Hallo zusammen! Vor ein paar Wochen hat mich die Stargate-Nostalgie gepackt und ich habe wieder mit einem Stargate Atlantis-Rerun begonnen. Als ich bei der Episode „38 Minuten“ angekommen bin, kam mir plötzlich dieser kleine Oneshot wieder in den Sinn. Ich habe ihn tatsächlich vor über 20 Jahren (!) geschrieben. Ich konnte es mir nicht nehmen lassen, den Text nach all der Zeit noch einmal hervorzuholen und ein wenig zu entstauben. Die Grundgeschichte und die Gefühle von damals sind absolut dieselben geblieben, aber ich habe ihm stilistisch ein kleines Upgrade verpasst. Viel Spaß beim Lesen!
John Sheppard sah sich auf der Krankenstation um. Die Türen hatten sich gerade hinter den anderen geschlossen. Sie alle hatten sich hastig verabschiedet und waren gegangen – offensichtlich bemüht, seinen Wunsch nach etwas Essbarem kollektiv zu ignorieren. Hatten sie ihn wirklich nicht gehört? Oder wollte ihm einfach niemand etwas bringen? McKay hätte bei dem Gedanken an ein verpasstes Sandwich vermutlich rebelliert, aber John blieb mit leerem Magen zurück.
Und mit der Stille.
Die Ruhe kehrte viel zu schnell ein, und er stellte fest, dass er sie absolut verabscheute. Am liebsten hätte er seine neuen Freunde zurückgerufen. Er wollte ihnen zurufen, sie sollten verdammt noch mal hierbleiben und ihn von seinen eigenen Gedanken ablenken. Doch es war bereits zu spät. Das sanfte Summen der Antiker-Konsolen war das einzige Geräusch, das blieb.
Die drückende Stille zwang ihn gleichsam dazu, sich mit dem auseinanderzusetzen, was er gerade erst durchlebt hatte. Und eigentlich wollte er nicht daran denken, dass er vor wenigen Minuten klinisch tot gewesen war.
John war nie ein besonders gläubiger Mann gewesen. Den Tod hatte er nie als Erlösung aus diesem irdischen Dasein betrachtet, und an Reinkarnation glaubte er erst recht nicht. Er war immer fest davon überzeugt gewesen, dass das Erlöschen seiner Lebenslichter das unwiderrufliche Ende bedeuten würde. Das endgültige Aus für Körper und Geist. Vorhang zu, Licht aus.
Scheinbar furchtlos hatte er Aiden Ford in die Augen gesehen und dem Lieutenant befohlen, den verdammten Stromstoß durch seinen Körper zu jagen. „Tun Sie es, Ford!“ Verdammt, hatten sie denn alle nicht gesehen, dass er ihnen nur etwas vormachte? Dass die coole Flyboy-Fassade nur ein verdammter Schutzschild war? Er war keineswegs so furchtlos gewesen, wie er tat. Aber das Team hatte nichts anderes im Kopf gehabt, als dieses widerwärtige Wraith-Insekt von seinem Hals zu lösen, ehe es ihm auch den letzten Rest Lebenskraft aussaugte. Und John hatte in diesem Moment ebenfalls nur eins gewollt: das Ding loswerden. Egal um welchen Preis.
Ford war seinem Befehl gefolgt. Er hatte die Paddles geladen und Johns Herz gezielt zum Stillstand gebracht. Sheppard erinnerte sich noch genau an das immense, alles verzehrende Brennen, das von den Defibrillator-Paddles ausging und explosionsartig durch seine Brust schoss, ehe die Dunkelheit ihn verschlang.
Doch diese Dunkelheit verschwand nach einer Weile wieder – nach einer Zeitspanne, die ihm quälend lang vorgekommen war. Vermutlich hatte sein Geist jegliches Gefühl für Zeit verloren, als sein Herz aufhörte zu schlagen und das Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt wurde. Herrje, ich hätte einen irreparablen Hirnschaden davontragen können, dachte er mit einem nachträglichen Schauder. McKay hätte seine helle Freude daran gehabt, Witze darüber zu machen.
Plötzlich hatte sich John in der Puddle-Jumper-Fähre wiedergefunden. Und er erschrak zu Tode – was eine ziemliche Ironie war, da er ja bereits tot war –, als er auf sich selbst herabblickte.
Er sah Teyla und Rodney. Beide hatten sich nicht von der Stelle bewegt, seit Ford ihn ins Jenseits befördert hatte. Nur Ford bewegte sich unablässig, sprach über Funk mit Dr. Weir und erstattete Bericht. Zumindest glaubte Sheppard das. Er hörte dem Lieutenant nicht richtig zu; er war viel zu sehr auf seinen eigenen, leblosen Körper fixiert, der flach auf dem Boden des Jumpers lag. Die Augen glasig, die Haut aschfahl.
Es stimmte also. Die Seele löste sich vom Körper, sobald dieser aufhörte zu funktionieren. Er hatte diese esoterischen Geschichten niemals glauben wollen. Doch diese fundamentale Erfahrung belehrte ihn gerade eines Besseren. Er befand sich im Jenseits. Oder zumindest im Wartezimmer davon.
Mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination beobachtete er, wie Teyla das Wraith-Insekt endlich von seinem Hals löste und Ford mehrfach darauf schoss, bis das Ding nur noch eine leblose Masse war.
Dann griff der Lieutenant erneut nach den Paddles. Er lud das Reanimationsgerät und schickte einen gewaltigen Stromstoß durch Johns Brust. Diesmal spürte John jedoch nichts. Kein Brennen, kein Schmerz. Er sah lediglich zu, wie sich sein Körper durch den Schock unnatürlich hob und wieder auf den Boden sank. Es sah haargenau so aus wie in diesen schlechten Krankenhausserien im Fernsehen. An diesen absurden Gedanken erinnerte er sich jetzt noch sehr gut, während er im weichen Bett der Krankenstation lag und reflektierte.
„Du musst es noch mal versuchen!“, schrie er Ford an. Doch seine Stimme besaß kein Medium mehr. Ford konnte ihn natürlich nicht hören.
John starrte ungläubig zu Teyla und McKay. Sie verfolgten jede Bewegung des Lieutenants völlig gebannt, während ihnen allen die Zeit unbarmherzig davonlief. Die 38 Minuten des Stargate-Zeitfensters waren fast um.
Als Teyla und Ford ihn – nein, seinen Körper – anhoben, um ihn durch den Ereignishorizont des Wurmlochs zu stoßen, wurde es seltsam. Dr. Weir hatte den Plan gehabt, ihn im Datenspeicher des Gates zu parken wie eine Tiefkühlpizza im Kühlfach, um den Zersetzungsprozess zu stoppen. Doch in dem Moment, als sein Körper die Dematerialisierungsgrenze überschritt, wurde Johns Geist mit einem brutalen Ruck aus dem Nachleben gerissen.
Und dann… war da plötzlich absolut gar nichts mehr. Eine vollkommene, schreckliche Leere. Kein Laut. Kein Licht. Nur fundamentale Einsamkeit und eine Kälte, die ihm das Mark in den nicht vorhandenen Knochen gefrieren ließ.
Seit wann fühlt sich die Reise durch ein Wurmloch so an?, fragte er sich im Nachhinein. Normalerweise war es ein Sekundenbruchteil des Fliegens. Das hier war das absolute Nichts gewesen. Eine Ewigkeit in der Schwerelosigkeit des Vergessens.
Wieder verging eine gefühlte Ewigkeit, bis sich die Schwärze auflöste. Plötzlich war er wieder auf Atlantis. Der Gateraum war erfüllt von Hektik und den roten Uniformen des medizinischen Personals, das sich um die Rückkehrer kümmerte. Ja, selbst um ihn, obgleich er doch eigentlich längst tot war. Er schwebte über der Szenerie, hatte sich fast schon mit diesem Zustand des körperlosen Beobachters abgefunden – als er jäh in seine sterbliche Hülle zurückgezogen wurde. Es geschah mit einer Gewalt und durch eine Macht, die er nicht imstande war zu begreifen.
Die Realität schlug mit voller Härte zu. Sein Hals schmerzte bestialisch, als hätte man ihm zwei stumpfe Messer direkt nebeneinander in das Fleisch gerammt – die Einstichstellen des Käfers. Ein penetranter, metallischer Geschmack nach Blut und Adrenalin lag auf seiner Zunge, und eine heftige Welle von Übelkeit überrollte ihn.
Und nun, keine Stunde später, lag er hier auf der Krankenstation. Allein.
Wieder war da diese Leere, die Stille, das Nichts. Doch jetzt, wo er wieder atmete, war es anders. Irgendwie wärmer. Nicht ganz so befremdlich, wenn auch immer noch verdammt unangenehm. Das hämmernde pochende Herz in seiner Brust erinnerte ihn daran, dass er lebte.
John spürte das dringende Bedürfnis, irgendwem von diesem Erlebnis zu erzählen. Rodney? Der würde ihn wahrscheinlich für verrückt erklären oder eine pseudowissenschaftliche Erklärung über Halluzinationen durch Sauerstoffmangel herbeifaseln. Teyla würde ihn vielleicht verstehen, aber wollte er sich wirklich so verletzlich zeigen? Wer würde schon ein so verrücktes Erlebnis glauben, wenn er es nicht selbst erlebt hatte? Niemand.
Und so beschloss er, es für sich zu behalten. Er würde es hüten wie einen Schatz, tief vergraben unter Schichten von Sarkasmus und Coolness. Denn eine Sache hatte sich grundlegend geändert: Er hatte keine Angst mehr vor dem Sterben. Er wusste nun, dass es danach irgendwie weiterging. Dass der Tod keineswegs das endgültige Ende war, sondern eine Art Anfang.
Für was genau, das wusste er zwar nicht, und er war ehrlich gesagt auch nicht begierig darauf, es im Moment herauszufinden. Dieses Leben, diese Galaxie und Atlantis boten noch mehr als genug spannende Überraschungen.
John schloss die Augen und erlaubte sich ein mattes Lächeln. Er freute sich jetzt schon auf die nächste Mission.
ENDE