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Errare humanum est

von Emony

Oneshot

Es war nun schon die dritte Nacht, in der er kaum Schlaf fand. Und wenn er nach Stunden der Erschöpfung endlich die Augen schloss, holten ihn die Albträume ein. Es waren immer dieselben Bilder: das kalte Aufblitzen der Wraith-Schiffe und Pernas Gesicht.

Perna. Der Gedanke an sie schnürte ihm die Kehle zu. Er hatte so lange nach einer Frau gesucht, bei der die Chemie einfach stimmte, bei der er sich intellektuell und emotional angekommen fühlte. Bei ihr war es so gewesen – eine tiefe, fast augenblickliche Verbundenheit. Nun war sie tot. Und er trug die Verantwortung dafür, zumindest einen Teil davon.

Natürlich hatte niemand ihm eine Waffe an die Brust gesetzt und ihn gezwungen, den Hoffanern bei ihren Forschungen zu helfen. Es war seine Entscheidung gewesen, seine allein. Er hatte einem technologisch unterlegenen Volk helfen wollen, ein Heilmittel, eine Verteidigung gegen die Wraith zu entwickeln. Ein edler Vorsatz, gewiss. Doch in der Euphorie des vermeintlichen Durchbruchs hatte er versäumt, auf umfassendere Langzeittests zu bestehen, ehe er gemeinsam mit Perna vor den Kanzler getreten war, um die sensationellen Ergebnisse zu verkünden.

Er hatte den fanatischen Willen der Hoffaner unterschätzt, den Wraith um jeden Preis den Garaus zu machen. Wer konnte es diesem Volk auch verübeln? Seit Generationen lebten sie im Schatten einer Übermacht, die sie wie Vieh hielt und erntete. Zahlenmäßig waren die Hoffaner den Wraith hoffnungslos unterlegen, aber sie hatten recht behalten: Die Nachricht von einem wirksamen Vakzin würde sich wie ein Lauffeuer in der Pegasus-Galaxie verbreiten. Andere Welten würden folgen.

Andere Völker... noch mehr Leben, die auf dem Altar dieses unvollständigen Serums geopfert werden würden.

Zwar konnte er nicht mit Gewissheit sagen, ob andere menschliche Physiologien ebenso fatal auf den Impfstoff reagieren würden wie jene der Hoffaner, doch die Wahrscheinlichkeit war erdrückend. Fünfzig Prozent der hoffanischen Bevölkerung war schlichtweg an den Nebenwirkungen krepiert. Und die überlebende Hälfte war fest entschlossen, das Toxin als biologische Waffe einzusetzen, um die Wraith bei der nächsten Ernte im eigenen Blut ersticken zu lassen.

Es war eine grausame Botschaft an die Jäger: Wenn ihr uns das Leben nehmt, vergiften wir euch. Auge um Auge. Zahn um Zahn.

Als Carson den Vertrag für die Atlantis-Expedition unterschrieben hatte, war er davon ausgegangen, als Arzt und Forscher Leben zu retten. Er hatte nicht geahnt, dass er der Architekt einer Biowaffe werden würde. Die Wraith kämpften nicht mit Projektilen oder Waffen, die sich medizinisch leicht versorgen ließen; sie veränderten die fundamentale Biochemie ihrer Opfer, sogen ihnen die Lebensenergie aus, als pressten sie eine Frucht aus.

Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Carson klammerte sich an das Geländer des Balkons. In diesem Moment fühlte er sich wie Robert Oppenheimer nach dem Bau der Atombombe. Er hatte helfen wollen. Nun hatte er den Tod über eine ganze Galaxie gebracht. Das war der schmerzhafte Unterschied zwischen gut gemeint und gut gemacht.

Er seufzte schwer und starrte hinaus auf den endlosen, dunklen Ozean. Die kalte, salzige Nachtluft schlug ihm entgegen. Sein Blick glitt hinauf zum sternenüberpöbelten Himmel der Pegasus-Galaxie, doch er suchte vergeblich nach einer vertrauten Konstellation. Selbst der Mond fehlte in dieser Nacht, und eine plötzliche, heftige Welle von Heimweh traf ihn unvorbereitet.

„Störe ich, Carson?“

Die weibliche Stimme hinter ihm ließ ihn heftig zusammenzucken. Er wirbelte herum, die Hand unwillkürlich auf der Brust.

„Mein Gott, Elizabeth, Sie haben mich zu Tode erschreckt“, stieß er hervor. Sofort bereute er seinen scharfen Ton und blickte sie entschuldigend an. „Verzeihen Sie. Ich... ich habe nicht damit gerechnet, dass um diese Uhrzeit noch jemand wach ist.“

Elizabeth Weir lächelte matt. Ihr Gesicht wirkte im fahlen Licht der Stadt blass und erschöpft. „Das habe ich von Ihnen ebenso wenig erwartet. Tee?“ Sie brachte eine zweite, dampfende Tasse hinter ihrem Rücken hervor. Der vertraute, leicht herbe Duft breitete sich zwischen ihnen aus. „Grüner Tee. Hilft mir meistens, wenn die Gedanken nicht zur Ruhe kommen wollen.“

„Vielen Dank.“ Carson nahm die Tasse dankbar entgegen und wärmte seine klammen Finger daran, ehe er einen kleinen Schluck nahm. „Was hält Sie wach, wenn ich fragen darf?“

Elizabeth winkte ab und trat an das Geländer des Balkons. Ihr Blick verlor sich in der Schwärze des Meeres unter ihnen. „Mich lässt das Schicksal der Hoffaner nicht los. Wer weiß, wie viele von ihnen in diesem Moment sterben, während wir hier in der Sicherheit von Atlantis sitzen.“

„Diese Frage stelle ich mir auch jede Sekunde...“ Vor seinem inneren Auge tauchte Pernas Gesicht wieder auf. Der Moment, in dem sie in seinen Armen das Bewusstsein verloren hatte, brannte wie eine frische Wunde. Er hatte nur ihre Hand halten können, unfähig, den Prozess aufzuhalten. Wie hatte sie nur so im Reinen mit dem sein können, was sie getan hatten? Millionen von Menschen würden durch dieses unvollständige Serum sterben. Sie hatten eine Epidemie der Selbstaufopferung entfesselt, und er hatte die Formel geliefert.

