine Tatsache, die ihm Angst einjagte.
"Ich hasse Sommer", hatte er verkündet - von ein paar gezielten Bemerkungen und Beleidigungen einmal abgesehen die letzten Worte, die er gesprochen hatte.
Die ungewöhnliche Zurückhaltung war drauf zurückzuführen, dass der Schock noch immer ziemlich tief saß. Nie, nie im Leben hätte er damit gerechnet, dass John (wenn auch angeschlagen) noch viel hitzeempfindlicher als er selbst war. Das wirklich Schlimme daran war, dass Rodney viel zu lange nicht bemerkt hatte, wie schlecht es John wirklich ging und das wenige Wasser, dass zu diesem Zeitpunkt noch übrig gewesen war, war bei weitem nicht mehr genug. Wir hätten es besser rationieren müssen. Ich hätte besser aufpassen müssen, wenn er dazu nicht mehr fähig ist.
John sah mittlerweile miserabel aus, konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Wenn es nicht so gottverdammt heiß wäre, hätte Rodney schon längst einen Arm um ihn geschlungen, um ihn aufrecht zu halten.
Doch bei dieser Hitze? Der bloße Gedanke an Körperkontakt war genug, um den nächsten Schweißausbruch auszulösen. Und doch konnte er sich kaum beherrschen, hätte am liebsten die Hand ausgestreckt, um John zu helfen. Es war grauenvoll, Johns langsamen aber sicheren Abstieg mit ansehen zu müssen, während Rodney selbst gerade erst wieder die ersten Anzeichen von Durst spürte. (Wie er jedoch aussah, darüber wollte er gar nicht nachdenken. Nicht einmal Sonnencreme Marke Eigenbau konnte hier noch etwas ausrichten.)
Er hatte mehr als genug Wasser gehabt und würde es ohne größere Probleme - und war das nicht wahre Ironie? - zurück zum Gate schaffen. Während John…
Diese ganze Herumrennerei mit Ronon und die sonstige Selbstquälerei hätte ihn eigentlich fitter für so was machen müssen.
Rodney ignorierte Johns Verletzungen zugunsten seines Ärgers. Er hatte schon früher erlebt, dass John selbst mit schweren Verletzungen noch einsatzfähig blieb also hatte er sich jetzt auch… mehr erwartet, um ehrlich zu sein. Und er hasste das Gefühl des Verrats, das Johns miese Verfassung ihm bescherte und er hasste sich selbst dafür, dass er John noch immer auf einem Podest stehen hatte. Mehr Wasser würde ihm auch nicht mehr viel bringen, gestand Rodney sich schließlich ein. Er braucht Dr. Keller.
Bei ihrer derzeitigen Geschwindigkeit waren noch immer gute zwei Stunden - zumindest wenn er den ungenauen Daten des LSDs trauen konnte - zum Gate. Die Sonne auf diesem höllischen Planeten hatte gerade erst den Zenith überschritten.
Wir hätten Teyla und Ronon doch mitbringen sollen. Er brachte die Worte mittlerweile nicht mehr über seine trockenen und aufgerissenen Lippen, dachte sie aber trotzdem noch mit alarmierender Regelmäßigkeit.
Seit dem Jumpercrash, der sie acht Stunden Gehzeit vom Gate entfernt auf diesem - mittlerweile offiziell auf Dune getauften Planeten - stranden ließ, war er von Selbstmitleid (die beiden kämen mit der Situation viel besser zurecht) zu Dankbarkeit (wenigstens war die Hälfte seines Teams dieser Hölle entkommen) zu Wut (es wäre alles ganz anders gekommen, verdammt noch einmal!) und wieder zurück gewechselt.
Mittlerweile hatten Sorge und Angst alles verdrängt aber er schätzte, dass es wohl nicht mehr lange dauern würde, bis der Durst die erste Stelle einnahm.
Wir wären mit den beiden genauso abgestürzt, dachte er. Der Absturz war auf einen Fehler des Jumpers zurückzuführen und Teylas und Ronons Anwesenheit hätte auch nichts daran geändert, dass zig Millionen Jahre altes Equipment hin und wieder einfach den Geist aufgab und wie ein Stein vom Himmel fiel.
