"Rodney?"
Es war noch immer nicht gewohnt, ihre Stimme ohne die in den letzten Monaten ihrer Ehe immer präsenten Ungeduld zu hören. "Ja?"
Sie lächelte ihn an und er war zwischen dem Bedürfnis, sie zu umarmen, und dem, sie zu schlagen, hin und hergerissen. Sie konnte zurück in ein besseres Leben, während er alles verloren hatte und sich von jetzt an tagtäglich mit Landry und Hammond herumschlagen musste. Er konzentrierte sich wieder auf das antike Artefakt, das sie hierher gebracht hatte.
Er konnte O'Neill, der nach der Enthüllung des Stargate-Programms das Weite gesucht hatte, besser verstehen denn je. Auch wenn von dem Mann seitdem nie wieder jemand etwas gehört hatte und die Gerüchte über sein abruptes und absolute Verschwinden bis heute nicht verstummt waren.
"Danke", sagte Sam schließlich und Rodney sah überrascht auf. Sie schien es ernst zu meinen. "Für deine Hilfe, für alles… ich weiß es zu schätzen." Sie lächelte wieder. Oder noch immer. Rodney hatte keine Ahnung.
"Gern geschehen", brachte er schließlich hervor und wandte den Blick wieder ab. Dass diese Sam hier nicht seine Exfrau war, war in den letzten Tagen, in denen sie zusammengearbeitet hatten, absolut unübersehbar gewesen. Wenn er nicht längst über seine Sam hinweg wäre, hätte er sich fast in diese neue Version verlieben können. Aber nur fast - er hatte seine Lektion gelernt. Nie, nie wieder würde er etwas mit einem anderen Wissenschaftler anfangen. Die größte Liebe war die Streitereien um die Patente nicht wert.
"Ich möchte mich revanchieren."
Rodney gab es auf, das Programm jetzt fertig stellen zu wollen, und trat einen Schritt vom Tisch zurück. "Wie?", fragte er schlicht. Er gab nicht einmal vor, dass Wiedergutmachung - jede, irgendeine Art Wiedergutmachung, nicht willkommen wäre. Die Frau hatte sein Leben ruiniert, er hatte seine Firma verloren, seine Freiheit… Er holte ein paar Mal tief Luft, um die aufkeimende Panikattacke zu unterdrücken. Er hatte dafür nachher noch genug Zeit. Wenn er zu Hause war. Unter Bewachung. Der bloße Gedanke machte ihn verrückt und er rieb sich die Augen, als ob diese Geste die unschönen Tatsachen wegwischen konnte.
"Rodney." Sam berührte ihn kurz am Arm und diesmal lächelte sie nicht, als er aufsah. "Ich weiß, was du verloren hast, glaub mir." Er tat es zwar nicht, nickte jedoch trotzdem. "Ich kann es nicht wiedergutmachen - so gern ich das täte, wirklich - aber…" Sie brach ab und schnappte sich den kleinen Post-It-Block, der neben ihr lag. Vergeblich versuchte Rodney mitzulesen, als sie schrieb.
Einen Moment später drückte sie ihm den kleinen gelben Zettel in die Hand. Er starrte für einen Moment darauf, widerstand mit Mühe dem Drang, ihn zusammenzuknüllen. "Was soll ich damit?" John Sheppard. "Wer ist das?"
Zum ersten Mal wirkte sie ein wenig unsicher, doch sie fasste sich schnell wieder. "Ich weiß nicht genau, in welcher Position er hier ist… im SGC habe ich ihn jedenfalls nicht gefunden." Sie holte kurz Luft, beugte sich vor und flüsterte ihm ins Ohr. "Air Force. Vermutlich Major, nachdem ich bezweifle, dass er hier den Sprung zum Lieutenant Colonel geschafft hat. Du solltest ihn finden. Es gibt niemanden gibt, bei dem das ATA-Gen ausgeprägter ist."
"Das ist alles?", fragte er skeptisch. "Ich soll irgendeinen Piloten finden, nur wegen eines Gens?" Natürlich war er sich der Bedeutung dieser Information bewusst, war sich jedoch nicht sicher, ob er wirklich noch eine arme Seele in dieses Schlangennest, das sich SGC nannte, hineinziehen wollte. Schlimm genug, dass Sam es ihm angetan hatte.
