"John?"
Er reagierte nicht auf Rodneys Frage, sah man einmal von seiner plötzlichen Anspannung ab. Als ob er vorher entspannt gewesen wäre. Er unterdrückte nur mit Mühe ein abfälliges Schnauben - und sprang fast in die Luft, als Rodneys Hände auf seinen Hüften zu liegen kamen.
In der Berührung lag keinerlei Kraft, sie war einfach nur da und nach einigen Minuten beruhigte John sich wieder etwas.
"Zeig her." Die Worte klangen zwar nicht wie ein Befehl, waren aber nichts anderes. Es dauerte nur einen Moment, die Vor- und Nachteile einer Weigerung abzuwägen. John gab seufzend nach und trat einen Schritt zurück, als Rodney sich zwischen ihn und das Fenster, aus dem seit seiner Ankunft hier starrte, drängte.
Rodney griff nach seinen Handgelenken und John leistete kurzen Widerstand, bevor er wieder nachgab und seine Arme ins schwache Mondlicht hielt. John konnte das leise Stöhnen nicht unterdrücken, als die Bewegung die Schmerzen wieder aufflammen ließ. Und zwar überall - wenn er darüber nachdachte, was ihm nicht wehtat, war er fertig, noch bevor er richtig angefangen hatte.
"Verdammt", hauchte Rodney, als er den Schaden sah. "Das sollte sich jemand ansehen. Außer mir." Seine Finger strichen leicht über einige der besonders dunklen Stellen und John schnitt eine Grimasse.
"Und welche Erklärung soll ich abliefern?", fragte er, wich Rodneys Blick aus und starrte auf seine Handgelenke. Die Blutergüsse waren mittlerweile dunkelblau, stellenweise fast schwarz, und er wunderte sich, dass sie nicht mehr schmerzten. "Dass ich mich versehentlich in einem Paar mittelalterlicher Handschellen verfangen habe?" Seine Handgelenke sahen wirklich aus, als ob jemand Fesselspielchen mit ihm veranstaltet hätte. Und der Rest seines Körpers fühlte sich an, als ob er eine Runde Streckbank hinter sich hatte.
Was, wenn er genauer darüber nachdachte, von der Wahrheit nicht einmal sonderlich weit entfernt war. Der bloße Gedanke, am nächsten Tag zur Arbeit gehen zu müssen, drehte ihm den Magen um. Und erst die Fragen, die unweigerlich auf ihn zukommen würden…
"Die Wahrheit?", schlug Rodney vor, doch sein Tonfall machte klar, was er selbst von der Idee hielt. John würdigte sie nicht einmal mit einer Reaktion. Er drückte an seinem rechten Handgelenk herum, bis Rodney ihn davon abhielt, indem er seine linke Hand abfing und festhielt. Er konnte nur froh sein, dass sich die blauen Flecken erst entwickelt hatten, nachdem Carson mit seiner Untersuchung fertig gewesen war. Die Uhr und das Schweißband hatten das Schlimmste verborgen und er war schon längst zu Hause gewesen und hatte Rodney via Telefon gebeichtet, was geschehen war, als die Schmerzen richtig einsetzten.
"Lass das", seufzte Rodney. "Bist du heute besonders selbstzerstörerisch veranlagt, oder was soll das?" Seine Hände fanden wieder ihren Weg auf Johns Hüften - und er würde nie verstehen, was es Rodney gab, ihn dort berühren und halten zu können - bevor er plötzlich Kraft in die Geste legte und John in eine Umarmung zog. Nach einer Schrecksekunde drehte John sich um und erwiderte die Umarmung, auch wenn er nicht so fest zudrückte. "Du hast mir Angst gemacht", flüsterte Rodney in sein Ohr und löste damit eine Gänsehaut aus. Der Anruf, dachte er. Wenn er sich richtig erinnerte, hatte er ziemlich panisch und verwirrt geklungen. Kein Wunder, dass Rodney alles hatte liegen und stehen lassen und nach Hause gekommen war.
"Ich habe mir selbst Angst gemacht", erwiderte er leise. Er verstand bis jetzt nicht, warum er nicht schneller reagiert hatte, warum er nicht versucht hatte, sich zu befreien, warum…
"Wenn Ronon nicht gewesen wäre…" Rodney war schon immer der Mutigere von ihnen beiden gewesen, wenn es darum ging, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Wäre ich jetzt Wraith-Futter. Er ihm schauderte bei dem Gedanken und Rodney verstärkte seinen Halt noch etwas. Johns Rücken protestierte zwar, doch das war ihm egal.