"Rodney?"
Johns Stimme klang wie Sandpapier und das war eine Assoziation, die Rodney jetzt wirklich nicht gebrauchen konnte. "Was?", fragte er und hoffte, dass die Antwort kurz ausfallen würde. Johns Stimme tat ihm in den Ohren weh, derart trocken und brüchig war sie. Und er selbst wollte - zum wohl ersten Mal in seinem Leben - auch kein unnötiges Wort mehr verlieren.
Er braucht Wasser. Es war kein neuer Gedanke und unwillkürlich sah Rodney sich um, ob sich auf einmal eine Oase aus der steinigen Umgebung materialisiert hatte. Wenn sie es getan hätte, hätte Rodney auf einmal noch eine Sorge mehr gehabt. Ich brauche Wasser.
Für einen Moment hatte er die grauenhafte Vorahnung, dass er genau wusste, was John ihm sagen wollte - Geh ohne mich weiter; du kannst später zurückkommen - und er hatte den Mund schon offen, um zu protestieren, als Johns wirkliches Wort ihn erreichte: "Danke."
Rodney hatte nicht den Hauch einer Ahnung, auf was John sich bezog und er wollte es auch nicht wirklich wissen. Er nickte als Antwort bloß und gab schließlich dem Drang nach und wartete, bis John die drei Schritte zu ihm aufgeschlossen hatte und packte ihn am Oberarm. John stolperte, fiel gegen Rodney und dieser konnte sie beide nur aufrecht halten, indem er beide Arme um John schlang.
Es ist zu heiß!, jaulte seine innere Stimme entsetzt, doch er konnte trotzdem nicht loslassen, sondern verstärkte seinen Halt sogar noch.
Er wusste, dass Johns schlechter Allgemeinzustand nicht nur auf die sengende Hitze sondern auch auf den Crash zurückzuführen war, auch wenn er die Tatsache die meiste Zeit über zu verdrängen versuchte. John stöhne zwar leise auf, als Rodney vorsichtig über seine Schläfe fuhr - die Stelle, wo er gegen die Seitenwand des Jumpers gekracht war, war rot und geschwollen - reagierte sonst aber nicht.
"Shit", murmelte er und erlaubte es John, seinen Kopf noch einen Moment auf seiner Schulter liegen zu lassen, bevor er ihn sanft von sich weg schob. Sie mussten weiterkommen, ansonsten konnte er für nichts mehr garantieren. "Hey, bist du noch da?" Es dauerte eine ganze Weile, doch schließlich schien er Johns Aufmerksamkeit zu haben. Die langsame Reaktion verstärkte seine Angst nur noch und er hielt sich nur mit Mühe davon ab, John wieder in eine Umarmung zu ziehen. "Wir müssen weiter, okay?"
John nickte zwar, Rodney war sich aber nicht sicher, inwieweit das nicht nur ein Reflex war. Er seufzte leise, warf einen Blick auf den Scanner - dank des Naquadas leuchtete das Gate als hellblauer Punkt auf dem Display - und setzte sich wieder in Bewegung. Er ließ John nicht wieder los, nachdem er Angst hatte, den Mann ansonsten zu verlieren. Rodney glaubte zwar nicht, dass John eine Gehirnerschütterung hatte, doch die Kopfschmerzen die er einfach haben musste und die Hitze hatten dafür gesorgt, dass selbst das schlichte einen-Fuß-vor-den-anderen-setzen ein Gewaltakt war.
"Wenn wir das hier hinter uns haben", sagte John nach einer guten Stunde des qualvollen Dahinschleppens, "will ich Urlaub. Eine Woche auf dem Festland. Am Strand. Ohne eine Menschenseele weit und breit."
Rodney verzog das Gesicht, als er Johns ruinierte Stimme hörte, und packte unwillkürlich noch etwas fester zu. John stöhnte zwar auf, protestierte aber nicht. Er schien den Kontakt genauso sehr zu brauchen wie Rodney auch. Wie lange noch? War es eine Täuschung oder konnte er am Horizont wirklich das Gate erkennen? "Wozu?", fragte er schließlich keuchend. Sheppard war schwer, auch wenn man es ihm nicht wirklich ansah, und Rodney trug mittlerweile einen guten Teil seines Gewichts. "Sonne, Hitze und Sand hast du hier auch und eine Menschenmenge bin ich auch nicht gerade." Er ignorierte den kurzen Stich, den Johns Wunsch nach Einsamkeit ihm verpasst hatte.