Sie schien sein Zögern richtig zu lesen. "Versuch einfach nur, ihn zu finden. Ich sage nicht, dass du ihn ins Programm bringen sollst." Sie seufzte kurz und warf einen hastigen Blick in Richtung Tür. Angesichts der Audio- und Videoüberwachung des Raumes - sie sie zuvor gemeinsam überbrückt hatten - zwar sinnlos, aber es tat gut zu sehen, dass sie seine Paranoia teilte. "Ich habe gesehen, was hier aus Cam geworden ist", flüsterte sie schließlich. Nach einem Moment der Verwirrung ahnte Rodney, dass sie wohl Cameron Mitchell meinte, das einstige Aushängeschild von Landrys Regierung und dem SGC. "In meiner Welt ist Cam der Leiter von SG-1. Verstehst du, Rodney? In meiner Welt hat er noch ein Leben und vegetiert nicht in einem Loch vor sich hin!" Die letzten Worte hatte sie fast geschrieen, bevor sie sichtlich um Fassung rang. "Wir alle haben Sheppard viel zu verdanken", fuhr sie schließlich ruhiger fort, "und ich hasse die Vorstellung, dass es ihm hier ähnlich ergeht wie Cam. Sieh einfach nur, was du über ihn herausfinden kannst, okay?"
Er war immer noch enttäuscht darüber, wie wenig Sam ihm gegeben hatte, nickte aber. Er konnte ihr ja den Gefallen tun, oder? Ich kann es zumindest versuchen. Außerdem war ein Versprechen billig, wenn er es einer Person gab, die in kurzer Zeit in eine andere Dimension verschwinden würde und Neugier war schon immer Rodney McKays zentrale Antriebskraft gewesen.
Als Belohnung für seine Zustimmung bekam er ein derart strahlendes Lächeln, dass er sich für einen Moment an seine Sam, an die glücklichen Zeiten, die sie miteinander gehabt hatten, erinnerte. Er schluckte und unterdrückte den Zorn darüber, dass seine Sam von der Sam, die ihm gerade gegenüber stand, getötet worden war. Wenn es auch ein Unfall gewesen war. "Ich brauche nicht mehr lange", sagte er schließlich. "Spätestens morgen um diese Zeit sind Sie wieder daheim, Colonel Carter." Es war besser, sich zu distanzieren. Sie sah ihn zwar fragend an, reagierte jedoch sonst nicht weiter auf die plötzliche Kühle zwischen ihnen.
Rodney wandte sich wieder seinem Laptop zu und ließ den Zettel in seiner Hosentasche verschwinden.
***
"Schade", murmelte er drei Tage später in der trügerischen Sicherheit seines eigenen Büros. "Ich hätte Sie gerne kennen gelernt, Major Sheppard."
Er schloss das Browserfenster wieder und schloss erschöpft die Augen. Landry war ein Sklaventreiber und auch wenn Hammond alles tat, um das Schlimmste abzufedern, bekam Rodney noch mehr als genug von der Ungeduld des Präsidenten ab. Wenn es noch lange so weiter ging, würde er tot umfallen, bevor er das Geheimnis von Sams Waffe entschlüsselt hatte. Wenn wir jemanden mit dem Gen hätten…, überlegte er für einen Moment, bevor er den Gedanken entsetzt abbrach. Nein!
Um nichts in der Welt würde einen unschuldigen Mathematiker, der mit dem Militär nicht das Geringste zu tun hatte, in diesen Wahnsinn hineinziehen.
Er zerknüllte Sams Post-It, nur um es in der nächsten Sekunde sorgfältig wieder glatt zu streichen und in seinem Terminplaner verschwinden zu lassen.
Vielleicht, würde er eines Tages, wenn Landry endlich von der Bildfläche verschwunden war, Dr. Sheppard einen Besuch abstatten. Sams vagen Andeutungen nach zu schließen schien er zumindest in einem Universum ein guter Freund zu sein und außerdem sah er auf dem Foto, das Rodney hatte auftreiben können, verdammt gut aus.
= Ende =
[15.02.97]