„Sie sollten sich keine Vorwürfe machen, Carson“, sagte Elizabeth leise, ohne den Blick vom Horizont zu wenden. Ihr Tonfall war sanft, aber von der gewohnten professionellen Festigkeit getragen.

„Wie könnte ich nicht?“, entgegnete er und starrte trüb auf die dunkle Flüssigkeit in seiner Tasse. „Ohne meine Modifikationen im Labor wäre es nie so weit gekommen. Ich habe den Stein ins Rollen gebracht.“

„Und ich trage die politische Verantwortung dafür, dass er ins Tal gestürzt ist“, erwiderte sie schwer. „Ich habe die Tests an der freiwilligen Testperson autorisiert. Und, was moralisch schwerer wiegt: Ich habe zugestimmt, das Serum an unserem Wraith-Gefangenen zu testen. Ein Teil von mir hat gehofft, es würde genügen, eine Barriere zu schaffen. Dass die Wraith sich einfach nicht mehr an uns nähren können. Das wäre ein echter Schutz gewesen.“

„Ja, das hätte gereicht. Das wäre ein Sieg der Medizin gewesen.“ Carson nickte stumm.

„Es wäre genug gewesen“, wiederholte Elizabeth, und ihre Stimme klang für einen Moment brüchig. „Stattdessen müssen wir nun mit dem Wissen leben, dass dieses Serum die Wraith tötet. Wir haben ein Gift erschaffen, kein Heilmittel.“

„Und wir haben ein Volk darin bestärkt, sich für einen taktischen Gegenschlag selbst auszulöschen“, fügte Carson bitter hinzu. „Mit mehr Zeit... wenn man mir nur ein paar Wochen mehr gegeben hätte, hätte ich die zelluläre Unverträglichkeit isolieren können. Ich hätte den Impfstoff verändern können, damit er für die Menschen sicher ist. Die Hoffaner wollten nicht warten.“

„Die Hoffaner glauben fest daran, dass der Zweck jedes Mittel heiligt, Carson. Wir können einer fremden Zivilisation unsere Moral nicht aufzwingen, so schmerzhaft das Ergebnis für uns auch sein mag.“

Sie sahen sich einen langen, intensiven Moment lang an. Zwei Menschen, die die Last einer ganzen Stadt auf den Schultern trugen.

„Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die Wraith begreifen, wer diese Waffe perfektioniert hat“, gestand Carson leise. „Wenn sie herausfinden, dass die Atlantis-Expedition die medizinischen Daten geliefert hat, wird kein Außenposten in dieser Galaxie mehr sicher vor ihrem Zorn sein.“

Elizabeth trat einen Schritt näher und legte ihm tröstend, aber bestimmt eine Hand auf die Schulter. Carson blickte sie überrascht an. „Wir sind ohnehin nicht sicher, Carson. Vergessen Sie nicht, wer diese Kreaturen überhaupt erst aus ihrem Winterschlaf geweckt hat. Seit dem Tag unserer Ankunft haben wir Fehler gemacht. Einige davon sind irreparabel. Aber wir können es uns nicht erlauben, an dieser Schuld zu zerbrechen. Unsere Aufgabe ist es, aus diesen Fehlern zu lernen und das Beste aus der Situation zu machen.“

Carson betrachtete sie mit einer Mischung aus Bewunderung und leisem Unglauben. „Sie bewahren sich trotz allem einen bemerkenswerten Optimismus, Elizabeth.“

„Das ist kein Optimismus, Carson. Es ist pure Notwendigkeit“, gestand sie mit einem traurigen Lächeln, während sie ihre Hand wieder zurückzog. „Ich trage die Befehlsgewalt über diese Basis. Wenn ich anfange, an der Last unserer Fehlentscheidungen zu verzweifeln, bricht dieses gesamte Projekt zusammen. Ich muss daran glauben, dass wir daraus lernen können.“

„Ganz nach dem alten Diktum: Errare humanum est“, murmelte Carson und zwang sich zu einem schwachen Lächeln.

Elizabeth erwiderte es und hob kurz ihre Tasse. „Genau so. Irren ist menschlich, Carson.“ Sie trank den letzten Schluck ihres Tees und blickte ein letztes Mal auf das unruhige Meer hinab. „Wir sollten versuchen, etwas Schlaf zu finden. Morgen wartet der nächste logistische Albtraum auf uns.“

Mit einem knappen, aber herzlichen Nicken wandte sich Elizabeth ab und ging zurück in die hell erleuchteten Korridore des Hauptturms. Carson sah ihr nach. Er atmete die kühle Nachtluft noch einmal tief ein, ehe er ihr folgte, und hoffte inständig, dass in dieser fremden, unbarmherzigen Galaxie auf das menschliche Irren irgendwann auch ein Verzeihen folgen würde.

ENDE

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