Was war mit ihm losgewesen? Gute Frage. Er hatte keine Ahnung. Er erinnerte sich nur noch vage an den Vorfall: Eine verlassene Straße, an einem kalten und nebeligen Tag; ein seltsames Geräusch, wegen dem er und Ronon nach dem Rechten sehen wollten… Und im nächsten Moment wurde er von irgendetwas - Wraith - gegen die Wand gepresst. Eine riesige Hand hielt seine Handgelenke in einem schraubstockähnlichem Griff, während die andere mit Leichtigkeit seine kugelsichere Weste zerriss… Wenn Ronon das Monster nicht im letzten Moment mit dem Zat erledigt hätte, wäre er erledigt gewesen.
Ein leichter Schlag gegen die Wange riss ihn aus dem Flashback und er starrte Rodney für einige Sekunden verständnislos an, bevor er bemerkte, dass er am ganzen Körper zitterte.
"Er hat gespürt, dass ich das Gen habe", flüsterte er schließlich und Rodney drückte ihn wieder an sich. John konnte sich zwar nicht entspannen, trotzdem half es, seinen Kopf gegen Rodneys Schulter zu pressen und sich zu langsamen und tiefen Atemzügen zu zwingen. Die Panik klang ab, aber die Angst blieb. Das ATA-Gen, so nützlich in Verbindung mit antiker Technologie - zu der keiner von ihnen mehr Zugang hatte - war genau das, was den Wraith angelockt und John so hilflos gemacht hatte. Es war Wahnsinn, dass er trotzdem auf die Jagd ging, doch er hatte keine Ahnung, was er sonst mit seinem Leben anfangen sollte. Er war kein Wissenschaftler wie Rodney, der versuchte, das Problem im Labor zu lösen, er war ein Kämpfer, der es mit einem Wraith nach dem anderen aufnahm.
Hoffentlich kam nie der Tag, an dem sich die vereinzelten Wraith zusammenrotteten oder - Gott bewahre - noch ein Hive-Schiff im Orbit um die Erde auftauchte. Der Gedanke ließ ihn erschauern.
"Wir wussten, dass es nur eine Frage der Zeit ist", sagte Rodney und fuhr mit einer Hand sanft durch Johns Haar. "Ronon wird nichts sagen", fuhr er ruhig, fast schon hypnotisch fort. "Er hat es bisher auch nicht getan. Und sonst weiß niemand, was passiert ist, oder?" John brauchte einen Moment, um die Worte zu verstehen, doch dann nickte er und spürte Rodneys erleichtertes Aufatmen. "Gut. Komm jetzt, es wird Zeit, dass ich dich ins Bett bringe."
Diesmal brachte er nicht einmal mehr ein Nicken zustande, stattdessen ließ er sich einfach nur widerstandslos ins Schlafzimmer führen und gab dem sanften Druck auf seinen Schultern nach, der ihn auf das Bett drückte. Das Verlangen, sich einfach fallen zu lassen und zusammenzurollen, war fast übermächtig, doch noch fehlte etwas. "Rodney?" Er blinzelte gegen das schwache Licht, das durch die halbgeschlossenen Jalousie fiel, und streckte den Arm aus, um zu verhindern, dass Rodney von ihm wegtrat. Ihn allein ließ. Das Letzte, was er jetzt wollte.
"Schh. Ich komme gleich, okay? Ich habe nur noch etwas zu erledigen."
Diese "Erledigung" war vermutlich ein Anruf bei Beckett, um sicherzustellen, dass er wirklich in Ordnung war, und John vertraute Rodney blind, dass er nichts von den wahren Geschehnissen verraten würde. Wenn es nach dem Arzt, und dem Rest von Johns Leuten, ging, hatte der Wraith ihn bei der Flucht gegen die Wand geschleudert und er war etwas ungünstig gefallen. Sollte wie Wahrheit - dass der Wraith bereits seine Hand auf Johns Brust gehabt hatte und er so beeinflusst gewesen war, dass er nicht einmal mehr an Widerstand hatte denken können - jemals durchsickern, war ihm ein Platz im SGC sicher. Uralte Antikertechnologie zum Laufen zu bringen, weit weg von der Öffentlichkeit, den Wraith und Rodney, war nicht gerade Johns Vorstellung eines erfüllten Lebens.
"Ich warte, Rodney", murmelte er und ließ sich fallen.
Er hörte dessen "ja, ja, als ob ich dich jetzt allein lassen würde" noch, reagierte aber nicht mehr darauf. Die Geschehnisse des Tages forderten ihren Preis und er fiel in eine Art Halbschlaf, noch bevor er die Augen geschlossen hatte.
Entspannen und einschlafen konnte er allerdings, als Rodney zurückgekommen war und ihn festhielt.
= Ende =
[09.03.07]