"Du kannst mit", erlaubte John großzügig und plapperte dann weiter, aber Rodney hörte ihm gar nicht mehr wirklich zu. Es war das Gate da vorne und ein Blick auf den LSD verriet ihm, dass es nur noch ein guter halber Kilometer war. In dieser Nähe waren die Indifferenzen der seltsamen Atmosphäre und der riesigen Sonne, die Unmengen von Strahlung aussandte, nicht mehr stark genug, um den Scanner zu blockieren und statt vager Naquada-Daten bekam er jetzt endlich die volle Bandbreite an Daten herein.
"Wir sind gleich da", unterbrach er Johns gebrochenes Flüstern, das er ohnehin nicht mehr verstehen konnte. "Wasser, ein Bett, Klimaanlage…" Er verstummte, als John plötzlich stehen blieb und sich trotz Rodneys sanfter Gewalt nicht mehr von der Stelle rührte. "Was?", schnappte er frustriert. Typisch Sheppard, ihnen unmittelbar vor dem Ziel noch einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen!
"Rodney?" John hatte den Kopf gehoben und blinzelte ihn an, obwohl ihm die Sonne dadurch direkt ins sonnenverbrannte Gesicht schien. Nach einen Moment trat Rodney einen Schritt zur Seite, um ihn vom direkten Sonnlicht zu schützen. Idiot, dachte er resigniert. Null Selbsterhaltungstrieb. Er verzog das Gesicht, als die Sonne ihm voll in den Rücken auf den aufgebrannten Nacken knallte. Und nach dem hier will er uns noch auf den Strand schleppen?!
"Was?"
"Kommst du mit?"
"Wohin?" Die Frage war schon heraußen, als er sich schließlich vage an Johns Gemurmel von vorhin erinnerte. "An den Strand?", riet er schließlich und bekam dafür ein bestätigendes Nicken. "Von mir aus." Er hatte nicht wirklich vor, sich wirklich an einem versandeten Strand in die brennende, tödliche Sonne zu legen - er hatte in den letzten Stunden sein UV-Pensum für die nächsten zehn Jahre erfüllt. Zusammen mit der restlichen Strahlung seit seiner Ankunft in Pegasus hatte er auf drei Lebenszeiten ausgesorgt - aber er hätte John im Moment alles versprochen, nur um ihn endlich von der Stelle zu bekommen.
"Okay." John schien erleichtert und ließ sich ohne weiteren Protest in Richtung Gate ziehen.
Rodney war zu froh darüber, um dem seltsamen Gespräch noch weitere Bedeutung beizumessen. Er schloss kurz die Augen und gestattete sich selbst einen Moment des Ausflippens, als sie schließlich das Portal mit dem Gate erreichten. Er setzte John seitlich davon auf den Steinstufen - der einzige Stein auf diesem ganzen, verdammten Planeten, wie es schien; alles andere war Sand, Sand oder noch feinerer Sand - ab, bevor er sich zurück zum DHD schleppte, um rauszuwählen. Er war es nicht gewohnt, noch wollte er die Verantwortung für das Team - oder zumindest einen Teil davon - übernehmen. Dafür waren Sheppard und/oder Teyla da; Ronon und er waren einfach nur da, um ihre Aufgaben zu erledigen. Okay, er war da, um seine Aufgaben zu erledigen; Ronon war da, um Leute und Dinge über den Haufen zu schießen und um als Vorkoster zu fungieren. Nicht, dass er dagegen etwas hatte, ganz im Gegenteil. Wenn jemand ein Fan von Ronons "zuerst schießen und dann weitergehen"-Mentalität war, dann Rodney. Meistens zumindest.
Aber sich stundenlang durch die Hitze schleppen und außer für sich selbst auch noch der Alleinverantwortliche für das Leben und Wohlbefinden eines anderen Menschen sein? Er konnte darauf verzichten.
