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Ein Kuss und seine Folgen

von Emony

Kollisionskurs (Merry Kissmas)

John Sheppard stemmte die Hände in die Hüften und verlagerte sein Gewicht ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. „Das ist doch lächerlich. Wie kann man an einem Tag wie heute freiwillig Überstunden schieben, anstatt hier oben mit uns zu feiern?“ Er sah Dr. Weir mit zusammengezogenen Augenbrauen an.

Elizabeth Weir nippte an einer Tasse, aus der es verdächtig nach Zimt und Nelken duftete, und schenkte dem Major ein mildes Lächeln. „Sie wissen genau, wie Rodney ist, John. Wenn er sich erst einmal in eine Datenreihe verbissen hat, vergisst er, dass das Jahr überhaupt Feiertage hat.“

Das wollte John auf keinen Fall gelten lassen. Die Stimmung im Gateraum und im angrenzenden Speisesaal war so ausgelassen wie nie zuvor. Carson Beckett hatte irgendwo schottischen Whiskey aufgetrieben, Radek Zelenka stritt sich lautstark mit Lieutenant Ford über die korrekte mathematische Anordnung der Lichterketten, und Teyla hatte sogar einige Händler vom Festland eingeladen, die die Hallen mit dem Duft von gerösteten Kräutern erfüllten. Die halbe Expedition war hier. Nur der wichtigste und anstrengendste Wissenschaftler der Stadt fehlte.

„Befehlen Sie ihm einfach, herzukommen“, schlug John vor, die Arme nun vor der Brust verschränkt. „Als Leiterin der Expedition haben Sie doch das Recht auf... weihnachtliche Zwangsbeglückung.“

„Das habe ich bereits versucht, John“, sagte Elizabeth sanft, während ihr Blick über die geschmückten Antiker-Konsolen glitt. „Aber bei Dr. McKay bewirken Befehle in solchen Momenten leider nur das Gegenteil. Er ist so stur wie er brillant ist.“

„Pah“, stieß John aus und winkte ab. „Das werden wir ja sehen. Ich hol ihn.“

Damit drehte er sich auf dem Absatz um und marschierte mit langen, entschlossenen Schritten in Richtung der Forschungslabore. Es dauerte keine zwei Minuten, bis er den Komplex durchquert und Rodneys Hauptarbeitsplatz erreicht hatte. Und tatsächlich: Rodney McKay saß im fahlen Blaulicht dreier Laptops, die Finger flogen in mörderischem Tempo über die Tastaturen, während er leise Flüche vor sich hin murmelte.

„Rodney!“, rief John absichtlich eine Spur zu laut.

McKay zuckte heftig zusammen, verfehlte eine Taste und fuhr herum. „Verdammt noch mal, Sheppard! Müssen Sie sich immer anschleichen wie ein Wraith auf der Jagd? Ich hätte mir fast die Datenstruktur zerschossen!“

John trat an den Tisch und sah auf das Display. „Wo bleiben Sie? Die Party läuft seit einer Stunde.“

Rodney seufzte genervt, rieb sich mit beiden Händen ausgiebig das Gesicht und drückte sich dann die Nasenwurzel. „Ich habe Elizabeth bereits erklärt, dass ich mit diesem kommerziellen, emotional überladenen Fest nichts anfangen kann. Außerdem bin ich... streng genommen agnostischer Rationalist mit einer latenten Allergie gegen Tannennadeln. Also gehen Sie bitte und lassen Sie mich meine Arbeit machen.“

John setzte sich ohne Einladung direkt auf die Kante des Schreibtischs, so nah an den Haupt-Laptop, dass Rodney die Ellbogen einziehen musste. „Liz hat Ihnen die Ausrede nicht abgekauft, und ich tue es erst recht nicht. Bewegen Sie Ihren Hintern, McKay.“

„Würden Sie freundlicherweise Ihre militärisch trainierte Kehrseite von meinen Antiker-Protokollen entfernen?“, zischte Rodney und versuchte, John beiseite zu schieben, was kläglich am athletischen Körperbau des Majors scheiterte. „Ich komme nicht mit.“

„Ich bleibe hier sitzen, bis Sie sich dazu aufraffen, wenigstens für eine Stunde gute Miene zum bösen Spiel zu machen“, entgegnete John ungerührt und verschränkte die Arme. „Nur eine Stunde, Rodney. Das werden Sie ja wohl überleben.“

Rodney presste die Kiefer so fest aufeinander, dass ein leises Knirschen zu hören war. Er starrte John wütend an, doch der Pilot erwiderte den Blick mit dieser unerträglichen, absolut tiefenentspannten Gelassenheit, die Rodney regelmäßig um den Verstand brachte.