"Das nächste Mal schlage ich mich am Jumper ko und du kannst zusehen, wie du mich zurück zum Gate bekommst, kapiert?", rief er zurück, als er das erste Symbol der atlantischen Adresse berührte. Er bekam keine Antwort. "John?" Er sah auf und unterdrückte einen Fluch. Aus der Entfernung und gegen die schräg einfallende Sonne konnte er nicht sehen, ob John den Kampf gegen die Bewusstlosigkeit endgültig verloren hatte, oder ob er sich bloß nicht mehr aufrecht hatte halten können. Er zwang sich dazu, ruhig stehen zu bleiben und die restlichen Symbole einzugeben. Wenn er jetzt zu John stürzte - wie alle seine Instinkte ihn anschrieen, es zu tun - brachte es ihnen beiden genau gar nichts; er musste sie zurück nach Atlantis bringen.
Das Wurmloch öffnete sich mit dem schönsten Geräusch überhaupt und Rodney hielt sich am DHD fest, als ihm vor Erleichterung fast die Knie nachgaben. "Gleich haben wir es geschafft", murmelte er in Johns Richtung, "und in ein paar Tagen kannst du mich zur nächsten Sandhölle schleppen und meinen Sonnenbrand aufzufrischen." Er war sich ziemlich sicher, dass John bewusstlos war, musste aber einfach mit ihm reden. Er berührte sein Headset und tastete anschließend nach dem GDO. "McKay an Atlantis", sagte er und hielt die Luft an.
"Carter hier. Rodney, verdammt, wo steckt ihr? Wir versuchen schon seit Stunden, euch zu kontaktieren!"
Hatte er diese Stimme - und ihre Besitzerin - wirklich einmal heiß gefunden? Kaum mehr vorzustellen. Und er sollte vielleicht erst wieder an das Wort "heiß" denken, wenn er von hier verschwunden war und sich wieder etwas abgekühlt hatte. So in einem Jahr etwa?
Trotzdem war er froh, sie zu hören. Zum wohl ersten Mal seit ihrer Ankunft in Pegasus.
"Dort, wo Sie uns hingeschickt haben, Colonel", gab er eisig - und oh, wie sehr war er sich über diesen Widerspruch im Klaren? - zurück. Er hatte gegen diese Mission protestiert; sie hatte die Kommandokarte gezogen und dadurch waren sie fast draufgegangen. John war verletzt, verdammt noch einmal. Er würde es sie nie vergessen lassen, von Vergebung einmal ganz zu schweigen. "Ich will ein Medteam im Gateraum und die Raumtemperatur in der Krankenstation auf maximal fünf Grad Celsius, okay?" Während er sprach, und Carters Fragen und Einwürfe ignorierte, zog er John - der langsam wieder zu sich kam - auf die Beine und in Richtung Gate. "Wir sind gleich zu Hause", formte er mit den Lippen und John lächelte ihn vertrauensvoll an. Rodney stockte der Atem und presste einen kurzen Kuss gegen die unverletzte Seite von Johns Gesicht, bevor er sie beide durch den Ereignishorizont zerrte.
"Wir wollen drei Wochen Urlaub, sobald wir fit genug dafür sind", verkündete er, während er mit John in den Armen im Gateraum zu Boden ging. "Wir haben ein Date mit Sand, Sonne und UV-Strahlung." Er sah direkt in Carters halb entsetztes, halb amüsiertes Gesicht und erwiderte ihren Blick herausfordernd. Nein, er würde jetzt nicht umkippen und auch keine sinnlosen Fragen beantworten.
Keller und ihr Team stürzten in den Gateraum, gerade als Carter mit "Rodney, was ist…" begann. Er verzog das Gesicht - er sprach sie mit "Colonel" an, warum konnte sie die Geste nicht erwidern und ihn mit seinem Titel ansprechen? - und schüttelte den Kopf. Er konzentrierte sich wieder voll und ganz auf John und ignorierte ihre Worte.
"Später", sagte er schließlich und sie nickte nach einem Blick von John zu ihm zustimmend. Viel später, dachte er. Am besten nie.
Im Gegensatz zu Elizabeth folgte sie nicht, als er mit mittlerweile ebenfalls eingetroffenen Rest seines Teams dem bewusstlosen John in Richtung Krankenstation folgte.