„Sie sind ein sturer, manipulativer Bastard, Sheppard“, knurrte Rodney.

„Schon mal in den Spiegel geschaut? Sie sind kein Stück besser“, feixte John.

Mit einem theatralischen Seufzer klappte Rodney den Laptop zu – eine Spur zu ruppig für das empfindliche Gerät – und sprang so abrupt auf, dass sein Drehstuhl nach hinten rollte. „Na schön! Aber ich gehe nur mit, damit ich danach in ABSOLUTER RUHE weiterarbeiten kann. Verstanden?“

„Kristallklar“, erwiderte John mit einem triumphalen Grinsen, das er gar nicht erst zu verbergen suchte.

Wortlos und mit einem spürbaren energetischen Knistern zwischen sich gingen die beiden Männer zurück zum Speisesaal. Je näher sie dem Eingang kamen, desto lauter wurde das Stimmengewirr. Der Raum war mittlerweile brechend voll, die Luft warm und erfüllt von Lachen.

Als sie die Schwelle überschreiten wollten, stockte die Gruppe vor ihnen. Lieutenant Ford und Radek Zelenka standen im Türrahmen, beide sichtlich animiert vom weihnachtlichen Umtrunk.

„Hey, seht mal, wer da kommt!“, rief Ford grinsend und deutete mit seinem Becher nach oben. „Der Major hat das Biest gezähmt.“

John und Rodney hielten gleichzeitig inne und blickten unwillkürlich nach oben. Direkt über dem Torbogen hatte irgendjemand – vermutlich Carson Beckett mit schottischem Starrsinn – einen dichten Busch Mistelzweige an der Antiker-Architektur befestigt.

„Oh, exzellent“, murmelte Rodney, und sein Gesicht wechselte die Farbe von aschfahl zu einem tiefen, ungesunden Krebsrot. „Ein parasitisches Gewächs aus der Familie der Sandelholzgewächse. Wie romantisch.“

„Major, Doktor“, rief Zelenka mit schwerem tschechischen Akzent herüber und lachte schelmisch. „Der Brauch ist auf der Erde sehr eindeutig. Keine Ausnahmen auf Atlantis!“

Ein paar Zivilisten und Wissenschaftler in der Nähe drehten sich amüsiert um. Auch Elizabeth und Teyla, die etwas weiter hinten standen, blickten mit einem vielsagenden Lächeln herüber.

John spürte, wie ihm plötzlich warm unter der Uniformweste wurde. Normalerweise hätte er die Situation mit einem lockeren Spruch abgetan, aber der starre, völlig panische Blick, den Rodney ihm von der Seite zuwarf, triggerte etwas in ihm. Rodney stand da wie ein verschrecktes Kaninchen vor der Schlange, die Lippen fest zusammengepresst.

„Kommt gar nicht in Frage“, brachte Rodney mit belegter Stimme heraus. „Das ist ein unhygienischer, archaischer...“

„Bringen wir es einfach hinter uns, Rodney“, unterbrach John ihn leise. Seine Stimme war plötzlich überraschend tief. „Ein Schmatzer auf die Wange, und die Meute gibt Ruhe. Sonst lassen sie uns die ganze Nacht nicht rein.“

Rodney schluckte hart. „Auf die... Wange? Schön. Ja. Logisch. Machen wir.“

John drehte sich zu ihm um. Er wollte das Ganze schnell und schmerzlos beenden, trat einen Schritt näher heran und beugte sich vor, das Ziel klar vor Augen: Rodneys linke Wange.

Doch genau in diesem Sekundenbruchteil verließ Rodney der Mut. Panisch bei dem Gedanken, wie nah Johns Gesicht dem seinen kam, wollte er hastig einen Schritt zurücktreten und den Kopf wegdrehen. Er stolperte minimal über die eigene Ferse, verlor die Balance und wirbelte den Kopf genau in die falsche Richtung – exakt in Johns Flugbahn.

Anstatt der Wange trafen Johns Lippen mit voller Wucht und absolut frontal auf die von Rodney.

Es sollte ein kurzer, trockener Unfall sein. Ein reines, peinliches Aneinanderprallen von Zähnen und Lippen. Doch in dem Moment, als der ungeplante Kontakt stattfand, veränderte sich die Frequenz im Raum. Es war, als würde ein sanfter elektrischer Schlag durch Johns Wirbelsäule fahren. Er hielt inne, anstatt zurückzuweichen.

Rodney stieß einen leisen, überraschten Laut in Johns Mund aus, doch das anfängliche Erschrecken kippte in Sekundenschnelle. Das jahrelang unterdrückte, heimliche Verlangen, das er für den Piloten empfand, brach sich durch den Unfall schlagartig Bahn. Zaghaft, fast fragend, erwiderte er den Druck. Als John daraufhin den Mund minimal öffnete, vertiefte Rodney den Kuss, drängte sich ein Stück näher und suchte den intensiveren Kontakt.

Johns Hand handelte völlig eigenständig: Er hob sie, legte die Finger fest in Rodneys Nacken und zog den Wissenschaftler sanft, aber absolut bestimmt zu sich heran. Das Prickeln in Johns Magengrube verwandelte sich in ein ausgewachsenes Lauffeuer. Für ein paar Sekunden vergaßen beide Männer, wo sie waren, wer zusah und dass sie sich eigentlich in einer militärischen Hierarchie befanden. Da war nur der Geschmack von Rodney und das wilde Klopfen ihrer Herzen.

Im Hintergrund ertönte plötzlich lautes Jubeln, Pfeifen und das Klirren von Gläsern. Ford lachte laut auf, während jemand scharf die Luft einzog.

Das Geräusch holte sie zurück in die Realität.

Wie auf Kommando lösten sich die beiden voneinander. Sie atmeten beide etwas zu schnell. John ließ die Hand aus Rodneys Nacken gleiten, seine Finger verharrten noch eine Millisekunde an Rodneys Kragen, ehe er sie wegzog.

Sie sahen sich an – verblüfft, peinlich berührt und mit einer plötzlichen, tiefen Intensität in den Augen, die das laute Lachen der Crew um sie herum augenblicklich ausblendete.

Rodney strich sich mit dem Handrücken über die Lippen, die Augen immer noch geweitet. John räusperte sich, versuchte seine gewohnte, lässige Maske hochzuziehen, doch seine Ohren waren verräterisch rot.

Als sie sich umsahen, bemerkten sie, dass die Crew – peinlich berührt von der unerwarteten Ernsthaftigkeit und Intimität des Kusses – hastig weggesehen hatte. Zelenka starrte plötzlich hochkonzentriert in seinen leeren Becher, und Ford war intensiv damit beschäftigt, eine Wandverkleidung zu untersuchen. Sie hatten den Spieß umgedreht: Aus einem amüsierten Scherz der Crew war ein Moment geworden, der die Umstehenden fast mehr verunsicherte als die beiden Hauptpersonen.

Ein winziges, wissendes Grinsen stahl sich auf Johns Lippen, als er Rodneys völlig überforderten Gesichtsausdruck sah.

„Nun“, sagte John, und seine Stimme war wieder fest. „Die Stunde läuft, McKay. Holen wir uns einen Drink.“

Rodney blinzelte, schluckte den Kloß im Hals hinunter und nickte mechanisch. „Ja. Ein... ein Drink. Alkohol. Dringend nötig für den Elektrolythaushalt.“

Sie gingen nebeneinander auf die Gruppe ihrer Freunde zu. Keiner von ihnen sprach aus, was gerade passiert war, doch als sich ihre Schultern im Gehen ganz leicht berührten, wussten beide, dass sich das Gefüge zwischen ihnen auf Atlantis in diesem Sekundenbruchteil für immer verschoben hatte.

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